Zeus [2]

[911] Zeus, der oberste Gott der Griechen, der Gott des Himmels, dem in allen Hauptzügen der Jupiter (s. d.) der Römer entspricht oder im Laufe der Zeit angeglichen worden ist. Nach der gewöhnlichen Sage war er der älteste Sohn des Kronos (daher auch Kronion und Kronide genannt) und der Rhea. nach andern der jüngste, den Rhea aus Furcht, er möchte wie seine Geschwister von Kronos (s. d.) verschlungen werden, heimlich in einer Grotte des Idaberges auf Kreta gebar und von Nymphen aufziehen ließ (s. Amaltheia). Herangewachsen, vermählte er sich mit Metis (s. d.), die Kronos durch einen Zaubertrank seine Kinder wieder auszuspeien zwang, und stürzte mit seinen Geschwistern Poseidon, Hades, Hestia, Demeter und Hera den Kronos und die Titanen (s. d.). Bei der darauf erfolgten Teilung der Well erhält Z. den Himmel und das Königtum über Götter und Menschen, Poseidon das Meer, Hades die Unterwelt, während der Olymp und die Erde als Wohnsitz aller Götter bestimmt werden. Schon bei Homer ist Z.' rechtmäßige Gattin seine Schwester Hera, die Mutter von Ares, Hephästos und Hebe; eine andre Vorstellung läßt dieser Ehe eine Anzahl früherer vorangehen, mit Metis, die Z. verschlang, um aus seinem Haupte Pallas Athene zu gebären, mit Themis, Mutter der Horen und Mören, mit Eurynome, Mutter der Chariten, mit Demeter, Mutter der Persephone, Mnemosyne, Mutter der Musen, Leto, Mutter von Apollon und Artemis. In Dodona galt auch später Dione, Mutter von Aphrodite, als Gattin des Z. Von den übrigen Göttern sind Z. ' Kinder noch Hermes, von der Najade Maia, und von sterblichen Weibern Herakles und Dionysos (s. diese Artikel).

Von Z. leiteten ursprünglich landschaftliche Sagen den Ursprung zahlreicher Königs- und Heroengeschlechter ab; indem solche Sagen Gemeingut des ganzen hellenischen Volkes wurden, entstand die Vorstellung von dem verliebten Treiben des Gottes. Als Himmelsgott wurde Z. fast überall auf hohen Bergen verehrt, so auf dem troischen Ida, dem arkadischen Lykaion; vor allem aber galt schon früh der thessalische Olympos (s. d.) als sein Herrschersitz, und als himmlischer Oberherr wurde er unter dem Namen olympischer Z. vielfach verehrt, insbes. in Olympia (s. d.). Von ihm kommen alle Himmels- und Wettererscheinungen: er ist der Wolkensammler, als Regenspender Urheber aller Fruchtbarkeit, der Schleuderer des Blitzes, seiner unwiderstehlichen Waffe, und der Donnerer, der Erreger von Sturm und Ungewitter, aber auch der Besänftiger der Elemente. Er hat die Jahreszeiten geordnet, deren Wechsel die Horen, seine Töchter, überwachen. Wie über die Götter und die ganze Natur waltet Z. auch über die Menschen in väterlichem Regiment, daher er Vater der Menschen wie der Götter heißt. Er teilt ihnen Gutes und Böses zu, ist der Retter in der Not (Soter), der Verleiher des Sieges (s. Nike), der Urheber und Erhalter aller Ordnung des menschlichen Lebens, im Bunde mit Themis, Dike und Nemesis der Wächter über Recht und Wahrheit, der höchste Eidgott (Horkios) und der Rächer des Meineids wie alles Frevels, der Hüter des Gastrechts (Xenios) und der Schützer der Hilfeflehenden (Hikesios), der Beschirmer von Haus und Hof (Herkeios) und des häuslichen Herdes (Ephestios), der Hort der Stadt und des Staates und seiner Einrichtungen (Volks- und Ratsversammlungen etc.), der Bundesgott und der Verlei her der persönlichen und nationalen Freiheit (Eleutherios). Als Weltordner aller Dinge kundig, ist er Urheber aller Weissagung, indem er teils durch mannigfaltige Zeichen und besondere Orakel (s. Dodona), teils durch andre Gottheiten, vor allen seinen Sohn Apollon, Offenbarungen erteilt. Rächer aller Verschuldung gegen Welt- und Lebensordnung ist er zugleich der höchste Sühngott (Katharsios), der dem Bußfertigen die Möglichkeit bietet, durch Reinigungen seine Schuld zu sühnen. Geheiligt sind ihm die Eiche und der Adler, der neben Zepter und Blitz zu seinen gewöhnlichen Attributen gehört.

In den Kunstdarstellungen erscheint kein Gott so häufig wie Z., keiner aber auch in so wechselnder Auffassung. Wie sich in Z. alle Seiten des hellenischen Charakters widerspiegeln, so ist auch sein Typus bald milder, bald strenger, schlicht und auch wieder imposant gestaltet worden. Die meisten Denkmäler stellen Z. im vollreifen Mannesalter dar, in blühender Kraft.

Fig. 1 u. 2. Münzen von Elis mit dem Zeus von Olympia.
Fig. 1 u. 2. Münzen von Elis mit dem Zeus von Olympia.

Als Vater der Götter und Menschen kommt ihm das Thronen vorzugsweise zu und die würdevolle Bekleidung mit dem Mantel, der häufig den Oberkörper, wenigstens die eine Brust, frei läßt. Charakteristisch ist das reich wallende, oft auf der Stirn sich aufbäumende Haupthaar und ein mäßig gelockter, in der Mitte geteilter Vollbart. Diese Züge, verbunden mit dem Ausdruck ernsten Sinnes und doch auch gütigen Wohlwollens, finden sich am vollendetsten ausgeprägt an der berühmten, in Otricoli gefundenen Büste des Vatikans (s. Tafel »Bildhauerkunst III«, Fig. 4), einem Meisterwerk aus hellenistischer Zeit, das man früher für Nachbildung des olympischen Z. des Pheidias hielt. Letzteres Werk, die größte Leistung der antiken Kunst, war aus Gold und Elfenbein gebildet (s. Goldelfenbeinkunst). Z. saß auf einem prächtigen Thron, in der Rechten eine dem Beschauer zugewendete Nike, in der Linken das Zepter mit dem Adler, das Haupt mit einem Kranze von Ölzweigen, dem olympischen Siegespreis, bedeckt. Das ganze Werk war etwa 13 m (dazu die Basis etwa 4 m) hoch und reichte beinahe an die Decke heran. Nachbildungen haben sich nur auf Münzen der Landschaft Elis, in der Olympia liegt, gefunden (Fig. 1 u. 2); in diesen ist zumal der Kopf des Z. durch die schlichte Auffassung, die einfache Anordnung von Haupt- und Barthaar interessant. (Vgl. v. Sybel, Das Bild des Z., Marb. 1876.) Obgleich dieses Werk im Altertum als die wahrste Darstellung des hellenischen Nationalgottes galt, geben die erhaltenen Statuen einen später ausgebildeten Typus, wie die sitzende Verospische Kolossalstatue im Vatikan. Als Gigantensieger, den Blitz schwingend und im Ausschritt, stellt ihn der berühmte Fries des Zeusaltars zu Pergamon dar (jetzt im Museum zu Berlin, s. Tafel »Bildhauerkunst IV«, Fig. 7). Eigentümliche Bildungen sind der Dodonäische Z. mit Eichenkranz und die durch Vermischung[911] mit ägyptischen Gottheiten entstandene des Z.-Ammon, der mit Widderhörnern abgebildet wurde, und des Z.-Serapis (Fig. 3), kenntlich an dem Modius (scheffelartigen Aufsatz) auf dem Haupte, dem vorwallenden Haar und dem finstern Ausdruck des Gesichts.

Fig. 3. Zeus-Serapis (Rom, Vatikan).
Fig. 3. Zeus-Serapis (Rom, Vatikan).
Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 911-912.
Lizenz:
Faksimiles:
911 | 912
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Cardenio und Celinde

Cardenio und Celinde

Die keusche Olympia wendet sich ab von dem allzu ungestümen jungen Spanier Cardenio, der wiederum tröstet sich mit der leichter zu habenden Celinde, nachdem er ihren Liebhaber aus dem Wege räumt. Doch erträgt er nicht, dass Olympia auf Lysanders Werben eingeht und beschließt, sich an ihm zu rächen. Verhängnisvoll und leidenschaftlich kommt alles ganz anders. Ungewöhnlich für die Zeit läßt Gryphius Figuren niederen Standes auftreten und bedient sich einer eher volkstümlichen Sprache. »Cardenio und Celinde« sind in diesem Sinne Vorläufer des »bürgerlichen Trauerspiels«.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon