Albanien [2]

[260] Albanien (Gesch.). In frühester Zeit hieß A. Epirus (s.d.) u. gehörte unter den Römern zu Illyria graeca. Die jetzigen Bewohner A-s sind nach Ein. Abkömmlinge der Illyrier, nach And. der Albaner (s. Albania) am Kaukasus. Im 1. Jahrhundert v. Chr. kommt der Name A. zum ersten Male vor, dann verschwindet jede Spur von ihnen, bis sie 1079 gegen den byzantinischen Kaiser Nikephoros fechtend, erwähnt werden. Als 1204 sich die Lateiner Griechenlands bemächtigten, ward Michael Angelos Komnenos u. später dessen Bruder Theodor zum Herrscher derselben ernannt; dieser ward 1230 von dem Bulgarenkönig Asan[260] besiegt u. gefangen, 1237 aber wieder in sein Land eingesetzt. 1254 eroberte Vatages, Kaiser von Nikäa, A., verlor es aber 1259 wieder an die Komnenen; 1261 machten sich die Albanesen frei u. durch Räubereien furchtbar u. breiteten ihre Herrschaft über ganz Epirus u. Thessalien aus. Auch gegen die Türken ergriffen sie die Waffen, u. zwei ihrer Anführer, Balza u. Spata, kämpften ruhmvoll gegen sie, doch wurde jener 1383 bei Berat von Murad I. geschlagen. Bald darauf wurde A. mit der Stadt Kroja von griechischen Kaisern an Johann Castriota verliehen, der sich nun König von Epirus nannte. Murad II. nöthigte Johann Castriota, ihm Tribut u. seine 3 Söhne als Geißeln zu geben, die er zum Islam zwang. 1432 st. Johann, u. die Türken besetzten sein Gebiet; aber um 1441 benutzte der 3. Sohn Johanns, Georg Castriota (gewöhnlich Skanderbeg, eigentlich Alexander Beg), den unglücklichen Krieg Murads II. gegen die Ungarn, um sich zum Herrn von A. zu machen. Er bemächtigte sich 1443 der Stadt Kroja durch List, nahm den Titel eines Königs von A. u. Epirusann. bekannte sich wieder zum Christenthum. Murad II. bekämpfte ihn vergebens bis zu seinem Tode (1450), u. er selbst blieb gegen Skanderbeg; alle von Muhamed II. gegen ihn abgeschickten türkischen Feldherren wurden geschlagen; endlich kam 1461 der Friede zu Stande, in welchem Georg Castriota A. behielt. Während derselbe in Italien für Ferdinand von Aragonien die Waffen führte, begann der türkische Krieg von Neuem; doch auch jetzt schlug Georg Castriota mit venetianischer u. päpstlicher Hülfe den von Muhammed in Person geführten Angriff auf Kroja ab. Erst sein Tod (1467 zu Lissa) unterwarf A. dem türkischen Reiche. Die anderen Theile von A. u. Epirus waren ebenfalls von dem Sultan unterworfen worden, u. ganz A. theilte von jetzt an das Geschick des türkischen Reiches, bis es 1688, als die Venetianer Morea erobert hatten, den Versuch wagte, das türkische Joch abzuschütteln u. sich unter venetianischen Schutz zu begeben. Die Türken ließen zwar, um dieses zu verhindern, den Pascha Solyman von Skutari Truppen zusammenziehen, aber diese wurden mit Hülfe der Venetianer von den Albanesen geschlagen, u. das Land blieb nun eine Zeitlang frei, wurde aber im Frieden von Karlowitz (1699) wieder an den Sultan abgetreten. In neuerer Zeit suchte Ali Pascha von Janina sich A-s zu bemächtigen u. ein von der Pforte unabhängiges Reich zu gründen. Er gewann einen großen Theil der Einwohner für sich u. eroberte fast ganz A., so daß er von 1807 an blos dem Namen nach noch abhängig von der Pforte wgr. Aber seine Grausamkeit u. Erpressung wendete ihm die Gunst des Volkes ab, u. als 1822 Kurschid Pascha Janina belagerte, fiel A. von Ali ab u. vereinigte sich mit den Türken. Dies beschleunigte Ali's Untergang. Obgleich A. 1822 dem türkischen Reiche einverleibt ward, so gelang es doch erst in der neuesten Zeit der Pforte, diese Provinz zur ziemlich vollständigen Unterwerfung zu bringen. Aufstände, Vertreibung der türkischen Behörden, Verweigerung der Militär- u. Steuerpflichtigkeit, Räubereien, Mord u. Plünderung gegen die Bewohner, meist albanesischen Ursprungs, waren u. a. bis 1830 oft wiederkehrende Erscheinungen. Die großherrliche Regierung, anfangs mit den Griechen, später mit Rußland in Krieg verwickelt, konnte bis dahin, theils wegen Mangel an disponiblen Streitkräften, theils wegen der albanesischen Truppen, welche unter türkischer Fahne gegen Griechenland u. später gegen Rußland kämpften, die Zustände nicht ändern. Als aber 1829 die aus dem russischen Feldzuge heimkehrenden Albanesen allen Gehorsam gegen die türkischen Machthaber verweigerten, als sich Anfang 1836 gegen die Herrschaft der Pforte ein revolutionärer Aufstand in ganz A. erhob u. Mustapha Pascha von Skutari sich ebenfalls für den Aufstand erklärte, schritt der Großherr zu ernsten Maßregeln, diese gefährliche Bewegung niederzuschlagen. Der Großvezier Mehemed Redschid Pascha rückte im Mai mit mehr als 15,000 M. in A. ein, konnte jedoch mit der Waffe wenig ausrichten; da lud er im Septbr. die albanesischen Häuptlinge zu einer Besprechung nach Bitoglia ein, wo er ihre Forderungen hören wollte u. sich als Vermitteler mit dem Großsultan erbot. Die albanesischen Häuptlinge erschienen u. verlangten bei der ersten Zusammenkunft als Unterpfand für die wirklich friedlichen Gesinnungen der Pforte 30,000 Beutel, u. der Großvezier, obgleich er vorstellte, daß der Sultan nach kaum beendigtem Kriege nicht in der Lage wäre, eine solche Summe sogleich zu schaffen, versprach endlich die Befürwortung dieser Forderung. Als am zweiten Tage die Albanesen zu neuer Besprechung wieder erschienen, wurden sie plötzlich von einer Reiterschaar umzingelt u. niedergesäbelt, u. da die albanesischen Truppen sich ohne Kampf zurückzogen, der Aufstand nach kurzer Frist gedämpft. Nun plünderten die türkischen Soldaten Städte u. Dörfer, angesehene Albanesen wurden eingesperrt, unter Grausamkeiten gemordet od. ihrer gänzlichen Habe beraubt, wodurch die Erbitterung gegen die türkische Herrschaft neue Nahrung erhielt u. endlich Anfang Januar 1831 eine neue Erhebung, an deren Spitze Mustapha Pascha von Skutari, zum Ausbruch kam. Das Janitscharenzeichen ward als Fahne des Aufruhrs aufgesteckt u. die Insurgenten bekamen Nissa, Scopia u. Monastir in ihre Gewalt. Neue türkische Truppen rückten in A. ein u. die Küste ward in Blockadezustand erklärt. Am 23. April schlug der Großvezier Mehemed Redschid Pascha bei Pieleppo Mustapha Pascha aus dem Felde u. die Treffen bei Tikwesch (30. April) u. bei Korprill (5. Mai) vollendeten die Niederlage der Albanesen; Mustapha zog sich in die Citadelle von Skutari u. beunruhigte durch blutige Ausfälle die türkischen Truppen, welche die Stadt besetzten. Im November capitulirte Mustapha, durch Mangel an Lebensmitteln gezwungen. Wegen seiner großen Reichthümer, u. da seine Vorfahren nahe 300 Jahre den Platz besessen, ward er begnadigt u. ihm Constantinopel zum Aufenthaltsort angewiesen, gegen die übrigen Häuptlinge jedoch mit kriegsgerichtlicher Strenge verfahren. 1833 traten mehrere einflußreiche Albanesen zusammen u. entwarfen eine Bittschrift an den Großherrn, worin sie um folgende Punkte baten: Verwaltung des Landes u. der Justiz durch Eingeborene, Herausgabe aller der Besitzungen, welche Ali Pascha von Janina widerrechtlich an sich gebracht, u. Zurückgabe derselben an die gesetzlichen Eigenthümlicher od. deren Erben, u. Besetzung u. Vertheidigung der festen Plätze u. Pässe des Landes durch eingeborene Truppen; wofür sich A. verbindlich machen wollte, den vom Großherrn auferlegten[261] Jahrestribut zu zahlen. Die Bitte blieb ohne Antwort, u. noch am Schlusse dieses Jahres erfolgte ein abermaliger Aufstand. Im Januar 1834 erschien ein großherrlicher Commissar; die Forderungen hatten sich gesteigert, man verlangte Unabhängigkeit von der Pforte. Wo die türkischen Behörden nicht bereits vertrieben waren, flohen diese, da der Aufstand unter dem Parteiführer Tasil-Busi nach allen Seiten um sich griff. Prali ward Sammelplatz der Insurrection, Janina u. Pitolia wurden bedroht u. endlich die Citadelle von Brat erobert. Der türkische Gouverneur Hafiz Pascha, welcher Skutaribesetzt hielt, mußte sich April 1835 in die Citadelle zurückziehen u. eine 3monatliche Belagerung zu Lande aushalten, bis endlich am 16. Juli die Albanesen von den Regierungstruppen bei Schiwa total geschlagen wurden, u. somit der dritte Aufstand beendigt wurde. Nach kaum 3jähriger scheinbarer Ruhe trat der 1835 begnadigte Tasil-Busi abermals an die Spitze der Unruhen, die bei Gelegenheit der Rekrutenaushebungen 1839 ausbrachen u. mit Unterbrechungen bis 1843 einen gefährlichen Charakter annahmen, bis endlich im März 1844 ein neuer furchtbarer Aufstand ausbrach. Horden durchzogen das Land, brandschatzend, raubend u. verwüstend. Im Mai ward die Stadt Vrania gestürmt u. ausgeplündert; diesmal war Kalianderch der Sammelplatz des Aufstandes u. bald herrschte in den Paschaliks Vrania, Totova, Pristina u. Skopia vollständige Anarchie. Am 15. Mai ward Kirschowa von den türkischen Truppen erobert, am 17. erstürmte Omer Pascha die Stellung der Insurgenten bei Uskup, die in seine Hände gefallenen Häuptlinge wurden sogleich hingerichtet, am 22. ward Pristina genommen u. hier der Kern des Aufstandes gefangen u. vernichtet. Neue rebellische Bewegungen zeigten sich an den Ufern der Drina, die aber bis Ende des Jahres ebenfalls niedergeschlagen wurden. Skutari erhielt 6000 M. türkische Besatzung. Im Frühjahr 1847 brach eine abermalige Insurrection aus, die herbeigerufenen türkischen Truppen wurden fast überall zurückgedrängt u. nur der Blockadezustand der Küsten u. ein Heer von nahe 20,000 M. unter Darbhor Redschid Pascha u. Ismail Pascha konnte bis Ende October die Ruhe wieder herstellen.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 260-262.
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