Ranke [2]

[596] Ranke, 1) Leopold von, deutscher Geschichtschreiber, geb. 20. Dez. 1795 (nach dem Kirchenbuche. nach der Familienüberlieferung 21. Dez.) zu Wiehe in Thüringen, gest. 23. Mai 1886 in Berlin, in Schulpforta erzogen, studierte in Halle und Berlin Theologie und Philologie und wirkte seit 1818 als Oberlehrer am Gymnasium in Frankfurt a. O., wurde aber[596] infolge seiner »Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494–1535« (Bd. 1, Berl. 1824) und die dazu gehörige Schrift »Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber« (das. 1824; von beiden 3. Aufl., Leipz. 1885) 1825 als Professor der Geschichte an die Universität Berlin berufen. 1827 sandte ihn die Regierung zur Sammlung archivalischen Materials nach Wien, Venedig, Rom und Florenz, und er entdeckte dabei die von ihm erfolgreich verwerteten venezianischen Gesandtschaftsberichte. Die Resultate seiner Forschungen legte R. nieder in den Werken: »Fürsten und Völker von Südeuropa im 16. und 17. Jahrhundert« (1. Bd.: »Die Osmanen und die spanische Monarchie«, Hamb. 1827, 4. Aufl. 1877); »Die serbische Revolution« (das. 1829, 3. Aufl. u. d. T.: »Serbien und die Türkei im 19. Jahrhundert«, Leipz. 1879); »Über die Verschwörung gegen Venedig im J. 1618« (Berl. 1831) und die Vorlesungen »Zur Geschichte der italienischen Poesie« (das. 1837). In seiner damals begonnenen »Historisch-politischen Zeitschrift« (Bd. 1, Hamb. 1832; Bd. 2, Berl. 1833–36) suchte er durch ein auf Einsicht in die geschichtlichen Vorbedingungen des Staatslebens gebautes Programm den Liberalismus zu bekämpfen. Großen Beifall fand das erste seiner Hauptwerke, zugleich als 2. Band der »Fürsten und Volker«: »Die römischen Päpste, ihre Kirche und ihr Staat im 16. und 17. Jahrhundert« (Berl. 1834 bis 1836, 3 Bde.; 10. Aufl. 1000). Die andre Seite des europäischen Lebens im 16. und 17. Jahrh., die Gründung des Protestantismus, behandelte er in seinem zweiten Hauptwerk, der »Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation« (Berl. 1839–47, 6 Bde.; 7. Aufl., Leipz. 1894, 6 Bde.). 1841 zum Historiographen des preußischen Staates ernannt, schrieb er »Neun Bücher preußischer Geschichte« (Berl. 1847–1848, 3 Bde.), wovon eine neue, mit einer Einleitung: »Genesis des preußischen Staats«, vermehrte Ausgabe u. d. T.: »Zwölf Bücher preußischer Geschichte« (Leipz. 1874, 5 Bde.; vermehrt 1878–79, 5 Bde.) erschien. Er wandte sich darauf der französischen und englischen Geschichte zu und lieferte die »Französische Geschichte, vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert« (Stuttg. 1852–61, 5 Bde.; 3. Aufl. 1877–79) und »Englische Geschichte, vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert« (Berl. 1859–68, 7 Bde.; 4. u. 3. Aufl. 1877–79, 9 Bde.), bei der er ebenfalls neueröffnete Quellen benutzte. Daran schlossen sich: »Geschichte Wallensteins« (Leipz. 1869, 5. Aufl. 1895); »Zur deutschen Geschichte. Vom Religionsfrieden bis zum Dreßigjährigen Krieg« (das. 1869, 3. Aufl. 1888); »Der Ursprung des Siebenjährigen Kriegs« (das. 1871); »Die deutschen Mächte und der Fürstenbund« (das. 1871, 2 Bde.; 2. Aufl. 1876); »Abhandlungen und Versuche« (das. 1872, 2. Aufl. 1877; neue Sammlung, hrsg. von A. Dove, 1888); »Aus dem Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit Bunsen« (das. 1873, 2. Aufl. 1874); »Ursprung und Beginn der Revolutionskriege 1791 und 1792« (das. 1875, 2. Aufl. 1879); »Zur Geschichte von Österreich und Preußen zwischen den Friedensschlüssen zu Aachen und Hubertusburg« (das. 1875); die »Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg« (das. 1877 vis 1378, 5 Bde.), daraus als Auszug: »Hardenberg und die Geschichte des preußischen Staats von 1793 vis 1813« (das. 1880–81, 2 Bde.); ferner: »Friedrich d. Gr.; Friedrich Wilhelm IV. Zwei Biographien« (das. 1878); »Historisch-biographische Studien« (das. 1878); »Zur venezianischen Geschichte« (das. 1878); »Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs im 19 Jahrhundert« (hrsg. von A. Dove, das. 1887). Einen großartigen Abschluß seiner historiographischen Tätigkeit sollte die noch in spätem Alter begonnene und daher nicht vollendete »Weltgeschichte« (Leipz. 1881–88, 9 Bde. in wiederholten Auflagen; Bd. 7–9 hrsg. von Dove, Wiedemann und Winter; Textausgabe in 4 Bdn. 1895, 2. Aufl. 1896) bilden; sie behandelt nur das Altertum und einen Teil des Mittelalters. Als Separatausgabe aus dem 9. Band erschienen die 1854 vor König Max II. von Bayern gehaltenen Vorträge »Über die Epochen der neuern Geschichte« (3. Abdruck, Leipz. 1906). Eine Gesamtausgabe der Werke Rankes erschien 1868–90 zu Leipzig in 54 Bänden. Im akademischen Unterricht (bis 1872) pflegte R. außer seinen Vorlesungen besonders die historischen Übungen. Aus diesen Übungen ist die Rankesche Schule hervorgegangen, der namhafte Historiker der 2. Hälfte des 19. Jahrh. angehören. Die von ihm begründeten »Jahrbücher des Deutschen Reiches unter dem sächsischen Haus« (Bd. 1–3, Abt. 1, Berl. 1837–40) enthielten Arbeiten seiner Schüler. Am 21. Dez. 1865 wurde er geadelt und nach Böckhs Tod 1867 Kanzler des Ordens Pour le mérite. Bei der Feier seines 50- und 60jährigen Doktorjubiläums (20. Febr. 1867 und 1877) ward er von der deutschen Geschichtswissenschaft als ihr Altmeister geehrt und 1882 zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat »Exzellenz« ernannt. Als Geschichtschreiber nimmt R. eine hervorragende Stelle in Deutschland ein. Er besaß einen seltenen Fleiß und Scharfsinn im Aussi uden von Quellen und im Sichten des Materials und übte methodische Kritik; sein Sinn für die konkreten Erscheinungen des Lebens, sein zugleich scharfer und tiefer psychologischer Blick geben seinen Darstellungen eine plastische Form von hoher Vollendung; namentlich in der Charakteristik einzelner hervorragender Personen und der sie bestimmenden psychologischen Elemente ist er Meister. Am 3. März 1906 wurde in seiner Vaterstadt, wo ihm schon vorher ein Denkmal errichtet war (enthüllt 27. Mai 1896), ein Leopold von Ranke-Verein begründet, der sich die Erhaltung des im Geburtshaus untergebrachten Rankemuseums zur Pflicht macht. Rankes Bildnis s. Tafel »Deutsche Geschichtschreiber« (Bd. 7). Vgl. Rankes Schrift »Zur eigenen Lebensgeschichte« (hrsg. von Dove, Leipz. 1890); Winckler, Leopold v. R. Lichtstrahlen aus seinen Werken (Berl. 1885); v. Giesebrecht, Gedächtnisrede auf Leopold v. R. (Münch. 1887); Guglia, Leopold v. Rankes Leben und Werke (Leipz. 1893); M. Ritter, Leopold v. R. (Rede, Stuttg. 1895); Nalbandian, Leopold v. Rankes Bildungsjahre und Geschichtsauffassung (Leipz. 1901); Helmolt, Leopold R. (das. 1907).

2) Karl Ferdinand, Pädagog und Philolog, Bruder des vorigen, geb. 26. Mai 1802, gest. 29. März 1876 in Berlin, studierte in Halle, ward Lehrer, später Direktor des Gymnasiums in Quedlinburg, 1837 in Göttingen, 1842 des Friedrich Wilhelms-Gymnasiums in Berlin. Er schrieb: »De Hesiodi operibus et diebus« (Götting. 1838); »De Aristophanis vita« (Leipz. 1845) sowie Biographien von Otfr. Müller (Berl. 1870) und August Meineke (Leipz. 1871) u. a. Vgl. Vormeng, Ferdinand R. (Berl. 1902).

3) Ernst Konstantin, evang. Theolog, Bruder des vorigen, geb. 10. Sept. 1814 zu Wiehe in Thüringen, ward 1840 Pfarrer in Buchau und 1850 Professor der Theologie in Marburg, wo er 30. Juli 1888 starb. Er schrieb: »Das kirchliche Perikopensystem« (Berl. 1847), »Kritische Zusammenstellung der innerhalb[597] der evangelischen Kirche Deutschlands eingeführten neuen Perikopenkreise« (Berl. 1850) u. a. und hat sich auch durch seine der Itala (s. Bibel, S. 815) zugewandten Studien bekannt gemacht. Als Dichter trat er auf mit einer metrischen Übersetzung des Buches Tobias (Bayr. 1847), »Lieder aus großer Zeit« (Marb. 1871, 2. Ausg. 1875), »Die Schlacht im Teutoburger Walde« (das. 1875), »Rhythmica« (Wien 1881) u. a. Vgl. Etta Hitzig, Ernst Konstantin R., ein Lebensbild, gezeichnet von seiner Tochter (Leipz. 1906).

4) Johannes, Physiolog und Anthropolog, Sohn des am 2. Sept. 1876 als Oberkonsistorialrat in München gestorbenen Theologen Friedrich Heinrich R. (Bruders von Ranke 13), geb. 23. Aug. 1836 in Thurnau in Bayern, studierte in München, Berlin und Paris, habilitierte sich 1863 in München für Physiologie und wurde 1869 außerordentlicher Professor, 1886 ordentlicher Professor der Anthropologie daselbst. 1889 begründete er durch Schenkung seiner Privatsammlung die prähistorische Sammlung des bayrischen Staates in München und ist seitdem Direktor der letztern. Er schrieb: »Tetanus« (Leipz. 1865, 2. Bd. 1871); »Grundzüge der Physiologie« (das. 1868, 4. Aufl. 1881); »Die Blutverteilung und der Tätigkeitswechsel der Organe« (das. 1871); »Die Lebensbedingungen der Nerven« (das. 1868); »Die Ernährung des Menschen« (Münch. 1876); »Das Blut« (das. 1878); »Beiträge zur physischen Anthropologie der Bayern« (2 Bde., das. 1883 u. 1892); »Der Mensch«, populäre Anthropologie (Leipz. 1886, 2 Bde.; 2. Aufl. 1894). Auch redigiert er das »Archiv für Anthropologie«, die »Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns« und als Generalsekretär der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft deren »Korrespondenzblatt«.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 596-598.
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