Bourbōn [2]

[144] Bourbōn (spr. Burbong), das Land, welches später Bourbonnois hieß u. von Nivernois, Berry, Auvergne, Bourgogne begrenzt war, war zur Römerzeit von den Äduern, Arvernern u. Biturigern besetzt; zu Ersteren kamen zu Cäsars Zeit noch die Bojer. Unter Kaiser Honorius war B. zum größten Theil zu Aquitania prima geschlagen, der Rest gehörte zu Lyonnoise. Dann kam es an die WGothen u. von diesen, nach Chlodwigs Sieg über Alarich, 507 an die Franken u. machte wieder einen Theil von Aquitania prima aus; im 10. Jahrh. kam es unter die unmittelbare Lehnsbarkeit der Krone u. ward eine der 3 Hauptbaronien des Reiches. Als Stammvater I. der Herren (Sires) von B. (ältere Linie B.) gilt Ademar, Sohn Dibelongs od. Nivelons, Verwandter Karl Martels, welcher diese Herrschaft aus großen Gütern, welche seine Vorfahren in Auvergne, Charolois u. Autunois gehabt hatten, erlangte; sein Sohn war Aimon I., vor welchem um 940 sein Oheim Guido in B. herrschte; Einer von Aimons Söhnen, Anselm, gründete B.-Lancy u. stiftete die gleichnamige Linie; in der Herrschaft B. folgte ihm sein 2. Sohn Archambault I., nach welchem die damalige Hauptstadt B. l'Archambault benannt wurde, zum Unterschied der anderen gleichnamigen Orte in der Herrschaft. Seinen Namen trugen auch seine Nachfolger (bis 1249 Archambault X.), nur herrschte seit 1096 neben Archambault VI. sein Oheim Aimon II. u. nach Archambault VIII. 1200–1215 dessen Tochter Mahaut, vermählt mit Gautiers IV. von Vienne, dann mit Guido II. von Dampierre, auf welchen Letzteren B. überging. Archambault X., welcher 1249 in Cypern starb, hinterließ 2 Töchter, von denen die ältere. Mabaut vermählt mit Eudo von Bourgogne, folgte; nach deren Tode erhielt 1262 ihre Schwester Agnes, vermählt mit Eudos Bruder, Johann von Bourgogne, die Herrschaft B., u. 1283 deren Tochter Beatrix, vermählt mit Robert Graf von Clermont, Sohn Ludwigs IX., wodurch das Haus B. in directe Verwandtschaft mit den Capetingern trat u. die Erben von B. den Titel als Grafen von Clermont annahmen; nach Beatrix Tode folgte 1310 ihr ältester Sohn Ludwig I. d. Gr. od. der Lahme, u. wurde 1327 von Karl IV. zum Herzog von B. ernannt; er war Stifter II. der jüngeren Linie B. Dessen Söhne bildeten 2 Linien, nämlich:

A) die ältere herzogliche Linie, gestiftet von Peter I., Ludwigs Sohn, welcher 1356 bei Poitiers fiel; sein Sohn Ludwig II. d. Gute, war mit König Johann II. als Geißel in England u. kehrte 1360 nach B. zurück; er wurde dann nach Karls V. Tode einer der 4 Vormünder Karls VI, machte 1390 eine Expedition gegen die Raubstaaten, erbte 1401 Beaujeu u. st. 1409; Johann I. wurde bei Azincourt von den Engländern gefangen u. st. 1434 in der Gefangenschaft; sein Sohn Karl I., ein Kriegsheld, welcher die Besitzabtretung eines Theils seines Landes zur Befreiung seines Vaters verweigerte, war in die damalige Affaire mit England u. in die Verschwörung gegen König Karl VII. verwickelt u. st. 1456. Da Johann II. d. Gute 1487 ohne Erben starb, so folgte ihm sein Bruder Karl II., Erzbischof von Lyon. Mit diesem erlosch 1488 diese Linie, u. das Herzogthum B. kam an Peter, Grafen von B.-Beaujeu, einer von Ludwigs II. Nachkommen gegründeten Seitenlinie. Er war vermählt mit Anna, Tochter des Königs Ludwig XI. Da er bei seinem Tode 1503 nur eine Tochter Susanna hinterließ, so machte dieser der Connetable Karl von B. das Erbe streitig, aber durch des Königs Ludwig XII. Vermittelung heiratheten sich Beide, u. so wurde der Connetable als Karl III. Herzog von B. (s. Bourbon 4). Mit ihm erlosch 1527 das Herzogthum, nachdem schon diese Besitzungen 1523 an die Krone gekommen waren.

B) Die jüngere herzogliche Linie, B.-Vendôme, zu welcher alle jetzt noch bestehenden Zweige des Hauses gehören, gründete Jacques, Graf de la Marche (st. 1362). Jacques' Enkel, Louis, nannte sich Graf u. dessen Urenkel, Charles (st. 1537), Herzog von Vendôme (s.d.). Mit dessen Söhnen spaltet sich das jüngere Haus von Neuem, nämlich.

a) das königliche Haus B.: Antoine der Ältere (st. 1562) vermählte sich mit Jeanne d'Albret, Erbin von Navarra, u. wurde König von Navarra; sein Sohn Heinrich wurde 1589 durch das Aussterben des directen Mannsstammes des Hauses Valois als Heinrich IV. König von Frankreich, u. somit kam das Haus B. aus den französischen Thron. Es zerfiel nach dem Tode Ludwigs XIII. (Heinrichs IV. Sohn) durch dessen Söhne Ludwig XIV. u. Philipp I. in 2 Linien:

aa) in das eigentliche königliche Haus, gestiftet von Ludwig XIV.; es theilte sich durch Ludwigs XIV. Enkel in:

aaa) das königliche Hans Frankreich, gestiftet von Ludwig, Herzog von Burgund, dem Vater Ludwigs XV., auf welchen noch Ludwig[144] XVI. u. nach 22jähriger Vertreibung der ganzen Familie, Ludwig XVII. u. Karl X. als Könige gefolgt sind, welcher Letztere 1830 durch die Julirevolution vertrieben wurde u. zu Gunsten seines Enkels Henri (V.), Herzogs von Bordeaux (Grafen von Chambord), mit Übergehung seines Sohnes, des Herzogs von Angoulème, abdankte, s. unten; u.

bbb) das königliche Haus Spanien, gestiftet von Philipp von Anjou, Enkel Ludwigs XIV., seit 1701 als Philipp V. König von Spanien, auf den seitdem Ludwig I., Ferdinand VI., Karl III., Karl IV., nach fünfjähriger Resignation Ferdinand VII. u. nach einem neuen Familiengesetze 1833 seine Tochter Isabella folgten. Diese Erbfolge trat aber nicht ohne Rechtsverletzung von Ferdinands Bruder, Carlos, ein, der unausgesetzt sein Recht mit den Waffen zu behaupten suchte, sich Graf von Molina nannte u. seit 1845 seinem älteren Sohne Carlos (Graf von Montemolin) seine Ansprüche auf die spanische Krone abtrat u. 1855 starb. Aus dem Hause Spanien entstand seit Karl III. noch:

α) das Haus Parma u. Piacenza, 1748 durch Philipp, 2. Sohn Philipps V., Königs von Spanien, gestiftet, 1801 durch Napoleon aus dem Besitz von Parma vertrieben, indem dieser dem Erbprinzen Ludwig das Königreich Etrurien dafür gab, dasselbe aber 1807 dessen unmündigem Sohne, Karl, wieder nahm; dieser blieb ohne Land, bis er 1824 Herzog von Lucca u. 1847 Herzog von Parma, Piacenza u. Guastalla wurde; er trat 1849 seinem Sohne Karl III. das Herzogthum ab, u. diesem folgte bei seinem Tode 1854 sein Sohn Robert, s.u. Parma.

β) Das Haus Neapel od. Beider Sicilien, gestiftet 1759 durch den 2. Sohn Karls III., als König Ferdinand IV, genannt, der 1806 zwar aus Neapel, aber nicht aus Sicilien verdrängt ward u. auch jenes 1815 wieder erhielt u. sich nun Ferdinand I. nannte; ihm folgte 1825 Franz I. u. diesem 1830 sein Sohn Ferdinand II. in der Regierung, s.u. Sicilien.

bb) Das Haus Orleans, gestiftet durch Philipp, gelangte durch dessen Sohn Philipp, der nach Ludwigs XIV. Tode Regent von Frankreich war, Louis, Louis Philipp u. Louis Philipp Joeph, gen. Egalité, bis zu Louis Philipp, welcher nach der Julirevolution 1830 den französischen Thron als König bestieg, aber denselben durch die Februarrevolution 1848 wieder verlor; die Glieder dieses Zweiges, welche durch Gesetz vom 26. Mai 1848 aus Frankreich verbannt wurden, s.u. Orleans. Für die Aufhebung des Decrets der Verbannung der B. aus Frankreich, welches nach der Julirevolution am 18. April 1832 erlassen worden war, stellte nach der Februarrevolution 1848 Jouin u. später der jüngere Napoleon Bonaparte Anträge in der Nationalversammlung, doch wurden dieselben verworfen. Nach dem Wiederzusammentritt der Nationalversammlung brachte Creton denselben Antrag 1850 wiederholt ein, aber unter der Opposition der Legitimisten, weil der Graf v. Chambord allein als König Heinrich V. zurückkehren dürfe, u. der meisten Orleanisten, um deren Stellung durch die Zurückberufung nicht zu präjudiciren, wurde der Cretonsche Antrag bis zum 1. März 1851 vertagt, u. er wurde weder wieder aufgenommen, noch auch unter der neuen Kaiserregierung das Verbannungsdecret, welches sich nun auf beide Linien erstreckt, wieder aufgehoben. In neuester Zeit ist theils eine Allianz der Linien B., bes. im Juli 1849 bei der Zusammenkunft des Grafen Chambord, Don Carlos von Spanien u. des Herzogs von Nemours in Wien, theils eine Aussöhnung der älteren (B.) u. jüngeren Linie (Orleans) der B. (Fusion) versucht worden, nach welcher jene jetzt durch den Grafen von Chambord (Heinrich V.) repräsentirt, auf den französischen Thron zurückgerufen werden, dieser aber, der keine Aussicht auf Leibeserben hat, aus der jüngeren Linie den Grafen von Paris, den Enkel Louis Philipps, adoptiren sollte. Doch waren die Versöhnungsversuche vergebens.

b) Das Haus Condé, von Louis I. gestiftet (die Herrschaft Condé fiel ihm durch Erbschaft zu), erlosch später (1830) mit Louis Henri Joseph, Vater des unglücklichen Herzogs von Enghien (s. Condé), u. zerfiel durch Armand (starb 1666) in die Häuser: aa) Conde durch Louis II. (st. 1686), welcher Linie Ludwig XIV. den Herzogstitel in der Weise zurückgab, daß denselben der Erbprinz dieses Hauses führen sollte; u. bb) Conti, 1814 mit Louis Francis Joseph ausgestorben (s. Conti).

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 3. Altenburg 1857, S. 144-145.
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