Habesch [1]

[826] Habesch (Habessinien, Abessinien, unrichtig Abyssinien), Reich im NO. Afrikas, im Alterthume nebst Nubien unter dem Namen Äthiopien begriffen, liegt der Hauptmasse nach zwischen dem 8. u. 16.° nördl. Br. u. ist gegen W. von Nubien, gegen O. von der Westküste des Rothen Meeres begrenzt. Mit Ausnahme eines schmalen sandigen Randes am Meere ist ganz H. ein Gebirgsland, in welchem aus den weiten Hochebenen Berggipfel bis über die Schneegrenze emporragen. Während diese Hochebenen eine mittlere Erhebung von 6 bis 7000 Fuß haben, steigen andere Plateaus noch höher auf (bis 8000 Fuß die Terrasse Woggera, bis 8500 F. Godscham u. Schoa, sogar bis 10,000 F. das Hochland Semen) u. die bedeutendste Höhe haben die Gipfel: Ras Detschen (14,200 Fuß), Buahit (13,500 F.), Silke (11,900 F.). Schon diese Oberflächengestalt bedingt den Reichthum von H. an Quellen, größeren fließenden Gewässern u. Seen. Unter den Flüssen sind die bedeutendsten der Abai (obere Lauf des Blauen Nil) mit seinen Nebenflüssen: Baschilo, Dschamma, Guder, Malek, Dedhesa, Bir, Zanghini, Durra, Dender u. Schimsa; ferner der Goang. (der obere Lauf des Atbara), der Takasseh (im unteren Laufe Setit), der Mareb, Lidda, Chor, Barka; ganz im S. von H. die Quellen des Hewasch u. Godschob. Die größten Seen von H. sind: der Tsana-, Zawai-, Haik-, Tsaho- u. Abhebbad-Sre ferner der Salzsee Doba od. Assal. Thermaquellen, zum Theil von sehr hoher Temperatur, finden sich ebenfalls in Menge. Klima u. Vegetation werden, obwohl der geographischen Lage des Landes nach tropische, wesentlich bedingt durch die Höhenverhältnisse. In Bezug hierauf unterscheidet man drei Regionen: das niedere Land od. die Kolla's, zwischen 3000 bis 5000 Fuß Erhebung u. bei tropischer Temperatur auch mit tropischen Erzeugnissen, namentlich viel Baumwolle, Indigo, Safran, Zuckerrohr, Kaffeebaum, mehrere Gummibäume, Baobab, Tamarinde, Banane, Ricinus- u. Mekkabalsambaum, viele medicinische Pflanzen u. unter den Gräsern die Dukrah u. Dagussa, welche letztere H. eigenthümlich ist u. das beste Bier gibt. In dieser Region hausen der Löwe, Elephant, Panther, Zebra, Giraffe, Antilope, Gazelle, Schlangen von ungeheurer Größe, tödtliche Skorpione u. eine Fülle schädlicher Insecten. Hierher gehören die Landschaften Schireh, Adago, Arba, Amba, das untere Woggera, Dembea, Agow, Enarea. Die zweite Region, das Mittelland zwischen 5–9000 Fuß Höhe, Waina-Degas genannt, begreift die Landschaften Hamasen, Seraw, Enderta, Waag, Begemeder, Godscham, Esat u. die Gallaländer bis Enarea. Es ist die reichste Zone; hier gedeihen alle Getreidearten u. Hülsenfrüchte, sowie der Tschat-Thee der Araber, der Weinstock, alle Südfrüchte, Datteln; fette Weiden wechseln ab mit reichen Waldungen von Juniperus, Kolkeral, Moira, Sykamoren u.a. Bäumen; es finden sich alle Hausthiere Europas, ausgenommen das Schwein Die dritte Region, die Degas, das Hochland zwischen 9–14,000 Fuß, hat reiche Kleewiesen, aber wenig Waldungen; dementsprechend große Heerden von Rindvieh, Ziegen u. Schafen; die Raubthiere steigen in diese Region nicht empor. Hierzu gehören die Landschaften Agame, Dessa, Wodgera, Doba, Aïna, Wello, Schoa, Semen, das obere Woggera, Tagade u. das obere Godscham. Wie in allen tropischen Ländern gibt es in H. eine trockene u. eine Regen-Zeit; die letztere fällt meist in die Monate April bis October, hat jedoch nicht dieselbe Regelmäßigkeit, wie in tiefer gelegenen Ländern. Schnee u. Eis finden sich in den höchsten Gebirgen nicht selten. Obgleich H. auch ergiebig an Mineralien ist, namentlich Gold, Silber u. Eisen, so ist doch zur Zeit der Bergbau noch sehr wenig betrieben. Die, zugleich die Mehrzahl bildenden Ureinwohner von H. sind die Habessinier, welche der kaukasischen Race angehören, von brauner Farbe u. meist schön gebaut sind. Nach den Stämmen führen die Habessinier verschiedene Namen, wie: Schohos, Hazortas, Danakiis, Agows etc. u. haben zwei Hauptsprachen: die Äthiopische od. Gihz- (Gees-) Sprache, welche bis ins 14. Jahrh. Landessprache war, jetzt aber nur noch Kirchensprache ist (mit Ausnahme einiger Districte im N., wo sie noch allgemein geredet wird), u. die Amhara-Sprache, welche jetzt die allgemeine Landessprache ist u. in der auch die meisten Bücher geschrieben werden. Die Religion der Habessinier ist ein entstelltes Christenthum, insofern es im Laufe der Zeit außer von Aberglauben u. todtem Formenwesen auch vom Judenthum eine starke Beimischung erhalten hat. Die Knaben werden beschnitten, auch in Rücksicht auf Speisen u. Reinigungen werden die mosaischen Vorschriften beobachtet u. der Sabbath wird gefeiert, wie dies in manchen christlichen Gemeinden noch im 5. Jahrh. geschah. Taufe, Abendmal, Fasten u. Festtage sind wie in der Griechischen Kirche. Der Gottesdienst besteht nur im Vorlesen biblischer Stellen. Die meist sehr unwissenden Geistlichen sind verheirathet, selbst die Mönche, obgleich es deren Ordensregel verbietet; ja manche leben sogar in Polygamie, welche überhaupt unter den Abessiniern oft vorkommt. Das kirchliche Oberhaupt heißt Abuna (d.i. unser Vater) u. wird stets aus koptischen Priestern gewählt, da H. mit den Kopten in Cairo Gemeinschaft hält. Obgleich die Habessinier eine Menge gelehrter Werke, namentlich theologischen Inhalts, besitzen, auch ein kirchliches u. bürgerliches Gesetzbuch, welches zur Zeit der Nicäischen Kirchenversammlung (325) bekannt gemacht worden sein soll, so steht doch ihre Geistesbildung u. ihr sittlicher Charakter nur auf sehr niedriger Stufe. Unter den Habessiniern leben zahlreiche Juden (Falascha's [s.d.] genannt), welche neben anderen Eigenthümlichkeiten auch die der Verehrung der Jungfrau Maria u. einiger christlichen Heiligen haben. In den dichten Waldungen des nordwestlichen Tieflandes hausen die rohen Schangallas (s.d.), u. in einigen Landschaften im[826] S. haben sich seit 1537 Gallas (s.d.) niedergelassen. Endlich gibt es auch Neger, Araber u. selbst einzelne Türken in H. Die Beschäftigungen sind vornehmlich Ackerbau u. Viehzucht; die Gewerbe treiben bes. die Juden: Lederbereitung, Verarbeitung von Eisen u. Kupfer, Baumwollen- u. Teppichweberei. Die beständigen Kriege, welche seit langer Zeit in H. geführt worden sind, haben jedoch den Ackerbau wie den Gewerbfleiß sehr gestört, noch mehr den Handel, welcher bei einigermaßen geordneten Zuständen jedenfalls sehr wichtig werden muß, obgleich er durch den Mangel an. Straßen sehr erschwert ist. Im nördlichen H. ist der Handel meist auf Transitoverkehr beschränkt; in Amhara ist Gondar, in Schoa ist Aleyon Amba der Hauptplatz des Handels; Massua am Rothen Meere ist der einzige Handelsplatz für den auswärtigen Verkehr. Die Ausfuhr besteht bes. in Gold, Elfenbein, Moschus, Wachs u. Honig, Kaffee u. Baumwolle, Straußenfedern, Gummi, Häuten, Sklaven. Die Hauptartikel der Einfuhr sind: Waffen u. Munition, Messer, Spiegel u. Glaswaaren, Baumwollen- u. Seidenstoffe, Papier, Feuerzeuge, Zinn u. Quecksilber. Der größte Theil von H. war in neuerer Zeit wieder zu einem einzigen Reiche unter dem König Theodor I. vereinigt worden. Dieses Reich umfaßte die ehemaligen Königreiche Tigré, Gondar, Amhara u. Schoa. Die Landschaften im S. von Schoa u. dem Abai sind von selbständigen Gallasfürsten beherrscht, u. ebenso sind die Nomadenstämme des Küstenlandes Samhara u. die Schangallas im NW. von H. noch unabhängig. Die Residenz des Königs Theodor I. war Genda, der Hauptort der Landschaft Dembea im N. des Tsana-Sees. Vgl. von Katte, Reise in Abessinien im Jahre 1836, Stuttg. 1838; Rüppell, Reise in Abessinien, Frkf. 1839–40; die Reisebeschreibungen von Combes u. Tamisier (Par. 1839), von Rochet d'Héricourt (ebd. 1841 u. 1846), Isenberg (Bonn 1844), Harris (Lond. 1844), Johnston (ebd. 1844), Ferrat u. Galinier (Par. seit 1846), Lefebure (ebd. 1848 f.); Parkins, Life in Abyss., Lond. 1853; Vayssières, Souvenirs d'un voyage en Abyssinie, Lpz. 1857; Bernatz, Scènes in Ethiopia, Lond. 1857; von Klöden, Beiträge zur neueren Geographie von Abessinien, 1855.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 826-827.
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