Reineke Fuchs

[757] Reineke Fuchs, hochdeutsche Bezeichnung für den Haupthelden der deutschen Tiersage (s. d.). Das älteste Zeugnis für eine solche begegnet uns im 7. Jahrh. bei dem fränkischen Chronisten Fredegar. Die Ausbildung der Sage ist jedoch nicht auf deutschem Boden erfolgt, sondern in Lothringen, Flandern und Nordfrankreich. Die frühesten Dichtungen aus dem Gebiete der Tiersage sind in lateinischer Sprache abgefaßt, so zunächst die älteste, zugleich an Wert geringste, mit dem Titel: »Ecbasis captivi«, die ein Stück echter Tiersage in eine andre Fabel eingerahmt enthält und vermutlich von einem Mönch aus Tull (Toul) ungefähr gleichzeitig mit dem »Waltharius« in Hexametern abgefaßt ist (hrsg. in J. Grimms und Schmellers »Gedichten des 10. und 11. Jahrhunderts«, und von Voigt, Straßb. 1875). Um die Mitte des 12. Jahrh. entstand dann eine weitere der Tiersage angehörige Dichtung: der in Distichen niedergeschriebene »Isengrimus«, der von dem kranken Löwen und der Betfahrt der Gemse berichtet und von einem Magister Nivardus aus Gent verfaßt ist (hrsg. von Voigt, Halle 1884); vgl. Willems, Étude sur l'Ysengrimus (Gent 1895); von dieser wurde dann um 1300 eine abgekürzte Fassung hergestellt (hrsg. von Jak. Grimm, »Reinhart Fuchs«, Berl. 1834). Um 1180 gab dazu, französischer Quelle folgend (vgl. Büttner, Der Reinhart Fuchs und seine französische Quelle, Straßb. 1891; Voretzsch, Der Reinhart Fuchs Heinrichs des Glichezaere, »Zeitschrift für romanische Philologie«, Bd. 15), der Elsässer Heinrich der Glichesäre in »Isengrîmes nôt« die erste bekannte (mittelhoch-) deutsche Bearbeitung der Tiersage. Das von dieser in kurzen Reimpaaren gedichteten Bearbeitung uns erhaltene Bruchstück, etwa ein Drittel des Ganzen, ist von J. Grimm im »Sendschreiben an Lachmann über Reinhart Fuchs« (Leipz. 1840) veröffentlicht worden. Zu Anfang des 13 Jahrh. hat dann ein Ungenannter die Version des Glichesäre ohne Änderung des Inhalts in die seit Heinrich von Veldeke herrschenden reinern Reime umgeschmolzen (zuerst hrsg. von Mailáth und Köffinger im »Koloczaer Kodex«, Pest 1818; in reinerer Gestalt in J. Grimms »Reinhart Fuchs«, Berl. 1834; mit[757] dem alten Bruchstück zusammen von Reißenberger, Halle 1886). Während im 13. und 14. Jahrh. das Tierepos in Nordfrankreich mannigfache Bearbeitung fand (am berühmtesten der weitschichtige, zuletzt 62,000 Verse umfassende »Roman de Renart«, hrsg. von Martin, Straßb. 1881–87, 3 Bde.; vgl. Sudre, »Les sources du roman de Renard«, Par. 1893), trat in Deutschland selbst seit jener obenerwähnten geraume Zeit hindurch keine auf. Inzwischen aber erhielt die Tiersage, wahrscheinlich um 1250, in Ostflandern durch einen gewissen Willem ihre vollkommenste künstlerische Gestaltung im »Reinaert de Vos«, dessen Arbeit dann wieder etwa um 1370 in Westflandern durch einen Ungenannten umgearbeitet und fortgesetzt wurde (hrsg. von J. Grimm im »Reinhart Fuchs«, S. 115 ff.; von Willems, neue Aufl., Gent 1850; von Jonckbloet, Groning. 1856; von Martin, Paderb. 1874; hochdeutsch von Geyder, Bresl. 1844). Die Umarbeitung dieses Ungenannten wurde dann im 15. Jahrh. von Hinric von Alkmar mit einer prosaischen Glosse versehen und erschien mit dieser 1487 im Druck. Auf diesem Text, der nur in Bruchstücken erhalten ist, beruht dann die plattdeutsche Übertragung, die 1498 zu Lübeck als »Reynke de Vos« von Matthäus Brandis gedruckt wurde. Der Urheber der Übersetzung ist strittig. Nach einer Angabe G. Rollenhagens in der Vorrede zum »Froschmäusler« galt für denselben lange Zeit Nikolaus Baumann, der 1526 in Rostock als Sekretär des Herzogs Magnus von Mecklenburg starb; Zarncke suchte dagegen (Haupts »Zeitschrift für deutsches Altertum«, Bd. 9) einen Hermann Barkhusen, weiland Stadtschreiber und Buchdrucker in Rostock, als Verfasser des »Reineke Vos« nachzuweisen. Diese niedersächsische Fassung hat mit ihrem Original die köstliche Frische und Lebendigkeit der Darstellung und die freilich zum Teil im sprachlichen Idiom liegende Naivität und Komik gemein. Sie erzählt die abenteuerlichen Händel des Fuchses mit dem Wolf, die Begebenheiten am Hofe König Nobels, des Löwen, die Überlistung der Hofleute und Untertanen des Tierbeherrschers durch die verschlagene Tücke Reinekes, der den biedern Vierfüßern Braun dem Bären, Hinz dem Kater, dem Hündlein Wackerlos u. a. aufs ärgste mitspielt, trotzdem aber schließlich an Nobels Hof zu hohen Ehren gelangt. Von dem Originaldruck des Lübecker »Reineke Vos« ist nur noch ein einziges Exemplar (zu Wolfenbüttel) vorhanden. Eine zweite Ausgabe erschien 1517 in Rostock, und dieser folgten während des 16. und 17. Jahrh. Ausgaben in großer Menge, in denen sich der Text zusehends verschlechterte. Den Druck von 1498 ließ Hackmann (Wolfenb. 1711) in genauer Wiederholung auslegen; die letztere liegt der von Gottsched (Leipz. 1752) besorgten Ausgabe zugrunde, die auch eine prosaische Übersetzung (neuer Abdruck der letztern, Halle 1886) und Auslegung nebst einer Abhandlung über Urheberschaft, Alter und Wert des Gedichts enthält. Weitere Ausgaben rühren her von Bredow (Eutin 1798), Scheller (Braunschw. 1825), Scheltema (Haarl. 1826), die aber sämtlich an Wert weit zurückstehen hinter der mit einem trefflichen Wörterbuch versehenen von Hoffmann von Fallersleben (Bresl. 1834, 2. Aufl. 1852) sowie hinter den Ausgaben von Lübben (Oldenb. 1867), Schröder (Leipz. 1872), Prien (Halle 1887). Übersetzt wurde der »Reineke Vos« ins Holländische (von van der Putte, Amsterd. 1694), ins Englische (Lond. 1681), ins Dänische (1555), ins Schwedische (1621). Die erste hochdeutsche Übertragung, die zuerst in Frankfurt 1544 erschien und, obwohl sie »schattenhaft hinter dem Original zurückbleibt«, mehr als 20 mal aufgelegt worden ist, ist vermutlich mit Unrecht M. Beuther zugeschrieben worden; fernere Übersetzungen ins Hochdeutsche sind die prosaische »Der lustige R. F.« (ahne Ort und Jahr), die schon erwähnte von Gottsched, die beiden im Versmaß des Originals abgefaßten von Soltau (Berl. 1803; neue Ausg., das. 1817) und K. Simrock (2. Aufl., Frankf. 1847), endlich die von Hartmann (Leipz. 1864). Mehr aber als alle diese Übersetzungen trug Goethes Bearbeitung des R. F. in Hexametern (zuerst Berl. 1794), zu der Kaulbach später seine genialen Zeichnungen schuf (Münch. 1847), dazu bei, das Interesse des lebenden Geschlechts für die alte Dichtung zu beleben. Vgl. Genthe, Reineke Vos, Reinaert, Reinhart Fuchs im Verhältnis zueinander (Eisleben 1866); Rothe, Les romans du Renart examinés, analysés et comparés (Par. 1845).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 757-758.
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