Hereró

[206] Hereró (Ovahereró, Dama, Damara, Damra), zu den Bantu gehöriger Volksstamm im nördlichen Teil von Deutsch-Südwestafrika (s. d.). Die H., die sich ethnographisch eng den übrigen südlichen Bantuvölkern anschließen, haben einen dolichokephalen, schwach prognathen, schmalen, langen Schädel, hervortretende gekrümmte Nase, aufgeworfene, doch nicht wulstige Lippen, tiefschwarzes, wolliges Haar und spärlichen Bartwuchs (meist am Kinn); der übrige Körper, außer Hand- und Fußsohle, ist dicht mit starkem Flaum überkleidet. Die Vorderarme sind auffallend lang, Hände und Füße knochig und groß, die Muskulatur der großen Gestalt ist kräftig, die Hautfarbe dunkles Kakaobraun. Die Kleidung der Männer besteht in einem viele Meter langen Hüftriemen, von dem Felle herabhängen, Lederbändern mit Riemenbehang um die Kniee, Armbändern und Sandalen. Die Frauen tragen ein Leibchen aus 30–50 Ketten aus Straußeneierstückchen, ein daran befestigtes Fell als Schürze, ein den Rücken bedeckendes, zur Erde reichendes, mit Eisenperlen benähtes Ochsenfell, eine Lederhaube mit drei emporstehenden Zipfeln, von der lange Riemen mit Eisenblechhülsen herabhängen (s. Tafel »Afrikanische Kultur II«, Fig. 2), zahlreiche Ringe aus massiven Eisenperlen um die Unterschenkel, Armbänder aus Elfenbein und Eisen- und Halsbänder aus Eisenperlen, Straußeneierstückchen oder Kaurimuscheln. Die H. sind im allgemeinen gastfrei, aber auch lügenhaft, geizig, äußerst sinnlich, anmaßend und hochmütig dem Schwächern gegenüber. Ihre Krale sind kreisförmig angelegt und mit einer Dornenhecke umgeben; in der Mitte der stets wenig zahlreichen (12–16) bienenkorbförmigen Hütten liegt die Kälberhürde, daneben das stets unterhaltene Feuer. Die Hausgeräte sind sehr einfach, Milchgefäße aus Holz, Flaschenkürbisse, irdene Töpfe, Hornbecher. Als Hauptwaffen gelten neben den Gewehren der Speer mit eiserner Spitze und der Kirri (Wurfkeule). Die H. sind ausschließlich Viehzüchter, Ackerbauer nur aus Not oder durch den Einfluß der Mission. Man hält vorzüglich Rinder, einige besitzen Tausende, daneben auch Schafe und Ziegen. Die Rinder werden zum Reiten und Ziehen benutzt, selten schlachtet man ein Tier, nur die Milch wird in gesäuertem Zustand genossen. Im übrigen besteht die Nahrung in wildwachsenden Wurzeln. Geistige Getränke versteht man nicht zu bereiten, dagegen wird Tabak gern geraucht. Als einziges Musikinstrument haben die H. einen Bogen, dessen Sehne mit einem Stöckchen geschlagen wird. Die Knaben werden im 6.–10. Lebensjahr unter großen Festlichkeiten beschnitten. wobei viele Rinder durch Erstickung geopfert werden; nach dem 12.–16. Lebensjahr werden die vier untern Schneidezähne ausgebrochen, die zwei mittlern des Oberkiefers schaufelförmig gefeilt. Den gleichalterigen Mädchen wird der Kopf bis auf einen kleinen, in langen Strähnen herabfallenden Büschel am Scheitel vollkommen glatt rasiert. Die Frau wird durch Kauf erworben, Bestimmungen über eheliche Verbindungen werden von den Eltern schon für die unmündigen Kinder getroffen. Freunde und hauptsächlich Brüder schließen häufig unter sich Weibergemeinschaft, die Ehen zwischen Nachkommen zweier Brüder oder zweier Schwestern sind daher streng verboten. Die Zahl der Weiber ist nur durch die Vermögensverhältnisse des Mannes beschränkt. Bei Krankheiten spielt der Zauberer eine große Rolle. Dem Toten wird der Kopf zwischen die Kniee gebunden und der in Felle gehüllte Leichnam mit nach Norden gewendetem Gesicht unter Opfern von Rindern begraben. Die Religion ist meist ein etwas unklarer Ahnenkultus, doch ist nur der Glaube an das Fortleben der Männer nach dem Tode deutlich ausgesprochen. Die Zahl der H. wird auf 80,000 geschätzt. Die Rheinische Mission wirkt feil 1842 unter den H. und besitzt in deren Gebiet die Stationen Windhuk, Otjimbingue, Otjikango, Okahandja, Otjosazu, Okombahe, Omaruru, Omburo. Franzfontein, Otjozondjupa, Otjihaenena, Gaub, Okaseva und Walfischbai mit 2580 Gemeindemitgliedern.

Eine selbständige Stellung nehmen ethnisch die im Gebiete der H. lebenden Bergdamara oder Hauthoin ein; sie haben eine ins Schwärzliche spielende Hautfarbe, kurzen, gedrungenen, aber kräftigen Körperbau, dabei erinnert die Gesichtsbildung an die Neger Westafrikas. Sie scheinen die Reste der vor der Einwanderung der Bantustämme das gebirgige südwestliche Afrika bewohnenden Urbevölkerung zu sein. Da sie sich der Sprache der Hottentotten bedienen, sind sie mit diesen jedenfalls früher in Berührung gekommen als mit den H. Jetzt leben sie, 30,000 Köpfe stark, im südlichen Damara- und im Großnamaland in kleinen Familienverbänden in unwegsamen Gebirgslandschaften von der Jagd mit Bogen und Pfeil und Fallgruben, wenn sie es nicht vorziehen, Sklaven der Hottentotten, Bastards, H. oder der Weißen zu werden. Da sie vorzügliche Arbeiter sind, hatte sich die deutsche Regierung ihrer angenommen, sie gegen Verfolgung geschützt und ihnen das Reservat Gaub zugewiesen. S. auch Hottentotten. Vgl. Fritsch, Die Eingebornen Südafrikas (Berl. 1873), und Literatur beim Artikel »Deutsch-Südwestafrika«.[206]

Der Herero-Aufstand im Jahre 1004.

(Hierzu die Karte »Deutsch-Südwestafrika«.)

Anfang Januar 1904 brach in der deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, nachdem Gouverneur Leutwein im äußersten Süden eine Empörung der Bondelzwaarts (25. Okt. 1903 bis Januar 1904) soeben erst niedergeworfen hatte, in der Mitte (zwischen Wendekreis und 20° südl. Br.) ein anscheinend sehr gut vorbereiteter Aufstand der H. aus. Okahandja, der Sitz des Oberhäuptlings Samuel Maharero und Herd des Aufruhrs, war vom 12.–27. Jan. eingeschlossen, Omaruru vom 17. Jan. bis 6. Febr., Gobabis, Hohewarte und Seeis vom 15.–25. Jan., Okombahe vom 16. Jan. bis 6. Febr.; Windhuk, Karibib, Outjo und Grootfontein waren ringsum bedroht. Überrumpelt von den H. wurden die kleinern Stationen, wie Otjisewa und Witvley (13. Jan.), Waterberg (14. Jan.) und Otjituo (17. Jan.), wo überall die Weißen (120) niedergemacht wurden; acht andre Besatzungen schlugen sich zwischen 13. Jan. und 3. Febr. nach größern Orten durch. Bis Ende Januar hatten die H. das in Betracht kommende Kolonialgebiet vollkommen verwüstet; nach Rohrbach beträgt der Schaden 7 Mill. Mk. Noch vor der Rückkehr Oberst Leutweins nach Swakopmund (13. Febr.) hatten die zunächst zur Verfügung stehenden Truppen (Landungsabteilung vom Habicht seit 18. Jan., Kompagnie Franke seit 19. Jan. und Abteilung Winkler seit 4. Febr.) mit Erfolg die Abwehr begonnen; unter 39 blutigen Zusammenstößen hatten die Deutschen (3 Offiziere, 140 Mann und 400 Ansiedler) 27mal angegriffen. Danach setzte eine Zeit des Abwartens und der Vorbereitungen auf den Entscheidungskampf ein, unterbrochen durch das Eintreffen verschiedener Verstärkungen aus der Heimat. Während dieser Wochen wurden mehr oder weniger schwere Gefechte geliefert: 25. Febr. im Nordwesten bei Otjihinamaparero (Major v. Estorff), im Nordosten 14. März (nach Hauptmann Fischel; sonstige Angaben: 13. März) bei Owikokorero und 2. April (nach Dannhauer am 3. April) bei Okaharui (Major v. Glasenapp), im Zentrum bei Onganjira 9. April und bei Owiumbo oder Okatumba 13. April (Hauptabteilung siegreich); in weiterer Ferne bei Großbarmen 4. März (Hauptmann Puder) und 28. April bei Okanguindi (Oberleutnant Volkmann). Inzwischen waren wegen des stark um sich greifenden Pferdesterbens 1738 Pferde und 453 Maultiere aus Argentinien und Deutschland angekauft worden, die im April eintrafen; weitere Nachschübe folgten. Die Schutztruppe, im Frieden 34 Offiziere und 785 Mann stark, die sich auf die ganze Kolonie verteilen, wurde nach und nach bis 1. Mai auf 157 Offiziere und 3279 Mann gebracht; freilich minderten diesen Bestand die bedeutenden Verluste durch Verwundung und Tod, Strapazen und namentlich Typhus stark herab. An Artillerie, ursprünglich sehr schwach vertreten, waren schließlich alte Feldgeschütze C/73, neue C/96,6 cm-Gebirgsgeschütze, 3,7 cm-Schnellfeuergeschütze, Revolver-, Maschinenkanonen und Maschinengewehre vorhanden. Trotz alledem machte sich der Überzahl der gut bewaffneten und vortrefflich schießenden Aufständischen gegenüber und angesichts der Schwierigkeiten des wasserlosen, von Dorngestrüpp durchsetzten Geländes ein weiteres Abwarten und Vorbereiten notwendig, bis im Juli die Schutztruppe auf reichlich 300 Offiziere und Ärzte und 7200 Mann gestiegen war; den Oberbefehl führte seit Mitte Juni Generalleutnant v. Trotha (ernannt unterm 3 Mai). Nun erst wurde ein planvolles Einkreisen der Hauptmacht der H. im Norden bei Waterberg versucht; vor allem kam es darauf an, ein Ausbrechen der H. mit dem Vieh, ihrem einzigen Reichtum, nach Osten zu verhindern. Das gelang nicht ganz. Durch den konzentrischen Angriff vom 11. Aug. wurden zwar die feindlichen Lager Waterberg und Hamakari genommen, aber ein Teil der H. entwich nach Südosten, von wo er, durch die Verfolgung gezwungen, Ende September wieder scharf nach Norden abzog. – Während nun noch Anfang Dezember 1904 von einer gänzlichen Niederwerfung des Aufstandes der H. keine Rede sein konnte, hatte sich die allgemeine Lage der Kolonie dadurch wesentlich verschlimmert, daß sich im Süden Anfang Oktober die gefährlichen Namabastard-Hottentotten Hendrik Witboois gleichfalls überraschend erhoben. – Vgl. Generalmajor v. François im »Militärwochenblatt«, 1904; ferner Hanemann, Wirtschaftliche und politische Verhältnisse in Deutsch-Südwestafrika (Berl. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 206-207.
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206 | 207
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