Urál [2]

[950] Urál (die Montes Riphaei der Alten), das längste Meridiangebirge der Alten Welt, dessen südlichster niedriger Ausläufer, der Mugodschar, zwischen der Salzsteppe an der Emba und der Kirgisensteppe, fast bis zum Aralsee (48° nördl. Br.) reicht, während sich der nördlichste, auf bem Festlande Pai-Choi genannt, jenseit der Waigatschstraße über die Waigatschinsel bis über den 70. Breitengrad hinzieht (s. Karte »Rußland«). So sind die beiden Endpunkte um mehr als 22 Breitengrade, also um 2642 km, voneinander entfernt. Der eigentliche U. reicht im N. nur bis zum Konstantinow Kamen (68°30' nördl. Br.), im S. bis zum 51. Breitengrad. Die Breite des Gebirges beträgt meist nicht über 75 km und übersteigt kaum 190 (so im äußersten Süden); seine Kammhöhe beträgt durchschnittlich 450–500 m und erreicht nur im SW. und N. 1200 m, eine Höhe, die nur einzelne Gipfel überragen. Der östliche Abfall des Gebirges ist etwas schroffer als der westliche, der sich terrassenförmig gegen die Kama und Wolga abstuft. Man teilt den eigentlichen U. in den nördlichen samojedischen oder wogulischen, den mittlern oder werchoturischen und den südlichen oder baschkirischen U. ein. Der nördliche U., der vom Karischen Meere bis zum 61.° nördl. Br. oder bis über die Quellen der Petschora hinausreicht, ist ein wald- und erzloses Gebirge. Vom Karischen Golf südlich bis zum 67.° reicht der sogen. samojedische U. (mit Gnetju 1298 m, Chaiudy-Pae 1241 m), es folgt der ostjakische U. bis über den 64.° nördl. Br. hinaus (mit Paijar 1418 m, Töll-Pos-Is 1683 m, Sablja 1644 m), endlich der wogulische U. (mit Koip 1041 m, Puri-Mongit-Ur 1108 m, Hal Sory 977 m, Ischerim 1233 m). Nordöstlich zweigen sich vom nördlichen U. die zur Obmündung verlaufenden niedrigern Berge von Obdorsk ab. Der mittlere oder werchoturische U., der sich vom 61.° nördl. Br. bis an die Quellen der Ufa (55°) fortsetzt, bildet ein breites, waldig-sumpfiges Tafelland von mäßiger Erhebung (im Mittel 650 m), das von einzelnen Felsbergen überragt wird, und ist der einförmigste Teil des Gebirges; nur im NO. zeigt sich eine alpinere Natur. Er wird in drei Teile, in den U. von Bogoslowsk, von Goroblagodatj und von Jekaterinburg eingeteilt. Der höchste Teil ist der von Bogoslowsk mit seinen Hauptgipfeln: Deneshkin-Kamen (1563 m) und Konshakow-Kamen (1563 m); der U. von Goroblagodatj erhebt sich nicht über 900 m, hat aber Berge, die ganz aus Eisenerz bestehen (so der Magnetberg Blagodatj, 380 m); der U. von Jekaterinburg ist noch niedriger, übersteigt nicht 850 m und hat den Paß (358 m), durch den die Eisenbahn von Perm nach Jekaterinburg geführt ist. Südlich von der Ufaquelle folgt der dreigeteilte südliche U., im O. mit dem niedrigen, aus Granit und Gneis zusammengesetzten Ilmengebirge bei Mijask, in der Mitte mit dem Uraltau im engern Sinne (auch Urengai genannt), der mit der Irendikkette im S. endet. Die Zahl der Bergketten erreicht schließlich sieben; die bedeutendsten Höhen des südlichen Urals sind: der große Jaman-Tau (1642 m), der Iremel (1617 m), der Nurgusch (1430 m), Nacy (1373 m), Sigalga, Taganaj etc. Der U. gibt zahlreichen Flüssen ihren Ursprung; dazu finden sich an der Ost- und Westseite viele kleine und größere Landseen, am dichtesten am Ilmengebirge und zur Seite des mittlern Urals. Dort, wo mittlerer und südlicher U. zusammenstoßen, drängen sich vor allem die Quellen zahlreicher Flüsse zusammen, die dem Tobol, Ural und der Kama zuströmen. Nur im äußersten Süden versiegen im Sommer die Bäche und kleinen Flüsse meist ganz.

Der U. besteht aus einer Achse kristallinischer Schiefergesteine (Gneis-, Glimmer-, Chlorit- und Talkschiefer mit eingelagertem körnigen Kalk), an die sich seitlich silurische Bildungen, Devon und Karbon (mit Steinkohlen) und besonders im SW. permische (Kupfersandsteine), im N., an der Petschora, auch jurassische Sedimente anlagern. Von massigen Gesteinen treten nur ältere, wie Granit, Syenit, Diorit, Augit- und Uralitporphyre auf, jüngere fehlen gänzlich. Der U. ist ein an Erzen sehr reiches Gebirge. Gold und Silber- und Bleierze (Bleiglanz und Rotbleierz) finden sich auf Gängen; der Kupfersandstein führt reiche Kupfererze, in dem Devon und in Porphyrgesteinen, welche die Devonschichten durchsetzen, liegen die reichen Magneteisenlager, so der Magneteisenberg Wissokaja Gora bei Nishne Tagilsk, der Blagodatj (s. Tafel »Erzlagerstätten III«, Fig. 2) bei Kuschwinsk u. a., auch wichtige Kupferlagerstätten, z. B. die von Nishne Tagilsk. Aus der Zerstörung goldführender Quarzgänge und von platinführenden Serpentinen stammen die Gold- und Platinseifen, aus denen diese Metalle ausgewaschen werden. 1699 wurde unter Peter d. Gr. die erste große Eisenschmelze im U. gegründet. Eisen und Kupfer blieben lange Zeit die wichtigsten Metalle; 1754 begann der Gangbergbau auf Gold, und 1814 wurden die ersten Goldseifen entdeckt, wonach die Goldwäsche den Bergbau bald weit in den Hintergrund drängte; seit 1825 nahm die Platingewinnung ihren Aufschwung. Die uralische Goldproduktion ist neuerdings stark im Rückgang, hauptsächlich infolge Erschöpfung der leicht zugänglichen Seifen. 1902 wurden nur noch 5384 kg Schlichgold gewonnen (gegen 12,013 kg im J. 1893), das meiste in den Bezirken Werchoturje, im östlichen Jekaterinburgschen und im nördlichen Orenburgschen. An Platin wurden in demselben Jahre 6142 kg gewonnen. An Kupfer, das vorzugsweise gediegen, als Rotkupfererz und Malachit (z. B. bei Nishne Tagilsk), und in kalkigen Kiesen (bei Bogoslowsk) etc. vorkommt, lieferte der U. (1902) in sieben Schmelzwerken 42,580 metr. Ztr. An Eisenhütten zählt man im ganzen 114, davon 13 fiskalische, die 1905: 6,74 Mill. metr. Ztr. Roheisen und 5,36 Mill. metr. Ztr. Eisen und Stahl produzierten. Die bedeutendsten privaten Eisenhütten sind die der Firmen Demidow und Jakowlew. Der größte Teil des Eisens kommt auf der Messe zu Nishnij Nowgorod in den Handel. An Manganerzen wurden 1902: 61,595 metr. Ztr., an Chromeisenstein 195,319 metr. Ztr., an Asbest in 22 Gruben 45,130 metr. Ztr. gewonnen. Seit einigen Jahren wird am Westabhang auch Bergbau auf Steinkohlen betrieben (1902: 5,16 Mill. metr. Ztr.). Die Gesamtzahl der im Bergbau beschäftigten Arbeiter wird für den U. (1901) auf 251,976 angegeben. Außerdem liefert der U. mannigfache schöne Gesteine und interessante Mineralien, die vorzugsweise in der großen Schleiferei zu Jekaterinburg für architektonische Zwecke und als Schmucksteine geschliffen werden, z. B. Porphyr, Bergkristall (Amethyst), Jaspis (Avanturin), Kieselmangan (Rhodonit), [950] Malachit, Amazonenstein u. a. Vor allem reich ist das kleine Ilmengebirge bei Mijask an Mineralien (Eläolith, Amazonenstein, großblätteriger sibirischer Glimmer, Pyrochlor, Äschynit, Sodalith, Apatit, Monazit, Titaneisenerz, Titanit, Zirkon, Beryll, prachtvolle Topase, Korund u. a.), ferner die Gegend von Slatoust im südlichen und die von Mursinsk im mittlern U. (mit schönen und großen Topas-, Beryll- und Rauchtopaskristallen). In den Seifen von Bissersk hat man früher auch kleine Diamanten gefunden.

Das Klima des Urals ist rauh mit strengen Wintern und heißen Sommern. Das Gebirge bildet nur insofern eine klimatische Grenze, als im Winter die Temperatur im Osten niedriger, im Frühjahr höher ist als im Westen, während im Sommer die Wärmeverhältnisse nahezu gleich sind. Die Grenzen des ewigen Schnees erreicht der U. nicht. Die mittlern jährlichen Temperaturextreme sind für Bogoslowsk 30° und -46°, Perm 33° und -37°, Jekaterinburg 31° und -38°, Orenburg 36° und -33°. Der Westabhang des Urals ist reich an Schnee, daher verspätet sich die Entwickelung der Vegetation hier um 10–15 Tage, der Ostabhang dagegen ist ärmer an Schnee, weil hier die im Winter vorwaltenden Westwinde schon trocken ankommen. Der meiste Regen (70 Proz.) fällt im Mai bis September; die Jahresmenge beträgt in Bogoslowsk 41 cm, Nishne Tagilsk 48, Jekaterinburg 36, Slatoust 47, Orenburg 40 cm.

Die Vegetation des Urals gliedert sich in drei verschiedene Regionen, von denen die eine, der Waldsteppengürtel, auf den südlichsten Teil des Gebirges, etwa vom Gouv. Perm südwärts, beschränkt ist und sich durch oasenartig in der Steppe zerstreute Laubwaldinseln auszeichnet. Den Hauptcharakter der mittlern Waldregion bedingen Nadelhölzer, wie Abies sibirica, Larix sibirica, Picea obovata u. a., zu denen sich boreal-europäische und sibirische Sträucher und Stauden gesellen. Im N. greift die Tundra mit Zwergbirkenbeständen und Moosformationen weit ein; die Baumgrenze sinkt im N. des Gebirges bei 64° etwa bis 550 m, bei 68° bis 200 m. Die alpine Region des Gebirges gleicht am meisten den norwegischen Fjelds und besitzt eine aus arktischen und alpinen Pflanzen gemischte Flora mit Thalictrum alpinum, Ranunculus glacialis, Cassiope hypnoides, Carex frigida, Eriophorum alpinum, Poa alpina u. a. Eigentliche Alpentriften fehlen; auch verhindern die über der Waldgrenze außerordentlich gehäuften Felstrümmer das Zustandekommen einer zusammenhängenden Vegetationsdecke. Einige Arten werden als im U. endemisch angegeben; auch bildet derselbe für eine Reihe sibirischer Pflanzen die Westgrenze. Die Tierwelt schließt sich, den tiefen Süden ausgenommen, zu beiden Seiten des Gebirges ganz an die europäische an. Im S. weidet der Baschkire seine Herden in den wasserreichen Talgründen, während im höchsten Norden der Samojede mit seinen Renntierherden umherzieht. Der Wald ist reich an jagdbaren Tieren, darunter auch Pelztieren (Eichhörnchen, Füchse, Wölfe), an Wald- und Schneehühnern, Schnepfen und Wachteln, aber auch an Bären, die den vielen Beeren (Himbeeren, Heidelbeeren etc.) nachgehen. – In der Mitte und im SO. des Urals liegen zahlreiche wohlhabende Städte mit vorherrschend russischer Bevölkerung, die sich hier in der Nähe der aufblühenden zahlreichen Berg- und Hüttenwerke (Sawody) angesiedelt hat. Jekaterinburg im mittlern und Slatoust, das uralische Birmingham, im südlichen U. sind die Mittelpunkte großartiger Tätigkeit. Die erste Eisenbahn über den U. ist 1878 von Perm nach Jekaterinburg eröffnet worden. Seit 1891 führt über den U. eine zweite Eisenbahn (die Sibirische) von Ufa über Slatoust nach Tscheljabinsk. Vgl. Hofmann und Helmersen, Geognostische Untersuchung des Süduralgebirges (Berl. 1831); Humboldt, Fragments de géologie et de climatologie asiatique (deutsch, das. 1832); Rose, Mineralogisch-geognostische Reise nach dem U. (das. 1837–1842, 2 Bde.); Murchison, Geology of Russia in Europe and the U. mountains (Lond. 1846; deutsch von Leonhard, Stuttg. 1847–48); Schrenk, Orographisch-geognostische Übersicht des Uralgebirges im hohen Norden (Dorpat 1849); Kowalki und E. Hofmann, Der nördliche U. (Petersb. 1853, 2 Bde.); Ludwig, Überblick der geologischen Beobachtungen im U. (Leipz. 1862) und Geognostische Studien (Darmst. 1862); Hochstetter, Über den U. (Berl. 1873); Hickisch, Das System des Urals (Dorpat 1882); M. Verstraete, L'Oural, études industrielles (Par. 1899) sowie die im Artikel »Russisches Reich« unter Bergbau (S. 302) angegebene Literatur.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909, S. 950-951.
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