Niederländische Sprache

[662] Niederländische Sprache, die in den heutigen Niederlanden und Belgien (dort aber neben dem Französischen) geltende Schriftsprache, ist in der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. hervorgegangen aus den niederfränkischen Dialekten (s. Deutsche Sprache, S. 745). Man versteht darunter aber auch wohl die Gesamtheit der in den Niederlanden und den germanischen Teilen von Belgien gesprochenen niederfränkischen, sächsischen und friso-fränkischen oder friso-sächsischen Mundarten. Das erste niederfränkische Sprach denkmal ist ein Bruchstück einer Psalmenübersetzung aus dem 10. Jahrh. (die Altniederländischen, Karolingischen oder Wachtendonkschen Psalmen). Am Ende des 12. Jahrh. schrieb Heinrich von Veldeke in der südlimburgischen Mundart (s. Niederländische Literatur, S. 653). Erst im 13. Jahrh. entwickelt sich eine reiche Literatur, das sogen. Mittelniederländische oder Dietsche. Charakteristisch für die Sprache ist die Dehnung aller ursprünglich kurzen Stammvokale in offenen Silben, die schon mittelniederländisch vollzogen ist, während im gleichzeitigen Oberdeutschen die Kürze noch erhalten ist. In bezug auf die Aussprache ist als das Wesentlichste zu bemerken: aa (mittelniederländisch ae) lautet stets wie a, oe wie u, ou, ouw und aauw wie au, eu (mittelniederländisch auch ue) wie ö, ij wie ei (mittelniederländisch noch wie î), u und uu wie ü, ui (am Ende des Mittelalters aus ü hervorgegangen) wie deutsches en, ieuw wie in mit dem Ton auf dem i, eeuw wieen mit dem Ton auf dem e. Außerdem wird der Konsonant s immer scharf, z dagegen weich (wie norddeutsches f im Anlaut), sch wie s mit scharfer gutturaler Spirans (ch) und v immer weich, aber merklich verschieden von w ausgesprochen. Im Mittelniederländischen sind die dialektischen Unterschiede in der Schriftsprache noch deutlich zu bemerken: daher ein limburgisches, brabantisches, flandrisches und holländisches Dietsch. Seit dem Ausgang des 16. Jahrh. gewinnt die Sprache von Südholland das Übergewicht und wird die Grundlage der heutigen Schriftsprache. Dies Ergebnis ist zum Teil der Amsterdamer Kammer der Rederijkers (s. Niederländische Literatur, S. 655) zu verdanken und besonders den Bemühungen von Dirk Coornhert und Hendrik Spieghel. Von diesen Männern veranlaßt, erschien 1584 u. d. T. »Tweespraeck van de Nederduytsche Letterkunst« die erste Grammatik des Holländischen, die in der Folge großen Einfluß übte. Von wichtigen Schriften vor dieser Grammatik sind zu erwähnen: Plaut ins »Thesaurus theutonicae linguae Schat der nederduytschen sprake« (Antwerp. 1573) und Kiliaens »Etymologicum teutonicae linguae« (1583, beste Ausgabe 1777). In späterer Zeit wirkten van Heule (»Nederduytsche Grammatica«, 1626), Arnold Moonen (»Nederduitsche Spraekkunst«, 1706), W. Séwel (1708), dann in bestimmender, doch nicht durchwegs günstiger Weise Lambertten Kate (s. d., 1674–1731) durch seine »Aenleiding tot de keunisse van het verhevene deel der nederduitsche sprake« (Amsterd. 1723, 2 Bde.) und Balthasar Huydecoper (s. d.) durch sein »Proeve van taal-en dichtkunde« (1730; beste Ausg. von Lelyveld und Hinlopen, 1786) und die neue Ausgabe von Melis Stokes »Rijmkronijk« (1772), sowie nach ihnen Clignett, Steenwinkel, Frans van Lelyveld, N. Hinlopen und A. Kluit. Den Sprachunterricht förderte besonders van der Palm als Unterrichtsminister (1799 bis 1806), indem er unter anderm wesentlich zur Feststellung einer allgemein gültigen Rechtschreibung nach dem von Siegenbeek entworfenen SystemVerhandeling over de nederduitsche spelling«, Amsterd. 1804 u. ö.; »Woordenboek voor de nederduitsche spelling«, das. 1805) beitrug. An ihn schloß sich Pieter Weil and, der außer einer ebenfalls offiziellen GrammatikNederduitsche spraakkunst«, Amsterdam 1805) ein Wörterbuch: »Nederduitsch taalkundig woordenboek« (das. 1799–1812, 12 Bde.), herausgab, das jedoch nur einen Teil des niederländischen Sprachschatzes umfaßt. Der Widerspruch, der sich gegen diese puristischen Bestrebungen erhob, na menti ich von seiten Bilderdijks, war vielfach gerechtfertigt. Später wurden den Sprachgelehrten Matthias de Vries (s. d.) und L. A. te Winkel (s. d.) von den Mitgliedern der »Taal –en letterkundige congressen«, die seit 1849 jedes zweite oder dritte Jahr in einer der ersten Städte Belgiens oder der Niederlande abgehalten werden, eine neue Regelung der Orthographie und die Bearbeitung eines großen Wörterbuches der niederländischen Sprache aufgetragen. Sie veröffentlichten: »De grondbeginselen der nederlandsche spelling« (Leiden 1865), »Leerboek der nederlandsche spelling« (das. 1866) und »Woordenlijst voor de spelling der nederlandsche taal« (das. 1866). Die erste Lieferung des Wörterbuches erschien 1866. Spätere Mitarbeiter waren und sind teilweise noch E. Verwijs, P. J. Cosijn, A. Kluyver, J. W. Muller, A. Beets, J. J. Boekenoogen und W. L. de Vreese. Ein »Middelnederlandsch woordenboek« wird seit 1882 bearbeitet von J. Verdam, ein »Etymologisch woordenboek« begann J. Vercoullie 1890 und vollendeten Verwijs und J. Franck 1892. Der Sprachschatz des 17. Jahrh. ist (aber nicht vollständig) gesammelt worden von A. C. Oudemans (Wörterbücher zu Bredero, Leiden 1857, zu Hooft, das. 1868, und »Bijdrage tot een middel-en oudnederlandsch woordenboek«, Arnheim 1869–80, 7 Bde.). Von Bedeutung ist die 1892 entstandene Bewegung zur Vereinfachung der bisherigen etymologischen Orthographie, an deren Spitze Kollewijn (s. d.) steht, und die außer von ihrem Organ »Vereen voudiging« auch von der hervorragenden sprachwissenschaftlichen Zeitschrift[662] »Taalen Letteren« (gegründet 1891) vertreten wird. Von holländischen Wörterbüchern sind zu nennen: M. J. Koenens »Verklarend Handwoordenboek« (2. Aufl., Groning. 1901) und das große »Geïllustreerd woordenboek der Nederlandsche taal« von R. K. Kuypers (Amsterd. 1901). Deutsch-holländische Wörterbücher hat man von Kramer (5. Aufl., Gouda 1894), Mieg (5. Aufl., Bielef. 1899), Sicherer und Alkveld (Amsterd. 1886, 2 Bde.) und von Robolsky und van Huygen (Berl. 1896).

Die mittelniederländische Laut- und Formenlehre ist vorzüglich behandelt von J. Franck (»Mittelniederländische Grammatik«, Leipz. 1883) und W. L. van Helten (»Middelnederlandsche spraakkunst«, Groning. 1886). Eine »Beknopte middelnederlandsche spraakkunst (Syntaxis)« schrieb F. A. Stoett (Haag 1889). Die Grammatik des 16. und 17. Jahrh. ist bearbeitet von W. L. van Helten (»Vondels taal«, Rotterd. 1881, 2 Bde.) und teilweise von A. E. Lubach, G. A. Nauta, J. B. Kolthof u.a. Neuniederländische Grammatiken schrieben unter andern: W. G. BrillNederlandsche spraakleer«, 4. Aufl. 1871; »Syntaxis«, 3. Aufl. 1871; »Stijlleer«, 2. Aufl. 1866), H. KernHandleiding«, 7. Aufl., Amsterd. 1884), W. L. van Helten (»Kleine nederlandsche spraakkunst«, 6. Aufl., Groning. 1893), C. H. den Hertog (»Nederlandsche spraakleer«, Syntax, Amsterd. 1892), P. J. Cosijn und J. te WinkelNederlandsche spraakkunst«, Etymologie, 8. Aufl., Haarl. 1893; Syntax, 6. Aufl., das. 1888), Vercoullie (»Nederlandsche spraakkunst«, 1894, und »Schets eener historische grammatica der Nederlandsche taal«, 2. Aufl., Gent 1900), Hoogvliet (»Dutch Grammar«), KummerNederlandsche spraakleer«, 1901), Terwey-Mieras (1903) u.a. Zur Lautlehre: J. te Winkel »Grammatische figuren in het nederlandsch« (2. Aufl., Keulenb. 1884). Von holländischen Grammatiken für Deutsche nennen wir die von Gambs (4. Aufl., Frankf. 1880), Ahn (»Handbuch der holländischen Sprache«, Leipz. 1883; »Holländische Sprachlehre«, 21. Aufl., das. 1896), Reinhardstöttner (2. Aufl., Heidelb. 1871), Traut und van der Jagt (Leipz. 1888), Haek (zum Selbstunterricht, 3. Aufl., Wien 1903). Eine Geschichte der niederländischen Sprache schrieb zuerst A. Ypey (»Beknopte geschiedenis der nederlandsche taal«, Utrecht 1812; 2. Bd., Groning. 1832); später J. Verdam (»De geschiedenis der nederlandsche taal in hoofdtrekken«, Leeuw. 1890; neue Ausg., Dordrecht 1902) und J. te Winkel in Pauls »Grundriß der germanischen Philologie« (Sonderdruck, 2. Aufl., Straßb. 1898). Das Hauptwerk für die niederländischen Mundarten ist Johan Winklers »Algemeen nederduitschen friesch dialecticon« (Haag 1872, 2. Bde.). Molema verfaßte ein »Woordenboek der Groningsche volkstaal« (Winsum 1887), J. H. Gallée ein »Woordenboek van het Geldersch-Overijselsch Dialekt« (Leiden 1895) und J. J. Boekenoogen »De Zaansche Volkstaal« (das. 1896). Taco H. de Beer redigierte von 1882–90 eine Zeitschrift: »Onze volkstaal« (3 Bde.), und gegenwärtig wird im Auftrag des »Aardrijks kundig genootschap« eine Sprachkarte der niederländischen Mundarten bearbeitet von J. te Winkel. Vgl. auch H. Jellinghaus, Die niederländischen Volksmundarten (Leipz. 1892). Über das Niederländische in Südafrika vgl. D. C. Hesseling, Het Afrikaansch (Leiden 1899); Heinrich Meyer, Die Sprache der Buren. Einleitung, Sprachlehre und Sprachproben (Götting. 1901); Marais-Hoogenhout, Praktisches Lehrbuch der kapholländischen Sprache (zum Selbstunterricht, Wien 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 14. Leipzig 1908, S. 662-663.
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