Deutsche Sprache

[739] Deutsche Sprache. Die Bezeichnung d. S. ist in verschiedenen Bedeutungen gebraucht worden. Manche, wie Jakob Grimm in seiner »Deutschen Grammatik«, bezeichnen damit die ganze Familie, die wir besser germanische Sprachen nennen. Andre sprechen wieder von deutschen Sprachen im Gegensatze zu den skandinavischen und meinen damit den auch Westgermanisch genannten Zweig der Germanischen Sprachen (s.d.), begreifen also darunter außer Hoch- und Niederdeutsch auch das Holländische, Friesische und Angelsächsische (Englische). Am gewöhnlichsten bezeichnet man als d. S. die im eigentlichen Deutschland oder vielmehr in dem Gebiet, in dem man sich des Hochdeutschen als Literatursprache bedient, herrschenden Sprachen und Mundarten (natürlich die Schriftsprache inbegriffen). Es ist sonach die d. S. nur ein Teil des Westgermanischen. Das Westgermanische in seiner ältesten uns erreichbaren Gestalt zerfällt in die Mundarten der Friesen, Angelsachsen, Sachsen, Franken und der oberdeutschen Stämme (Bayern und Alemannen). Durch die Auswanderung der Angelsachsen nach Britannien (5. Jahrh.) trat ihre Sprache aus der engen Verbindung mit den übrigen Sachsen heraus und entwickelte sich selbständig weiter. Sehr nahe verwandt und in der Zeit nach der Völkerwanderung wohl nur durch geringe dialektische Abweichungen verschieden waren die Mundarten der Oberdeutschen, Franken und Sachsen. Da trat in Süd- und Mitteldeutschland eine Lautbewegung ein, die sogen. zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung, wodurch (seit dem 7. Jahrh.) Hochdeutsch und Niederdeutsch geschieden wurden; der Zustand der deutschen Sprache, der durch diese Lautwandlung herbeigeführt wurde, wird Althochdeutsch[739] genannt (über die vorangegangene erste Lautverschiebung s. Germanische Sprachen). Am meisten betroffen waren die germanischen Tenues (t. p, k), die hinter Vokalen zu Spiranten wurden: t zu z (dasjenige z, dem heute ß oder ss entspricht), p zu f und k zu ch. Es ward also z. B. got. wato (angelsächs. vater, engl. water) zu althochd. wazzar, neuhochd. wasser; got. slêpan (niedersächs. slapen, engl. sleep) zu althochd. slâfan, neuhochd. schlafen; altsächs. makôn (engl. make) zu althochd. machôn, neuhochd. machen. Standen dagegen die germanischen Tenues im Anlaut (d. h. im Anfang der Wörter) oder hinter Konsonanten, oder waren sie verdoppelt, so wurde t zu z ( = ts), p zu pf (ph), k zu kch, ch, doch dieses letztere nur im südlichen Teil des Alemannischen, während sonst das ursprüngliche k bestehen blieb. So wurde got. tiuhan zu althochd. ziohan, neuhochd. ziehen; got. swarts (altsächs. swart) zu althochd. swarz, neuhochd. schwarz; altsächs. plegan zu althochd. pflegan, neuhochd. pflegen; altsächs. skeppian zu althochd. scephan, neuhochd. schöpfen; got. kaurn (sächs. korn) zu südalemann. (hochalemann.) chorn, aber gemeinhochd. korn; got. wakjan zu alemann. wekchan (wecchan), gemeinhochd. wecken. Außer diesen Wandlungen der germanischen Tenues im Althochdeutschen wurde besonders noch die germanische Media d verändert, die in t überging; so wurde z. B. got. dags zu althochd. tag (Tag); altsächs. dragan zu althochd. tragan, neuhochd. tragen; got. fadar zu hochd. vater. Die germanischen Mediä b und g dagegen blieben als solche bestehen. Eine weitere Erscheinung, daß nämlich das germanische th in d übergeht, ist nicht dem Hochdeutschen allein eigen, sondern erstreckt sich später auch auf das Sächsische und Fränkische. Nur das Angelsächsische (Englische) und einige friesische Dialekte haben das alte th noch ungeschwächt erhalten. Es heißt also got. thu, altsächsisch und engl. thou, im ältesten Althochdeutschen thu, aber bald du, ebenso im Mittel- und Neuniederdeutschen; got. threis, altsächsisch und frühalthochdeutsch thrî, engl. three, im spätern Althochdeutsch und Niederdeutsch drî, neuhochd. drei. Durch diese Lautverschiebung wurde dann das Hochdeutsche den übrigen Mundarten des westgermanischen Zweiges äußerlich so unähnlich, daß man die letztern, namentlich das Sächsische und Niederfränkische, im Gegensatze zum Hochdeutschen unter dem Namen niederdeutsche Sprachen zusammenfaßt.

Der große fränkische Stamm zog sich von der Pfalz und den Mainländern den Rhein entlang bis in die Niederlande; daher betraf die hochdeutsche Lautverschiebung nur seine südliche Hälfte, die nördliche blieb davon gänzlich unberührt. Die südliche Hälfte, das jetzt allein so genannte Franken nebst der Pfalz und dem Rheingau, rechnet man danach ohne weiteres zum Hochdeutschen. Nördlich an diese oberfränkische Mundart schließt sich (von Trier, Koblenz bis gegen Aachen und Düsseldorf) eine Mundart an, die (niederrheinische oder) mittelfränkische, die ebenfalls hochdeutsch ist, aber doch in einem Punkte den ursprünglichen niederdeutschen Lautstand bewahrt hat: in »dat«, »wat« (»das«, »was«) und einigen andern Wörtchen ist das t nicht zu z verschoben. Diejenigen Franken aber, die nördlich von Düsseldorf und westlich von Aachen saßen, blieben von der Einwirkung der hochdeutschen Lautverschiebung verschont; ihre Sprache nennt man Niederfränkisch. Das Altniederfränkische kennen wir nur aus dem Fragment einer Psalmenübersetzung des 9. Jahrh.; im 13. Jahrh. entwickelte sich daraus das Mittelniederländische, das eine reiche Literatur aufweist, und heute ist die holländische (und flämische) Schriftsprache daraus entstanden. Östlich an das Nieder- und Mittelfränkische grenzt nun das Sächsische. In seiner ältesten Form (Altsächsisch) kennen wir es hauptsächlich aus dem im 9. Jahrh. entstandenen »Heliand«. Vom 13. Jahrh. an wird dann die sächsische Sprache häufig in Schriftwerken gebraucht; man nennt sie in dieser Form gewöhnlich Mittelniederdeutsch. Eine so reiche poetische Literatur allerdings wie das Hochdeutsche derselben Zeit hat das Mittelniederdeutsche nicht entwickelt; das bedeutendste hierher gehörige Gedicht ist der »Reineke Vos« (ca. 1490), der aber auch nur Übersetzung aus dem Niederländischen ist. Noch im 16. Jahrh. wurden in niederdeutscher Sprache Bücher gedruckt, im 17. verdrängte dann die neuhochdeutsche Schriftsprache dieselbe endgültig aus der Literatur. Die letzte niederdeutsche Bibel erschien 1621.

Die Geschichte der hochdeutschen Sprache beginnt mit dem Althochdeutschen. Man rechnet diese Periode von der Zeit der ältesten Denkmäler (8. Jahrh.) bis ungefähr in den Anfang des 12. Jahrh. Charakteristisch für das Althochdeutsche, im Vergleich zur folgenden mittelhochdeutschen Periode, sind die noch unversehrten vollen Vokale in den Flexionsendungen. So lautet z. B. das Präsens des Verbs geban (geben) althochd. gibu, gibis, gibit, Plur. gebamês, gebet, gebaut, dagegen mittelhochd. gibe, gibest, gibet, geben, gebet, gebent; das Substantiv hano (Hahn) flektiert: Gen. hanin, Dat. hanin, Akk. hanun, Plur. hanun, hanôno, hanôm, hanun, mittelhochd. hane, hanen, hanen, hanen, Plur. hanen, hanen, hanen, hanen. Man unterscheidet im Althochdeutschen drei Mundarten: die bayrische, alemannische und (ober-) fränkische. In der Karolingerzeit ist das Oberfränkische durch die umfänglichsten Denkmäler vertreten, unter denen Otfrieds von Weißenburg poetisches Evangelienbuch sprachlich von besonderer Bedeutung ist. Die althochdeutsche Prosa, unter der die alemannischen Schriften Notker Labeos von St. Gallen aus spätalthochdeutscher Zeit (ums Jahr 1000) sprachlich die wichtigsten sind, besteht wesentlich aus Übersetzungen, deren Ausdruck meist durch die lateinischen Vorlagen stark beeinflußt ist.

Der Übergang der althochdeutschen Sprache in die mittelhochdeutsche vollzieht sich durch die Abschwächung der auf die Stammsilbe folgenden Vokale in ein unterschiedloses e. Die Vokale der Stammsilbe bleiben hierbei im wesentlichen dieselben wie im Althochdeutschen, und dasselbe gilt von den Konsonanten. Die mittelhochdeutsche Periode der hochdeutschen Sprache rechnen wir bis zu der Zeit, wo, von dem Kanzleischreibgebrauch ausgehend, sich eine allgemeine deutsche Schriftsprache zu bilden begann. Wir können dafür ungefähr die zweite Hälfte des 15. Jahrh. ansetzen. Auch in der mittelhochdeutschen Zeit müssen wir mehrere Mundarten unterscheiden, nämlich (ganz wie in der frühern Periode) die oberdeutschen (Alemannisch mit Inbegriff des Schwäbischen und Bayrisch) und die mitteldeutschen. Das Gebiet der letztern ist weit umfangreicher als in der althochdeutschen Zeit, weil jetzt große Stücke zuvor slawischen Landes für die d. S. gewonnen sind. Die mitteldeutschen Mundarten jener Zeit zerfallen nun in die westmitteldeutschen oder fränkischen und die ostmitteldeutschen (Thüringisch, Obersächsisch, Schlesisch und die Sprache des Deutschordenslandes). Die in den mitteldeutschen Dialekten vom 12.–15. Jahrh. geschriebenen Literaturwerke sind sehr zahlreich. Bei weitem zahlreicher aber[740] und zugleich dem Inhalt nach wichtiger sind die in den oberdeutschen Mundarten verfaßten Dichtungen. Die hervorragendsten Meisterwerke der höfischen Poesie, die Dichtungen eines Hartmann v. Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, und die in den »Nibelungen« so herrlich erblühte epische Volkspoesie gehören alle verschiedenen Dialektgebieten Oberdeutschlands an. Und doch bedienen sich alle im wesentlichen der gleichen Sprache, denn es hat sich im Gebrauch der Dichter eine Kunstsprache entwickelt, wenn sie auch vieles von den mundartlichen Besonderheiten abgestreift hat; doch überlebte sie die Blütezeit der mittelhochdeutschen Dichtung nicht. Auf ganz anderm Weg ist die neuhochdeutsche Schriftsprache entstanden, die allmählich auch ein viel festeres Gepräge erhalten hat und im engern Sinn den Namen des Neuhochdeutschen führt.

Die wesentlichsten Unterschiede des neuhochdeutschen Lautsystems vom mittelhochdeutschen sind folgende. Die betonten kurzen Vokale des Mittelhochdeutschen sind im Silbenauslaut lang geworden, z. B. mittelhochd. ge-ben, să-gen, frĭ-de, we-sen, se-hen, o-ven, tŭ-gent neuhochd. geben, sāgen, Friede, Wesen, sehen, Ofen, Tugend; die mittelhochdeutschen betonten langen i, u, u (geschrieben in) sind neuhochd. zu ei, an, en geworden, z. B. zu, hûs, hiute zu Zeit, Haus, heute, die mittelhochdeutschen Diphthonge no, ne sind in die einfachen Längen u, u übergegangen, z. B. buoch, guete zu Buch, Gute; der mittelhochdeutsche Diphthong ie wird im Neuhochdeutschen zwar noch in der Schrift festgehalten, aber als einfaches langes i gesprochen, z. B. lieb, ich schied. Diese Eigentümlichkeiten haben teilweise in mitteldeutschen, teilweise in oberdeutschen Mundarten ihren Ursprung, und so zeigt auch das neuhochdeutsche Konsonantensystem in einigen Beziehungen mitteldeutschen, in andern oberdeutschen Charakter. Tatsächlich beruht die neuhochdeutsche Schriftsprache auf einem Ausgleich zwischen diesen beiden Dialektgruppen, genauer zwischen ostmitteldeutschem und bayrisch-österreichischem Sprachgebrauch. Hierbei überwiegen, insbes. hinsichtlich der Flexion, der Wortbildung und des Wortgebrauchs, die mitteldeutschen Bestandteile stark.

Ein solcher Ausgleich hat sich, nachdem die mittelhochdeutsche Dichtersprache schon im 14. Jahrh. wieder den Dialekten gewichen war, zunächst und vor allem im Schreibgebrauch der Kanzleien ausgebildet. Schon in der Sprache der Prager Kanzlei Kaiser Karls IV. zeigte sich, der Mittelstellung der deutsch-böhmischen Mundart entsprechend, eine vermittelnde Schreibweise. In ununterbrochener Entwickelung aber läßt sich die Sprache der kaiserlichen Kanzlei erst seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. verfolgen, und namentlich unter Maximilian I. gewann sie einen festern Charakter. Nächst ihr hatte die Sprache der kursächsischen Kanzlei das weiteste Einflußgebiet, und es fehlte nicht an wechselseitiger Beeinflussung der beiden, obwohl eine völlige Übereinstimmung keineswegs erzielt wurde. Der Sprache der kursächsischen Kanzlei folgte nach eignem Zeugnis Luther. Die beispiellose Verbreitung seiner deutschen Schriften, vor allem seiner Bibelübersetzung, trug nicht allein am meisten dazu bei, die kursächsische Schreibweise weit über den Bereich der Kanzleien hinaus zu verbreiten. Luther hat die deutsche Schriftsprache auch namentlich im Wortgebrauch und im Stil ganz unabhängig vom Kanzleideutsch beeinflußt wie kein andrer Schriftsteller. Die Sprache seiner Bibel, seines Katechismus, seiner Kirchenlieder wurde auch die Sprache des lutherischen Gottesdienstes. Sie verdrängte im Lauf eines Jahrhunderts vor allem das Niedersächsische aus Kirche und Schule und beseitigte endgültig die Gefahr einer Spaltung der deutschen Schrift- und Gebildetensprache in Hoch- und Niederdeutsch. Am längsten wehrte sich der katholische Süden gegen das »Lutherische Deutsch«; man verfocht dort noch lange die Mustergültigkeit der Wiener Kanzleisprache, und die Schweiz hielt zunächst am schriftlichen Gebrauch der Mundart fest, deren sich auch Zwingli bedient hatte. Aber auf die Dauer konnte man sich dem Übergewichte des Nordens nicht entziehen. In der Literatur wie in der Sprachregelung der Grammatiker machte es sich mehr und mehr geltend. Auch nachdem Luthers Deutsch in mancher Beziehung veraltet war, wurde der kursächsische oder »meißnische« Sprachgebrauch vielfach für maßgebend erklärt und gehalten; vor allem von Gottsched, der auch in Süddeutschland in weitesten Kreisen als sprachliche Autorität galt und wirkte. Seine und Adelungs Regeln haben auch den grammatisch-orthographischen Gebrauch unsrer Klassiker beeinflußt, die anderseits im Gegensatze zu Gottscheds engen stilistischen Grundsätzen die Ausdrucksfähigkeit der deutschen Sprache unermeßlich bereicherten und sie weit über den beschränkten Horizont Gottschedscher Sprachkunst hinausführten. Mit der zwingenden Gewalt des großen Vorbildes hat unsre klassische Literatur den letzten Widerstand gegen die in gerader Linie von Luther aufsteigende neuhochdeutsche Schriftsprache besiegt. In der Rechtschreibung blieben freilich noch mancherlei Verschiedenheiten zurück. Sie sind erst 1903 durch die Annahme einer gemeinsamen verbesserten Orthographie für alle deutschen Behörden und Schulen beseitigt worden. Auch der mündliche Gebrauch der neuhochdeutschen Schriftsprache hat durch Schule und öffentliches Leben immer weitere Ausdehnung gewonnen und den Gebrauch der eigentlichen Mundart aus den gebildeten Ständen in den meisten Gegenden verdrängt. Doch tragen Aussprache und Wortgebrauch auch der gebildeten Umgangssprache je nach der Landesmundart eine mehr oder weniger charakteristische Färbung; eine völlig einheitliche Regulierung der Aussprache kann nur für den öffentlichen Vortrag und für grammatische Zwecke angestrebt werden (s. den Art. »Bühnenaussprache«). Die echten mundartlichen Formen, die aus den alten Dialekten in ununterbrochener Überlieferung weitergebildet sind und vielfach noch altes Sprachgut im Gegensatze zur Schriftsprache festgehalten haben, sind hauptsächlich noch bei der ländlichen Bevölkerung zu finden. Wie einst die Schriftsprache aus den Mundarten entstanden ist, so kann sie aus ihnen und aus der Umgangssprache überhaupt auch immer wieder frisches Leben schöpfen. Für die wissenschaftliche Erforschung unsrer Sprache und ihrer Entwickelung bildet das Studium der den natürlichen Gesetzen sprachlicher Veränderung, nicht künstlicher Regelung folgenden, an alten Worten und Formen wie an eigenartigen Neubildungen und an sinnlicher Frische des Ausdrucks reichen Mundarten ein unentbehrliches Hilfsmittel.

Über die Deutsche Philologie s. den besondern Artikel, S. 725f.

Die deutschen Mundarten.

(Hierzu die »Karte der deutschen Mundarten«.)

Die sämtlichen eigentlich deutschen Volksmundarten lassen sich in zwei Hauptgruppen teilen: niederdeutsche (plattdeutsche) und hochdeutsche; die hochdeutschen aber zerfallen wiederum in die oberdeutschen und mitteldeutschen Mundarten. Jeder[741] dieser drei Hauptdialekte begreift nun unzählige mehr oder weniger charakteristisch verschiedene Provinzial- und Lokaldialekte in sich. Die heutige Grenze zwischen Oberdeutsch und Mitteldeutsch verläuft etwa folgendermaßen: im Rheintal wird sie durch den Hagenauer Forst und vom Unterlauf der Murg gebildet, geht dann am Oosbach hinauf, zieht von da an die Schwarzbach, jenseit derselben gegen die Teinach und deren Vereinigungspunkt mit der Nagold; den Neckar erreicht sie unterhalb der Remsmündung, geht nach Ellwangen, Feuchtwangen, Wassertrüdingen, Solnhofen, nach der Schwäbischen Rezat, an der Rednitz hinauf bis zum Einfluß der Pegnitz, der sie bis zu ihren Quellen folgt, am Nordrande des Fichtelgebirges hin nach den Quellen der Schwesnitz, an den Abhängen des Erzgebirges bis Klösterle, an der Eger hinab bis Laun, wo sie auf slawisches Sprachgebiet stößt. Das wichtigste Charakteristikum des Oberdeutschen besteht darin, daß die alten Doppelvokale ie, uo, üe noch als solche bewahrt sind, während dies auf mittel- und niederdeutschem Boden nicht der Fall ist. Als Schibboleth für die Grenzbestimmung zwischen dem Mitteldeutschen und Niederdeutschen dienen die Erscheinungen der hochdeutschen Lautverschiebung, wonach das Hochdeutsche die im Innern des Wortes stehenden Tenues des Niederdeutschen in Spiranten verwandelt (s. oben).

Im allgemeinen bildet der Habichtswald, die natürliche Grenze zwischen Franken und Sachsen, noch heute die Sprachgrenze zwischen dem Mittel- und Niederdeutschen. Während aber die Stadt Münden und die nördlichen hannöverschen Dörfer zwischen Fulda und Werra sowie weiter östlich Hedemünden an der Werra, Friedland, Duderstadt und Lauterberg noch dem niederdeutschen Sprachgebiet angehören, fallen Gerlenbach, Witzenhausen, Ahrendshausen, Heiligenstadt, Stadt Worbis und Sachsa dem mitteldeutschen Sprachgebiet zu. Östlich von Sachsa sind die nördlichsten mitteldeutschen Ortschaften: Ellrich, Sulzhain, Stiege, Gernrode, Mägdesprung, Harkerode, Sandersleben, Güsten und Kalbe. Vom Einfluß der Saale an aufwärts bildet die Elbe bis gegen Wittenberg hm, namentlich bei Dessau, eine scharfe Sprachgrenze; weiter östlich erscheinen Zahna, Schlieben, Luckau, Teupitz, Beeskow, Reppen, Königswalde, Driesen jenseit der Oder als die südlichsten niederdeutschen Ortschaften. Eine oberdeutsche Sprachinsel im niederdeutschen Gebiet findet sich auf dem Harz, die Ortschaften Klausthal, Zellerfeld, Wildemann und Lauterthal auf der nördlichen und Andreasberg auf der südlichen Abdachung umfassend, wahrscheinlich Niederlassungen von oberdeutschen Bergleuten. Westlich vom Habichtswald folgt die Sprachgrenze der Wasserscheide zwischen dem Diemel- und dem Fuldagebiet bis nach Sachsenhausen, wo sie ins Edergebiet tritt und diesen Fluß noch oberhalb der Mündung des Itterbaches berührt; selbst auf dem rechten Ufer der Eder sind noch Harbshausen und Kirchlotheim niederdeutsch. Dann zieht sich die Grenze von der Mündung der Orte über Sachsenberg und Hallenberg nach der Höhe des Rothaargebirges, das in seiner Fortsetzung bis nach Drolshagen zwischen der Ruhr und der Sieg die Gewässer und die Mundarten scheidet. Von Drolshagen windet sich die Grenze des Niederdeutschen nordwestlich, so daß Wipperfürth, Dorp und Hilden die äußersten niederdeutschen Städte sind. Bei Benrath überschreitet sie den Rhein und wendet sich südwestlich, nunmehr nicht das Niedersächsische, sondern das Niederfränkische (Niederländische) vom Niederdeutschen scheidend. Sie zieht sich über Odenkirchen, östlich bei Erkelenz vorbei, über Linnich nach Aachen, doch so, daß Aachen noch ganz ins mitteldeutsche Gebiet fällt; von dort geht sie südlich bei Eupen vorbei (dasselbe ist schon niederfränkisch) und trifft dann (bei Montjoie) auf die französische Sprachgrenze. So läuft ungefähr heutigestags die Grenze zwischen dem Mittel- und Niederdeutschen. Ob sie freilich zur mittelhochdeutschen Periode schon in allen Punkten dieselbe und wie beschaffen sie damals gewesen sei, ist eine noch nicht befriedigend beantwortete Frage. So wahrscheinlich es ist, daß an vielen Punkten die niederdeutsche Grenze schon damals mit der heutigen übereinstimmte (z. B. in den Rheingegenden), so sicher ist es auch, daß wieder an andern Orten, besonders in der (großenteils früher slawischen) Provinz Sachsen, das Mitteldeutsche auf Kosten des Niederdeutschen an Gebiet gewonnen hat. Merseburg, Halle, Mansfeld und alles, was nördlicher liegt, war im 13. Jahrh. ganz gewiß noch niederdeutsch, wie zahlreiche Urkunden beweisen. Auch in der Provinz Brandenburg hat das Mitteldeutsche in den letzten Jahrhunderten an Gebiet gewonnen. Das gesamte Gebiet der

oberdeutschen Mundarten

teilt man zunächst ein in die alemannischen Mundarten einerseits, die bayrisch-österreichischen anderseits. Die Grenze zwischen beiden bildet der z'ech; doch greift das Alemannische im Oberlaufe des Lech auch auf dessen rechtes Ufer über. Die Hauptunterschiede beider liegen teils auf dem Gebiete der Laute: das Bayrische spricht Last, Kosten, Haspel wie die Schriftsprache, während es alemannisch Lascht, Koschte, Haschpel heißt, teils auf dem Gebiete der Flexion: das Bayrische besitzt für ihr, euch die uralten, ursprünglich für die Zweizahl (ihr beide, euch beide) geltenden Formen es, enk, die alemannisch längst ausgestorben sind, teils auf dem Gebiete der Wortbildung: das Bayrische bildet die Verkleinerungswörter mit -el, -erl, das Alemannische mit -li, -le. Das Alemannische zerfällt weiterhin in die Mundarten des Rheingebiets einerseits (das Alemannische im engern Sinn), welche die alten langen Vokale noch bewahrt haben, also zu, hus, hüt (Zeit, Haus, heute) sprechen, und in die des Neckar- und Donaugebiets anderseits, d. h. das Schwäbische, das Zeit, Haus, heut spricht. Zur Mundart des Rheingebiets gehören: 1) die hochalemannische, d. h. im wesentlichen die Schweizer Mundarten, zu denen aber auch die südlichen Striche von Baden, Württemberg, Bauern zu rechnen sind. Charakteristisch für das hochalemannische Gebiet ist, daß das k nicht nur im Innern, sondern auch im Anfang des Wortes zu ch verschoben ist, z. B. chalt (kalt), chind (Kind), chorn (Korn). In diesen Mundarten schrieben und dichteten unter anderm: Hebel, dessen Sprache die des badischen Wiesentals ist; Häffliger (Lieder) im Luzerner Dialekt; Kuhn im Berner Dialekt; Usteri, Th. Meyer-Merian (»Wintermaieli«), R. Wyß (Kuhreihen u. Volkslieder), I. Felner, Tobler (Volkslieder), A. Schreiber, Hoffmann von Fallersleben, Corrodi (epische Dichtungen), Stutz im Züricher Dialekt; Jos. Schied (»Juraklänge«) in Solothurner, I. Merz in Appenzeller, Lenggenhager in Thurgauer Mundart u. a. Zahlreiche Gedichte im Schweizer Dialekt enthält auch die Zeitschrift »Alpenrosen« (1812–30). Vgl. Sutermeister, Schwyzer-Dütsch Sammlung schweizerischer Mundart-Literatur (Zürich 1882ff.). Ein noch jetzt wertvolles Wörterbuch der schweizerischen Sprache lieferte Stalder (»Versuch eines schweizerischen Idiotikons«, Aarau 1806–12, 2 Bde.), ein neueres,[742] außerordentlich reichhaltiges bearbeiteten Staub und Tobler (Frauenfeld 1881ff.). Vgl. die vorzügliche Spezialgrammatik: Winteler, Die Kerenzer Mundart in ihren Grundzügen dargestellt (Leipz. 1876); ferner Mörikofer, Die schweizerische Mundart (2. Aufl., Bern 1864); Seiler, Die Baseler Mundart (Basel 1879); Tobler, Appenzellischer Sprachschatz (Zür. 1837); Hunziker, Aargauer Wörterbuch (Aarau 1877). 2) Niederalemannische Mundarten, wozu die Stadt Basel, das Elsaß, der größte Teil des südlichen Baden (Ortenau, Breisgau bis auf den südlichsten Teil) gehören. Hier fehlt jene Verschiebung des anlautenden k. Baseler Mundart vertreten z. B. Gedichte von Mähly (»Rhigmurmel«). In elsässischer Mundart dichteten G. D. Arnold (»Der Pfingstmontag«), E. StöberDaniel oder der Straßburger«, Lustspiel), K. Fr. Hartmann u. a. Eine Sammlung von Gedichten etc. in Straßburger Mundart enthält A. Stöbers »Elsässer Schatzkästel« (Straßb. 1877). Vgl. auch Stöbers »Elsässer Volksbüchlein« (Straßb. 1842), Bergmanns »Straßburger Volksgespräche« (das. 1873) und E. Martin und H. Lienhart, Wörterbuch der elsässischen Mundarten (das. 1897ff.). Für den badischen Teil des Niederalemannischen vgl. Trenkle, Die badische Dialektliteratur (Tauberbischofsheim 1881).

Schwäbische Volkslieder finden sich in Nicolais »Almanach«, einige Gedichte in R. Weckherlins Liedersammlung (1648; neue Ausg., Leipz. 1873). Andre poetische Bearbeiter des schwäbischen Dialekts sind Seb. Sailer (»Schriften im schwäbischen Dialekt«, neue Ausg., Ulm 1893), K. Weitzmann (»Gedichte«, 10. Aufl., Straßb. 1895) und G. F. Wagner (Gedichte und Lustspiele); ferner A. Hofer, I. Eppele, I. G. Scheifele, Fr. Richter, A. Grimminger, F. Th. Vischer u. a. Eine Sammlung schwäbischer Dialektdichtungen lieferten R. Weitbrecht und Seusser (Ulm 1886), eine Sprichwörtersammlung A. Birlinger (»So sprechen die Schwaben«, Berl. 1868), der auch ein »Schwäbisch-Augsburgisches Wörterbuch« (Münch. 1864) herausgab. Ein großes »Schwäbisches Wörterbuch« bearbeitet Herm. Fischer (Tübing. 1900ff.). Die ganze schwäbisch-alemannische Mundart hat Weinhold behandelt in seiner »Alemannischen Grammatik« (Berl. 1863), worin die Entwickelung derselben von der ältesten Zeit bis auf die Gegenwart verfolgt wird. Vgl. Kauffmann, Geschichte der schwäbischen Mundart im Mittelalter und in der Neuzeit (Straßb. 1890); H. Fischer, Geographie der schwäbischen Mundart (Tübing. 1895).

Den bei weitem größten Raum unter den drei Hauptmundarten des oberdeutschen Sprachgebietes nehmen die bayrischen Mundarten ein, außer Altbayern und der Oberpfalz nämlich noch Tirol, Salzburg, Österreich, Steiermark bis Krain sowie den südlichen und westlichen Teil von Böhmen. Das nördliche Böhmen gehört zu der obersächsisch-erzgebirgischen, das nordöstliche, ebenso wie das Hauptgebiet von Deutsch-Mähren, zu der schlesischen Mundart. Eigenheiten der bayrischen Mundart im engern Sinn sind noch folgende: Das reine hochdeutsche a gebraucht sie fast nie, sondern verwandelt dasselbe in den Mittellaut zwischen o und a (das schwedische å); statt des hochdeutschen ä läßt sie in bestimmten Fällen, wie in Käse, im Konjunktiv des Imperfekts (z. B. in wäre, käme, nähme), ein à (Mittellaut zwischen a und ä) hören; das ai lautet wie oa, das ei aber wie ai; die Endsilbe er verändert sich in a, doch wird das r wieder hörbar, wenn das folgende Wort mit einem Selbstlauter anfängt, zu dem es hinübergeschleift wird. Dichterisch wurde diese Mundart besonders von dem ehemaligen Augustiner Marcelin Sturm (Lieder), M. Heigel, Franz v. Kobell und K. Stieler ausgebildet; außerdem findet man Lieder in Hazzis »Statistischen Aufschlüssen von Bayern« (1. Teil) und in Firmenichs »Germaniens Völkerstimmen«. Beachtenswert ist auch eine »Sammlung bayrischer Sprichwörter«. Vgl. besonders Schmellers vorzügliches »Bayrisches Wörterbuch« (2. Aufl. von Fromman, Münch. 1868–78, 2 Bde.) und in grammatischer Hinsicht das ebenso ausgezeichnete Werk Schmellers: »Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt« (das. 1821), worin auch reichhaltige Mundartenproben zu finden sind. Die Mundarten des südlichen Tirol weichen von denen des mittlern und nördlichen nicht wenig ab, weil sich in der Aussprache mehrere Laute dem Italienischen nähern. Im Tirolischen wird das k vorzüglich stark gesprochen und das a in manchen Gegenden fast so hell wie in Schwaben. Der Salzburger Dialekt weicht im ganzen wenig von der Tiroler Mundart ab. Lieder und Schnaderhüpfel finden sich in Hübners »Beschreibung von Salzburg« (Salzb. 1796); ein Bruchstück aus einem Singspiel in diesem Dialekt ist in der Vorrede zu Gottscheds Buch von gleichbedeutenden Wörtern enthalten. Sammlungen von Schnaderhüpfeln veröffentlichten Franz v. Kobell, v. Hörmann u. a. Der österreichische Dialekt unterscheidet sich im allgemeinen von dem bayrischen durch Weichheit, Feinheit und Geschwindigkeit der Aussprache; doch ist er im Land ob der Enns auch gedehnt und singend. In den Gebirgsgegenden zwischen Ungarn und Österreich, durch Kärnten und Krain, ähneln Aussprache, Wortformen und Gesänge der salzburgischen und tirolischen, im mittlern Lande der bayrischen Mundart. Die letztere, im eigentlichen Österreich herrschende verwandelt z. B. wie jene die meisten a in o, stumpft die Endsilbe er zu a ab, nur daß sie das r, sobald ein Selbstlauter folgt, wieder etwas hörbar macht. Doch unterscheidet sie sich von der bayrischen z. B. dadurch, daß sie die alten ai oder ay, die in Bayern oa lauten, in a verwandelt. Die Aussprache hat etwas Stumpfes und Klangloses. Besondere Sammlungen österreichischer Volkslieder sind: Fr. Ziska und Schottky, Österreichische Volkslieder mit ihren Singweisen (Pest 1819; 2. Ausg., das. 1844); Pogatschnigg und Herrmann, Deutsche Volkslieder aus Kärnten (2. Aufl., Graz 1879). In österreichischer Mundart dichteten Castelli und Seidl (niederösterreichisch), M. Lindemayr, Kohlheim, Kaltenbrunner, Klesheim (wienerisch), Stelzhamer (obderennsisch), Fellöcker, Rosegger (steirisch). Ein »Etymologisches Wörterbuch« gab Höfer (Linz 1815, 3 Tle.); neuere lexikalische Sammlungen für den österreichischen Dialekt sind die von Loritza (Wien 1847), Castelli (das. 1847), des Wiener Dialekts von Hügel (das. 1873). Ein Wörterbuch der tirolischen Volkssprache gaben Schöpf und Hofer (Innsbr. 1862 bis 1866) heraus. Über die Mundart der deutschen Bewohner des Böhmerwaldes schrieb Jos. Rank (»Aus dem Böhmerwald«, Linz 1853), der auch eine Auswahl ihrer Schnaderhüpfeln mitteilte. Ein sehr reichhaltiges »Kärntisches Wörterbuch« veröffentlichte M. Lexer (Leipz. 1862). Die Grammatik der ganzen bayrisch-österreichischen Mundart hat Weinhold in historischer Weise in seiner »Bayrischen Grammatik« (Berl. 1867) behandelt. Eine Zeitschrift: »Bayerns Mundarten«, gab O. Brenner 1891–94 heraus.

Die mitteldeutschen Mundarten.

sind noch weit weniger erforscht als die oberdeutschen, doch lassen sich diese so verschiedenen Dialekte mit einiger [743] Sicherheit in gewisse Hauptgruppen teilen. Zunächst die fränkischen Mundarten am Ober- und Mittelmain, an der Oberwerra und der Rhön. Man hört sie vom Odenwald und Spessart bis an das Fichtelgebirge und vom Rennsteig des Thüringer Waldes bis beinahe an den Ausfluß der Wernitz in die Donau. Die Grenze zwischen der Mundart des Mittelmains, der westfränkischen, und der des Obermains, der ostfränkischen, zieht sich nach Schmeller von der obern Wernitz längs der Wasserscheide zwischen Tauber und Regnitz zum Main, überschreitet diesen Fluß östlich von Würzburg, da, wo derselbe nicht mehr, wie von seiner Quelle an, Mâ, sondern Mê genannt wird, und wendet sich westlich von Schweinfurt gegen die Quellen der Saale, wo schon die Mundart der obern Werra, die hennebergische, beginnt. Die vorzugsweise fränkische oder ostfränkische Mundart weist an Stelle der alten, noch in Bayern und der Schweiz hörbar als Doppellaute gesprochenen le ein ei, öfters auch ein öi auf, an Stelle der alten no, bei denen das Gleiche der Fall, ein ou, während die langen o größtenteils in an, wo u den Ton hat, das alte ai in a gewandelt werden. Doch findet auch hier große Verschiedenheit statt. Dichterisch ausgebildet wurde diese Mundart von den Nürnbergern Grübel, Zuckermandel, W. Marx und W. Weickert und dem Koburger Fr. Hofmann. Ein Idiotikon für den Nürnberger Dialekt von Häslin findet sich im »Deutschen Museum« (November 1781). Der hennebergische Dialekt herrscht östlich der obern Fulda bis fast zur obern Saale und umfaßt vorzugsweise die gesamte Werragegend oberhalb Salzungen bis Themar, über welches hinaus er schon fränkische Elemente aufnimmt. Er charakterisiert sich durch die Bewahrung des altdeutschen u, das so wie das altdeutsche i hier auch in einem großen Teil Thüringens und Hessens nicht in das neuhochdeutsche an, resp. ei übergegangen ist; also z. B. Zit, Hus (statt Zeit, Haus), ferner durch die Verwandlung der Endsilbe ung in ing und des w am Anfang der Wörter wer, was, wie, wo in b. Dichterisch wurde dieser Dialekt in neuerer Zeit vielfach ausgebeutet. Einzelne Gedichte brachte schon das »Koburg-Meiningische Taschenbuch« (1804ff.). Gedichtsammlungen veröffentlichten: Neumann (im Wasunger Dialekt), Mylius (in Themarer Mundart); einzelne Gedichte: Klett (»Gaul böck dich«, im Suhler Dialekt), Reinhard und Deckert (in Schleusinger Mundart), Wucke (im Salzunger Dialekt), Schneider (im Meininger Dialekt) u. a. Ein hennebergisches Idiotikon gab Reinwald, von einem andern veröffentlichte Brückner Proben. Vgl. Spieß, B eiträge zu einem hennebergischen Idiotikon (Wien 1881); Derselbe, Die fränkisch-hennebergische Mundart (das. 1873). Die Mundarten der Rhön, die durch das Ulstertal mit der Werragegend, durch das Saale- und Sinntal mit dem Main, durch das Kinzigtal mit der Wetterau und durch die Fulda mit Niederhessen in Verkehr stehen, haben durch die Einwirkung der mehr als tausendjährigen Herrschaft des Stiftes Fulda einen gewissen allgemeinen Charakter angenommen, ohne jedoch ihre ursprünglichen Bestandteile ganz zu verleugnen. Ein charakteristisches Kennzeichen des Rhöndialekts ist der Gebrauch der Diminutivendung »lich« (statt »lein« oder »chen«) und zwar für den Plural, während der Singular »le« hat (z. B. das Häusle, die Häuslich).

Das Westfränkische unterscheidet sich vom Ostfränkischen besonders dadurch, daß in ihm die Doppellaute ie und ei, statt in i und a, in äi und ê übergehen. Nicht ohne Einfluß blieb das Niederdeutsche auf dasselbe. Die sogen. rheinische Mundart, zwischen dem Untermain und der Lahn, gehört, ebenso wie die eben besprochene west- und ostfränkische, zu dem Komplex der oberfränkischen Mundarten. Hierher gehören: die Frankfurter Lokalpossen von MalßVolkstheater in Frankfurter Mundart«, 2. Aufl., Frankf. 1850), W. Pfeiffer und W. Sauerwein; die Gedichte von Fr. Stoltze (»Frankfurter Krebblzeitung« und »Gedichte«); die Mainzer Posse »Herr Hampser als Stadtrat«; die Darmstädter Posse »Datterich« von Niebergall; Lennings komische Dichtungen in Pfälzer Mundart (»Etwas zum Lachen«, »Die Weinproben« etc.); die pfälzischen Gedichte von Fr. v. Kobell, Nadler, Woll etc. – Das Gebiet des Rheins von Luxemburg, Trier, Koblenz, nördlich bis nach Düsseldorf und Aachen, bildet dann wieder eine zusammengehörige Mundartengruppe, die niederrheinische oder mittelfränkische. Die hierher gehörigen Mundarten sind mitteldeutsche mit den hauptsächlichsten Erscheinungen der hochdeutschen Lautverschiebung; doch sind sie in einigen Punkten auf niederdeutscher Stufe stehen geblieben und haben besonders das gemeinsam, daß sie sämtlich dat, et, wat haben statt des in allen übrigen mitteldeutschen Gegenden herrschenden verschobenen das, es, was. Außerdem stimmen sie darin mit dem Niederdeutschen überein, daß sie wie dieses, hochdeutschem b entsprechend, in- und auslautend v, resp. f haben, z. B. kölnisch Wif (Weib), Plural: Wiver. Man kann sie wiederum in drei Nebendialekte teilen: den luxemburgisch-lüttichschen, den trierschen und den kölnischen. Die luxemburg-lüttichsche Mundart wird gesprochen von Diedenhofen bis an den Ausfluß der Sure in die Mosel, von da längs der Sure und Oure bis Vianden, von wo sie sich fast in gerader Richtung nach Westen bis an das Wallonische zieht. Die triersche Mundart zieht sich von Saarlouis über den Gau zwischen Mosel und Saar längs der Grenze des Luxemburgischen bis St. Vith, von da längs der kölnischen Grenze bis an den Rhein. Die kölnische Mundart beginnt mit den Hofgerichtshöfen Bütgenbach, Amel und Büllingen. Einen ganz andern Dialekt spricht man vier Stunden über Prüm von Hillesheim bis zur Aar und dem Rhein. Dichterisch behandelten den Luxemburger Dialekt H. Meyer (»E Schreck ob de Letzeburger Parnassus«, Letzeburg 1829), den Aachener F. Jansen (»Gedichte«, Aachen 1820) und Jos. Müller (»Gedichte und Prosa«, u. Aufl., das. 1853), den Trierer Loyen (»Gedichte«, Trier 1850), den Kölner Di alekt Wallraf (»Die Postation«, Fastnachtsposse, Köln 1818) u. a. Vgl. I. Müller und Weitz, Aachener Idiotikon (Aachen 1836); Hönig, Wörterbuch der Kölner Mundart (Köln 1877). Die westerwaldischen Mundarten hat Schmidt in seinem »Westerwäldischen Idiotikon« behandelt, ohne jedoch die Grenzen anzugeben. Die niederhessische Mundart grenzt in der Werragegend an die thüringische, im Westen an die westerwäldische und im Norden an die niederdeutsche. Den Gießener Dialekt hat Brentano in seinem »Gackeleia« ausgebeutet; Crönlein schrieb eine Posse in Gießener und Stahl eine Satire (»Die Weilberger Kerb«) in Weilberger Dialekt. Eine sehr gute lexikalische Sammlung für das hessische Idiom gab Vilmar in seinem »Idiotikon von Kurhessen« (neue Ausg., Marb. 1883; Nachträge von H. v. Pfister, 1886 u. 1894). Ein oberhessisches Wörterbuch hat W. Crecelius im Auftrage des Historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen bearbeitet (Darmst. 1897–99). Vgl. auch H. v. Pfister, Chattische Stammeskunde (Kassel 1880).[744]

Die natürliche südliche Grenze der thüringischen Mundarten bildet der Rennstieg des Thüringer Waldes. Nördlich grenzen sie an den Vorbergen des Harzes an das Niederdeutsche, und im Osten scheidet sie die Thüringische Saale von dem Obersächsischen und Sorbischen, von dem dort schon Formen und Wendungen angenommen werden. Am meisten Zusammenhang haben die thüringischen Mundarten im Thüringer Flachland, in der Goldenen Aue bis Weimar und anderseits bis Mühlhausen und Nordhausen nebst der sondershäusischen Unterherrschaft, wo sie ein großes, in sich abgeschlossenes Gebiet innehaben. Derselbe Dialekt kehrt im Gothaischen wieder und reicht bis zum Wald nach Ilmenau und Arnstadt hinaus. Von Weimar im Ilm- und Geragebiet waldaufwärts nähert sich der Dialekt schon sehr dem obersächsischen, ist aber fast noch breiter und reizloser als dieser. Nach dem Osterland zu und über Naumburg hinaus geht die thüringische Mundart allmählich in die meißnische oder obersächsische über. Sagen im thüringischen Dialekt gab Bechstein (»Sagenschatz des Thüringer Landes«, »Deutsches Museum« und »Thüringen in der Gegenwart«). Im Dialekt von Ruhla dichteten L. Storch, in Altenburger Mundart Fr. Ullrich (»Volksklänge«, 3. Aufl., Stett. 1874), in der Rudolstädter Sommer (»Bilder und Klänge aus Rudolstadt«). Den mansfeldischen Dialekt wandte (in Poesie und Prosa) Giebelhausen in mehreren Schriftchen an, z. B.: »Nischt wie lauter Hack un Mack, alles dörchenanner dorch« (Hettstedt 1865,2 Hefte). Als grammatische und lexikalische Leistungen sind zu erwähnen: K. Regel, Die Ruhlaer Mundart (Weim. 1868); Pasch, Das Altenburger Bauerndeutsch (Altenburg 1878).

Der eigentlich obersächsische (meißnische) Dialekt, die alte Markgrafschaft Meißen und das Osterland beherrschend, bildet seinem Charakter nach ein Mittelglied zwischen dem Ober- und Niederdeutschen. Der Unterschied der weichen und harten Konsonanten ist dem Obersachsen ganz verloren gegangen; er kann b und p, d und t, g und k in der Aussprache nicht unterscheiden und spricht für beide einen Mittellaut zwischen hart und weich. Im Vokalismus stimmt das Obersächsische zum Niederdeutschen, indem es das alte ei und an in ê, resp. o kontrahiert, z. B. Klêd, Flêsch, Bom. Proben des Dialekts findet man in Firmenichs »Germaniens Völkerstimmen«. Eine Grammatik nebst Lexikon der Leipziger Mundart veröffentlichte K. Albrecht (Leipz. 1880), Gedichte in derselben F. A. Döring (»Launige Gedichte«, 2. Aufl., das. 1835, u. a.) und E. Bormann (»Mei Leibzig low' ich mir« u. a.). Manche Abweichungen, die teilweise mehr zum Oberdeutschen hinneigen, zeigt die obersächsische Mundart im Erzgebirge und im nördlichen Böhmen. Vgl. Göpfert, Die Mundart des sächsischen Erzgebirges (Leipz. 1878). Das Gebiet der schlesischen Mundarten erstreckt sich über Preußisch- und Österreichisch-Schlesien, das nordöstliche Böhmen und den Hauptteil Deutsch-Mährens. Im allgemeinen stehen sie den obersächsischen am nächsten, vermischen jedoch nicht wie diese die harten und weichen Konsonanten und stellen sich im Gebrauch des Verkleinerungssuffixes -el zum Oberdeutschen. Innerhalb des eigentlichen Schlesien scheidet man zwischen der breiten, an neugebildeten Diphthongen reichen Mundart des Flachlandes und dem Gebirgsdialekt, für den die Auflösung der Endung-en in a besonders charakteristisch ist (z. B. Kucha, schneida, hotta, statt Kuchen, schneiden, hatten). Manche besondere Eigenheiten zeigte die jetzt ausgestorbene Mundart der Breslauer »Kräuter« (Gemüsegärtner). Mehrere Lieder dieser »Kräuter« finden sich in Fülleborns »Breslauischen Erzählungen«. In der Mundart um Glogau ist die »Kraune zu Brassel« (in Vaters »Volksmundarten«) gedichtet. Auch Holtei (»Schlesische Gedichte«), Schönig (»Glätzische Gedichte«), Rößler, Max Heinzel u. a. schrieben Gedichte in schlesischer Mundart. »Volkslieder in der Mundart des (mährischen) Kuhländchens« gab Meinert (Hamb. 1817) heraus. Ein bemerkenswertes älteres Denkmal des schlesischen Dialekts ist das Scherzspiel »Die geliebte Dornrose« von Andreas Gryphius (zuerst um 1660 erschienen; neu hrsg. von Tittmann, Leipz. 1870). Aus neuerer Zeit sind die mundartlichen Originalausgaben von Gerhard Hauptmanns Schauspielen »De Waber« (Die Weber) und »Fuhrmann Henschel« zu nennen. Grammatisch ist die Mundart behandelt von Weinhold (»Die Laut- und Wortbildung und die Formen der schlesischen Mundart«, Wien 1853). Derselbe lieferte auch »Beiträge zu einem schlesischen Wörterbuch« (Wien 1855). Vgl. noch Knothe, Wörterbuch der schlesischen Mundart in Nordböhmen (Hohenelbe 1888); Waniek, Zum Vokalismus der schlesischen Mundart (Bielitz 1880); Rückert, Zur Charakteristik der deutschen Mundarten in Schlesien (»Zeitschrift für deutsche Philologie«, Bd. 1, 4 u. 5); Drechsler, Wencel Scherffer und die Sprache der Schlesier (Bresl. 1895); »Mitteilungen der schlesischen Gesellschaft für Volkskunde«, 1894ff., und besonders deren »Beihefte«. – Eine mitteldeutsche Enklave befindet sich auch in Ostpreußen; vgl. Stuhrmann, Das Mitteldeutsche in Ostpreußen (Deutsch-Krone 1895–98).

Die niederdeutschen Mundarten

Nördlich von der oben gezogenen Grenzlinie herrschen nun die vom Altsächsischen herstammenden sogen. niederdeutschen Mundarten. Am Rhein grenzen dieselben an das fränkisch-niederdeutsche oder niederfränkische Sprachgebiet, zu dem außer den eigentlichen Niederlanden auch noch die deutschen Provinzen Kleve und Geldern gehören. Man unterscheidet gewöhnlich zwei niederdeutsche Mundarten: die westfälische, westlich der Weser, und die eigentlich niedersächsische, zwischen Weser und Elbe und in den ehemals slawischen Gegenden im Osten derselben. Von den Mundarten im Osten der alten Slawengrenze sind vorzugsweise die pommerschen Gegenstand gründlicher Untersuchung gewesen, als deren Resultat Böhmer (»Baltische Studien«) angibt, daß in Pommern zwei gründlich verschiedene niederdeutsche Mundarten nebeneinander bestehen, in denen zugleich alle Unter- und Spielarten der Provinz begriffen sind. Die eine ist rund, leicht, rollend, ohne alle Doppellaute, und großer Behendigkeit und Gewandtheit fähig; die andre breit an Lauten, gedehnt, voll, schwer, nachdrücklich bis zu großer Trägheit und ziemlicher Härte, insbes. erfüllt mit gewissen Diphthongen (an, ei, ai) oder nachklingenden Vokalen (a, ä, e etc.) und Liebhaberin träg absinkender Endlaute. Sagt z. B. jene runde Mundart Foot (Fuß), Göder (Güter), so lauten diese Worte in der breiten Sprache: Faut, Gaudre oder Gaure. Charakteristisch für die westliche Hälfte des niederdeutschen Gesamtgebietes ist das reine, spitzige s-t und s-p auch in der Aussprache des Hochdeutschen (z. B. s-tehen, s-prechen statt des hochdeutschen schtehen, schprechen). In Westfalen wird das f auch in der Verbindung mit ch durch getrennte Aussprache der beiden Laute gewahrt, z. B. in S-chinken, s-chön. – Seitdem die hochdeutsche Schriftsprache die Herrschaft über das gesamte Deutschland errungen, wurde wenig[745] mehr in niederdeutscher Mundart (die man ziemlich allgemein, aber nicht ganz treffend auch als Platt, Plattdeutsch bezeichnet) gedichtet, obwohl es an einzelnen Versuchen, dieselbe wieder zur Schriftsprache zu erheben, nicht fehlte. Glücklicher als I. H. Voß waren in dieser Beziehung Bornemann (»Gedichte in plattdeutscher Mundart«), Bärmann (»Rymels und Dichtels« im Hamburger Dialekt), L. Giesebrecht und Klaus Groth (in seinem bekannten »Quickborn«), namentlich aber F. Reuter, der durch seine Schriften in allen Gauen Deutschlands seiner mecklenburgischen Muttersprache Freunde zu gewinnen wußte. Stets dagegen sprudelte ein reicher Quell mundartlicher Poesie des Volkes in Märchen, Sagen und Liedern. Einen ganzen Schatz solcher Lieder und Sagen findet man in Firmenichs »Germaniens Völkerstimmen«. Als reichhaltige Sammlungen sind zu nennen: »Volksüberlieferungen in der Grafschaft Mark« von Woeste (Iserl. 1849), Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen (Wismar 1897ff.), P. Bahlmann, Münsterische Lieder u. Sprichwörter (Münster 1896); als Wörterbuch der plattdeutschen Sprache: Berghaus, Sprachschatz der Sassen (Brandenb. 1877ff.). Von ältern Idiotiken für einzelne niederdeutsche Untermundarten liegen vor: ein Wörterbuch für den bremischen Dialekt von der Deutschen Gesellschaft zu Bremen (Brem. 1767–72, 5 Bde.; neue Ausg. 1881); für den hamburgischen von Richey (Hamb. 1755); für den osnabrückischen und westfälischen von Strodtmann (Altona 1756); für den holsteinischen von Schütze (Hamb. 1800–1807, 4 Bde.); für den pommerschen von Dähnert, Plattdeutsches Wörterbuch (Strals. 1781). Von neuern sind bemerkenswert: das »Wörterbuch der ostfriesischen Sprache« von I.ten Doornkaat-Koolmann (Norden 1879–84), das »Göttingisch-Grubenhagensche Idiotikon« von Schambach (Hannov. 1858), das »Wörterbuch der altmärkisch plattdeutschen Mundart« von Danneil (Salzwedel 1859), das »der mecklenburgisch-vorpommerschen Mundart« von Mi (Leipz. 1876), das westfälische von Woeste (Norden 1882), das preußische von Frischbier (Berl. 1383–85). Nennenswerte Spezialgrammatiken sind die »Grammatik des mecklenburgischen Dialekts« von Nerger (Leipz. 1869), die »Westfälische Grammatik« von Jellinghaus (2. Aufl., Brem. 1885); Holthausen, Die Soester Mundart (Norden 1886); E. L. Fischer, Grammatik und Wortschatz der preußischen Mundart im preußischen Samlande (Halle 1896). Vgl. Lübben, Das Plattdeutsche in seiner jetzigen Stellung zum Hochdeutschen (Oldenb. 1846); K. Groth, Briefe über Hochdeutsch und Plattdeutsch (Kiel 1858), und Jellinghaus, Einteilung der niederdeutschen Mundarten (das. 1884). Von der friesischen Sprache haben sich in Deutschland hauptsächlich Reste des Nordfriesischen erhalten, nämlich auf einigen schleswigschen Inseln: Sylt, Föhr, Amrum und Helgoland, und einem kleinen Streifen der schleswigschen Westküste. Ostfriesland ist schon seit dem 15. Jahrh. allmählich niederdeutsch geworden; nur in dem oldenburgischen Saterländchen und von einigen ältern Einwohnern der Insel Wangeroog wird noch Ostfriesisch gesprochen. Wohl zu unterscheiden ist davon das in Ostfriesland gesprochene Plattdeutsch, das vielfach (so auch auf unsrer Karte) als »Ostfriesisch« bezeichnet wird. Gedichte und Sagen in Sylter Mundart veröffentlichte C. P. Hansen. »Sylter Lustspiele« gab Siebs mit Sprachlehre und Wörterbuch heraus (Greifswald 1898), Lieder von Föhr und Amrum Bremer in »Ferreng an ömreng stacken« (Halle 1888). Eine ausführliche grammatische Darstellung der alt- und neufriesischen Mundarten gab Siebs in »Pauls Grundriß der germanischen Philologie«, Bd. 1 (2. Aufl., S. 1152–1464).

Die Mundarten der von slawischer Bevölkerung eingeschlossenen deutschen Ansiedler (Sprachinseln) gehören sämtlich dem ober- oder mitteldeutschen Sprachgebiet an. Die sehr zahlreichen Deutschen in Ungarn gehören verschiedenen Stämmen an. Die Mundarten des ungarischen Berglandes hat Schröer ausführlich behandelt (Wörterbuch, Wien 1858–59; Grammatik und Sprachproben, das. 1864) und nachgewiesen, daß sie mitteldeutscher Abkunft sind. Die Mundart der Deutschen in Siebenbürgen beweist ganz entschieden, daß dieselben vom Niederrhein dahin eingewandert sind. Ihre Sprache stimmt überraschend zu den niederrheinischen oder mittelfränkischen Mundarten. Man unterscheidet mehrere Dialekte, den Hermannstädter, den Kronstädter oder burzenländischen, den Bistritzer oder Nösner sowie den Agnetler und Schäßburger. Für die Erforschung ihrer Mundart sind die Siebenbürger in neuer Zeit sehr tätig gewesen. Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart veröffentlichte Viktor Kästner (Hermannst. 1862), Volkslieder, Sprichwörter etc. Cr. W. Schuster (das. 1865) und Haltrich. Letzterer lieferte auch Vorarbeiten zu einem Idiotikon. Die deutschen Dialekte in Liv- und Estland gehören zu den obersächsischen. Vgl. A. Hupel, Idiotikon der deutschen Sprache in Liv- und Estland (Riga 1795); W. v. Gutzeit, Wörterschatz der deutschen Sprache Livlands (das. 1859ff.); Sallmann, Versuch über die deutsche Mundart in Estland (Kassel 1873); Derselbe, Beiträge zur deutschen Mundart in Estland (Leipz. 1877 u. Reval 1880).

Unter den Sammlungen von mundartlichen Sprachproben hat weitaus das beste und vollständigste Werk Firmenich geliefert: »Germaniens Völkerstimmen. Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen, Volksliedern etc.« (Berl. 1841–66, 3 Bde. nebst Anhang), woselbst man auch dem Inhalt nach sehr anziehende Proben der Mundarten aus mehreren Hunderten von Orten und Gegenden Deutschlands findet. Für die niederdeutschen Dialekte ist wichtig die Sammlung von A. und I. Leopold, »Van de Schelde tot de Weichsel« (Groningen 1876–81, 2 Bde.). Eine Zeitschrift für die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Mundarten gab zuerst Fromman heraus: »Die deutschen Mundarten«, Bd. 1–6 (1851–59); Bd. 7 (1876); es folgten »Deutsche Mundarten, Zeitschrift für Bearbeitung des mundartlichen Materials«, herausgegeben von Nagl (Wien 1896ff.) und die »Zeitschrift für hochdeutsche Mundart«, herausgegeben von Heilig und Lenz (Heidelb. 1900ff.). Eine erschöpfende und gleichmäßige Behandlung der deutschen Mundarten ist bis jetzt nicht möglich gewesen, da nur die bayrische Mundart so glücklich war, einen Schmeller zu finden, doch sind kleinere Dialektgebiete und Ortsmundarten in einer großen Anzahl von Einzeldarstellungen behandelt. Eine »Sammlung kurzer Grammatiken deutscher Mundarten« gibt seit 1893 Bremer heraus, deren erster Band eine »Bibliographie der deutschen Mundartenforschung« von Mentz enthält. F. Kauffmann bietet in Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, Bd. 1, gleichfalls eine Übersicht über die mundartliche Literatur. Zur Methode der Dialektforschung vgl. Ph. Wegener ebenda und Kauffmann in Kirchhoffs »Anleitung zur deutschen Landes- und Volkskunde«. [746] Graphische Darstellungen des Gebiets der deutschen Sprache in ihren Mundarten bieten: die Sprachkarten von Bernhardi (2. Aufl., Kaff. 1849); Böckh, Sprachkarte vom preußischen Staat (Berl. 1864); Andree und Peschel, Physikalisch-statistischer Atlas des Deutschen Reichs, Karte 10. An einem umfassenden Kartenwerk arbeiten Wenker und Wrede in Marburg; davon ist eine Lieferung erschienen (Straßb. 1891), weitere Publikation ist vorläufig nicht in Aussicht genommen, dagegen werden die fertigen Karten auf der Berliner Bibliothek niedergelegt und im »Anzeiger für deutsches Altertum und deutsche Literatur« fortlaufende Berichte darüber veröffentlicht.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 739-747.
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