Staatsgrundgesetze

[632] Staatsgrundgesetze, diejenigen Gesetze, auf denen die hauptsächlichsten Institutionen der Verfassung beruhen, insbesondere daher die Gesetze über die Rechte des Landesherrn, die Rechte der Staatsbürger im Allgemeinen, die Rechte der Volksvertretung etc. Aus dem Streben nach Codification (s.d.) ist es zu erklären, daß neuerdings die Zahl der umfassenden S. bedeutend gewachsen ist, während man früher diesen Begriff überhaupt weniger kannte. Eine Eigenthümlichkeit der S. besteht noch darin, daß nach manchen Verfassungen Abänderungen in den S-n an schwerere Bedingungen u. Voraussetzungen geknüpft sind, als die Abänderung anderer. Gesetze, z.B. statt der gewöhnlichen eine Zweidrittelmajorität beider od. doch wenigstens der zweiten Kammer. Als S. des ehemaligen Deutschen Reichs galten sonst die Constitution des Kaisers Friedrich II. von 1220 (Const. Francofurt. de juribus Principum ecclesiasticorum) u. von 1232 (Const. Utin. de juribus Principum secularium), die Constitution des Kaisers Ludwig des Baiern vom Jahre 1338 (Const. Francofurt. de jure et excellentia imperii), worin die Unabhängigkeit der deutschen Königswahl vom Päpstlichen Stuhle ausgesprochen wurde, die Goldene Bulle des Kaisers Karl IV. von 1356 (s.u. Bulle), Per Ewige Landfriede des Kaisers Maximilian I. von 1495, die Reichskammergerichtsordnung[632] von 1495 (revidirt 1555) u. die Reichshofrathsordnung von 1518, die kaiserliche Wahlcapitulation, d.h. das Gesetz, welches seit Kaiser Karl V. bei jeder Kaiserwahl zwischen dem Kaiser u. den Kurfürsten errichtet wurde u. seit 1711 eine beständige Gestalt erhielt, die deutschen Religionsverträge (Vertrag von Passau 1552, Religionsfriede von Augsburg 1555), die Concordate der Deutschen Nation (Wormser Concordat von 1122, Wiener Concordat von 1448), der Westfälische Friede von 1648 u. der Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Febr. 1803. Als die Grundgesetze des Deutschen Bundes sind die Deutsche Bunacte vom 8. Juni 1815 u. die sogenannte Wiener Schlußacte vom 15. Mai 1820 zu betrachten. Für die einzelnen deutschen Länder bestehen die wichtigsten S. gegenwärtig in folgenden Gesetzen: für das Kaiserthum Österreich das Kaiserliche Manifest vom 20. Oct. 1860 u. das Grundgesetz vom 26. Febr. 1861 über die Reichsvertretung, das Statut vom gleichen Tage über den Staatsrath u. die Landesordnungen für die einzelnen Königreiche, Erzherzogthümer, Markgrafschaften u. Herzogthümer; für das Königreich Preußen die Verfassungsurkunde vom 31. Jan. 1849, nebst mehrfachen Abänderungsgesetzen, das Gesetz über Bildung der ersten Kammer (Herrenhaus) vom 7. Mai 1853 u. Verordnungen dazu vom 12. Oct. 1854, so wie das Gesetz über Bildung der Wahlbezirke für die zweite Kammer (Haus der Abgeordneten) vom 27. Juni 1860; für das Königreich Baiern die Verfassungsurkunde vom 26. Mai 1818, das Gesetz über die Bildung der Kammer der Reichsräthe vom 9. März 1828 u. über die Wahl der Abgeordneten vom 4. Juni 1848, das Gesetz über Festsetzung einer permanenten Civilliste vom 1. Juli 1834, das sogenannte Verfassungsverständniß in Betreff des Steuerbewilligungsrechtes der Stände von 1843, das Gesetz über die ständische Initiative vom 4. Juni 1848, das sogenannte Grundlagengesetz bezüglich der Gerichtsorganisation u. das Gesetz über die Verantwortlichkeit der Minister vom gleichen Datum, endlich das Gesetz über den Geschäftsgang des Landtags vom 25. Juli 1850 u. über die Landräthe vom 28. Mai 1852; für das Königreich Sachsen die Verfassungsurkunde vom 4. Sept. 1831, das Gesetz über eine Ergänzung u. theilweise Abänderung der Verfassungsurkunde vom 5. Mai 1851, das Gesetz über eine Abänderung des letzteren Gesetzes vom 27. Nov. 1860, über einige weitere Abänderungen der Verfassungsurkunde vom 19. Oct. 1861 u. das Wahlgesetz vom gleichen Datum; für das Königreich Hannover das Landesverfassungsgesetz vom 6. Aug. 1840 nebst den, nach Wiederaufhebung der im Jahre 1848 hieran getroffenen Abänderungen, dasselbe im Wesentlichen wiederherstellenden königlichen Verordnungen vom 1. Aug. 1855, 26. Jan. u. 7. Sept. 1856 (über die Umgestaltung des Staatsraths), mehrern Abänderungsgesetzen vom 7. Sept. 1856, 28. April 1859 u. 25. Oct. 1860, so wie dem Gesetze vom 24. März 1657 über die Einführung des neuen Finanzcapitels; für das Königreich Württemberg die Verfassungsurkunde vom 25. Sept. 1819; für das Großherzogthum Baden die Verfassungsurkunde vom 22. Aug. 1818 nebst Wahlordnung vom 23. Dec. 1818 u. die Gesetze über die Civilliste vom 3. März 1654 u. 14. April 1858; für das Kurfürstenthum Hessen die durch landesherrliche Verkündigung vom 21. Juni 1862 unter Aufhebung der Verfassungsurkunde vom 13 April 1852 wieder in Kraft gesetzte Verfassungsurkunde vom 5. Januar 1831; für das Großherzogthum Hessen-Darmstadt die Verfassungsurkunde vom 17. Dec. 1820 u. das Gesetz über die Zusammensetzung der beiden Kammern der Stände u. die Wahlen der Abgeordneten vom 6. Sept. 1856 mit einer späteren Abänderung vom 14. Juli 1862; für Holstein u. Lauenburg das Verfassungspatent für Lauenburg vom 20. Dec. 1853 u. die Verordnung über die Verfassung des Herzogthums Holstein vom 11. Juni 1854, in Verbindung mit dem Verfassungsgesetz für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten der dänischen Monarchie vom 2. Oct. 1855 u. der Bekanntmachung in Betreff der nähern Bestimmung der besonderen Angelegenheiten des Herzogthums Holstein vom 23. Juni 1856; für das Großherzogthum Luxemburg die revidirte Verfassungsurkunde vom 27. Nov. 1856 nebst den Verordnungen vom 7. Juni u. 17. Nov. 1857 über die Wahlen zur Ständeversammlung u. Gesetz vom 15. Jan. 1858 über die Civilliste; für das Großherzogthum Sachsen-Weimar das revidirte Grundgesetz vom 15. Oct. 1850, Gesetz über die Ministeranklagen vom 22. Oct. 1850, neues Wahlgesetz vom 6. April 1852 u. Verordnung über die Verwaltung des Kammervermögens vom 4. Mai 1854; für das Herzogthum Sachsen-Meiningen das Grundgesetz vom 23. Aug. 1829, Gesetz über die Wahl der Abgeordneten vom 25. Juni 1853 u. über das Domänenvermögen vom 3. Juni 1854; für das Herzogthum Sachsen-Altenburg das Grundgesetz vom 29. April 1831, Gesetz über die Revision dieses Grundgesetzes, insbesondere im Betreff der landschaftlichen Wahlen vom 1. Mai 1857 u. Gesetz über die Rechtsverhältnisse am Domanialvermögen vom 18. März 1854; für das Herzogthum Sachsen-Koburg-Gotha das S. vom 3. Mai 1852 u. die beiden Gesetze über die Domänen im Herzogthum Koburg vom 29. Dec. 1846, u. im Herzogthum Gotha vom 1. März 1855; für das Herzogthum Braunschweig das Landesgrundgesetz vom 12. Oct. 1832, Gesetz über die Abänderung dieses Gesetzes vom 19. März 1850 u. Wahlgesetz vom 23. Nov. 1851; für das Herzogthum Nassau das Patent vom 1. Sept. 1814 über die Errichtung von Landständen, die Verordnung vom 25. Nov. 1851 über das geltende Staatsrecht u. die Verordnung vom gleichen Tage über die Wahl der Abgeordneten; für die Großherzogthümer Mecklenburg-Schwerin u. Strelitz, nach Wiederaufhebung des Schwerinschen S-s vom 10. Oct. 1849 durch das Urtheil des Schiedsgerichtes zu Freienwalde vom 14. Sept. 1850, die alte Union von 1523 u. der landesgrundgesetzliche Erbvergleich. vom 18. April 1756; für das Großherzogthum Oldenburg das revidirte S. vom 22. Nov. 1852 u. das Gesetz über die Wahl der Abgeordneten zum Landtage vom gleichen Datum; für die beiden Herzogthümer Anhalt-Dessau-Köthen u. Anhalt-Bernburg die neue Gesammt-Landschaftsordnung vom 18. Juli 1859; für das Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen das Landesgrundgesetz vom 8. Juli 1857 u. für das Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt das Grundgesetz nebst Wahlgesetz vom 21. März 1854; für das Fürstenthum Reuß jüngere Linie das revidirte S. vom 14. April[633] 1852, Gesetz über die Zusammensetzung u. Wahl der Landesvertretung vom 16. Mai 1856 u. Gesetz über einige Abänderungen des S-s vom 10. Juni 1856, während für das Fürstenthum Reuß ältere Linie ein neueres S. noch nicht besteht; für das Fürstenthum Schaumburg-Lippe der Landesvergleich vom 3. Dec. 1791 nebst der Verordnung über die landständische Verfassung vom 15. Jan. 1816; für Lippe-Detmold die Verfassungsurkunde vom 6. Juli 1836, Statut für die ritterschaftliche Corporation vom 17. Oct. 1837 u. Verordnung vom 15. März 1853; für das Fürstenthum Waldeck die Verfassungsurkunde nebst Wahlgesetz vom 17. Aug. 1852; für die Landgrafschaft Hessen-Homburg die Verfassung vom 20. April 1852; für das Fürstenthum Liechtenstein die Verfassungsurkunde vom 6. Dec. 1862; für die Freie u. Hansestadt Lübeck die Verfassungsurkunde vom 29. Dec. 1851; für die Freie Stadt Frankfurt die sogenannte Constitutions-Ergänungsacte vom 19. Juli 1816, das organische Gesetz vom 12. Sept. 1853 über die staatsbürgerlichen Rechte u. die Vertretung der Landgemeinden u. das organische Gesetz vom 16. Sept. 1856 über die Zusammensetzung des Senats, die Gerichte u. die Gesetzgebende Versammlung; für Hamburg die neue Verfassung vom 28. Sept. 1860 nebst dem Wahlgesetz vom 11. Aug. 1859; für Bremen die Verfassung vom 21. Febr. 1854. Über die S. der außerdeutschen Länder vgl. die betreffenden Artikel. Sammlungen von S-n der verschiedenen Länder: Pölitz, Die europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789, fortgesetzt von F. Bülau, 2. Aufl., Lpz. 1832–47, 4 Bde.; Elvers, Hauptquellen des deutschen Bundesstaatsrechts, 1824; Schmalz, Grundgesetze des Deutschen Bundes, 1825; v. Zangen, Die Verfassungsgesetze deutscher Staaten in systematischer Zusammenstellung, 1828–36, 3 Bde.; Ph. von Meyer, Corpus juris Confoederationis Germanicae, fortgesetzt von Zöpfl, 3. Aufl., Frankf. 1858 ff., 2 Bde. u. 2 Lief.; Desselben Corpus Constitutionum Germaniae, od. die sämmtlichen Verfassungen der Staaten Deutschlands, Frankf. 1845, 1. Lief.; H. A. Zachariä, Die deutschen Verfassungsgesetze der Gegenwart, Göttingen 1855 ff., 1. Bd. u. 2 Fortsetzungen; Schubert, Die Verfassungsurkunden u. Grundgesetze der Staaten Europa's, der Nordamerikanischen Freistaaten u. Brasiliens, Königsb. 1848–1850.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 632-634.
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