Herbst [2]

[197] Herbst, 1) Johann Friedrich Wilhelm, Zoolog, geb. 1743 in Petershagen bei Minden, gest. 1807 als Archidiakonus in Berlin. Schrieb: »Einleitung zur Kenntnis der Insekten« (Berl. 1784–86, 3 Bde.); »Naturgeschichte der Krabben und Krebse« (das. 1782 bis 1804, 3 Bde.); »Einleitung zur Kenntnis der Würmer« (das. 1787–88, 2 Bde.); »Natursystem der ungeflügelten Insekten« (das. 1797–1800, 4 Hefte); »Naturgeschichte der in- und ausländischen Insekten« (mit Jablonsky, das. 1782–1806, 21 Bde.).

2) Eduard, österreich. Jurist und Staatsmann, geb. 9. Dez. 1820 in Wien, gest. daselbst 25. Juni 1892, studierte die Rechte, trat sodann in den Staatsdienst und ward 1847 Professor für Rechtsphilosophie und Strafrecht an der Lemberger, 1858 an der Prager Universität. Er veröffentlichte ein »Handbuch des allgemeinen österreichischen Strafrechts« (Wien 1855, 2 Bde.; 7. Aufl. 1882–84), eine Sammlung von strafrechtlichen Entscheidungen des k. k. obersten Gerichtshofs (das. 1853, 3. Aufl. 1858; Nachträge 1860), eine »Einleitung in das österreichische Strafprozeßrecht« (das. 1860, neue Aufl. 1871) und viele Abhandlungen in juristischen Zeitschriften. Im politischen Leben spielte H. seit 1861 eine hervorragende Rolle. Im böhmischen Landtag war er neben Brinz und Hasner der angesehenste Führer der deutschen Partei. Im Reichsrat beschäftigte er sich hauptsächlich mit Fragen der Finanzverwaltung; auch bei der Reform der Preßgesetzgebung fungierte er als Berichterstatter; er gehörte dem Verfassungsausschuß sowie den Regnicolar-Deputationen an. Im Ministerium Auersperg erhielt er 30. Dez. 1867 das Portefeuille der Justiz, legte zunächst dem Abgeordnetenhaus eine neue Zivilprozeßordnung vor und setzte die Aufhebung der Personalhaft des Schuldners und die Einführung der Jury für Preßdelikte durch. Als nach dem Abgang Auerspergs unter dem Präsidium des Grafen Taaffe sich das Ministerium in zwei Parteien spaltete, gehörte H. der Majorität an, die sich für strengere Zentralisation der zisleithanischen Provinzen aussprach und nach dem Austritt der Minorität noch bis 4. April 1870 unter Hasners Präsidentschaft regierte, bis sie von einem Ministerium Potocki abgelöst wurde. Doch behauptete H. durch seinen Scharfsinn, seine Arbeitskraft, Beredsamkeit und Vertrautheit mit allen Gebieten der Verwaltung und Justiz als Führer der verfassungstreuen Linken einen hervorragenden Einfluß auf das Abgeordnetenhaus, nur ließ er sich oft von seiner Neigung zur zersetzen den Kritik fortreißen. So trug er besonders durch seine Angriffe auf das verfassungstreue Ministerium Auersperg wegen der Orientpolitik 1878–79 zum Sturz desselben bei, vereitelte das in der Bildung begriffene und von ihm vorher gutgeheißene liberale Ministerium Pretis, indem er ihm die Unterstützung der bosnischen Okkupation ablehnte. Hierdurch war nicht nur das Ministerium Taaffe ermöglicht worden. sondern H. hatte sich und seine Partei bei Hofe mißliebig gemacht; die Deutschliberalen verloren die Majorität im Reichsrat, und unter dem Schutz des Ministeriums Taaffe gewannen die slawisch und reaktionär gesinnten Elemente die Oberhand. H. büßte an Einfluß in der Partei ein, deren Führung an Plener überging, verlor 1885 seinen alten Wahlbezirk Schluckenau, kämpfte, aber vergeblich, mit dem Fürsten Schwarzenberg um das Prachatitzer Mandat, worauf er von der innern Stadt Wien gewählt wurde, die ihm auch noch bei den Wahlen 1891 treu blieb. Ein Jahr später starb er. Das Abgeordnetenhaus beschloß, auf Antrag der deutschen Linken, ihm ein Denkmal in den Räumen des Parlaments zu errichten.[197]

3) Wilhelm, Schulmann und Schriftsteller, geb. 8. Nov. 1825 in Wetzlar, gest. 20. Dez. 1882 in Halle, studierte 1844–47 in Bonn und Berlin Philologie und Geschichte, war seit 1850 Gymnasiallehrer in Köln, Dresden, Elberfeld und (nach einjährigem theologischen Studium in Berlin) 1858 in Kleve, wurde hier 1859 Gymnasialdirektor und 1860 Direktor des Friedrich Wilhelms-Gymnasiums in Köln, mit dem unter seiner Leitung eine Realschule verbunden wurde. 1865 ward er Direktor des Gymnasiums in Bielefeld, 1867 Propst und Direktor des Pädagogiums zum Kloster Unsrer Lieben Frauen in Magdeburg, 1873 Rektor in Schulpforta, trat aber 1876 aus Gesundheitsrücksichten zurück und lebte bis zu seinem Tod als Professor der Pädagogik in Halle. Er schrieb: »Das klassische Altertum in der Gegenwart« (Leipz. 1852); »Zur Geschichte der auswärtigen Politik Spartas« (das. 1853); »Friedrichs d. Gr. Antimachiavell« (Duisburg 1864); »Historisches Hilfsbuch« (3 Tle., Mainz, in zahlreichen Auflagen); »Hilfsbuch für die deutsche Literaturgeschichte« (7. Aufl., Gotha 1897); »Quellenbuch zur alten Geschichte« (mit Baumeister und Weidner, Leipz. 1868–75, 5 Hefte); »Zur Frage über den Geschichtsunterricht auf höhern Schulen« (Mainz 1869); »Thukydides auf der Schule« (Programm, 1869); die Biographien: »Matthias Claudius, der Wandsbeker Bote« (Gotha 1857, 4. Aufl. 1878), »Karl Gustav Heiland« (Halle 1869) und »Joh. Heinrich Voß« (Leipz. 1872–76, 2 Bde.); »Goethe in Wetzlar« (Gotha 1881) und »Aus Schule und Haus, populäre Aufsätze« (das. 1882). 1878 begründete er das »Deutsche Literaturblatt« (fortgesetzt von Keck, dann bis 1889 von R. Pfleiderer); im Verein mit andern Historikern begann er die Herausgabe der »Enzyklopädie der neuern Geschichte« (Gotha 1882–90, 5 Bde.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 197-198.
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