Provençalische Sprache

[650] Provençalische Sprache u. Literatur. Die Provençalische Sprache ist unter allen Romanischen Sprachen diejenige, welche in der Provence (daher der Name) am frühesten auch literarisch ausgebildet wurde u. sich in Bezug auf ihre Laut- u. Formenverhältnisse am nächsten u. reinsten der römischen Volkssprache (Lingua Romana rustica) anschließt. Das Gebiet der Provençalischen Sprache umfaßt Südfrankreich (daher bisweilen auch als Südfranzösisch) bis zur Loire u. einen großen Theil des nordöstlichen Spanien, wo ihr die catalonische u. die valençianische Mundart zugehören. Nach der Bejahungsformel oc (aus lat. hoc) wird das Provençalische als Langue d'oc od. Occitanisch der Langue d'oeil od. dem Nordfranzösischen entgegengesetzt; nach der Landschaft, wo es am reinsten gesprochen wurde, dem Limousin, wird sie auch die Limosinische genannt. Außer den römischen Grundelementen enthält das Provençalische bes. germanische u. auch griechische Bestandtheile. Ursprünglich war der Unterschied zwischen dem Süd- u. Nordfranzösischen unbedeutend, schärfer trat er erst im 11. u. 12. Jahrh. hervor, als das Nordfranzösische anfing seine Formen u. Laute immer mehr abzuplatten u. abzuschleifen. Sie hat einen Artikel el, elk, lo der, la, il, ilk die. Das Substantivum hat zwei Geschlechter, Masculinum u. Femininum; die Declination wird durch die Partikeln de u. a bewirkt, der Plural endigt auf s. Die Adjectiva richten sich mit Genus u. Numerus nach ihrem Hauptwort; im Femininum nehmen einige die Endung a an, andere bleiben unverändert. Der Comparativ wird durch plus, mehr, bezeichnet. Die persönlichen Pronomina sind jeu, eu ich, tu du, el, il er, nos wir, vos ihr, els, il sie. Zahlwörter: 1 un, 2 dos, 3 tres, 4 quatre, 5 cinq, 6 sei, 7 sex, set, 8 ot, 9 nov, 10 dex, deze. Es gibt drei Conjugationen, je nachdem der Infinitiv auf ar, er od. ir endigt, z.B. amar lieben, temer fürchten, sentir fühlen. Das Verbum hat einen Indicativ, Conjunctiv u. Conditionnel, ein Präsens, Imperfectum, einfaches Perfectum u. Futurum; andere Tempora werden durch die Hülfsverba aver haben, esser, estar sein gebildet; eben so das Passivum durch esser mit dem Participium Passivi. Der Anfang des Vaterunsers heißt: Nouestre paire, que sias au ciel, que vou-estre noum sieque sanctificat, d.h. Unser Vater, welcher bist im Himmel, daß euer Name sei geheiligt. Grammatiken von Raynouard, Par 1816; Adrian, Frankf. 1825; Diez, Grammatik der Roman. Sprachen, 2. Aufl. Bonn 1857–60, Bd. 1. u. 2.; Wörterbuch von Raynouard (Lexique Roman), Par. 1836–45, 6 Bde.; vgl. Bartsch, Provençal. Lesebuch, Elberf. 1855.

Die Provençalische Literatur ist im Wesentlichen nur eine poetische; ihre Blüthezeit fällt in das 11._– 13. Jahrh. Die ältesten urkundlichen Sprach proben steigen bis zum Jahre 960 hinauf u. bestehen in einzelnen Sätzen, welche lateinischen Urkunden eingestreut sind (vgl. Mary-Lafont, Tableau hist. et litt. de la langue parlée dans le midi de France, Par. 1842). Das erste zusammenhängende Werk ist das Bruchstück (257 Verse) eines Gedichtes über Boethius aus dem Ende des 10. Jahrh. (herausgegeben u.a. von Diez in: Altromanische Sprachdenkmale, Bonn 1846). Die mit dem Ritterthum aufblühende u. durch dasselbe bedingte Troubadourpoesie wurzelt zwar in der Volkspoesie, wurde aber zu einer höfischen Kunstpoesie, welche nicht bloß in Südfrankreich blühte, sondern[650] auch in Italien u. Spanien festen Fuß gewann. Die Troubadours (Trobadores) waren meist Ritter u. Adelige; ihre Kunst, die Gaya ciencia od. el gay saber (die fröhliche Kunst) genannt, war daher auch eine vorzugsweise höfische. Sie sangen nur von Kampf u. Liebe, woher sich auch das frühzeitige Vorkommen der Minnehöfe (s.d.) erklärt. In letztern warfen auf od. vertheidigten die ritterlichen Sänger Controversen aus dem Katechismus der Liebe, eine Sammlung solcher Fragen wurde um 1150 von Magister Andreas, Kapellan des Papstes Innocenz IV., zusammengestellt (Tractatus amoris. 1514). Die Dichter sangen ihre Verse entweder selbst od. hatten einen Chanteur bei sich, von welchem sie dieselben singen ließen; auch ließen sie ihren Gesang von einem Joglar (Jongleur, Menestrel) auf einem Instrument begleiten. Obgleich die Erzeugnisse der Troubadourpoesie verschiedene Benennungen tragen, sind sie im Ganzen doch nur sehr einförmig, zeigen ein auffälliges Einerlei von Ausdrücken u. Bildern, gehören fast sämmtlich der lyrischen Gattung an u. bilden ihrem Inhalte nach nur zwei Klassen, nämlich Chanzos, eigentliche Lieder, u. Sirventes, didaktisch-satyrische, größtentheils zum Singen bestimmte Gedichte. Der Form nach unterscheidet man strophische u. nichtstrophische Dichtungen. Zu ersteren gehören als Unterarten: Vers, jedes Lied aus Strophen von 6, 8, meist aber 7 Versen; Chanzo, meist erotischen Inhalts; Jon, jede Art von Gesang, aber vom italienischen Sonett gänzlich verschieden; Cobla, Strophe, großentheils von lyrischen Gedichten ohne eigene Melodie gebräuchlich; Planh, Klagelied über eine verlorene Geliebte, Freund etc.; Tenson, Dialog zweier Troubadoure über verschiedene Fragen aus dem Gebiet der Chevalerie, der Liebe etc.; Sirventes, Sixtine, von Arnaud Daniel erfunden u. aus 6 Strophen, welche aus je 6 Versen bestehen, zusammengesetzt; Descort, Gedichte, welche nicht bei jeder Strophe ähnliche Reime, Verszahl od. gleiches Metrum haben; Pastoretas, dialogisirte Eklogen zwischen einem Dichter od. Schäfer u. einer Schäferin; Breudoble, eine Dichtungsart, von welcher nur wenig bekannt ist; Gedichte mit Refrain; dahin gehören: Alba, ein Morgengesang, worin der Dichter die Freuden der Liebe während der Nacht schildert, u. Serena, worin der Dichter dem Abend entgegenseufzt; die Retroensa, aus fünf Strophen, aber mit verschiedenen Reimen bestehend; Balada, Lieder zur Belebung des Tanzes; endlich Gedichte mit Commentar od. einem Sermon de la Rason, ähnlich den Glosas der Spanier. Zu den Dichtungen, welche nicht strophisch gebaut sind, gehören die Episteln, welche theils Liebesbriefe sind u. als solche Saluts od. Donnaires heißen; theils didaktisches Gepräge tragen, in welchem Falle sie Ensenhamen, u. wenn sie in das Gewand einer Erzählung gekleidet sind, Comte genannt werden; Novas od. Novelas, Novellen, größtentheils Liebesgeschichten enthaltend. Diesen schließen sich die Ritterromane an. Von letzteren sind näher bekannt geworden: Fierabras (herausgegeben von I. Bekker, Berl. 1829); Gerard von Rosillon (herausgeg. von C. Hofmann, Berl. 1855); der Roman von Jaufre, Dovans Sohn; der Roman Philomena; der Roman Flamenca (vgl. Raynouard, in den Notices et Extraits des Manuscrits, Bd. 13. Thl. 2. S. 81–132). Die bedeutendsten unter den eigentlichen Troubadours sind; Wilhelm IX., Graf von Poitiers u. Herzog von Aquitanien (1071–1127), Bernhard von Ventador (gest. nach 1154), Marcabrun (gest. 1180), berühmt durch seine Rügelieder; Jaufre Rudel, Prinz von Blaye (gest. 1170), einer der besten Dichter seiner Zeit; Guillem von Cabestaing, berühmt durch seine abenteuerliche Liebesgeschichte, welche Boccaccio in seinem Decamerone erzählt; Peire Rozier, Canonicus von Clermon (um 1143), welcher Liebeslieder dichtete; Richard Löwenherz von England; Peire Raimond von Toulouse; Arnart von Marnueil, von Petrarca hochgeschätzt; Guirant von Borneil (um 1180), welcher zuerst Canzonen dichtete; Peire Vidal, Dichter u. Hofnarr, welcher viele u. gute Dichtungen lieferte u. sich bes. in den Novelas auszeichnete; Bertrand von Born (um 1180–95), der bedeutendste politische Dichter unter den Troubadours; Folquet von Marseille, dessen Poesien an Spitzfindigkeiten u. Übertreibungen leiden; Pas von Capducil, welcher politische u. erotische Gedichte verfaßte; Raimbaut von Vaqueiras (gest. um 1207), ein trefflicher Liebesdichter; der Mönch von Montaubon, einer der bedeutendsten satyrischen Dichter; Uc von St.-Cyr (1200–20), welcher viele Canzonen dichtete; Folquet von Romans (um 1220); Guillem Figueira ein liederlicher Schneider aus Toulouse; Aimeric von Peguilain (gest. um 1270), von welchem mehre Liebescanzonen übrig sind; Peire Cardinal (um 1210–30), welcher in seinen Sirventes sich als eifriger Gegner des Adels u. Clerus zeigt; Bertolome Zorgi aus Venedig; Mathre Ermengaud von Beziers (um 1257), welcher ein didaktisches Gedicht verfaßte, u. And. Der letzte bedeutende Troubadour u. Kunstdichter ist Guirant Riquier aus Narbonne (gest. um 1294), von welchem noch über 90 Gedichte übrig sind. Die sämmtlichen Biographien der Troubadours ließ König René von Provence (1409–80), welcher selbst Dichter war (Oeuvres complètes, Par. 1845) durch einen Mönch sammeln (herausgeg. von Mahn, Berl. 1853). Texte der provençalischen Poesie gaben: Raynouard, Choix des poesies originales des Troubadours, Par. 1816–21, 6 Bde.; Rochegude, Le Parnasse occitanien, Toulon 1829; Mahn, Die Werke der Troubadours, Berl. 1846 ff., Bd. 1–4; Denkmäler der dramatischen Poesie sind wenig bekannt; das Fragment eines Mystère vom St. Jakobus wurde von Arnaud (Marseille 1858) herausgegeben. Eine versificirte Chronik des Guillem de Tudela von dem Kriege gegen die Albigenser bis zur Belagerung von Toulouse im Jahr 1219 hat Fauriel veröffentlicht (Par. 1837). Merkwürdig sind zwei alte Grammatiken des Provençalischen aus dem 13. Jahrh. von Hugues Faidit u. Raymond Vidal von Besaudun (herausgegeben von Guessard, 2. Aufl. Par. 1858), welche zu wenigen provençalischen Prosadenkmälern zählen. Vgl. A. W. von Schlegel, Obss. sur la langue et littérature Provençale, Par. 1818; F. Diez, Die Poesie der Troubadours, Zwickau 1827; Derselbe, Leben. u. Werke der Troubadours, ebd. 1829; Derselbe, Über die Minnehöfe, Berl. 1825; Fauriel, Histoire de la poésie provençales, Par. 1846, 3 Bde. Mit dem Ende des 14. Jahrh. hörte die selbständige, eigentlich literarische Bedeutung der Provençalischen Sprache auf, da das Nordfranzösische das Übergewicht erhielt u. das Provençalische zum bloßen Volksdialekt herabdrückte. Doch haben die südfranzösischen Mundarten noch[651] viele Eigenthümlichkeiten bewahrt u. bis auf die neueste Zeit eine gewisse literarische Pflege gefunden. Nach dem Absterben der höfischen Kunstpoesie der Troubadours, welche sich übrigens auch mehrfach schon zu volksmäßigen Liedern, wie Morgen- u. Abendständchen, Schäferliedern etc. herabließen, waren es vorzugsweise die Volkssänger, in deren Munde der provençalische Gesang noch fortlebte, wie z.B. in Weihnachtsliedern (Noels), Farcen (Farsas) etc. In neuerer Zeit traten sogar einige Dichter von mehr literarischer Bildung in Provençalischer Mundart auf, unter denen vorzüglich Godolin, Cyprien Despourrins (geb. 1698) u. in neuester Zeit Jacques Jasmin (s.d.), welcher sich der Gascognischen Mundart bedient, berühmt sind. In der eigentlichen Provence sind Pierre Bellot, E. Garcin, T. Gros, aus neuester Zeit bes. Roumanille u. nächst ihm Mistral, Aubanel, Crousillat u. Reybaud zu nennen. Vgl. Günther, Über die südfranzösische Vo Uspoesie, Bernb. 1844; ein Wörterbuch der neueren Provençalischen Sprache gab Avril (Apt 1844) heraus.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 13. Altenburg 1861, S. 650-652.
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