Alvensleben

[401] Alvensleben, alte adlige, im Magdeburgischen und in der Altmark ansässige Familie, die 1163 zuerst erwähnt wird und noch in vier teilweise gräflichen Linien blüht. Vgl. Wohlbrück, Geschichtliche Nachrichten von dem Geschlecht von A. (Berl. 1819–29, 3 Bde.); v. Alvensleben, Stammtafeln des v. Alvenslebenschen Geschlechts (Erxleben u. Berl. 1865); v. Mülverstedt, Codex diplomaticus Alvenslebianus (Magdeb. 1877 ff.). Bemerkenswert aus neuerer Zeit sind die folgenden, die bei ihrem mehr oder weniger großen politischen Einfluß fast in jedem Memoiren werk aus der 2. Hälfte des 19. Jahrh. erwähnt werden:

1) Albrecht, Graf von, preuß. Staatsminister. geb. 23. März 1794 in Halberstadt, gest. 2. Mai 1858 in Berlin, Sohn des frühern braunschweigischen Ministers und brandenburgischen Landtagsmarschalls Grafen Johann August Ernst v. A. (gest. 1826), nahm 1813–15 als Freiwilliger an dem Befreiungskriege teil und begann 1817 als Auskultator bei dem Stadtgericht zu Berlin seine Beamtenlaufbahn. 1826 zum Kammergerichtsrat ernannt, trat er 1827 nach dem Tode seines Vaters aus dem Staatsdienst, um seine Güter in der Altmark und im Magdeburgischen zu verwalten, ward aber 1833 als Mitglied des Staatsrates vom König wieder in den Staatsdienst zurück berufen und 1835 nach Maassens Tode zum Finanzminister ernannt. Nüchtern, verständig, praktisch-um sichtig und für vernünftige Reformen empfänglich, verwaltete er sein Amt mit Erfolg und hielt Sparsamkeit und Ordnung in den Finanzen aufrecht. Am 1. Mai 1842 trat er vom Finanzministerium zurück, blieb aber, mit einem Teil der unmittelbaren Vorträge in allgemeinen Landesangelegenheiten betraut, in der Umgebung des Königs, bis er im Juni 1844 ganz in den Ruhestand trat. Seitdem lebte A. meist auf seinem Gut Erxleben in der Altmark. 1849 wurde er zum Mitgliede der Ersten Kammer gewählt, wo er eine besondere Fraktion bildete und zwischen der neuen Gesetzgebung und den altpreußischen Verwaltungsmaximen zu vermitteln suchte; 1850 nahm er als preußischer Bevollmächtigter an den Dresdener Konferenzen teil, 1854 erfolgte seine Ernennung zum Mitgliede des preußischen Herrenhauses auf Lebenszeit.

2) Gustav von, preuß. General, geb. 30. Sept. 1803 in Eichenbarleben (Provinz Sachsen), gest. 30. Juni 1881 in Gernrode, wurde im Kadettenkorps erzogen und 1821 Offizier, trat 1847 als Major in den Großen Generalstab und war 1849 Chef des Generalstabs bei dem Armeekorps in Baden, wo er mit dem damaligen Prinzen von Preußen, spätern Kaiser Wilhelm I., Freundschaft schloß. Er ward 1855 Oberst, 1858 Generalmajor, 1861 Generaladjutant des Königs, 1863 Generalleutnant und machte den Feldzug von 1866 im Hauptquartier des Königs mit. Ende Oktober 1866 wurde er zum kommandierenden General des 4. Armeekorps und im März 1868 zum General der Infanterie ernannt. Er befehligte das 4. Armeekorps im deutsch-französischen Kriege 1870/71 und erfocht den Sieg bei Beaumont 30. Aug. 1870. 1872 ward A. zur Disposition gestellt.

3) Konstantin von, preuß. General, Bruder des vorigen, geb. 26. Aug. 1809 in Eichenbarleben, gest. 28. März 1892 in Gerl in, wurde im Kadettenkorps[401] gebildet und 1827 Offizier, trat 1853 als Major in den Großen Generalstab und 1860 als Chef der Abteilung für Armeeangelegenheiten in das Kriegsministerium. 1866 befehligte er als Generalmajor 28. Juni bei Soor das Gros und 3. Juli bei Königgrätz die Avantgarde der 1. Gardeinfanteriedivision, die durch die Erstürmung und Behauptung von Chlum die Schlacht entschied. Während des deutsch-französischen Krieges führte er als Generalleutnant das 3. (brandenburgische) Armeekorps, an dessen Spitze er an den wichtigsten Kämpfen hervorragenden Anteil nahm. Besonders in der Schlacht bei Vionville 16. Aug. brachte er die von Metz abziehende französische Armee durch seinen Angriff zum Stehen und hielt sie, allerdings unter großen Verlusten, bis zum Eintreffen von Verstärkungen am Nachmittag fest. An den Kämpfen vor Orléans im Dezember 1870 und an der Schlacht von Le Mans im Januar 1871 hatte er bedeutenden Anteil. 1871 zum General der Infanterie ernannt, nahm er 1873 seinen Abschied. 1892 erhielt ihm zu Ehren das 52. Infanterieregiment den Namen A.

4) Gustav Hermann von, preuß. General, geb. 17. Jan. 1827 in Rathenow, wurde im Kadettenkorps erzogen, 1844 Leutnant im 6. Kürassierregiment, 1856 Premierleutnant, 1857 zum topographischen Bureau und 1858 als Adjutant zum Prinzen Friedrich Karl kommandiert, 1859 Hauptmann im Generalstab, 1861 Rittmeister im 3. Garde-Ulanenregiment und 1863 wieder Major im Generalstab. Im Stab der Gardedivision machte er 1864 den Krieg gegen Dänemark und in dem des Kavalleriekorps der ersten Armee den böhmischen Feldzug mit und ward im September 1866 Oberstleutnant und Kommandeur des 15. Ulanenregiments, das er als Oberst im Kriege von 1870/71 mit Auszeichnung befehligte: er erhielt das Eiserne Kreuz erster Klasse und den Orden pour le mérite. Nachdem er 1873 das Kommando der 19. Kavalleriebrigade in Hannover erhalten, ward er 1874 Generalmajor, 1880 Generalleutnant und Kommandeur der 10. Division in Posen. 1886–90 war er kommandierender General des 13. (württembergischen) Armeekorps, 1887 wurde er zum General der Kavallerie befördert.

5) Friedrich Johann, Graf von, deutscher Diplomat, geb. 9. April 1836 in Erxleben, studierte in Bonn und Berlin die Rechte, trat 1861 als Attaché in Brüssel in die diplomatische Laufbahn ein und ward, nachdem er an mehreren Höfen Legationssekretär gewesen, 1872 Botschaftsrat in Petersburg, 1876 Generalkonsul in Bukarest, 1879 Gesandter in Darmstadt, 1882 im Haag, 1884 in Washington, 1888 in Brüssel und Ende 1900 Botschafter in Petersburg. 1890 erbte er von seinem Vater, dem Grafen Ferdinand von A., den Grafentitel.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 401-402.
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