Schauspiel

[62] Schauspiel nennt man im Allgemeinen jede Art von öffentlicher Darstellung, dann vorzugsweise diejenige, welche absichtlich unternommen wird, um künstlerisch das Menschenleben nach einzelnen Verhältnissen durch Sprache, Geberden und Handlungen in poetischer Auffassung nachbildend zur Anschauung zu bringen; im engsten Sinne endlich eine einzelne Unterabtheilung dieser künstlerischen Darstellungen. Diese haben wie jedes andere Kunstwerk keinen andern Zweck als den, eine vom Menschengeist unternommene gedankenvolle Nachschöpfung Dessen zu sein, worin sich der schöpferische Geist Gottes bethätigt, weil wir hierin mit menschlicher Kurzsichtigkeit den Gedankeninhalt fast niemals zu ergründen vermögen. Hiernach wird das Schauspiel dem gebildeten Menschen allerdings einen hohen Genuß gewähren, indem er ein Reich des Geistes vor seinen Augen erblickt, in welchem sich dieser lebendig regt und klar bis in die feinsten, scheinbar zufälligsten Einzelheiten eindringt und in ihnen sich mächtig erweist, während der Ungebildete das Schauspiel nicht anders wie manche andere nur durch ihre schnell wechselnde Mannichfaltigkeit interessante Scene des wirklichen Menschenlebens, ohne tiefere Einsicht in den in ihnen sich darstellenden Geist betrachten wird. Sehr einseitig haben Diejenigen das Schauspiel betrachtet, welche ihm einen moralischen Zweck zugemuthet und nach diesem ihre Foderungen an jenes eingerichtet haben. Wenn es einen solchen Zweck verfolgte, so würde es damit schon aufgehört haben, [62] ein wahres Kunstwerk zu sein, obschon die poetische Wahrheit, welche es enthalten muß, nie etwas Anderes als Ausdruck erhabenster Sittlichkeit sein kann. Indem das Schauspiel lasterhafte wie tugendhafte Menschen darstellt, wird sich in ihm das Bewußtsein des gebildeten Geistes ausdrücken, daß aller scheinbare Sieg des Lasters doch nur Selbstvernichtung, alles scheinbare Unterliegen der Tugend doch nur Errettung des wahren Lebens des Geistes sei; aber es wird sich niemals das Bestreben geltend machen dürfen, durch solche Darstellung den schwankenden Menschen zur Tugend anzuspornen und vom Laster abzuschrecken. Der eigentliche Inhalt des Schauspiels, Das, was gesprochen und dargestellt werden soll, ist stets ein poetisches Kunstwerk und seine Herstellung also Aufgabe des Dichters, während das Sprechen und Darstellen des vom Dichter Gegebenen durch den Schauspieler geschieht. Da aber nur Dasjenige mit dem Scheine wirklichen Lebens dargestellt werden kann, was in Sprache und Handlung das wirkliche Leben nachahmt, und ebenso nur diejenige eine den Schein des Lebens hervorbringende Darstellung ist, welche ihren Inhalt auf das vollkommenste ausdrückt, so muß der Schauspieldichter ebenso genau wissen, wie die Darstellung geschehen müsse, als der Schauspieler tiefe Einsicht in Das, was dargestellt werden soll, haben muß; mit andern Worten: der Dichter muß den Schauspieler nach der Möglichkeit und Wirksamkeit seiner Leistungen und der Schauspieler den Dichter nach der ganzen geistigen Bedeutsamkeit seines Kunstwerkes begriffen haben. Wenn man mit Recht darüber klagt, daß wir wenige ausgezeichnete Schauspiele in Bezug auf dichterische Leistung besitzen, und noch seltener einen wahrhaft ausgezeichneten Schauspieler zu sehen bekommen, so liegen die Gründe dieses Mangels einzig darin, daß die Schauspieldichter wenig oder keine Rücksicht auf die Ausführung der Darstellung nehmen, und daß die Schauspieler nicht hinreichende Bildung oder ursprüngliches Talent der Auffassung besitzen, um ein wahres Kunstwerk seiner tief geistigen Bedeutung nach aufzufassen. Da der Dichter auch noch andere Gebiete seiner Kunst außer dem der dramatischen Poesie hat, so verliert ein Schauspiel dadurch, daß es undramatisch ist, noch keinesweges seinen poetischen Werth, und wir besitzen eine große Anzahl in poetischer Beziehung höchst ausgezeichneter Schauspiele, welche sich zur dramatischen Aufführung durchaus nicht eignen. Dagegen hat der Schauspieler, welcher nicht im Stande ist, ein Kunstwerk zu begreifen, durchaus gar keinen künstlerischen Werth.

Die Schauspielkunst ist, weil sie ohne die Dichtkunst überhaupt gar nicht existiren kann, eine durchaus unselbständige Kunst; dafür ist sie andererseits aber auch die wirksamste unter allen Künsten, denn keine andere Kunst ahmt das Dasein des lebendigen Geistes mit einem so vollkommenen Scheine der Wirklichkeit nach wie jene. Außer den wesentlichsten Mitteln, diesen Schein der Wirklichkeit hervorzubringen, welche Sprache, Geberden und Handlungen sind, bedient sie sich noch vieler anderer. Nicht allein sind die Schaubühnen (s. Theater), auf welchen die Schauspielkunst ihr Werk schafft, so eingerichtet, daß sie auch den Schauplatz, welchen die Menschenwelt sonst in der Natur findet, täuschend nachahmt, sondern man hat Mittel ersonnen, selbst dem natürlich Unmöglichen, was nur ein freies Gebilde der menschlichen Phantasie ist, denselben Schein natürlicher Wirklichkeit zu ertheilen. Auch seine eigene äußere Erscheinung richtet der Schauspieler so ein, daß schon in ihr der Charakter, den er darzustellen hat, nach seinen zeitlichen, örtlichen und individuellen Bedingungen sich ausdrückt. (Vergl. Coulissen und Costum.) Indem das Kunstwerk die Bedeutung hat, eine bewußte Darstellung des Geistigen zu sein, erhebt es sich über die Wirklichkeit, in welcher jenes nicht augenscheinlich hervortritt, und diese Erhebung über das Wirkliche soll daher auch in dem Schauspiele sich äußern, sodaß dieses als ein freies Gebilde der Phantasie die Grenzen und Bedingungen der Wirklichkeit überschreiten kann; wenn nur in ihm selbst der Geist nach seiner eigenen Gesetzmäßigkeit sich wirkend darstellt, dann hat es poetische Wahrheit und ist von jeder Willkürlichkeit entfernt. Es gibt indeß genug schlechte Schauspiele, in welchen an die Stelle der Freiheit eines sich selbst (vernünftig) bestimmenden Geistes die Willkür getreten ist; dieselben haben keinen Kunstwerth. Die Erhebung über die Wirklichkeit gibt ein Recht, auch andere Künste zur Verherrlichung der Darstellung zu benutzen, und man hat in dieser Beziehung nicht nur Malerei und Sculptur zur täuschenden Nachbildung des Schauplatzes der darzustellenden Handlung in Anspruch genommen, sondern namentlich auch die Musik, um der Sprache, den Handlungen und Geberden einen höhern künstlerischen Ausdruck zu geben, und die Tanzkunst, um den Geberden eine das Maß der Wirklichkeit überschreitende Lebendigkeit zu ertheilen, in Anwendung gebracht. So sind als besondere Arten des Schauspiels die Oper (s.d.) und das Ballet (s. Tanz) entstanden. Von diesen beiden unterscheidet sich das recitirende Schauspiel dadurch, daß in ihm die Worte des Dichters nur gesprochen (nicht gesungen) werden und die Geberden wenig über das Maß ausdrucksvoller Wirklichkeit hinausgehen. Mittelgattungen zwischen den erwähnten Arten des Schauspiels kommen häufig vor, indem zuweilen Musik und Gesang, auch wol Tanz in das recitirende Schauspiel, zuweilen recitirender Vortrag in die Oper eingelegt erscheint. Am häufigsten wird das Ballet in die Oper eingelegt. Das recitirende Schauspiel wird im Allgemeinen wieder in Tragödie oder Trauerspiel, Komödie oder Lustspiel und Schauspiel im engern Sinne eingetheilt.

Die Tragödie stellt den individuell ausgebildeten Menschen im Streite mit den sittlichen Mächten (wie die Liebe, die Religion, der Staat) dar, und da diese stets die Gewalt über den Sterblichen besitzen, so ist dieser in der Tragödie stets der Unterliegende. Keineswegs aber braucht sich dieses Unterliegen unter die sittliche Macht stets als Tod darzustellen, dasselbe kann auch nur in der endlichen Anerkennung der sittlichen Macht durch das menschliche Individuum sich zeigen; und ebenso wenig braucht der Mensch, welcher im Kampfe mit einer sittlichen Macht auftritt, ein unsittlicher zu sein, denn sein Widerspruch gegen eine sittliche Macht kann auch grade dadurch bedingt werden, daß für seinen endlichen Verstand die sittlichen Mächte selbst in einem Widerspruche zu liegen scheinen, der ihn zwingt, mit der einen dieser Mächte in Widerspruch zu treten und das Werk der andern als Selbstbestimmung zu vollbringen. Ein solches Individuum ist ein im höchsten Sinne tragisches, und die Tragödie, welche uns in dem Schicksale desselben eigentlich den Kampf der sittlichen Mächte untereinander darstellt, muß darauf ausgehen, die endliche Auflösung eines Scheines darzustellen, [63] welcher nur für den Sterblichen existirt, in sich aber keine Wahrheit hat. Man hat vorzugsweise an die Tragödie die Anfoderung geltend gemacht, daß sie ein wahres Kunstwerk sein solle, daß also in ihr jede Einzelnheit mit allen übrigen zum durch den Geist bestimmten und von ihm belebten Ganzen sich zusammenschließen, daß jede Willkürlichkeit streng ausgeschlossen sein müsse. Aber man hat die poetische Wahrheit, welche man hiermit fodert, misverstanden, wenn man sie in einer ängstlichen Nachahmung der Wirklichkeit gesucht, also verlangt hat, daß, um die Illusion (s.d.) nicht zu stören, weder der Ort der dramatischen Handlung verändert, noch der Zeitraum eines Tages in derselben überschritten werden dürfte. (Vergl. Einheiten.) Man war auf diese Regeln durch eine falsche Auffassung der Alten gekommen. Bei strenger Befolgung derselben findet es sich, daß die verschiedenartigsten Begebenheiten, auf denselben Einen Ort gezogen und in eine viel zu enge Zeit zusammengedrängt, die Phantasie beiweitem mehr durch Verletzung der gemeinsten Wahrscheinlichkeit stören, als wenn dieselbe genöthigt wird, nach dem Entwickelungsgange der Handlung Zeiten und Räume zu durchfliegen. So sind die Einheiten des Orts und der Zeit in Vergessenheit gekommen. Die gewöhnliche Eintheilung der Trauerspiele in heroische und bürgerliche bezieht sich zunächst nur auf die Äußerlichkeit des Standes der Hauptpersonen, indem jenes vorzugsweise in den höchsten, dieses in den niedern Kreisen der Gesellschaft sich bewegt; aber dieser Unterschied erhält dadurch eine höhere Bedeutung, daß die Lebensverhältnisse hochgestellter Personen bedeutender im Zusammenhange mit Weltbegebenheiten stehend, die Individualitäten derselben mehr oder weniger aus der Geschichte bekannt und interessant und endlich die Bildung, welche man bei jenen Personen vorauszusetzen berechtigt ist, einen höhern, sich mehr zur poetischen Darstellung eignenden Schwung der Rede gestattet. Das Trauerspiel soll weniger durch die eigenthümliche Verwickelung und Entwickelung der Begebenheiten interessant, als durch die Tiefe und Wahrheit der ausgesprochenen Empfindung ergreifend, rührend sein. Diese tragische Rührung, das Ergriffensein von der Macht der Wahrheit in den Lebensschicksalen des Menschen, nicht aber das weinerliche Gefühl, welches man gewöhnlich Rührung zu nennen pflegt, ist der Zweck der Tragödie.

Noch viel mannichfaltiger als das Trauerspiel ist das Lustspiel oder die Komödie, in welchem man theils die Phantasie auf das zügelloseste hat gehen lassen, ohne irgendwie die Gesetze der Wirklichkeit zu berücksichtigen, theils eine strenge, nur schärfer gezeichnete Nachahmung alltäglicher Lebensverhältnisse zu seinem Gegenstande genommen hat. Im Allgemeinen ist die Aufgabe des Lustspiels, das endliche Leben und Treiben der Menschen in seiner Nichtigkeit und so als lächerlich darzustellen. Selbst da, wo die Phantasie scheinbar in zügelloser Willkür ein eignes Reich sich erschafft, darf doch die bestimmte Beziehung auf das alltägliche gesellschaftliche Leben, auf Sitten, herrschende Vorstellungen, Schwächen, Fehler, Laster, Leidenschaften der Menschen nicht fehlen. So hat das ältere Lustspiel namentlich stehende Charaktere, welche wahrhafte Caricaturen sind; aber in ihnen ist meistens der Volkscharakter nach allen seinen Schwächen treffend gezeichnet, oder es haben allgemeine Leidenschaften, z.B. der Geiz, die Eifersucht u.s.w., in ihnen die durchgebildetsten Repräsentanten gefunden. Das Lustspiel der Griechen ging dabei noch darauf aus, bestimmte allgemein bekannte Persönlichkeiten als Caricaturen, durch Hervorhebung ihrer Schwächen und Fehler, dem Gelächter der Zuschauer preis zu geben. Gegenwärtig ist man nicht harmlos genug, um eine solche Persiflage des Einzelnen ertragen zu können und ebenso sehr fehlt es an bestimmt ausgeprägten Volkscharakteren, daher haben die bessern Lustspieldichter mehr zur komischen Darstellung der Schwächen und Eigenthümlichkeiten einzelner Classen der Menschen, in der Zeit herrschender eigenthümlicher, verkehrter Richtungen und allgemeiner menschlicher Schwächen ihre Zuflucht nehmen müssen. In der Natur dieser Gegenstände liegt es, daß das neuere Lustspiel in seinen Darstellungen weniger bestimmt ausgeprägte Persönlichkeiten hat als das alte, und daher auch schwächer als poetisches Kunstwerk sowol wie in Bezug auf seine Wirkung ist. Obgleich es im Lustspiel niemals bestimmt ausgesprochen oder dargestellt werden darf, daß es eigentlich die Macht der Wahrheit, des Geistes ist, an welcher das Endliche sich in sich selbst vernichtet und dadurch lächerlich wird, so muß doch dieser Gedanke jedem Lustspiele zu Grunde liegen, wenn dieses ein poetisches Kunstwerk sein soll. Der Zuschauer kann nur, indem unmittelbar das Gefühl von der Macht der Wahrheit in ihm lebendig ist, mit reiner Luft dem Werke der Selbstzerstörung zuschauen, ohne Haß die Laster, ohne Verachtung die Schwächen der Menschen erblicken. Der glückliche Ausgang, welchen das Lustspiel in der Regel hat, ist auch nur darum da, um dem Zuschauer als letzten Eindruck den zu hinterlassen, daß nur in einem sittlich vernünftigen Leben der Mensch sein wahres Glück findet. Bei dem Lustspiel kommt es nicht wie beim Trauerspiel auf Wahrheit der ausgesprochenen Empfindung an, vielmehr ist diese in der Regel gar nicht vorhanden, weil sich die Verkehrtheit der Charaktere vielmehr in einer erlogenen Empfindung ausdrückt; dagegen ist es die scharfe Zeichnung eigenthümlicher Individualitäten, der Contrast der Situationen mit den in sie verwickelten Charakteren, die Verwickelung der Handlung, welche aber mehr für die Personen des Stückes als für die Zuschauer vorhanden sein muß, die überraschende und doch durch das ganze Stück motivirte Lösung dieser Verwickelung, was dem Lustspiel seinen Werth gibt. Der Zweck des Lustspiels ist Heiterkeit, aber eine Heiterkeit, deren im Grunde nur der wahrhaft Gebildete fähig ist, der sich nicht über die dargestellten Schwächen und Laster, sondern über die gleichfalls dargestellte innere Nichtigkeit derselben freut, welche ein Triumph des in der Sittlichkeit sich selbst frei bestimmenden Geistes ist. – Mehre ausgezeichnete dramatische Schriftsteller haben komische Charaktere und Situationen mit Glück in die Tragödie aufgenommen. Hier sind dieselben um so wirksamer, als man neben dem Reiche der sich an der Wahrheit zerschellenden Thorheit das sich durch alle Irrungen herstellende Reich der Wahrheit selbst erblickt; aber es würde ein großer Fehler sein, wenn die tragische Wirkung der Rührung durch die komischen Personen des Stücks gehindert oder zerstört würde.

Das Schauspiel als Zwischengattung zwischen Tragödie und Komödie steht an künstlerischem Werthe diesen beiden nach, wenn man nämlich nicht ganz äußerlich die Meinung festhält, daß es nur auf den glücklichen oder unglücklichen [64] Ausgang ankomme, ob ein dramatisches Werk Trauerspiel oder Komödie sei. Es kommt vielmehr auf den Totaleindruck der Rührung oder der Heiterkeit an, und entscheidet man hiernach, so kann ein dramatisches Werk, welches weder Lustspiel noch Trauerspiel ist, nur ein solches sein, in dem keine von beiden Empfindungen entschieden überwiegt, welches also die Wirkung hervorbringt, die der Anblick des gewöhnlichen Lebens hervorzubringen pflegt, in welchem auch die Mängel nicht in ihrer innern Nichtigkeit, noch die sittlichen Mächte in ihrem ewigen Siege in die Augen fallen. Am meisten eignet sich hiernach das Schauspiel zur dramatischen Darstellung von Handlungen, bei denen es vorzugsweise auf historische Treue, Vergegenwärtigung einer geschichtlichen Begebenheit oder eines historischen Charakters ankommt.

Was die äußere Form der Schauspiele im Allgemeinen betrifft, so geschieht der Ausdruck der Empfindung und die Motivirung der Handlung durch die Empfindung, durch die Sprache und es muß, um in der Seele des Zuschauers dieselbe Empfindung aufzuregen, welche die darzustellende Person haben soll, die Empfindung vollkommen ausgesprochen werden. Schon hierdurch unterscheidet sich das Schauspiel wesentlich von der Wirklichkeit, denn in dieser bleiben die lebhaftesten Empfindungen in der Brust des Menschen verschlossen und äußern sich höchstens in einem Ach und O, ja je lebhafter die Empfindung ist, desto weniger kommt es zu einem Bewußtsein über dieselbe in Dem, welcher sie hat, und doch muß dem Aussprechen das Bewußtsein vorausgehen. Am nächsten steht der Form des wirklichen Lebens die Gesprächsform, der Dialog, und diese ist daher auch im Schauspiel die durchaus vorherrschende. Aber der Monolog, das Alleingespräch, ist doch unentbehrlich, indem in ihm die tiefsten Seelenvorgänge sich darstellen. Die dramatische Poesie erreicht im Monolog ihre schönste Blüte, indem sie uns durch ihn in das verborgenste Heiligthum des Menschenherzens einführt; aber der Monolog ist auch die schwerste Aufgabe für den dramatischen Dichter, denn hier kommt es darauf an, den Schein der Wirklichkeit bei der höchsten Erhebung in das Gebiet der Poesie nicht verloren gehen zu lassen. Die Alten hatten noch einen andern Bestandtheil der Tragödie, welcher von der Nachahmung der Wirklichkeit noch viel weiter abwich als der Monolog, nämlich den Chor. Dieser bestand aus einer Anzahl bei der Handlung des Stücks nur ganz im Allgemeinen, oft nur als mit auf der Bühne stehende Zuschauer betheiligter Personen, welche in einzelnen Chorgesängen die rein menschliche Empfindung bei den dargestellten Begebenheiten aussprachen. Diese Chorgesänge waren in den Tragödien die erhebendsten, herrlichsten lyrischen Dichtungen, und mit Aufgebung des Chors hat das Schauspiel sehr an poetischer Kraft verloren, wenn auch der Schein der Wirklichkeit dadurch erhöht worden ist. – Eingetheilt wird das Schauspiel in Acte oder Aufzüge, größere Abschnitte, welche durch die künstlerische Anordnung des Ganzen motivirt sein müssen. Das Trauerspiel hat gewöhnlich fünf Aufzüge, das Lustspiel fünf, drei oder einen. Die Oper hat stets weniger Aufzüge, gewöhnlich zwei oder drei. Die einzelnen Acte zerfallen wieder in Scenen oder Auftritte, deren Anzahl sehr verschieden ist und die ohne weitere Unterbrechung des Stücks dann eintreten, wenn eine Person auftritt, d.h. auf die Schaubühne heraustritt. (Vergl. Theater.)

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 62-65.
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