Wieland

[712] Wieland (Christoph Martin), einer der ausgezeichnetsten deutschen Dichter und Schriftsteller, wurde am 5. Sept. 1733 im Dorfe Oberholzheim geboren, welches zum Gebiete der schwäb. Reichsstadt Biberach gehörte, in welcher W.'s gelehrter Vater später ein Pfarramt bekleidete. Der Unterricht desselben, der Besuch der Stadtschule und seit dem 14. Jahre der damals berühmten Schule zu Klosterbergen bereiteten W. auf die Universitätsstudien vor, die er in Erfurt und Tübingen machte, wo er sich erst der Theologie, dann der Rechtswissenschaft widmete, sich aber vorzugsweise von den humanistischen Wissenschaften und der schönen Literatur des In- und Auslandes angezogen fühlte. Dazu kamen dichterische Versuche in lat. und deutscher Sprache, mit denen er im 12. Jahre schon begonnen hatte. Anregungen dazu mangelten seinem empfänglichen Gemüthe nicht, und besondere Bedeutung in dieser Hinsicht hatte die 1750 während eines längern Aufenthalts in Biberach entstandene Liebe zu Fräulein Sophie von Gutterheim, die später auch als Schriftstellerin allgemein bekannt gewordene [712] und geschätzte Sophie von Laroche. Nach der Rückkehr von Tübingen ließ W. den Plan fallen, in Göttingen als Universitätslehrer aufzutreten, und begab sich nach der Schweiz, wo er bei Bodmer (s.d.) bis 1754, dann als Lehrer der Söhne zweier Familien in Zürich, zuletzt kurze Zeit in Bern als Hauslehrer beim Landvogt Sinner lebte, 1760 aber nach Biberach zurückkam. In Tübingen noch hatte 1751 W. »Zehn moralische Briefe« (an seine geliebte Sophie gerichtet) herausgegeben, die zugleich sein erster philosophischer Versuch waren. Während seines Verweilens bei Bodmer opferte er diesem aber seine Selbständigkeit zu sehr, wie das in jener Zeit erschienene Epos »Der geprüfte Abraham«, mehre Hymnen und Psalmen, die »Briefe von Verstorbenen an hinterlassene Freunde« und andere belegen; er gewann indeß manche belehrende Aufmunterung, lernte die Schriften der bedeutendern Zeitgenossen kennen und genoß den Umgang von Geßner, Breitinger und anderer ausgezeichneter Männer, sowie des bildenden Verkehrs mit geistreichen Frauen, wozu in Bern auch die Bekanntschaft von Rousseau's Freundin Julie Bondeli kam. Theilnahme an den Hauptpersonen und Ereignissen des siebenjährigen Kriegs veranlaßten ihn, sein umfängliches Heldengedicht zu beginnen, dessen Held Cyrus ist, von dem aber nur die ersten fünf Gesänge vollendet und 1757 herausgegeben wurden. In Biberach nöthigte man W. das Amt eines Kanzleidirectors auf, welches jedoch seine Zeit wenig beschränkte. Die Übersetzung von Shakspeare's Werken (8 Bde., Zürich 1762–66) entstand und die Bekanntschaft und der Umgang mit dem aus dem kurmainz. Staatsdienste zurückgetretenen vormaligen Minister Grafen Stadion, der auf seinem Gute bei Biberach lebte, und bei welchem sich auch W.'s erste Geliebte mit ihrem Gatten befand, beschleunigte in dieser Zeit einen merkwürdigen Fortschritt in W.'s Gesinnung. Er legte seinen frühern Hang zu religiöser Schwärmerei und Phantasterei ab und neigte sich späterhin eher zur sogenannten Freidenkerei und Spötterei hin, wobei er jedoch die moralisch-religiösen Ideen selbst nie antastete. Wie ihn früher seine Bearbeitung von »Araspes und Panthea«, eines schönen Abschnitts aus Xenophon's Cyropädie, als Dichter der Liebe ankündigte, so sprach sich in den dichterischen Erzählungen »Nadine«, »Diana« und »Endymion«, »Das Urtheil des Paris«, in den »Abenteuern des Don Sylvio von Rosalva« diese veränderte Denkart und Das aus, was W. als Vorliebe für Gegenstände einer lüsternen Einbildungskraft zum Vorwurf gemacht wird, und was er später in seinem »Verklagten Amor« gleichsam zu rechtfertigen suchte. Den wichtigsten Einfluß auf W.'s Ruhm hatte sein »Agathon« (1767), in welchem er darstellen wollte, wie weit der Mensch mit seiner Kraft in Weisheit und Tugend kommen kann und welchen Antheil die Außenwelt an der Bildung unsers Wesens hat, und wo er sich in der Person des Agathon gleichsam selbst schildert. Seine Meinungen über die Liebe sind am reizendsten und edelsten in seiner »Musarion oder die Philosophie der Grazien« dargelegt, was auch eines von W.'s besten Werken ist und auf welches er selbst vorzüglichen Werth legte. Im J. 1765 vermählte sich W. mit einer Tochter des Kaufmanns Hillebrandt in Augsburg und ging 1772 als Regierungsrath und erster, ordentlicher Professor der Philosophie nach Erfurt, worauf als eine Art Rechtfertigung seiner philosophischen und Lebensansichten 1770 die »Dialogen des Diogenes von Sinope« erschienen. Joseph II. edle Bestrebungen veranlaßten W.'s »Goldenen Spiegel oder die Könige von Scheschian« (1772), eine Art von moralischpolitischem Handbuch für Fürsten. Aus den seinen Erwartungen gar nicht entsprechenden Verhältnissen in Erfurt befreite den längst in ganz Deutschland berühmten Mann 1772 die Berufung durch die Herzogin Anna Amalia nach Weimar als Erzieher ihrer zwei Söhne, des nachherigen Herzogs und Großherzogs und seines Bruders, mit 1000 Thlr. Gehalt und dem Titel eines Hofraths. Hier fand W. schon mehre jener ausgezeichneten Männer, wie Eckhof, Seiler, Musäus, v. Knebel, v. Voigt, Bertuch u. A, die Weimars Zierde waren, und bewegte sich in den glücklichsten Umgebungen. Schriftstellerisch wirkte er zunächst durch Gründung der Monatsschrift »Der deutsche Mercur«, durch welche er seinen ästhetischen Ansichten allgemeine Verbreitung geben wollte, dabei aber mit der neuen, von Herder und Göthe vertretenen Richtung in misliche Streitigkeiten gerieth, die jedoch ein freundschaftliches Vernehmen mit Jenen nicht hinderten, als sie ebenfalls nach Weimar gezogen wurden. Von dichterischen Werken mag nur noch »Die Geschichte der Abderiten« (1773) und sein romantisches Heldengedicht »Oberon« (1780) genannt werden, welches allein seinen dichterischen Ruf sichert. Er lieferte ferner die noch immer geschätzten Übersetzungen der Briefe und Satiren des Horaz und der Werke des Lucian, und besorgte seit 1794 eine Sammlung seiner Werke (neue Aufl. von Gruber mit W.'s Leben, 53 Bde., Lpz. 1828). W. behielt seinen frühern Gehalt nach beendigtem Erziehungsgeschäft als Jahrgeld und kaufte sich nun für das Honorar seiner Werke ein Landgut in Osmannstädt bei Weimar, das er aber nur bis 1803 behaupten konnte, wo er in die Stadt zurückzog. Als nach der Schlacht bei Jena Weimar von den Franzosen eingenommen wurde, bekam W. vom Marschall Ney eine Schutzwache, und 1808 ertheilte ihm Napoleon den Orden der Ehrenlegion, der russ. Kaiser den Annenorden, auch wurde er in das franz. Nationalinstitut aufgenommen. Seine letzte Arbeit war eine Übersetzung von Cicero's Briefen. Sanft verschied er am 20. Jan. 1813, nachdem ihm seine Gönnerin und Freundin, die Herzogin Amalia, seine Gattin, mit der er musterhaft gelebt und die ihm in 20 Jahren 14 Kinder geboren hatte, seine Freunde Herder und Schiller vorangegangen waren. Seiner Anordnung gemäß wurde er in Osmannstädt in dieselbe Gruft zu seiner Gattin und einer Enkelin seiner Jugendfreundin Laroche, Sophie Brentano, bestattet, die ein einfaches Denkmal und die selbstverfaßte Inschrift ziert:


Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben,

Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein.


Als persönlicher Charakter ohne Makel, möchte sein dichterisches und schriftstellerisches Verdienst vorzüglich in der Leichtigkeit und Gewandtheit von Ton und Styl bestehen, welche er in die deutsche, sprachliche Darstellung brachte, aus der er auch den steifen Alexandriner durch geschmackvollere Versarten verdrängen half, in der umfänglichen Verbreitung von Kenntnissen, Geschmack und vorurtheilsfreier Bildung und der hauptsächlich von ihm in den höhern Ständen angeregten Theilnahme für die vaterländische Literatur, was freilich [713] einer seiner Mängel, jene halb französirende anspruchsvolle Manier, begünstigte, an der viele seiner Werke leiden. Als Philosoph hielt er sich zu keiner Schule, sondern huldigte vorzugsweise einer allgemeinverständlichen und gültigen Lebensweisheit, daher er auch praktische Gegenstände am liebsten behandelte.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 712-714.
Lizenz:
Faksimiles:
712 | 713 | 714
Kategorien:

Buchempfehlung

Klingemann, August

Die Nachtwachen des Bonaventura

Die Nachtwachen des Bonaventura

Erst 1987 belegte eine in Amsterdam gefundene Handschrift Klingemann als Autor dieses vielbeachteten und hochgeschätzten Textes. In sechzehn Nachtwachen erlebt »Kreuzgang«, der als Findelkind in einem solchen gefunden und seither so genannt wird, die »absolute Verworrenheit« der Menschen und erkennt: »Eins ist nur möglich: entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.«

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon