Kaulbach

[780] Kaulbach, 1) Wilhelm von, Maler, geb. 15. Okt. 1804 in Arolsen, gest. 7. April 1874 in München an der Cholera, erhielt von seinem Vater, einem Goldschmied und Kupferstecher, den ersten Unterricht im Zeichnen und besuchte seit 1821 die Kunstakademie in Düsseldorf, wo sich besonders Cornelius und Mosler seiner Ausbildung annahmen. Als Cornelius 1825 nach München gegangen war, folgte ihm K., nachdem er wegen Mißhandlung eines Mitschülers von der Akademie verwiesen worden war. Im nächsten Jahre malte er im Stil des Cornelius das Deckengemälde: Apollon unter den Musen im großen Saal des Odeons und in den Arkaden des königlichen Hofgartens die symbolischen Figuren der vier Hauptflüsse Bayerns und die Gestalt der Bavaria. Die bald darauf von ihm gemalten 16 Wandbilder zur Fabel von Amor und Psyche im Palast des Herzogs Max in München zeichnen sich durch einfachen, antikisierenden Stil aus. Eine Vermittelung zwischen der Grundrichtung seines Wesens und dem strengen Stil seiner Schule fand er in den Wandbildern im Königsbau, wo im Thronsaal der Königin zwölf Darstellungen aus Klopstocks »Hermannsschlacht« und »Hermanns Tod« nebst vier solchen aus Klopstocks Oden, im anstoßenden Salon acht Wandgemälde aus Wielands »Musarion« und »Grazien« nach Kaulbachs Zeichnungen von Förster und im Schlafsaal der Königin 36 Wand- und Deckengemälde nach Goethes Dichtungen von K. selbst ausgeführt sind. K. hatte sich inzwischen auch dem Studium Hogarths zugewendet, und eine Reihe von Zeichnungen zu Schillers »Verbrecher aus verlorner Ehre« und zu Goethes »Faust« waren die Frucht dieses Studiums. Sein Hauptwerk aus dieser Zeit ist das von Merz gestochene Narrenhaus, dessen erste Idee auf die Düsseldorfer Zeit zurückgeht, wo er in der Kapelle des Irrenhauses einige Engelsfiguren malte und dabei auch Studien nach den Irren machte. Noch während dieser letztern Arbeit beschäftigte den Künstler eine großartige Komposition, die 1834 vollendete Hunnenschlacht, welche die Sage von dem Kampf zwischen den Geistern der gefallenen Hunnen und Römer vor den Toren Roms darstellt. Die Darstellung ist voll Charakter und Lebendigkeit. Eine nach den ersten Entwürfen in Sepiaton ausgeführte Ölwiederholung größern Maßstabes kam in die Sammlung des Grafen von Raczynski zu Berlin (jetzt in Posen) und ist von Thäter und Jacoby gestochen worden. Die Farbenskizze dazu befindet sich im Museum zu Stuttgart. Im Winter 1837/38 schuf K. eine zweite große heroische Komposition, die Zerstörung Jerusalems durch Titus. Auch in diesem Bild ist eine ungewöhnliche Gedankenfülle entwickelt, aber es herrscht darin nicht jene Frische und Unmittelbarkeit, mit der K. den rein poetischen Stoff der Hunnenschlacht ergriffen hatte, die den Höhepunkt seines Schaffens bezeichnet. Nachdem K. 1839 in Italien Farbenstudien gemacht, begann er das Gemälde in Öl auszuführen. 1846 vollendet, kam es in die Neue Pinakothek zu München (gestochen von Merz und Eichens). Von den sonstigen Gemälden und Entwürfen Kaulbachs aus jenen Jahren sind zu nennen: die Befreiung des heiligen Grabes durch die Kreuzfahrer, Christus in der Vorhölle und Anakreon mit seiner Geliebten. Das Hauptwerk dieser Epoche sind die Illustrationen zu Goethes »Reineke Fuchs«, die, von Rahl und Schleich gestochen, seit 1846 (Holzschnittausgabe 1863) erschienen. Unter der dem Franzosen Grandville nachgeahmten Maske von Tieren machte er darin die sozialen, politischen und kirchlichen Verkehrtheiten seiner Zeit zum Gegenstand ätzender Satire. Von da an datiert denn auch der Haß der Ultramontanen, der ihn noch über das Grab hinaus verfolgte. Hieran schlossen sich seine Kompositionen für die Außenseite der Neuen Pinakothek, welche die Entwickelung der neuern Kunstgeschichte seit dem Wiederaufblühen der Kunst zu Anfang des 19. Jahrh. darstellen. K. gab nach seiner reflektierenden Art diesen Darstellungen, in denen er selbst mitspielt, eine von seinen Schöpfungen fast unzertrennliche Beimischung von Satire, die bei Cornelius, Schnorr u. a. große Mißstimmung erregte. Nachdem K. 1847 Direktor der Münchener Kunstakademie geworden war, ging er nach Berlin, um die Ausmalung des Treppenhauses im Neuen Museum daselbst zu beginnen. Der umfangreiche, in stereochromischer Manier ausgeführte Bilderzyklus besteht aus sechs großen kulturgeschichtlichen Darstellungen, einer vierfachen Reihe von Zwischen- und Nebenbildern und einem das Ganze krönenden Fries, einer arabeskenartig verschlungenen Zusammenstellung von Kinder- und Tierfiguren, worin der Künstler das Streben und Ringen des menschlichen Geistes, das sich in jenen großen historischen Tatsachen offenbart, in humoristisch-satirischer Weise widerspiegelt. Die sechs großen Bilder stellen die Zerstörung des babylonischen Turmes, die Blüte Griechenlands, die Zerstörung Jerusalems, die Hunnenschlacht (diese beiden nur Wiederholungen früherer Kompositionen), das Zeitalter der Kreuzzüge und das der Reformation dar. Die Zwischen- und Nebenbilder sind: 1) Isis. Venus, Italien und Deutschland; 2) Moses, Solon, Karl d. Gr. und Friedrich d. Gr.; 3) Sage, Geschichte, Poesie und Wissenschaft; 4) Architektur, Plastik, Malerei und graphische Kunst. Trotz des großen Aufwandes an Gedanken und Darstellungskraft fehlt es dem ganzen Zyklus doch an einem logischen Zusammenhang; auch eignet sich diese Art geschichtsphilosophischer Symbolik überhaupt wenig für malerische Darstellung. 1859 entstand sein Wandgemälde im Germanischen Museum zu Nürnberg: Kaiser Otto III. in der Gruft Karls d. Gr. Außerdem schuf K. viele[780] Bildnisse in ganzer und halber Figur in Öl sowie Kreide- und Kohlezeichnungen. Auch komponierte er eine Reihe von Illustrationen zu Shakespeare und Goethe, die unter dem Titel: »Shakespeare-Galerie« und »Goethe-Galerie« als Kupferstichwerke erschienen; sie geben jedoch trotz mancher seinen Züge die Charaktere der beiden großen Dichter nur in sehr oberflächlicher Weise wieder. An sie schlossen sich ähnliche Illustrationen zu Schillers Dramen und zu Richard Wagners Tondichtungen für König Ludwig II. von Bayern. Aus dieser Zeit stammt auch eine große Kohlezeichnung, die Ermordung Cäsars, ausgezeichnet durch Abrundung der Komposition und Schärfe der Individualisierung. Dieser folgte ein Gemälde für das Maximilianeum in München, die Schlacht bei Salamis, das nach Inhalt und Form nur eine schwache, phrasenhafte Nachahmung früherer Kompositionen und auch nicht frei von Spekulation auf Sinnenreiz ist. (Eine kleinere Wiederholung im Museum zu Stuttgart.) Von gleichem Wert ist die Komposition des Nero mit seinem Hofstaat, in der K. den Gedanken des moralischen Sieges des Christentums, der neuen über die alte Welt, zum Ausdruck brachte. Nebenbei zeichnete K. vier Blätter zu einem Totentanzzyklus und 1869 sein liebliches Tandaradei nach Walter von der Vogelweide. Damals machte K. auch seiner Erbitterung über die Heiligsprechung des Ketzerrichters Arbues in einer mit Kohle an die Wand seines Ateliers gezeichneten Komposition Luft, die er später in Öl auf Leinwand übertragen ließ, wobei er jedoch nicht über die Karikatur hinauskam. Auch sein heiliger deutscher Michel erhob sich nicht über den Wert flüchtiger Tendenzmalerei. Vgl. H. Müller, Wilhelm K. (Berl. 1892, Bd. 1).

2) Friedrich, Maler, Neffe des vorigen, geb. 8. Juli 1822 in Arolsen, gest. 6. Sept. 1903 in Hannover, kam mit 17 Jahren in dessen Atelier zu München, wo er sechs Jahre lang arbeitete. Sodann besuchte er Italien und kehrte von da nach München zurück, um selbständig seine Laufbahn zu beginnen. Mehrere Bildnisse und einige Historienbilder, darunter: Adam und Eva finden ihren Sohn Abel erschlagen, begründeten seinen Ruf. Er erhielt den Auftrag, für ras Maximilianeum die Krönung Karls d. Gr. zu malen, vollendete dieses Bild jedoch erst in Hannover, wohin er berufen worden war, um Bildnisse der Königsfamilie zu malen. Zum Hofmaler ernannt, wurde er der bevorzugte Porträtist der dortigen Aristokratie. Seine zahlreichen Bildnisse, unter denen noch die der Kaiserin Elisabeth von Österreich, des deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und seiner drei Söhne, des Prinzen Albrecht von Preußen, des Fürsten und der Fürstin zu Stolberg hervorzuheben sind, zeichnen sich durch vornehme Auffassung aus. Doch leiden sie an einer gewissen Oberflächlichkeit der Auffassung, die sich mehr auf das Elegante als auf das Charakteristische richtet, und an Flauheit der Farbe. Am besten gelangen ihm Damenbildnisse. K. war Mitglied der Berliner Kunstakademie. Sein künstlerischer Nachlaß befindet sich in einem besondern Saal des Provinzialmuseums zu Hannover.

3) Hermann, Maler, Sohn von K. 1), geb. 26. Juli 1846 in München, widmete sich anfangs auf der Universität gelehrten Studien, ging dann aber zur Malerei über und wurde Schüler von Karl Piloty. Seine historischen Genrebilder behandeln interessante Stoffe mit malerischem Reiz, der namentlich in der Behandlung des Beiwerks hervortritt. Sie gehören meist dem Kostümgenre an. Unter seinen frühern sind hervorzuheben: Ludwig XI. und sein Barbier Olivier le Dain im Gefängnis zu Péronne (1869), Kinderbeichte (1871), eine Kirchenszene (1872), Hansel und Gretel bei der Hexe (in der städtischen Galerie zu Riga), Mozarts letzte Tage (1873, in der städtischen Galerie zu Wien), zechende Johanniter (1874), Sebastian Bach bei Friedrich d. Gr. (1875), Voltaire als Paris (1876), der Turmfalke (1879) und mehrere Grisaillen zu einer Operngalerie. Ein figurenreiches Bild: Lucrezia Borgia tanzt vor ihrem Vater (1882), verletzte durch die lüsterne Auffassung. Einen höhern Aufschwung nahm er mit dem figurenreichen Bilde: Krönung der heiligen Elisabeth durch Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (1886, im Museum zu Wiesbaden). Von seinen spätern Werken sind noch zu nennen: Opferkerzen (1891), das Ende vom Lied (1892, orgelspielende Nonne), an der Grabstätte des Freundes (in der Neuen Pinakothek zu München), Maria (1893, auf der Flucht nach Ägypten), zwischen zwei Welten (1894, Vision eines sterbenden Mädchens) und Verwaiste Herzen (1901). Eine Spezialität von K. sind humoristische Bilder aus dem Kinderleben. Seit 1888 ist er königlicher Professor.

4) Friedrich August von, Maler, Sohn von K. 2), geb. 2. Juni 1850 in München, kam im Alter von 9 Jahren mit seinem Vater nach Hannover und begann unter dessen Leitung seine Studien, die er von 1868–70 auf der Kunstschule in Nürnberg, besonders unter A. v. Kreling und K. Raupp, fortsetzte. Nach kurzem Aufenthalt in Hannover ging er nach Dresden, wo er in der Galerie nach alten Meistern kopierte, und von da nach München, wo er 1872 seinen dauernden Wohnsitz nahm. Schon mit seinen ersten Genrebildern, die, durch seine Empfindung ausgezeichnet, zugleich dem Geschmack des Publikums entgegenkamen, erzielte er große Erfolge. Im Anschluß an die neuerwachte Freude an der deutschen Renaissance malte er romantisch-empfindsame Genrebilder aus dieser Zeit und Bildnisse in ihrer Tracht, von denen: Mutterfreude, der Spaziergang, das Burgfräulein mit dem Pokal, Träumerei und das Liebespaar im Walde hervorzuheben sind. Nachdem K. 1877 eine Reise nach den Niederlanden gemacht, wendete er sich mehr dem Studium der niederländischen Meister zu, dessen Frucht das Bild: ein Maitag (1879, in der Dresdener Galerie) mit Figuren in der Tracht der ersten Hälfte des 17. Jahrh. war. Einen durchschlagenden Erfolg errang K. 1881 mit einem für eine Wirtschaft auf dem Festplatz des VII. deutschen Bundesschießens gemalten Aushängeschild, das »Schützenlis'l«, das eine unermeßliche Popularität gewann und zugleich Kaulbachs humoristische Begabung offenbarte, die sich außerdem noch in zahlreichen Festkarten, Beiträgen zu Festzeitungen und in seinen drastischen Karikaturen für die Kneipzeitung der Künstlergesellschaft »Allotria« bewährt hat. Eine 1882 gemalte Lautenschlägerin in antikisierender Tracht (im Hofmuseum zu Wien) wurde die Vorgängerin einer Reihe ähnlicher weiblicher Idealgestalten, von denen die Geigenspielerin, die heilige Cäcilie und Musika die hervorragendsten sind. Nachdem sich K. 1883 einige Monate in Paris aufgehalten, widmete er sich mehr und mehr der schon früher gepflegten Bildnismalerei, die fortan das Hauptgebiet seines Schaffens blieb. Mit den koloristischen Feinheiten und der vornehmen Auffassung eines van Duck, an den er sich am engsten anschloß, wußte er die Eleganz und den Chic der modernen Franzosen zu verbinden, weshalb er bald zum bevorzugten Maler der[781] Frauenwelt wurde. Von seinen Bildnissen bekannter Frauen sind zu nennen: Prinzessin Gisela von Bayern, Frau Munkacsy, Prinzessin Alice von Hessen (jetzige Kaiserin von Rußland), Großfürstin Sergius von Rußland, Gruppenbild der Töchter des Herzogs Alfred von Sachsen-Koburg-Gotha, Kaiserin Auguste Viktoria mit Prinzessin Viktoria Luise. K. hat auch hervorragende männliche Bildnisse gemalt, unter andern das seines Vaters, den Prinz-Regenten Luitpold von Bayern, v. Pettenkofer, den Großherzog von Hessen und Kaiser Wilhelm II. (im Wallraf-Richartz-Museum zu Köln). Von 1886–91 war K. Direktor der Münchener Kunstakademie. Unter seinen übrigen Schöpfungen sind noch eine Beweinung Christi (1892, in der Neuen Pinakothek zu München) und die Genrebilder: Quartett (1886), Pierrots (1889) und Mädchenreigen (1897) bemerkenswert. K. hat auch feinempfundene Landschaften gemalt und sich auch auf dem Gebiet der dekorativen Malerei bewährt. Er ist mit der Violinvirtuosin Frida Scotta, geb. 31. März 1872 in Kopenhagen, vermählt, besitzt die große Medaille der Berliner Kunstausstellung und ist Mitglied der Berliner Kunstakademie. Vgl. Graul, F. A. v. K. (Wien 1890); A. Rosenberg, Friedrich August v. K. (Bielef. 1900).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 780-782.
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