Franziskaner

[2] Franziskaner (Fratres minores, Minoriten, mindere Brüder, seraphische Brüder, auch Barfüßer und graue Brüder), der älteste und noch jetzt am weitesten verbreitete Bettelorden, der es zuerst verstand, das Ideal der apostolischen Eigentumslosigkeit, durch das bisher die ketzerischen Parteien, zumal die Waldenser (s.d.), so großen Eindruck auf die Phantasie des Volkes erzielt hatten, im Dienste der Kirche nutzbar zu machen. Der Urheber der Bewegung, Franz von Assisi (s.d., S. 31 dieses Bandes), hatte diesem Ideal in einem freien, armen, nur durch die liebesinnige Hingabe an den Herrn gebundenen Leben nachstreben wollen. Ihre festgegliederte Organisation als in den Mechanismus der kirchlichen Hierarchie hineingestellter Bettelorden mit genau geregelter Verfassung und ins einzelne gehenden Statuten erhielt seine Stiftung erst durch die von ihm selbst als Neuerung schmerzlich empfundene Regel von 1221, die, 1223 umgebildet, von Papst Honorius III. bestätigt wurde. Noch zu Lebzeiten des Stifters führte der Gegensatz zwischen dem in der Ordensregel gepriesenen, von einer strengern Partei festgehaltenen Ideal der schlechthinigen Armut und dem der mildern Richtung, welche die bald reichlich herbeiströmenden Mittel zur Förderung der Zwecke des Ordens praktisch zu verwerten trachtete, zu lebhaften Konflikten. Besondern Vorschub leistete der laxern Partei der Ordensgeneral Elias von Cortona (1232–39), bis er der päpstlichen Gunst verlustig ging. Doch blieb auch nach seiner Absetzung die Tendenz auf Milderung der franziskanischen Grundsätze, begünstigt durch die Kurie, trotz zeitweiligen Sieges der strengern Richtung im Orden selbst (Johannes von Parma, 1247–57), bestehen. Nikolaus III. (Bulle Exiit von 1279) gestattete den Franziskanern zwar nicht den Besitz, wohl aber den Nießbrauch irdischer Güter, indem er zum Besitzer aller Ordensgüter den Papst erklärte. Durch diese Maßregel wurden die Gegensätze zwischen der Kommunität, d. h. den Anhängern der gemilderten Observanz, und den Spiritualen, der strengern Partei, in der die apokalyptischen Gedanken des Abtes Joachim von Floris (s. Ewiges Evangelium) wieder lebendig wurden, nur verschärft. Einer der angesehensten Führer der Spiritualen war der 1298 gestorbene Petrus Johannes Olivi. Zur Durchführung dieses Ideals sonderle sich seit 1294 die Gruppe der Cölestiner-Eremiten ab, die Papst Cölestin V. (s.d.) bestätigte. Am weitesten gingen in der Opposition gegen die Kurie die besonders in Frankreich verbreiteten Fraticellen, die sich als im Besitz des Heiligen Geistes Stehende und Sündlose betrachteten. Johann XXII. erklärte 1322 die Unterscheidung Nikolaus' III. zwischen Besitz und Nießbrauch für fingiert und 1323 die Behauptung der F., daß Christus und die Apostel nichts Eignes besessen hätten, für Ketzerei. Der von Johann gefangen gehaltene Ordensgeneral Michael von Cesena floh 1328 zu Kaiser Ludwig dem Bayern und eröffnete von dessen Hof aus in Gemeinschaft mit dem franziskanischen Theologen Occam (s.d.) eine heftige Polemik gegen den Papst, die dieser mit Amtsentsetzung und Kirchenbann bestrafte, ohne die Gegner beugen zu können. Doch unterwarf sich die Mehrzahl der F. schon auf dem Generalkapitel zu Paris 1329 dem Papst. Die Fraticellen wurden von der Inquisition aufgesucht und als Häretiker behandelt. Aber der Gegensatz war nicht mehr zu bannen. Unter den Bezeichnungen der »Konventualen«, d. h. den an der Milderung der Regel festhaltenden, und der »Observanten«, d. h. den die Bewahrung der ursprünglichen Regel anstrebenden, haben sich die Parteien bekämpft, bis Leo X. 1517 die endgültige Scheidung des Ordens in eine observantische und eine konventuale Abteilung aussprach. Während infolge dieser Maßregel die Konventualen allmählich zurückgingen, bildeten sich unter den Observanten fortgesetzt neue Gruppen. Die wichtigsten unter diesen Abzweigungen sind, abgesehen von dem Kapuzinerorden (s.d.), die Minoriten von der strengern Observanz (auch Minoriten Barfüßer, Discalceaten), zu denen auch die Alcamaristen gehören, in Portugal und Spanien, die Riformati in Italien, die Recollets (Rekollekten) in Frankreich. Letztere beide Abzweigungen verpflanzten sich auch nach Deutschland. Leo XIII., der 1892 das Protektorat über den Orden übernahm, hat 1897 diese drei Gruppen mit dem Observantenstamm als Fratres minores (braune F.) zu einem Orden zusammengeschlossen. Franziskanerobservanten gibt es zurzeit etwa 15,000 in etwa 1500 Klöstern. Die Franziskanerkonventualen (schwarze F.) zählten 1893: 172 Häuser mit 1462 Ordensgenossen. Die Kapuziner kommen an Zahl der Mitglieder und Häuser den Fratres minores beinahe gleich.

Der oberste Aufseher und Vertreter des ganzen Ordens ist noch immer ein Kardinal, Cardinalis Protector. Im übrigen steht an der Spitze des Ordens der Generalminister oder General, auf sechs Jahre vom Generalkapitel gewählt. Und zwar haben sowohl die geeinten Fratres minores wie die Konventualen (Fratres minores conventuales) und die Kapuziner (Fratres minores capucini) je ihren eignen General und Kardinal-Protektor. Außer den Generalkapiteln werden auch Provinzialkapitel gehalten, da der Orden in Provinzen eingeteilt ist. Eine frühere Unterabteilung in Kustodien besteht nur noch bei den Konventualen und hat auch bei diesen nur geringe Bedeutung. Die Vorsteher einer Provinz heißen Provinziale, die der Kustodien Kustoden, der Vorsteher eines einzelnen Klosters Guardian. Trotz der zahlreichen und heftigen Kämpfe in seinem Innern behauptete sich der Franziskanerorden jahrhundertelang in der Gunst des Volkes wie des römischen Hofs; jenes drängte sich zu seinen Predigten und Beichtstühlen und seinen an Ablässen und Reliquien reichen Kirchen, dieser versah ihn mit Vorrechten aller Art (s. Portiunkula-Ablaß). Diese Bevorzugung rief die Eifersucht des andern Hauptbettelordens, der Dominikaner, hervor, die zudem durch das ganze Mittelalter als Vertreter der thomistischen Tradition hindurch in lebhaftem theologischen Streit mit den Franziskanern als den Vertretern des Scotismus standen. Unter den Franziskanern während der Epoche der Scholastik finden wir die namhaftesten Gelehrten, einen Alexander von Hales, Bonaventura, Duns Scotus, Roger Baco, Nikolaus de Lyra, Occam u. a. Der äußern Mission haben die F. eine aufopfernde, unermüdliche Tätigkeit gewidmet; die innere haben sie hauptsächlich zur Belebung der Frömmigkeit (allerdings in mehr oder weniger krasser Form), besonders in den niedern Volksschichten, betrieben. – Im Mittelalter haben die F. einen großen Einfluß auf die Entwickelung der italienischen Kunst geübt, weil sie derselben umfangreiche Aufgaben stellten. Wo sich der Orden der F. verbreitete, wurden Kirchen und Klöster gebaut, die sich meist an den Typus der Mutterkirchen[2] und -Klöster in Assisi anschlossen und mit Fresken und Altarbildern geschmückt wurden, für welche die legendarische Geschichte des Franz die Motive bot. In San Francesco in Assisi hat die italienische Freskomalerei durch Giotto und seine Schüler den ersten Aufschwung genommen, und seitdem zogen die F. gleich den Dominikanern die Kunst in ihren Dienst, um den Ruhm ihres Stifters allerorten zu verbreiten.

Wappen des Franziskanerordens.
Wappen des Franziskanerordens.

Das Leben und die Wundertaten des Franz wurden in zusammenhängenden Zyklen dargestellt, die eine Reihe typisch gewordener Momente umfassen. Auch in der Dichtkunst haben sich F. (Thomas von Celano, Jacopone da Todi) einen Namen erworben. Das Wappen des Ordens zeigt nebenstehende Abbildung. Über den sogen. zweiten Orden vom heiligen Franz s. Klarissen, über den dritten s. Tertiarier. Vgl. außer der bei dem Artikel »Franz von Assisi« (S. 31) angeführten Literatur Wadding, Annales Minorum (2. Aufl., Rom 1731–1886, 25 Bde., bis 1662 reichend); »Bullarium Franciscanum« (das. 1759–1903, 7 Bde., bis 1431; zurzeit hrsg. von Eubel); »Analecta Franciscana« (Quaracchi 1885ff.; bisher 3 Bde.); Heimbucher, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche, Bd. 1 (Paderb. 1896).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7. Leipzig 1907, S. 2-3.
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