Okkultismus

[14] Okkultismus, die Lehre von den noch verborgenen Dingen, richtiger das Bestreben, das Verborgene wissenschaftlich zu erforschen und aufzuklären. Das Verborgene, Unbekannte, Unerfahrene zerfällt in das noch in Zukunft Erkennbare und das ewig Unerkennbare. Daraus ergeben sich drei Gebiete: 1) das wissenschaftlich bereits Erkannte; 2) das wissenschaftlich Unerkannte, aber früher oder später noch einmal zu Erkennende; 3) das wissenschaftlich ewig Unerkennbare, das Gebiet der spekulativen Physik, der Metaphysik. Das zweite Gebiet ist ein empirisch durchaus zugängliches, übersinnliches Tatsachengebiet; während das dritte Gebiet übernatürlich ist. Letzteres hat mit dem zweiten Gebiet gar nichts zu tun, zwischen ihnen liegt für die Wissenschaft eine unüberbrückbare Kluft. Zwischen dem ersten und zweiten Gebiet besteht Kontinuität, d.h. die auf dem zweiten Gebiet zu erwartenden Erscheinungen und Tatsachen liegen in der Verlängerungslinie des ersten. Hier, wo sich beide Gebiete berühren, an der Grenze, an der Schwelle des bereits Erkannten (Erfahrenen) und des noch Unerkannten, Fremden (Unerfahrenen) ist die eigentliche Domäne des O. Deswegen bezeichnet man diesen auch als Grenzwissenschaft (Xenologie). Die Verallgemeinerung des Begriffes O. hat den Zweck und Vorteil, den eine Zeitlang verloren gegangenen Konnex des O. mit der induktiv betriebenen Wissenschaft wiederherzustellen. Durch die neuern Untersuchungen der transzendentalen Phänomene (übersinnlichen Erscheinungen, Grenzfakta) erscheint der O. als ein einheitliches und geschlossenes Tatsachen- und Gedankensystem von großer kultureller Bedeutung und Tragweite. Man erkennt, daß der O. etwas andres ist als ein nur kulturhistorisch interessanter Komplex von wissenschaftlichen, philosophischen und religiösen Verirrungen des menschlichen Geistes; daß hinter ihm mehr steckt als bewußter Schwindel, beabsichtigter Betrug, mangelhafte Beobachtung und ungenügende psychologische Kenntnis.

Der O. sucht immer weiter ins Gebiet des annoch Übersinnlichen und Unerfahrenen vorzudringen und die sich hier erschließenden Tatsachen zum Aufbau einer übersinnlichen Weltanschauung zu verwerten. Diese Grenzverschiebung zwischen den vorhin genannten beiden ersten Gebieten bezweckt dagegen nicht Befriedigung des metaphysischen Bedürfnisses, nicht Beantwortung gewisser unbeantwortbarer Herzens- und Gemütsfragen, nicht Ausstellung einer übernatürlichen Weltanschauung, die über Mechanik und Mathematik hinausgeht. Der wissenschaftliche O. verliert sich nicht ins Transzendente, sondern behält in seiner neuesten Fassung als Xenologie einen durchaus festen (phänomenal u. transzendental) realen Boden unter den Füßen.

Wie bei allen exakten Wissenschaften, so ist auch beim O. die Methode der Untersuchung eine induktive. Jeder induktive Weg führt jedoch schließlich zu einer Zusammenfassung, zur Synthese, von der aus wieder deduktiv gefolgert werden kann. Abgesehen von der Philosophie, die als Metaphysik aber nicht zu den exakten Wissenschaften gehört, gibt es kein einziges, auch nur annähernd so umfangreiches, zusammengehörendes Tatsachengebiet, auf dem Synthese und Deduktion eine solche Rolle spielen, als es gerade beim O. der Fall ist. Jedes beliebige Fach der Wissenschaften führt, genügend weit verfolgt, schließlich zum O. Denn jedes Fach hat seine Grenze, seine Spitze, seinen Gipfel, mit dem es (gemeinschaftlich mit den übrigen Disziplinen) in das große Unbekannte hineinragt. Die Verlängerungslinien aller Fächer zusammengenommen, also die Synthese aller Spitzen, bildet den O.

Wegen der großen Bedeutung der Synthese für den O. meinen viele, man müsse von ihr ausgehen, mit ihr anfangen. Nicht die Induktion, sondern eine Art deduktiver Intuition sei der einzig richtige Weg zur Erkenntnis. Diese Leute haben durch ihre religiösen und moralischen Nebeninteressen sowie durch ihr unwissenschaftliches Benehmen und Gebaren den O. vor dem Forum einer nüchternen Wissenschaft in Mißkredit gebracht. Die Abneigung, sich mit dem O. ernst zu beschäftigen, wird ferner erhöht durch Leute, die ihn pekuniär ausbeuten (Kurpfuscher-, Buchhändler- und Schaustellungs-O.). Auch der Umstand, daß manche Xeno-Phänomene eine krankhafte, oft der Sexualsphäre angehörende Basis haben, sowie der weitere Umstand, daß selbst namhaftere Okkultisten ihr ganzes System durch die monoideïstische Brille einer fixen Idee, z. B. des Reichenbachschen Ods, betrachten, trägt nicht dazu bei, sich mit dem Studium des O. zu befreunden. Dazu kommt endlich noch der O. der Reformatoren: wer sich für eine einzelne ästhetische, ethische, hygienische, pädagogische, religiöse, soziale etc. Reform besonders interessiert, läuft sehr oft Gefahr, seine Sympathien auch sonstigen Pseudoreformen entgegen zu tragen. Daher liegen Antivivisektion, Homöopathie, Impfgegnertum, Mystik, Naturheilkunde, Spiritismus, Theosophie, Vegetarismus u.a. bedenklich nahe beieinander.

In Deutschland haben sich hauptsächlich drei große Richtungen herausgebildet, deren Vertreter sich mehr oder weniger feindlich gegenüberstehen: die naturwissenschaftlich-psychologische, die spiritistische und die theosophisch-mystische Richtung. Die beiden letzten Gruppen stellen apriori Hypothesen auf, die sie nachträglich zu beweisen suchen. Dies gilt namentlich für die Theosophie, die mit ihrer Annahme von einer Unsterblichkeit der Individualität (nicht des Individuums, der Person), von einer Reïnkarnation (Wiederverkörperung), vom Karma, von einer siebenfachen Konstitution des Mikro- und Makrokosmos, von vielen Daseinsebenen und Bewußtseinszuständen etc. durchaus in metaphysische Regionen hineinragt, die einer exakt wissenschaftlichen Untersuchung niemals zugänglich sein werden.

Zur Erklärung der okkulten Erscheinungen sind viele Hypothesen aufgestellt worden. Gefährlich sind Generalisierungen, denn ähnliche Effekte können ganz verschiedene Ursachen haben. Folgende Theorien seien angeführt: Betrug, absichtlicher und unbewußter; schlechte Beobachtung, einerseits infolge der mangelhaften Einrichtung unsrer Sinnesorgane und Instrumente, anderseits infolge ungenügender wissenschaftlicher, namentlich psychologischer Kenntnisse; [14] Sinnestäuschungen, Halluzinationen, Illusionen, Visionen einzelner und vieler Leute; Krankheiten des Geistes und des Körpers, sexuelle Perversitäten; supernormale Fähigkeiten, Sensitivität, Hellsehen, actio in distans, Telepathie, Telenergie etc.; unbekannte Kräfte im Menschen und in der Natur, Xeno-Energien; magische, vitale, psychische Kräfte; Od und allerlei sonstige Fluida; Doppel- Ich, qualitativer Unterschied zweier geistiger Potenzen in uns; Tag- und Nachtpol der Seele, psychischer Dualismus; Geist er und andre übersinnliche Wesen; Teufel und Dämonen; vierte Dimension; transzendentales Raum- und Zeitmaß, Kopfuhr; übernatürliche Offenbarungen und deren Tradition, Gnosis.

Von den mannigfachen Hypothesen und Theorien sind die zum Teil von alters her überlieferten okkulten Lehren wohl zu unterscheiden. Es handelt sich bei diesen Traditionen meistens um solche Doktrinen, die auch von der modernen Wissenschaft als allgemeine Gesetze und Prinzipien anerkannt, resp. wieder entdeckt worden sind. Vgl. Salverte, Des sciences occultes (Par. 1829, 3 Bde.; Bd. 1 in 3. Aufl. 1856); Hellenbach, Der Individualismus im Lichte der Biologie und Philosophie der Gegenwart (Wien 1878); Siegismund, Vademekum der gesamten Literatur über O. 1800–1880 (Berl. 1888); Behre, Spiritisten, Okkultisten, Mystiker und Theosophen (Leipz. 1890); Du Prel, Studien aus dem Gebiete der Geheimwissenschaften (2. Aufl., das. 1905, 2 Bde.); Kiesewetter, Geschichte des neuern O. (das. 1891–1894, 2 Bde.) und Der O. des Altertums (das. 1895 bis 1896, 2 Bde.); Kuhlenbeck, Der O. der nordamerikanischen Indianer (das. 1896); Berndt, Das Buch der Wunder und Geheimwissenschaften (das. 1900). Zeitschriften: »Die übersinnliche Welt« (Berl., seit 1893); »Bibliographia xenologica« (Hamb. 1905); »Das Reich des Übersinnlichen«, monatliche Literaturberichte (Münch., dann Wien, seit 1901); »Geheimwissenschaftliche Abhandlungen« (Leipz. 1896 ff.); Weiteres bei Artikel »Magie« und »Spiritismus«.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 14-15.
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