Pest

[456] Pest (die), zur Unterscheidung von andern pestartigen Krankheiten auch die orientalische oder levantische genannt, weil sie ursprünglich aus Asien und Afrika abstammt und noch gegenwärtig im Orient einheimisch ist, Pestilenz, Drüsenpest, Bubonenpest sind die gleichbedeutenden Benennungen für ein höchst gefährliches, in der Mehrzahl der Fälle schnell tödtliches, ansteckendes, nervöses und fauliges Fieber, welches die in seinem Verlaufe stets sich ausbildenden Karbunkeln (s.d.) oder Brandblattern und Drüsenentzündungen wesentlich von allen andern ähnlichen Krankheiten unterscheiden. Die Schriftsteller des Alterthums bezeichneten mit dem Namen Pestilenz überhaupt jede bösartige und epidemisch verbreitete Krankheit, doch findet sich in ihren Schriften keine der wirklichen Bubonenpest entsprechende Beschreibung. Die erste zuverlässige Nachricht von einer wirklichen Pestepidemie stammt aus dem 6. Jahrh. n. Chr., wo sie nach Einigen zuerst in Äthiopien, nach Andern in Ägypten entstanden sein sollte. Von der Zeit an erschien die Krankheit am häufigsten in letztgenanntem Lande an den Küsten Kleinasiens und in der europ. Türkei, verbreitete sich aber auch von Zeit zu Zeit beinahe über ganz Europa. Eine furchtbare Epidemie der Art war die, welche in den Jahren 1348–50 unter der Benennung »schwarzer Tod« ganz Deutschland verheerte. Die letzte mit Entvölkerung drohende Ausbreitung in dem christlichen Europa erreichte die Pest im J. 1771 in Rußland. Gegenwärtig hat sich unser Welttheil durch trefflich eingerichtete Quarantaineanstalten und Cordons, unter denen besonders die Östreichs eine rühmenswerthe Erwähnung verdienen, vor dem Eindringen der Pest aus der Türkei und Ägypten geschützt, wo sie fast ohne Unterbrechung herrscht und noch im J. 1835 eine im Verhältniß zur Bevölkerung ungeheure Menge Menschen hinwegraffte. Die von der Pest Angesteckten empfinden einen oder mehre Tage nachher eine Mattigkeit und Kraftlosigkeit, wie sie in keinem andern Fieber stattzufinden pflegt, fallen wiederholt in Ohnmacht, straucheln auf eine eigenthümliche Weise gleich Betrunkenen oder sind auch wol ganz außer Stande, die untern Gliedmaßen zu bewegen, klagen mit heiserer, schwacher Stimme über Kopfweh, Schwindel, Umnebelung des Gesichts, Brennen in der Herzgrube und Reißen in den Gliedern, sind im höchsten Grade niedergeschlagen und muthlos und werden von einer an Verzweiflung grenzenden Angst gequält. Nach kurzer Dauer dieser Zufälle werden sie von Frost und Hitze, Stechen in der Brust, trockenem Husten und Empfindlichkeit des Unterleibes befallen, wobei ihr Ansehen bleich und verfallen, der Blick trübe, die Haut spröde, trocken und heiß, die Zunge trocken, braun, schwarz und rissig, der Athem stinkend wird, der Urin entweder natürlich bleibt oder eine trübe, braune, ja tintenartige Färbung annimmt, ein unauslöschlicher Durst, Würgen, Erbrechen, heftiges Leibschneiden mit schwarzen, aashaft stinkenden, blutigen Ausleerungen sich einstellen, die Kräfte bis zu gänzlicher Erschöpfung sinken und allerhand Nervenzufälle eintreten. Hierauf entstehen am dritten oder vierten, zuweilen auch schon am ersten und zweiten Tage an verschiedenen Theilen des Körpers (jedoch nie an den mit Haaren bedeckten) unter heftigem Stechen und Prickeln der Haut Brandbeulen oder Blattern in größerer oder geringerer Anzahl, gleichzeitig schwellen die Drüsen in den Weichen, Achselhöhlen, Kniekehlen u.s.w. an und diese Drüsenanschwellungen sind im engern Sinne des Wortes die Pestbeulen. Nach dem Erscheinen der Karbunkeln und Pestbeulen steigert sich gewöhnlich die Heftigkeit sämmtlicher Zufälle und es erfolgt sehr bald der Tod. Geschieht dies nicht, so tritt gegen den siebenten oder vierzehnten Tag unter Nachlaß des Fiebers ein allgemeiner wohlthätiger Schweiß ein und zugleich gehen die Pestbeulen in Eiterung über, während deren die Fieberbewegungen vollends verschwinden. Kommen die Pestbeulen nicht zur Eiterung, so sind die Kranken rettungslos verloren. In einzelnen seltenen Fällen kommt es wol auch vor, daß anscheinend ganz Gesunde mitten in ihren Geschäften plötzlich todt zu Boden stürzen, häufiger aber tödtet die Krankheit erst nach einigen Stunden, am gewöhnlichsten jedoch später, nach dem Ausbruche der Karbunkeln oder auch am siebenten, elften bis vierzehnten Tage durch Schlagfluß. Aber auch bei den Genesenden dauert es doch oft lange Zeit, bis die Brandblattern zur Heilung gelangen; ebenso zieht sich die Vereiterung oder Zertheilung der Drüsengeschwülste oft sehr in die Länge. Überhaupt erholen sich die Kranken nur sehr langsam und verfallen wol gar in Abzehrung und allgemeine Wassersucht. Die Pest verschont kein Alter, kein Geschlecht, keine Körperconstitution, doch scheinen ihr Personen mit großen Geschwüren oder eiternden Wunden, sowie solche, welche an Lungenschwindsucht leiden, und Kinder weniger als Erwachsene ausgesetzt. In der Regel ist, wer die Pest einmal glücklich überstanden, für immer gegen sie geschützt, doch weniger sicher als bei andern ansteckenden Fiebern. Von einem Menschen auf den andern überträgt sich die Pest blos durch Ansteckung, obschon ihre Verbreitung durch allgemeine Drangsale, Mangel an gesunden Nahrungsmitteln, Unreinlichkeit, Unterlassung der nöthigen Vorsichtsmaßregeln und feuchtwarme Witterung wesentlich befördert wird. Der Ansteckungsstoff derselben ist aber nicht sehr flüchtig, sodaß in einer Entfernung von einigen Schritten von dem Kranken keine Gefahr der Ansteckung mehr statthaben soll, dagegen haftet er an festen Körpern, vorzüglich an solchen mit rauher Oberfläche, so namentlich an Wolle, Pelzwerk u.s.w., oft Jahre lang. – Pestessig, Vierräuberessig, franz. vinaigre des quatre voleurs, besteht aus Wermuth, Salbei, Rosmarin, Lavendelblüten, Wachholderbeeren, Zimmt, Nelken und mehren ähnlichen gewürzhaften Pflanzen und Pflanzentheilen, welche mittels starken Weinessigs ausgezogen werden, der dann zu Räucherungen, zum Reinigen des Mundes, zum Waschen u. dergl. m. während ansteckender Krankheiten empfohlen worden ist. Als Grund seines Namens und Rufes wird erzählt, daß sich einst vier Männer in Marseille damit gegen die dort herrschende Pest geschützt und die Pestkranken unter dem Vorgeben, ihnen beistehen zu wollen, beraubt hätten, ohne angesteckt worden zu sein.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 456.
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