Färbekunst

[108] Färbekunst, 1) die Kunst, einem Gegenstande eine gewisse Farbe zu geben, indem man denselben in eine Farbenbrühe taucht od. Farbe darauf streicht, wodurch sich Färbestoffe mit dem Gegenstande chemisch od. auch nur mechanisch verbinden (vgl. Malen u. Drucken); 2) im engern Sinne die Kunst, wollene, baumwollene, leinene u. seidene Stoffe kunstmäßig zu färben. Dies ist ein besonderes Gewerbsfach, während andere Stoffe, als Leder, Borsten, Federn, Knochen etc. meist von den sie verarbeitenden Handwerkern gefärbt werden. Die Färberei wurde u. wird zum großen Theile auch. jetzt noch von zünftigen Färbern getrieben; doch für gewisse Zweige der Kunst unter der Beihülfe hochgesteigerter Wissenschaft in der Chemie u. Mechanik in großen Anstalten, Fabriken, zu höherem Austrage gebracht. Die Färber als Innungsgenossen theilen. sich in a) Schwarz- u. Waidfärber, welche schwarz, braun u. mit Waid blau färben u. in manchen Städten das Färben des Garns, bes. des leinenen, ausschließlich haben (daher sie auch Garnfärber heißen); b) Schönfärber, welche bunt färben, jedoch ist in vielen Ländern dieser Unterschied aufgehoben. Solche Schönfärber, welche die Behandlung der Blauküpe gehörig verstehen, werden Blauer genannt; c) Seidenfärber, welche nur seidene Zeuge färben; u. d) Schlechtfärber, welche nur mit unechten Farben färben u. nicht zunstmäßig gelernt baben. Die Lehrlinge der Färber müssen 3–5 Jayr[108] lernen, die Gesellen erhalten Geschenk; die Färbermeister müssen ein Meisterstück, welches in dem Ansetzen einer Blauküpe u. einiger andern Farbenflotten besteht, machen. Die Werkstätte des Färbers, in welcher die Kessel, Küpen, Winden u. and. zum Färben nöthige Geräthe befindlich sind, heißt Färberei. Sie besteht in der Regel aus einem hellen, geräumigen, gewölbten Raum, Fußboden gepflastert u. mit Gossen versehen. Blauerei ist das kleine Behältniß, in welchem in manchen Färbereien die Blauküpen abgesondert stehen. Der Ofen, worin ein Färbekessel eingemauert ist, heißt Farbeofen.

Das Färben geschieht mit verschiedenen Körpern, welche die Wirkung haben, an sich od. in Verbindung mit anderen Körpern, auf den pflanzlichen od. thierischen Fasern Farben zu erzeugen. Diese Körper nennt man Farbestoffe. Es sind ihrer sehr viele. a) Man theilt sie in pflanzliche, thierische u. mineralische Farbestoffe ein. Die hauptsächlichsten pflanzlichen Farbstoffe sind Alkanna (Orcanetta, Alcanett) zu roth mit Beize violet u. lila; es gibt auch Alkannagrün; Aloëbitter färbt mit Beizen roth, braun, blau, violett u. grün; Brasilienholz färbt gelb, roth, violett, rosenroth, schwarz; Campecheholz, Blauholz roth, blau, violett; Gelbwurz (Curcuma, Terra merita, Suchet od. Safran des Indes, Turmeric), orangegelb auf Seide; Galläpfel zu Grau bis Schwarzmit Eisen; Chinesischer Gallus, wahrscheinlich Rhus semialata Murr., Balboks od. Fass nach Kämpfer; Gelbholz färbtgelb u. bräunlich, als Wagnersche Moringerbsäure roth; Hirsenstroh roth, gelb, violett, schwarz mit Beizen; Indigo färbt echt blauunter Mitwirkung des Sauerstoffs der Luft; Katechu braun, unter Zusätzen in Wirkung der Gerbsäure, Kohlenstickstoffsäure, Pikrinsalpetersäure, hauptsächlich auf Seide zu Schwefelgelb u. hellem Citrongelb; Krapp (Garance, Madder) zu echt roth, gelb, braun, sehr wichtig in der Baumwollfärberei; Kreuzbeeren od. Gelbbeeren zu gelben u. braunen Farben; Lack, Stocklack zu roth an. statt Cochenille; Orlean (Arnotto, Racon, Annotto), gelb auf Seide; Orseille violett auf Seide; Quercitron gelb, braun u. olive auf Baumwolle; afrikanisches Rothholz zum Färben auf Wolle u. Seide; Safflor od. Carthamin, Safflower rosenroth auf Seide; Sandelholz od. Caliaturholz (Santalsäure) roth; Scharte (Sarpette saw wort) färbt vermöge ihres Farbstoffes (Serratulin) gelb auf Wolle; Waid blau, ähnlich dem Indigoblau; Wau gelb; Wongshy, Früchte der Gardenia florida L., gelb auf Seide. b) Die hauptsächlichsten thierischen Farbestoffe sind: Cochenille, ein getrocknetes Insect, färbt schön rothe Farben; Purree (Jaune indien) gelb, Absatz aus dem Kameelharn, Andere meinen, es sei der eingedickte Saft einer Pflanze; Kermes, getrocknete Kermesschildlaus, ist durch Cochenille u. Lack verdrängt; Murexid, Zersetzungsproduct der Harnsäure, rothfärbender Stoff aus dem Guano, dem Farbestoff aus der Purpurschnecke verwandt. c) Die hauptsächlichsten Mineralfarben für die Färberei sind: Antimonorange färbt orangeroth; Arsensaures Chromoxyd, schön grasgrün; Berlinerblau mit gelbem blausaurem. Kali erzeugt blau; Chromgelb od. chromsaures Bleioxyd schön gelb; Chromorange od. basisch chromsaures Bleioxyd, Chromsaures Zinkoxyd schön gelb; Ultramarin, künstlicher, mit Eiweiß, mit Kalkfibrin u. neueren Mitteln schön blau; Cyankupfer, Hatchetsod. Chemischbraun, Breslauer Braun, Kupfereisencyanür, eine zarte Zimmtfarbe auf Baumwolle; Eisenoxyd rostgelb: Manganbraun, Molybdänsaures Molybdänoxyd, Mineralischer Indigo, blauer Karmin, färbt gelb auf Seide, blau auf Baumwolle; Operment glänzend aber veränderlich gelb auf Seide, Wolle u. Baumwolle; Scheeles Grün, Arsenigsaures Kupferoxyd gibtgrasgrüne Farben, jedoch der Gesundheit gefährlich.

Das Wesen des Färbeverfahrens auf Faserstoffe ist für alle Arten Fasern gleich u. leidet nur Abwandlung in der Art der Ausführung. Die thierische Faser färbt sich am leichtesten; Seide leichter als Wolle, Baumwolle leichter als Flachs. Einige Farben passen nur für gewisse Fasernarten. Die thierischen Fasern färben sich ihrer eigenthümlichen Natur wegen am glänzendsten. Neuere Chemiker (z.B. Broquette, Oskar Meister) verstehen es, die Baumwollfaser so zuzubereiten, daß sie sich wie Wolle färbt. Dem Färben müssen Arbeiten vorausgehen, das Garn od. das Zeug muß zuweilen gesengt werden (fällt bei Seide u. Leinen weg), od. es wird geschoren, Baumwolle u. Leinenwaare wird vorher mittelst Chlorkalk gebleicht; zu hellen Farben bleicht man auch wohl die Wolle u. Seide mit schwefeliger Säure. Dann folgt das Färben fast immer auf eine der folgenden Methoden. Man hat zwei Auflösungen, von denen keine den färbenden Körper enthält, welcher aber durch ihren Zusammentritt ins Leben gerufen wird; man hat eine Auflösung des Farbestoffs, vorhergehend tränkt man das Garn od. das Zeug mit einem besondern Stoff, der sogenannten Beize (Mordant), die sich mit der Farbestoffauflösung zu einer unlöslichen Verbindung vereinigen kann. Diese Beize läßt man vor dem Färben erst auf der Faser fest werden; man hat den Farbestoff gleich mit der Beize (seiner Base) gemischt u. färbt das Zeug darin ohne weitere wesentliche vorgängige Zubereitung desselben; man bewirkt behufs der Färbung eine chemische Veränderung in der Faser. Man färbt einfach mit den Mineralfarben in Lösung; pulverförmige Mineralfarbe, wie z.B. Ultramarin u. Lacke werden zur zweiten Methode benutzt. Die Zeuge bedürfen einer vorgängigen Behandlung mit klebenden Körpern wie Eiweiß, Fibrin, Caseïn etc. Nach gleicher Methode wird die Mehrzahl der pflanzlichen u. thierischen Fasern gefärbt. Die wesentlichen Grundzüge der Färbekunst können auch nach folgender Anordnung ins Auge gefaßt werden, nämlich die Vorbereitung der zu färbenden Stoffe, sei es im Zustande ungesponnener Fasern des Garnes od. eines fertigen Gewebes; die Wechselwirkung zwischen diesen Körpern u. einfachen Körpern; zwischen ihnen u. den Säuren, den Salzbasen, den Salzen, neutralen, nicht zu den Salzen gehörenden, unorganischen Verbindungen, den organischen Pigmenten. Wenige Farbstoffe vereinigen sich echt mit dem Faserstoffe ohne Dazwischenkunft eines zweiten Körpers, den man uneigentlich Beize (Mordant) nennt. Die hauptsächlichsten Beizen sind Thonerde, Eisen, Zinn u. drei organische Körper. Zur Thonerde gehören Alaun, Essigsaure Thonerde, Kalialuminat od. Thonerdekali. Die wichtigsten Eisenbeizen sind Eisenvitriol (Kupfervitriol), schwefelsaures Eisenoxydul, essigsaures Eisenoxydul, salpetersaures Eisenoxyd, basisch schwefelsaures Eisenoxyd u. Eisenchlorid.[109] Die Zinnbeize besteht aus Oxyd u. Oxydul, Zinnchlorid (Pinksalz). Die organischen Beizen sind Eiweiß, Fibrin, Caseïn (Käsestoff), unter Öl- u. Kalkzumischungen nach Broquette. Dieser u. nach einer eigenen Methode Meister animalisiren die Baumwollfaser u. färben dann mit jeder Pflanzenfarbe. Da namentlich bei Baumwollenwaaren die nie vollständig niedergeschlagene Beize vor dem Färben von dem Zeuge entfernt werden muß, damit sich nicht leicht überflüssiger Farbestoff niederschlägt, so wird das Zeug entweder durch ein Bad von. Kuhkoth genommen (Kuhkothen des Zeugs) od. durch eine Auflösung von phosphorsaurem Ratron, phosphorsaurem Kalk u. Knochenleim gezogen. Das Kothbad wird in Fällen auch durch ein Kleienbad ersetzt. Gleiche Dienste thut in einigen wenigen Fällen ein Ausringen in einem Bad von Kreide mit heißem Leimwasser. Die wichtigsten Farbematerialien, um nach der zweiten Methode zu färben, sind die unauflöslichen Pflanzenfarbstoffe Indigo, Safflor u. Orlean. Nach der vierten Methode färbt man Seide u. Wolle orange, indem man sie durch verdünnte Schwefelsäure nimmt. Dämpfen od. Dampffarbe ist ein Behandeln des Zeugs (hauptsächlich von Wolle u. Halbwolle beim Druck), mit Dampf in einem geschlossenen Raume, wobei das Bindemittel mit dem Farbstoff vermischt auf das Zeug gebracht wird.

Nach dem Färben in der Flotte wird die Waare gewaschen, gespült u. nach Maßgabe der Natur der Faser verschiedenartig appretirt (zugerichtet). Das Auswinden geschieht an einem hölzernen horizontalen Nagel (Windenagel), welcher über jede Küpe u. jedem Farbekessel in einem Balken befestigt ist, der bei der gefärbten Seide dienende heißt Karvilirstock; geschieht es mit einem Haspel, so heißt dieser Fringir-(Fring-) eisen. Das Garn wird gewöhnlich in eine Anzahl Strähne zusammengebunden (Pantinen) gefärbt; ist Letzteres geschehen u. dasselbe getrocknet, so wird es an einem aufgerichteten Stock mit Zapfen an der Seite (Garnstock) gerade gezogen u. in Ordnung geschüttelt. Die gefärbten Zeuge müssen noch naß in reinem, wo möglich fließendem Wasser abgespült werden. Sachen, deren Farben nicht durch die Sonne leiden, werden hierauf an der Aufhänge, die übrigen auf dem Trockenhause auf langen Stangen (Recken) getrocknet u. dann zum Theil appretirt. Das Ausspülen, Trocknen etc. der gefärbten Zeuge wird Nacharbeit genannt. Die erste Farbe, die ein Zeug durch Hineintauchen in die Farbe (Blenden; das Eintauchen überhaupt heißt Netzen [daher der Farbenkessel, in welchem dies geschieht, Netzkessel]) bekommt, u. auf die dann die andern Farben gesetzt werden, heißt Fuß. Damit man beurtheilen kann, ob der Färber vorschriftsmäßig gefärbt hat, muß dieser so viel Farben- (Fuß-) rosten, d.h. Farbenflecke, lassen, als das Zeug Füße hat, damit man beurtheilen kann, ob dasselbe gehörig gefärbt sei; Rose ist bei 2mal gefärbten Tüchern ein rundes Zeichen, welches beim zweiten Färben frei gelassen wird, damit man die Grundfarbe daran erkennen kann. Wird ein schon gefärbtes Zeug noch einmal gefärbt, um die Farbe dessen zu erhöhen, od. derselben eine Schattirung zu geben, od. um gemischte Farben, wie grün, violett etc. hervorzubringen, so nennt man dies Nachfärben. Die meisten Farben werden aus einer Farbenbrühe gefärbt, bisweilen aber auch aus zwei, z.B. grün aus einer gelben u. blauen, violett aus einer rothen u. blauen. Das Nähere s.u. den einzelnen Farben, Blau, Braun etc.

Vgl. S. F. Hermbstädt, Grundriß der F. etc., Berl. 1807, 2 Thle., 3. Aufl. ebd. 1825; Derselbe, Magazin für Färber etc., ebd. 1802–10, 8 Bde. (1_–4, 2. Aufl, 1811_–24); Hölterhoff, Handbuch der Kunstfärberei, Erf. 1808–24, 5 Thle; I. B. Trommsdorff, Handbuch der F., Erf. u. Gotha 1814–20, 5 Thle.; E. Bancroft, Neues englisches Färbebuch, übersetzt von I. A. Buchner, Nürnb. 1817 f., 2 Thle.; L. B. Vitalis, Lehrbuch der gesammten Färberei etc., nach dem Franz. übers. von I. H. Schultes, Stuttg. 1824, 2. Aufl. 1839; K. W. Berthold, Lehrbuch der Baumwollen-, Leinen- u. Seidenfärberei, Quedl. 1830; Ders., Lehrb. der Schönfärberei, ebd. 1830; Schrader, Lehrbuch der Baumwollen-, Seiden- u. Leinwandfärberei, 2. Aufl. Berl. 1856; Ders., die Färberei im Kleinen, 2. Aufl. Lpz. 1857; Ders., die Farbwaarenkunde, Berlin 1844; Ders., Lehrbuch der Zeugdruckerei, ebd. 1841_–43, 2 Bde.; Ders., Lehrbuch der Schönfärberei, Berl. 1844; Ders., Darstellung der französischen Methoden der Seiden- u. Baumwollenfärberei, Lpz. 1851; Ders., Neuestes Färbebuch, Hamb. 1847; Ders., das Schönfärben schafwollener Garne, Lpz. 1851; Bayer, die Kunst zu färben, Altona 1853; David, Handbuch der Seidenfärberei, Aarau 1855; Leuchs, Verbesserungen in der Farbenfabrikation, Nürnb. 1857; Kurrer, Das Neueste der Druck- u. Färbekunst, Berl. 1858.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 6. Altenburg 1858, S. 108-110.
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