Terrakotta

[424] Terrakotta (v. ital. terra cotta, »gebrannte Erde«, hierzu die Tafeln »Terrakotten I-III«), jedes künstlerisch ausgestaltete Produkt der Töpfer und Tonbildner wie der Bildhauer überhaupt, die sich mit Kleinplastik beschäftigen. In den alten Kulturländern Ägypten und Mesopotamien blühte schon früher die Herstellung bemalter und glasierter Tonwaren. Aus Babylonien und Persien kennen wir aus glasierten Ziegeln zusammengesetzte, figurengeschmückte Wandverkleidungen. In Griechenland wurde die eigentliche Tontechnik aufs höchste verfeinert. Die Keramik arbeitete teils im Dienste der Architektur, teils schuf sie selbständige Gebilde: Gefäße oder Figuren der verschiedensten Größe, Gestalt und Bestimmung. Kastenartige, bunt bemalte und hart gebrannte Tonplatten wurden im 7. und 6. Jahrh. v. Chr. zur Verkleidung der hölzernen und auch der steinernen Gesimsbalken an Tempeln, Schatzhäusern etc. verwendet. Auch die Stirnziegel, die Traufrinne mit den Wasserspeiern, der Firstschmuck wurden aus Ton hergestellt. Schöne Beispiele kennen wir z. B. aus Olympia und Selinus (Tafel I, Fig. 1 u. 2; vgl. die Schrift von Dörpfeld u. a.: »Über die Verwendung von Terrakotten am Geison und Dach griechischer Bauwerke«, Berl. 1881). Eine hervorragende Rolle spielte, nach griechischen Vorbildern, der Terrakottaschmuck in der archaischen etruskischen Baukunst. Schöne Beispiele aus dem Besitze des Berliner Museums geben Fig. 3–5. Zur Zeit der freien Kunst sah Italien, besonders wieder Etrurien, aber auch Unteritalien, eine Blüte der großen Tonplastik, wie in der Renaissance durch die Tätigkeit der Robbia (s. Keramik). Der ganze Figurenschmuck der Giebelfelder etruskischer Tempel wurde aus Ton hergestellt. Auch in römischer Zeit blieb diese Technik auf der Höhe. Zahlreich erhalten sind uns die zur Verkleidung des Gebälkes dienenden hübschen Reliefplatten aus der frühen Kaiserzeit. Hauptsammlungen im Britischen Museum (London), im Louvre (Paris) und im vatikanischen Museum (Rom). Vgl. Combe, Description of the collection of ancient terracottas in the British Museum (Lond. 1810); Campana, Antiche opere in plastica (Rom 1842). Eine zusammenfassende Veröffentlichung durch v. Rohden steht bevor. Die höchsten Leistungen der Tonbildnerei erreichte die griechische Kunst in der Koroplastik, in der Herstellung kleiner Rundfiguren, die in der Form gepreßt, aus freier Hand nachmodelliert, gebrannt, mit Pfeifenton überzogen und in zarten Farben bemalt wurden. Unsre Tafel (Fig. 6–12) gibt Stücke des Berliner Museums. In älterer Zeit dienten die Figuren besonders als Weihgeschenke für die Gottheit und als Beigaben in den Gräbern. Es herrschen Göttertypen vor (Fig. 6), doch finden sich auch reizende Genredarstellungen, wie der Garkoch aus Tanagra (Fig. 7). Zur Zeit der freien Kunst, im 4. Jahrh. und in der hellenistischen Epoche, dienten die Terrakotten, wie unsre Porzellanfiguren, als Nippes zum Schmuck[424] der Räume und wurden als solche auch den Toten mitgegeben. Berühmt sind die reizenden Mädchengestalten aus Attika, Korinth (Fig. 9) und Tanagra (Fig. 12) in Böotien. Durch großen Stil zeichnen sich die Erzeugnisse von Tarent aus. Auch in Kleinasien blühte die Koroplastik. Hauptfundorte sind hier Myrina und die Gegend von Smyrna. Unter den kleinasiatischen Werken sind barocke Schöpfungen und ausgezeichnete Karikaturen hervorzuheben (Fig. 8). Eine Eigentümlichkeit des attischen Kunstgewerbes sind die seinen Salbgefäße in figürlicher Form (Fig. 10), von denen sich die herrlichsten Beispiele, wie auch andre griechische Terrakotten (Fig. 11), in Südrußland gefunden haben. Eine Übersicht über den ganzen Reichtum der Motive der griechischen Koroplastik gibt Winter, Typen der figürlichen Terrakotten (Berl. 1903, 2 Tle.). Vgl. Panofka, Terrakotten des königlichen Museums in Berlin (Berl. 1842); Kekulé, Griechische Tonfiguren aus Tanagra (Stuttg. 1878) und Die antiken Terrakotten (mit v. Rohden, das. 1880–84, 2 Bde.; Bd. 3 von Winter, s. oben); »Griechische Terrakotten aus Tanagra und Ephesos im Berliner Museum« (Berl. 1878); »Ausgewählte griechische Terrakotten im Antiquarium der königl. Museen zu Berlin« (das. 1903); Fröhner, Terres cuites d'Asie Mineure (Par. 1879), und die populäre Schrift von Pottier, Les statuettes de terre cuite (das. 1890).

Die Überlieferung antiker Tontechnik, insbes. der Glasuren, übernahm die Kunst des Orients. Schon im 11. und 12. Jahrh. war sie besonders in Ägypten und Persien entwickelt, hervorragend in Verwendung von Goldglanz- oder »Lüstre«-Glasuren. Ihre Werke waren vor allem Fliesenbeläge, Inschriftfriese und mosaikartige Zusammensetzungen geformter oder geschnittener farbiger Tonstücke. Sie dauerte mit glanzvollen Leistungen bis in das 18. Jahrh. Im abendländischen Mittelalter erlosch die Kunst der Terrakottenherstellung zunächst völlig. Erst die im 12. Jahrh. in Oberitalien entstandene, in Norddeutschland zu besonderer Blüte gediehene Backsteinbaukunst bildete wieder zierliche Bogenfriese, Konsölchen, Kämpfersteine etc. aus dem in trockenem oder halbfeuchtem Zustande geschnitzten Ton. Schon um die Mitte des 13. Jahrh. traten in Norddeutschland einfarbige Glasuren, braun, grün oder schwarz, zur Bereicherung baulicher Gliederungen auf. Umfangreichere Verwendung von Terrakotten führte die gotische Kunst ein. Fenstermaßwerke (Tafel II, Fig. 1; zuerst in Chorin gegen 1300), Gesimse, Friesplatten mit allerlei Zierat, durchbrochene Maßwerkfriese (Tafel II, Fig. 3) erhielten in freihändiger Bearbeitung des Tons kräftige Ausbildung, oft auch Überzug mit Glasur. Höchster Reichtum dieser Richtung an den durchbrochenen Maßwerkgiebeln des 15. Jahrh. (Tafel II, Fig. 2; Rathaus in Tangermünde, St. Katharina in Brandenburg etc.). In gleicher Zeit wurde T. zu Kleinplastiken benutzt, in Franken auch zur Herstellung hohlgeformter größerer Bildwerke. In Oberitalien kam in spätgotischer Zeit reichster Terrakottenschmuck in flauerer Durchbildung auf, mechanisch durch Eindrücken in Formen hergestellt (Monza, Mailand, Cremona). Diese Verzierungsweise mit Friesen und friesartigen Fensterumrahmungen übernahm die Frührenaissance und verband sie mit dem Reiz ihrer frischen Ornamentik sowie mit antiken Gesimsbildungen (Klosterhof der Certosa in Pavia, Hospital in Mailand, Paläste in Bologna). Die deutsche Renaissance verzichtete ebenfalls auf die zierlichen Durchbrechungen der Spätgotik sowie auf die Bearbeitung aus freier Hand und deutete die antiken Formen zu seinem Flachornament um (Fürstenhof in Wismar; Tafel II, Fig. 6). Tonplastik war ferner in der Florentiner Bildhauerschule seit dem Schluß der Gotik für den Massenbedarf des Bürgertums in reger Übung, meist bemalt. Besondern Aufschwung und architektonische Verwendung fand sie im 16. Jahrh., mit der Technik der dickflüssigen Zinnglasuren verbunden, durch die Künstlerfamilie der Robbia (Tafel II, Fig. 5; Rundbilder am Findelhaus in Florenz, Fries am Hospital del Ceppo in Pistoja). In Frankreich formte Palissy (1510–90) naturalistischen Zierat in Ton mit glänzenden durchsichtigen Bleiglasuren zu kunstgewerblichen Gegenständen, Grottenbauten u. dgl. (Tafel III, Fig. 1). Hervorragende dekorative Leistungen sind die Öfen der schweizerischen und süddeutschen Hafnermeister aus gleicher Zeit. Die Barockzeit war der Anwendung der Terrakotten abgeneigt. Der Terrakottenbau wurde im 19. Jahrh. wieder belebt durch Schinkel und die Berliner Schule (Bauakademie, Rathaus in Berlin; Tafel II, Fig. 4) im Sinne der italienischen Frührenaissance. Daneben wurde das farbige Steinzeug (Plattenbeläge und Bauornament mit oder ohne Glasur), besonders in Mettlach, gepflegt. Noch größere Ausdehnung hat die Verwendung von Terrakotten zu Bauwerken im gleichen Sinne in England und Nordamerika gefunden. Die neueste lebhafte Bewegung beruht teils auf Anschluß an die volkstümlich überlieferten Töpfertechniken (Läuger-Karlsruhe, Tafel III, Fig. 2, Diez-München u. a.), teils auf den Einflüssen japanischen Steinzeuges (grès) mit geflossenen, stumpfen Glasuren. Bahnbrechend für letztere war der frühverstorbene französische Bildhauer Carriès mit figürlichen Arbeiten und großem Portalbau für Schloß Montriveau (Tafel III, Fig. 3). Bedeutende bauliche Arbeiten seiner Nachfolger (aus den Werkstätten von A. Bigot, E. Muller u. Co. u. a.) auf der Weltausstellung in Paris 1900 (Tafel III, Fig. 6) und an einer Hausfront an der Avenue Rapp in Paris. Umfangreiche Leistungen (aus Mettlach und Meißen) auf der Dresdener Ausstellung 1906 (Tafel III, Fig, 1), Steinzeugschmuck mit Lüstreglasur (von Mutz-Berlin) am Hause Kempinski in der Leipziger Straße zu Berlin (Tafel III, Fig. 5). Vgl. R. Borrmann, Die Keramik in der Baukunst (im »Handbuch der Architektur«, 2. Aufl., Stuttg. 1907) und Moderne Keramik (Leipz. 1902); Gruner, The terra-cotta architecture of North-Italy (Lond. 1867); Adler, Mittelalterliche Backsteinbauwerke des preußischen Staates (Berl. 1859–98); Strack, Ziegelbauwerke des Mittelalters und der Renaissance in Italien (das. 1889); Haupt, Backsteinbauten der Renaissance in Deutschland (Frankf. a. M. 1899).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 424-425.
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