Magīe

[74] Magīe (Ars magica), die vermeintliche Kunst, durch geheimnisvolle Mittel übernatürliche Wirkungen hervorzubringen, im allgemeinen gleichbedeutend mit Zauberei. Den Namen M. erhielt bet Griechen und Römern namentlich jene, philosophische und thëurgische Formen annehmende Zauberei, die von den babylonischen Magiern zu den Medern, Persern und Ägyptern gekommen war und sich von da über Orient und Okzident verbreitet hatte. Die Entzifferung der Keilschriften hat gezeigt, daß die chaldäischen Magier nicht mit Unrecht bei den Alten als die Urheber der M. galten, und es zeigte sich, daß fast alle Einzelheiten unsers gelehrten, d. h. durch die altklassische Literatur verbreiteten Zauberglaubens chaldäischen oder vielmehr akkadischen Ursprungs sind. In ihrer allgemeinen Grundlage gehört die M. den niedrigsten Stufen der Zivilisation an, auf denen der Mensch die ganze Natur für durch Geister belebt ansieht und glaubt, seine in menschlicher Art gedachten Götter sowie namentlich die niedern Naturdämonen durch allerlei Formeln und Zeremonien, Kasteiungen, Opfer etc. gewinnen, überwinden und sich dienstbar machen zu können glaubt. Einzelne Personen, sogen. Schamanen oder Medizinmänner, wissen sich den Ruf zu verschaffen, daß sie Macht und Einfluß auf die übernatürlichen Wesen ausüben und andre Menschen entweder den Dämonen preisgeben oder sie vor ihren Angriffen schützen können. Bedenkt man, daß der Fetischismus (s. d.), gewisse Zeremonien, die Vorstellungen vom Totem und Tabu (s. d.), von der Kraft eingeritzter Zeichen und der Herbeiführung von Krankheit und Tod durch Zauberei das ganze Sinnen der Naturvölker ausfüllen, so ist es nicht zuviel gesagt, wenn man die M. als niederste Religionsform selbst bezeichnet. Daher fand sich auch vielfach bei höher stehenden Nationen, deren Bildung aber noch nicht so weit vorgeschritten ist, um den Glauben an die Zauberei selbst zu zerstören, die feste Überzeugung, daß das magische Können den niedern Stämmen des Landes, z. B. noch heute den Zigeunern, angehöre. So war im Mittelalter der Name Finne gleichbedeutend mit Zauberer, während der Finne selbst sich vor den magischen Künsten der Lappen fürchtet, und in den längst vergangenen Zeiten nannten in Indien die herrschenden Arier die rohen Eingebornen des Landes »von magischen Kräften erfüllt«, obwohl von andern Völkern den indischen Brahmanen namentlich das Heilen von Krankheiten vermittelst zauberkräftiger Sprüche, das Beschwören von Schlangen, die Kunst, sich unsichtbar zu machen, etc. zugeschrieben wurden. Bei den Persern waren Totenbeschwörung, Schüssel- und Wasserweissagung heimisch (s. Magier). Schon die Chaldäer haben die Astrologie in den Dienst der M. gezogen, und von ihnen kam letztere mit dem Sternenkultus zu den syrischen und phönikischen Volksstämmen, endlich zu Griechen und Römern, die sie den Arabern überlieferten. Bei den Juden finden wir insbes. den Glauben an Beschwörung der Toten und der unsaubern Geister, welche die Besessenheit erzeugen. Als der größte und weiseste Zauberer erscheint später Salomo, dem nach der Sage namentlich die Macht über die Dämonen verliehen war. In Kolchis und Phrygien stand die M. im innigsten Zusammenhang mit dem religiösen Kultus und der Kenntnis stark wirkender Arzneistoffe. In Ägypten trieb man Astrologie und stellte die Nativität, und auch die Medizin war mit der M. eng verbunden. Vieles aus der orientalischen M. ist so zu den Hellenen übergegangen, obwohl schon bei Homer und in der Zeit vor den Perserkriegen zahlreiche einheimische Praktiken auftauchen, wie das Besprechen des Blutes, der Wundertrank der Helena, der Zaubergürtel der Aphrodite, der Zauberstab des Hermes, die Verwandlung des Odysseus und seiner Gefährten in Schweine, Löwen etc., der Gegenzauber durch das Kraut Moly etc. Auch hier hing die M. aufs innigste mit der Religion zusammen, wie dies besonders bei den alten pelasgischen Naturkulten und Orakeln mit ihren Höhlen, Erddämpfen, Quellen, geheimnisvoll rauschenden Bäumen etc. hervortritt. Selbst die Philosophie blieb nicht frei vom Zauberglauben. Neben Orpheus tritt Pythagoras als Zauberer auf, und die Betrachtung der Zahl als kosmischer Potenz beherrschte in den sogen. heiligen Zahlen weite Gebiete der Gelehrsamkeit. Bei Platon erscheinen die Dämonen als höhere, mächtigere Mittelwesen, von denen Zauberwirkungen hergeleitet werden. Aus diesen Elementen bildete sich die thëurgische M. der Neuplatoniker, nach der die Seele als Ausfluß des Absoluten mit unendlicher Wirkungskraft ausgerüstet sei. Die Körperwelt galt als ein Komplex sympathischer und antipathischer Beziehungen. Durch strenge Asketik und genaue Befolgung religiöser Zeremonien tritt die[74] Seele mit den guten Göttern in Verbindung, ja sie wird eins mit dem Absoluten. Die Neuplatoniker unterschieden nun höhere M. und GoëtieZauberei«). In Rom, wo namentlich das Divinationswesen mit dem Staatsorganismus eng verbunden war, fand die ausländische M. mit Ausnahme der Astrologie, die Planetenbeobachtung voraussetzte, früh schon Eingang und Verbreitung, obwohl von Zeit zu Zeit Edikte dagegen erlassen wurden. Im Mittelalter unterschied man höhere und niedere, weiße und schwarze M., je nachdem man den beabsichtigten Zauber durch himmlische oder irdische Kräfte zu erreichen, gute oder böse Geister dazu bewegen zu müssen glaubte. Von großem Einfluß darauf war der Glaube an den Teufel und die ihm untergebenen Geister, und die wichtigste und traurigste Folge dieses Wahns war der Glaube an die Teufelsbündnisse (s. Hexe). Vieles, was man früher in das Gebiet der geheimen Wissenschaft und der M. zog, namentlich die persönlichen Einwirkungen, magischen Heilungen, Visionen etc., hat jetzt durch die genauere Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetze, namentlich des Hypnotismus (s. d.), der Suggestion etc., einen Teil seines unglaublichen und wunderbaren Wesens verloren. Dazu gehört auch alles dasjenige, was in den Bereich der sympathetischen Kuren und der Macht der Einbildungskraft (Autosuggestion) fällt (vgl. Magnetische Kuren). Anderseits hat aber der Glaube an das willkürliche Hervorrufen von Geistererscheinungen und Offenbarungen aus dem Jenseits mittels begabter Personen (Medien), Spiritualismus oder Spiritismus (s. d.), wieder Einfluß erlangt. Unter natürlicher M. versteht man heutzutage die Kunst und Geschicklichkeit, durch physikalische, mechanische und chemische Mittel Wirkungen hervorzubringen, welche den Ununterrichteten in Erstaunen setzen. Vgl. Okkultismus und Ennemoser, Geschichte der M. (2. Aufl., Leipz. 1844); Maury, La magie et l'astrologie (4. Aufl., Par. 1877); Christian, Histoire de la magie (das. 1870); Lenormant, La magie chez les Chaldéens, etc. (das. 1874; deutsch, Jena 1878); A. de Rochas, La science des philosophes et l'art des thaumaturges dans l'antiquité (Par. 1882); Fabart, Histoire philosophique et politique de l'occulte (das. 1885); Mannhardt, Zauberglaube und Geheimwissen im Spiegel der Jahrhunderte (2. Aufl., Leipz. 1895); Regnault, La sorcellerie, ses rapports avec les sciences biologiques (Par. 1897); A. Lehmann, Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart (a. d. Dän., Stuttg. 1898); Blau, Das altjüdische Zauberwesen (Straßb. 1898); Fossey, La magie assyrienne (Par. 1902); du Prel, Die M. als Naturwissenschaft (Jena 1899, 2 Bde.) und andre Schriften (s. Prel). Über die M. als natürliche Entwickelungsstufe des menschlichen Denkens handeln besonders O. Caspari, Urgeschichte der Menschheit (2. Aufl., Leipz. 1877, 2 Bde.), und Tylor, Anfänge der Kultur (a. d. Engl., das. 1873, 2 Bde.). Die Mittel der sogen. natürlichen M. erläutern zahlreiche, teilweise bändereiche deutsche Werke von Wiegleb, Martius, Halle, Poppe u. a. Speziellere Nachweisungen gibt Grässes »Bibliotheca magica« (Leipz. 1843).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 74-75.
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