Boulogne [1]

[141] Boulogne (spr. Buhlouj), 1) Arrondissement im französischen Departement Pas de Calais, 181/4 QM., 117,600 Ew.; 2) (B. sur Mer), Hauptstadt desselben am Ausfluß der Liane in den Kanal; Festung 2. Ranges, auf deren Wällen man Englands Küsten sieht; theilt sich in die Ober- u. Unterstadt; in der hübschen Oberstadt 2 öffentliche Plätze mit Fontainen, alte Kathedrale, bischöflicher u. Jastizpalast, Handelstribunal, Schifffahrtsschule, öffentliche Bibliothek, schönes Hospital; Handelskammer, Gesellschaften für Künste, Wissenschaften, Handel u. Ackerbau; Fabriken für Segeltuch, Taue, Fayence- u. Töpferwaaren, Salzraffinerien, Schiffsverste; 2 Messen, Seebad u. in der Nähe ein salinisches Stahlwasser; dabei Denkmal zum Andenken des großen Lagers 1803–1805 (eine Säule in Form der Trajanssäule), bedeutende Fischerei (auf Heringe) u. Handel. Der Hafen ist seicht, schwer zugänglich, von Napoleon vergrößert u. verbessert, hat aber lebhaften Verkehr mit England (Überfahrt bei günstiger Witterung in 3 Stunden); 27,500 Ew. – B. war früher der Hafen Gesoriacus im Morinerlande, von wo aus man gewöhnlich nach Britannien überfuhr. Unter Kaiser Constantin bekam es den Namen Bononia (auf Münzen auch B. oceanensis), seit der Karolingerzeit Bolonia. B. gehörte früher zu Ponthieu; im 9. Jahrh. ward es Grafschaft (Comitatus Bononiensis, Boulonois, spr. Buhlonäh), begrenzt von Ponthieu, Artois u. dem [141] Meere. Der erste Graf war Hernequin, Schwiegersohn des Grafen Helgaud I. von Ponthieu; unter ihm ward B. 882 von den Normannen verwüstet, u. er selbst fiel im Kampfe gegen sie. Ihm folgte sein Sohn Regnier, dann sein Enkel Erkengar, worauf B. von dem Grafen Balduin von Flaudern administrirt ward; 918 erbte die Grafschaft Balduins Sohn, Adolf, u. 933 dessen Bruder Arnulf Nach Arnulfs Tode 965 bemächtigte sich Graf Wilhelm von Flandern B-s u. gab es seinem Sohn Erniculus; diesem folgte sein Enkel Guido der Weißbart; als dessen Sohn Balduin II. 1033 vom Grafen Enguerand von Ponthieu ermordet worden war, kam B. an Ponthien bis 1046, wo Balduins Sohn Eustach I. B. wieder erhielt. Auf ihn folgte 1049 sein Sohn Eustach II.; während dessen u. der Ida von Niederlothringen Sohn, Gottfried von Bouillon (s.d.), Herzog von Niederlothringen wurde, folgte in B. 1093 sein 2. Sohn Eustach III.; dieser heirathete Maria, Tochter des schottischen Königs Malcolm III.; obgleich zum König von Jerusalem gewählt, kam er doch nicht zur Regierung (s. Jerusalem). Bei seinem Tode 1125 hinterließ er blos eine Tochter Mahaut, welche mit Graf Stephan v. Blois vermählt war, der nun Graf von B. ward; 1150 ließ er B. seinem Sohne Eustach IV., welchem 1153 sein Bruder Wilhelm II. folgte. Dieser hatte keine Erben, daher erhielt 1159 B. seine Schwester Marie, Äbtissin des Klosters Ramsei in England, welche den Grafen Matthias v. Flandern heirathete; dieser hinterließ 1173 eine Tochter Ida, welche in 4. Ehe mit dem Grafen Renaud von Dammartin verheirathet war; ihre einzige Tochter Mahaut brachte 1216 B. ihrem Gemahl Philipp, einem Sohne Philipp Augusts von Frankreich, als Heirathsgut zu. Philipp starb 1234, u. um B. gegen die Engländer zu schützen, übernahm König Ludwig das Schutzrecht über B., u. als Ludwig Artois zu einer Grafschaft erhob, ward ihr B. als lehn pflichtig untergeben. Unterdessen hatte Mahaut 1238 Alfons, Bruder des Königs Sancho II., geheirathet, u. als dieser 1248 König von Portugal geworden war, führte er, obgleich er sich von Mahaut trennte, doch den Titel als Graf von B. fort. Mahant starb 1258 (1260); ihre u. Philipps Tochter, Johanna, verheirathet mit Gaucher de Chatillon, war schon 1251 kurz nach ihrem Gemahl gestorben, u. B. sollte nun an Marie, Wittwe des Kaisers Otto IV., u. Alix, Gemahlin Arnulfs von Wesemael in Brabant, beide Töchter des Herzogs Heinrich I. von Brabant u. der Mahaut, Tochter Mariens u. Matthias von Flandern, kommen. Die Schwestern überließen bis 1260 die Grafschaft ihrem Neffen Heinrich III. von Brabant, doch widersprach Graf Robert VI. von Auvergne, der Sohn von Alix u. Graf Wilhelm III., u. Heinrich trat ihm B. gegen eine Abfindungssumme ab. So kam B. an Auvergne. Als 1389 die männliche Linie in Auvergne ausstarb, kan B. durch Johanna, Tochter Johanns II. von Auvergne, an Johann, Herzog von Berry, u. da Johanna keine Kinder hatte, fiel B. an Marie, die Wittwe Bertrands, Herrn von Tours; von dieser erbte es ihr Sohn Bertrand; von Letzterem kam es an Herzog Philipp von Burgund, indem dieser nach einem Vertrag von Arras 1435 den König Karl VII. genöthigt hatte, ihm B. zu übergeben u. Bertrand zu entschädigen. Nach dem Tode des Herzogs Karl des Kühnen 1477 nahm Ludwig XI. Marien von Burgund B. wieder u. verband es mit der Krone, In der Stadt B. wurde 1264 das Bononiensische Concil gehalten, wo die englischen Barone, weil sie sich nicht mit ihrem König Heinrich III. aussöhnen wollten, in den Bann gethan wurden. 1544 eroberten die Engländer B. u. sollten es nach einem Beschluß so lange behalten, bis ihnen die rückständigen Schulden von Frankreich bezahlt worden wären. Indeß schon 1549 nahmen die Franzosen einige Werke vor der Stadt wieder, u. 1550 kam der Friedensschluß zwischen König Heinrich II. von Frankreich u. König Eduard VI. von England zu Stande, in welchem B. an Frankreich zurückgegeben wurde. 1559 wurde das Bisthum von Terouenne nach B. verlegt. Hier fanden 1598 Friedensverhandlungen zwischen England u. Spanien Statt, die sich aber zerschlugen. 1801 wurde B. zweimal u. 1803 noch einmal, wiewohl vergeblich, von englischen Schiffen beschossen. Von B. aus sind die meisten französischen Kriegsunternehmungen gegen England ausgegangen; die letzte unter Napoleon 1803–1805 sollte ebenfalls hier beginnen; es ward daher ein zahlreiches Corps im Lager von B. versammelt u. auf eigens erbauten Schiffen im Ein- u. Ausschiffen geübt. Der neu beginnende Krieg mit Österreich unterbrach das Unternehmen. Im Spätjahr 1840 wurde auf B. die mißlungene Expedition Louis Napoleons (s.d. 3) unternommen. 3) Flecken im Arrondissement St.-Denis des französischen Departements Seine, rechts an der Seine, westlich von Paris; Leinwandbleichen, Landhäuser; 6400 Ew.; am Eingange des Boulogner Holzes (Bois de Boulogne), welches der Ort der meisten Duelle u. Zielpunkt der Spazierritte u. Fahrten der Pariser Herren u. Damen ist, mit mehreren Kaffeehäusern u. Restaurationen; 4) Stadt im Arrondissement St. Gaudens des französischen Departements Obergaronne; Handel mit Leinengarn, Eisendraht, Kastanien, Getreide u. eingesalzenem fetten Federvieh; 1900 Ew.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 3. Altenburg 1857, S. 141-142.
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