Johnson [2]

[292] Johnson (spr. dschonnß'n), 1) Samuel, engl. Dichter, ausgezeichneter Essay ist und Lexikograph, geb. 18. Sept. 1709 zu Lichfield in Staffordshire, gest. daselbst 13. Dez. 1784, studierte in Oxford, sah sich aber durch Armut gezwungen, noch ungeprüft die Stelle eines Unterlehrers an einer Freischule zu Markt-Bosworth in Leicestershire anzunehmen. Bald zog er es vor, sich durch literarische Arbeiten zu erhalten. Er übersetzte Lobos »Reise nach Abessinien« aus dem Französischen, wofür er aber nur 5 Guineen Honorar erhielt. 1735 verheiratete er sich mit einer Witwe, die ihm 800 Pfd. Sterl. zubrachte, und gründete nun in Birmingham eine Erziehungsanstalt, die aber nicht glückte. So ging er 1737 mit einem seiner Zöglinge, dem spätern berühmten Schauspieler Garrick, nach London, um ein Trauerspiel: »Irene«, auf die Bühne zu bringen, was ihm abermals mißlang. Er lieferte nun für das von Cave herausgegebene »Gentleman's Magazine« Parlamentsreden nach dem Gedächtnis, da es noch nicht gestattet war, sie nachzuschreiben (»Debates in parliament«, neue Ausg., Lond. 1811, 2 Bde.). Mehrere Gedichte aus dieser Zeit, z. B. die Satire »London« (1738), eine Nachahmung der dritten Satire des Juvenal, worin er die Torheiten der Hauptstadt mit Witz geißelte, machten ihn weitern Kreisen bekannt. Es folgten: »Die Debatten des Senats zu Liliput«, eigentlich Auszüge aus den Reden der berühmtesten Parlamentarier; die meisterhafte Biographie seines Freundes, des Dichters Richard Savage (1744); das »Dictionary of the English language« (1755, 2 Bde.), das 1758 bereits die 6. Auflage erlebte und die Bedeutung der Wörter so fixierte, daß es hierin bis jetzt allen ähnlichen Werken über die englische Sprache zur Grundlage gedient hat (neue Ausg. 1878), und ein Seitenstück zu dem Gedicht »London«, betitelt »The vanity of human wishes« (1749), eine Nachbildung der zehnten Satire Juvenals. Er redigierte inzwischen auch die moralischen[292] Wochenschriften: »The Rambler« (1750–52,280 Stück) und »The Idler« (1758–60). Erst 1762 entriß ihn eine von der Regierung ausgesetzte Pension von 300 Pfd. Sterl. den Nahrungssorgen, wofür er sich durch zwei Flugschriften mit konservativer Tendenz: »The false alarm« (1770) u. »Taxation no tyranny« (1775, gegen die Amerikaner), dankbar erwies. In diese Zeit fällt auch seine Ausgabe Shakespeares (1765, 8 Bde.), an der besonders die Vorrede bedeutsam ist. Seine Charakteristik des Shakespeareschen Dramas verrät zwar den damals herrschenden französischen Einfluß, namentlich die Achtung vor den drei Einheiten und die auch von Diderot geteilte Ansicht von der moralisierenden Tendenz des Schauspiels; doch durchbricht er anderseits mit Kühnheit die steifen Grundsätze der pseudoklassischen Tragödie. Während J. in den Alten die »Kunst« repräsentiert sieht, erblickt er in Shakespeare, ähnlich wie Milton, den Dichter der »Natur«, verzeiht ihm von diesem Standpunkt aus allerlei »Regellosigkeiten« und wagt es sogar, die Shakespearesche Mischung des Tragischen und Komischen zu verteidigen. Die Frucht einer Reise nach Schottland und den Hebriden (1773) war seine »Journey to the Western Isles of Scotland« (1775), worin er die Echtheit des »Ossian« von Macpherson bekämpfte. Bereits 70 Jahre alt, schrieb er noch für eine Sammlung der englischen Dichter seit Milton deren BiographienThe lives of the most eminent English poets«, Lond. 1779–81 u. ö.; deutsch von Blankenburg, Altenb. 1781, 2 Bde.). J. war ein ernster und origineller Biograph, während er für die Poesie zu kritisch veranlagt war und nach dem Geschmack seiner Zeit zuviel auf geistreiche Aussprüche gab. Seine Verse sind korrekt und fließend, aber kalt; sein Trauerspiel »Irene« ist nur ein Werk des Verstandes; auch sein politisch-lehrhafter Roman »History of Rasselas, prince of Abyssinia« (1759; deutsch unter andern von Bärmann, Hamb. 1843,2 Bdchn.), ein Vorbote der Romantik, ist mehr tüchtig als reizend. Doch kommt bei ihm außer seinen Schriften fast noch mehr seine Persönlichkeit in Betracht: seine redliche Derbheit, die sich besonders dem leichtlebigen Oliver Goldsmith gegenüber zu einer väterlichen Fürsorge entwickelte; sein fester Hausverstand, der dem literarischen Stande zu Achtung verhalf; die Charakterhaftigkeit seiner Äußerungen, die sein Bewunderer Boswell treulich ausgezeichnet hat. Johnsons sämtliche Werke wurden herausgegeben von Hawkins (Lond. 1787, 13 Bde.), Murphy (das. 1796, 11 Bde.; neue Aufl. 1876), am vollständigsten von H. Pearson Walesby (Oxf. 1825, 11 Bde.); seine Briefe wurden erstmalig von Birkbeck Hill gesammelt (»Letters«, 1892, 2 Bde.), der auch eine Auswahl seiner »Essays« besorgte (1889, 2 Bde.). Vgl. Boswell, Life of J. (beste Ausgaben von H. Morley, 1884, 5 Bde., und von Birkbeck Hill, 1887, 6 Bde.); Croker, Johnsoniana (cm. 1836); die kleinere Biographie von Leslie Stephen (1878); Hill, Wit and wisdom of J. (1887); Th. Seccombe, The age of J. (1900).

2) William, einer der Gründer des spätern Staates New York, geb. 1715 zu Smithtown in Irland, gest. 11. Juli 1774 in Johnstown (New York), ging nach Amerika, wo sein Oheim Landbesitzer war, sing, nachdem er sich mit einer Deutschen verheiratet hatte, als Farmer und Dorfkrämer an, ging dann zum Pelzhandel über und trat mit den Rothäuten in so innigen Verkehr, daß er ihre Sitten und Gewohnheiten genau kennen lernte und es verstand, sie in dem Kriege mit den Franzosen auf die Seite der Engländer zu bringen. Als Superintendent of Indian affairs gelang es ihm, eine große Versammlung indianischer Völkerschaften nach Albany zu berufen, und als der Krieg zwischen England und Frankreich entbrannte, focht J. an der Spitze seiner indianischen Verbündeten, verlor 1758 in der Schlacht am Lake George ein Bein, erhielt für seine Dienste von der britischen Regierung den Baronetstitel und schloß 1768 den Vertrag zu Stanwix ab, durch den das Gebiet im S. und O. des Ohio, des Susquehanna und des Unadilla endgültig der Besiedelung durch die Weißen eröffnet wurde. Begraben liegt er in der nach ihm benannten Stadt Johnstown. Vgl. Griffis, Sir William J. and the six nations (New York 1891).

3) Andrew, der 17. Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, geb. 29. Dez. 1808 in Raleigh (Nordcarolina), gest. 31. Juli 1875 in Carter's Station (Tennessee), wuchs in großer Dürftigkeit auf, erlernte das Schneiderhandwerk und ließ sich 1826 zu Greenville in Tennessee nieder. Erst von seiner Frau empfing er Unterricht im Lesen und Schreiben. Doch nahm er bald lebhaften Anteil an der Politik, ward entschiedener Anhänger Jacksons, und so gelang es ihm, seit 1835 mehrmals als Abgeordneter zur Legislatur von Tennessee und 1843 in den Kongreß gesendet zu werden, dem er bis 1853 angehörte. Von 1853–57 war er Gouverneur von Tennessee und ward 1857 Mitglied des Senats. Bei dem Ausbruch des Bürgerkrieges 1861 war J., obwohl Anhänger der demokratischen Partei, der einzige südstaatliche Senator, der sich entschieden für die Aufrechthaltung der Union erklärte. Auch bot er alles auf, um den Anschluß Tennessees an die Südstaaten zu verhindern. Dafür ernannte ihn Lincoln im Frühjahr 1862 zum Militärgouverneur des Staates, und die republikanische Partei wählte ihn 1864 zum Vizepräsidenten. Wenige Monate darauf hob ihn Lincolns Ermordung 14. April 1865 auf den Präsidentenstuhl. Anfangs verfuhr er streng gegen die unterworfenen Demokraten, bald aber bekundete er durch Amnestieerlasse für frühere Rebellen eine veränderte Politik. Gegen die wichtigsten Beschlüsse des Kongresses, wie namentlich gegen die Rekonstruktionsbill und das die volle politische Berechtigung der schwarzen Bevölkerung aussprechende Gesetz, legte er sein Veto ein, das indessen durch die Zweidrittelmajorität des Kongresses unwirksam wurde. Die Konflikte zwischen ihm und dem Kongreß wurden aber immer erbitterter, so daß J. endlich 13. März 1868 als Angeklagter vor die Schranken des Senats gestellt wurde. Doch fehlten 26. Mai an der zu seiner Verurteilung erforderlichen Zweidrittelmajorität drei Stimmen. Da er überdies der politischen Korruption schamlos Vorschub leistete, so trat er, als 4. März 1869 sein Präsidium endete, seiner Volkstümlichkeit gänzlich verlustig, ins Privatleben zurück; erst im Januar 1875 ward er wieder von Tennessee als Senator nach Washington geschickt. Die Reden Johnsons wurden von Moore herausgegeben (Boston 1865). Vgl. Savage, Life and state papers of Andrew J. (New York 1865); Foster, Life and speeches of A. J. (das. 1867); Schucht, Andrew J. und die Kämpfe seiner Zeit (Leipz. 1879); Stoddard, Lifes of Lincoln and Andrew J. (New York 1889); Hughes, General J. (das. 1893); Dewitt, The impeachment and trial of Andrew J. (Lond. 1903).

4) Eastman, amerikan. Maler, geb. 29. Juli 1824 in Lowell (Maine), ging, nachdem er sich bereits als Bildniszeichner betätigt, 1849 nach Düsseldorf, wo er sich auf der Kunstakademie zwei Jahre lang zum[293] Genremaler ausbildete. Nach Reisen durch Italien und Frankreich war er vier Jahre im Haag tätig, wo seine ersten bedeutenden Bilder: der Kartenspieler und der Savoyardenknabe, entstanden. 1856 in die Heimat zurückgekehrt, ließ er sich in New York nieder und malte dort vornehmlich Bilder aus dem häuslichen Leben und dem der Neger, die durch Stich und Lithographie weite Verbreitung fanden. Die hervorragendsten davon sind: die alte Heimat in Kentucky, Sonntagsmorgen beim Farmer, die Kindheit Abraham Lincolns, die alte Postkutsche, der verwundete Tambour, Milton diktiert seiner Tochter, der Dorfschmied und ein Glas mit dem Squire. 1860 wurde er Mitglied der Nationalakademie.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 292-294.
Lizenz:
Faksimiles:
292 | 293 | 294
Kategorien:

Buchempfehlung

Spitteler, Carl

Conrad der Leutnant

Conrad der Leutnant

Seine naturalistische Darstellung eines Vater-Sohn Konfliktes leitet Spitteler 1898 mit einem Programm zum »Inneren Monolog« ein. Zwei Jahre später erscheint Schnitzlers »Leutnant Gustl" der als Schlüsseltext und Einführung des inneren Monologes in die deutsche Literatur gilt.

110 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon