Heuschrecken

[351] Heuschrecken, 1) (Acridicidea), Familie aus der Insectenordnung Geradflügler, Flügeldecken steif, lederartig, aderig, dachförmig liegend; Flügel der Länge nach gefaltet, Fühler kurz, nicht über halbe Körperlänge, walzenrund od. scharfkantig u. zusammengedrückt; drei Nebenaugen; Füße dreigliederig, an allen Beinen gleich; Hinterbeine sehr groß, mit verdickten Schenkeln, auf denen erhabene Leisten; Weibchen ohne hervorragende Legröhre; sie hüpfen, u. durch Reiben der Flügel an den Erhabenheiten der Hinterschenkel bringen beide Geschlechter einen schwach zirpenden Ton hervor, der dadurch verstärkt wird, daß in einer Vertiefung an jeder Seite des ersten Leibesringes eine Art Trommelfell ausgespannt ist. Diese Familie der eigentlichen H. besteht aus den Gattungen: a) Kaputzenheuschrecke (Tetrix), deren großes Brustschild eine erweiterte Kappe über dem Kopfe bildet u. sich nach hinten in einen langen, spitzig zulaufenden Fortsatz verlängert, der zum Theil den Rücken u. die Flügel bedeckt. In Deutschland nur zwei Arten: die Zweipunktige Kaputzenheuschrecke (T. bipunctata), 4 Linien lang, u. die Pfriemenheuschrecke (T. subulata), 6 Linien lang; b) Schnarrheuschrecke (Grashüpfer, Acridium Latr. s. Gryllus Fabr.), Fühler drehrund, Kopf frei, dick, plump u. stumpf gerandet, Brustschild nach hinten abgerundet, den Leib nicht deckend; das Männchen ist um ein Drittel od. die Hälfte kleiner als das Weibchen, die Hinterbeine sind sehr groß mit kolbigen Schenkeln u. stacheligen Schienen. Die H. erscheinen oft in den heißen Ländern, aber auch zuweilen in den gemäßigten, in so ungeheurer Menge, daß ihre Schwärme die Luft verdunkeln, u. wenn sie sich niederlassen, in kurzer Zeit alles Grüne auf weite Strecken hin abfressen. Das nördliche Afrika ist bes. ihren Verheerungen ausgesetzt, u. Hungersnoth ist nicht selten die Folge derselben, durch kalte, feuchte Witterung aber getödtet, verpesten diese Thiere, in Fäulniß übergehend, die Luft. In Vorderasien u. Nordafrika ist es bes. die Tartarische (A. tartaricum) u. die Ägyptische (A. aegyptiacum), die sich zuweilen in so großen Schaaren zeigen. Dort werden die H. übrigens auch, auf verschiedene Weise zubereitet, gegessen. Sie werden zu diesem Zwecke gewöhnlich gedörrt, gemahlen, dann mit Mehl wie Kuchen gebacken od. in Butter gebraten. Auch wie Krebse mit Salz gekocht, od. in Essig mit Salz u. Pfeffer sollen sie recht gut, u. zwar fast wie Krebse, schmecken. Die Zug- od. Wanderheuschrecke (A. migratorium), in Süd-, Ost- u. Mitteleuropa zu Hause, ist über 2 Zoll lang, Brustschild mit einem Längskiele u. 1–2 Querfurchen, Hinterschenkel unten gelblich, Körper grau, hier u. da in's Fleischfarbene übergehend, Brust sammetartig gelblich behaart, Augen blaß gelbroth, Unterkiefer schwarz, an der Basis oft schön blau, Vorderflügel blaßbraun, dunkelgefleckt, Hinterflügel gelblich irisirend. Sie zeigen sich zuweilen in ungeheueren Zügen, wie z.B. bei Klausenburg 1747, wo sie 3 Meilen lang u. 11/2 Meile in der Breite vorbeizogen, u. dabei so dicht u. in so großer Menge über einander, daß man auf 20 Schritte gar nichts mehr erkennen konnte. Gras, reife Feldfrüchte, Laub etc. fressen sie sogleich ab, ja sie fresser auch Kraut, Obst, Körner, Wurzeln, Brod, u. selbst im größten Hunger Baumrinde u. Holz. Haben sie ein Feld abgefressen, so erheben sie[351] sich Morgens od. um Mittag, u. ziehen nach neuer Nahrung, oft gegen den Wind, wollen sie hingegen in ein anderes Land ziehen, so erheben sie sich hoch u. lassen sich vom Winde treiben. Führt sie dieser in eine Richtung, wo sie lange über dem Wasser schweben müssen, so sinken sie oft entkräftet in dieses u. kommen so um. Bei der Begattung ziehen sie sich an sehr warme od. sandige Stellen, um, da sie keinen Legestachel haben, die Eier bequem auf die Erde legen zu können. Die Männchen kämpfen hier oft unter einander; man will auch bemerkt haben, daß die Männchen die Weibchen nach der Begattung wüthend anfallen u. tödten, doch sterben die Männchen nach der Begattung größtentheils. Ein Weibchen begattet sich mit mehreren Männchen hinter einander. Die Eier, welche an Größe u. Aussehen den Weizenkörnern gleichen, legt das Weibchen, etwa 50 auf einmal, in zwei od. drei Abtheilungen u. mit einem rosenrothen Schaum umzogen in die Erde od. auch an die Oberfläche derselben unten an die Pflanzen. Diese werden bes. durch Nässe zerstört, u. es ist daher nur in sehr trockenen Jahren nöthig, diese Eierpäckle (Striegel) aufzusuchen u. zu zerstören. Gegen die H. hat man viele Mittel versucht. Außer daß man die Eier aufsucht u. Schweine, Enten u. Hühner, die sie u. die Larven gern fressen, dahin treibt, wo die H. gelegt haben, jagt man die ungeflügelten H., die ebenfalls großen Schaden thun, bei nassem Wetter mit Besen in glatte u. senkrechte Gräben, unten mit Kesseln, womit man die Gegend, wo die H. eingefallen sind, umzieht, u. beschüttet sie dort mit Erde. Fliegende H. verscheucht man durch Getöse, Lärmen mit metallnen Gefäßen etc., auch Darunterschießen, wo sie manchmal sich erheben u. weiter ziehen. Zuweilen brennt man auch wohl die Felder, wo sie eingefallen waren, an. Auch das Aufbieten der ganzen Bevölkerung gegen sie ist versucht worden. Vormals versuchte man selbst Zauber gegen sie, lud sie in Frankreich förmlich vor Gericht u. sprach den Bann (Heuschreckenbann), so noch 1725 Benedict XIII., über sie aus. Bes. große Heuschreckenzüge erschienen 232 in Italien, 693 u. 677 in Griechenland, 852 in ganz Europa, 874 in Frankreich, 1084 im östlichen Europa, 1271 u. 1339 in Italien, 1475 in Deutschland, 1535 bis 43 in Polen, 1564 u. 1566 in der Lombardei, 1613 in Deutschland u. 1693 in Thüringen, 1730, 1748, 1750, 1752 in Ostdeutschland. Ein Zug, der 1753 nach Frankreich einfiel, fraß um Arles mehr als 15,000 Morgen Getreide bis an die Wurzeln ab, bis endlich ganze Schaaren von Vögeln, bes. Staare, sich einfanden u. die H. zum großen Theile vertilgten. Seit der Zeit haben sie Europa größtentheils verschont, bis sie sich 1819 in Frankreich u. 1827 in Polen, Preußen u. Schlesien, später auch in Ungarn, wieder zeigten. In der Bibel ist mehrmals von H. die Rede, von denen sich die Israeliten in der Wüste u. Johannes eben da ernährten; dies ist jedoch hauptsächlich die Eßbare od. Arabische H. (Kammheuschrecke, Größte H., Acridium cristatum, Gryllus cristatus), in Asien u. Afrika, zinnoberroth, mit grünen, an dem Ende braunen Flügeln, u. mit viertheiligem Brustkamme, Länge 5 Zoll, welche noch jetzt von den Arabern mit Wegwerfung der Füße, Flügel, Fühlhörner etc. getrocknet, gepulvert u. zu kleinen, dünnen Kuchen verbacken, od. in Wasser gekocht u. mit Butter zu einer Art schmackhafter Fricassee bereitet, auch eingesalzen etc. wird. 200 Stück dienen einen Erwachsenen zu sättigen. Bei ihren schaarenweisen Zügen bewirken sie oft Sinken der Preise, richten aber auch große Verheerungen an. Bei den Alten wurden sogar ganze Völker Akridophagen, d. i Heuschreckenfresser, genannt. Nach Andern waren die H., welche Johannes aß, die Schoten von Ceratonia siliqua, u. die der Israeliten in der Wüste Vögel. Die Südafrikanische H. (Gryllus devastator, Lichtenst.) ist wesentlich von der asiatischen verschieden. Sie erscheinen in ungeheuren eine Viertelstunde breiten, über eine Stunde langen Zügen, die aus dem Innern Afrikas kommen, die Sonne verfinstern u. ein Getreidefeld im Nu abfressen. Die fliegenden werden noch allenfalls durch Rauch abgehalten, schwerer sind die kriechenden (Voetgangers, d.i. Fnßgänger) zu bändigen, die aus den flügellosen Larven der H. bestehen u. Sümpfe ausfüllen, Feuer auslöschen u. selbst den Orangefluß an seichten Stellen dämmen. Sie sind eßbar u. werden nicht nur von dem Heuschreckenvogel, der sie schaarenweise begleitet, sondern von Geflügel, Schafen, Pferden, Hunden u. von Menschen gern genossen. Bei uns in Deutschland kommen vorzüglich noch vor: Eigentliche Schnarrheuschrecke (A. stridulum), Bläuliche H. (A. coerulescens), Rothschenkelige H. (A. grossum), Zweifleckige H. (A. biguttulum), der Läufer (A. pedestre) hat keine Flügel; 2) Säbelheuschrecken (Locustina), Familie derselben Ordnung mit der Gattung Eigentliche Säbelheuschrecke od. Graspferd (Locusta), s. d., Laubheuschrecke od. Warzenfresser. (Decticus) u.a. H. werden zuweilen auch die Fam. der Gryllen (Grabheuschrecken, Gryllodea), mit der Gattung Grylle (Gryllus s. Acheta) u. Maulwurfsgrylle (Gryllotalpa) genannt, die Familie der Gespenstheuschrecke (Phasmodea) mit der Gattung Stabheuschrecke (Phasma) u. Blattheuschrecke (Phyllium) u. die Familie der Fangheuschrecken (Mantodea) mit der Gattung Gottesanbeterin (Mantis) u. Gespenstheuschrecke (Empusa).

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 8. Altenburg 1859, S. 351-352.
Lizenz:
Faksimiles:
351 | 352
Kategorien:

Buchempfehlung

Naubert, Benedikte

Die Amtmannin von Hohenweiler

Die Amtmannin von Hohenweiler

Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen seyn! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich gethan habe.

270 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon