Zendavesta

[885] Zendavesta, die heilige Schrift der Parsen (s. d.), eine Sammlung der erhaltenen Überreste der Religionsbücher der alten Iranier, in denen die von Zoroaster (s. d.) gestiftete Religion ihren authentischen Ausdruck fand. Eine der ältesten und wichtigsten Religionsurkunden der Menschheit, wurde das Z. der europäischen Wissenschaft erst durch Anquetil-Duperron zugänglich gemacht, der 1755 nach Ostindien reiste, um von den Parsenpriestern ein Exemplar des Z. zu erlangen. und nach einem siebenjährigen Aufenthalt in Indien nicht nur das Z., sondern auch eine vollständige persische Übersetzung desselben mitbrachte, die ihm ein Parsenpriester diktiert hatte. Er gab hiernach 1771 eine französische Übersetzung des Z. heraus, die jedoch starken Zweifeln an der Echtheit und dem Al ler des Originals begegnete. Erst durch die Schrift des genialen dänischen Sprachforschers Rask: »Über das Alter und die Echtheit der Zendsprache« (1826), wurden diese Zweifel vermittelst einer nähern Untersuchung der Sprache des Originals selbst, in die Anquetil noch fast gar nicht eingedrungen war, dauernd beseitigt. Es hat sich ergeben, daß das Z. in der Tat das letzte Überbleibsel der umfangreichen Religionsbücher der alten Perser ist, von denen der arabische Historiker Tabari berichtet, daß sie zwölftausend Kuhhäute bedeckt hätten, und schon der Grieche Hermippos im 3. Jahrh. v. Chr. erzählt, daß Zoroaster 2 Millionen Verse verfaßt habe. Auch die Angaben der Autoren des klassischen Altertums über die Religionsgebräuche und Glaubenslehren der alten Perser stimmen mit dem Inhalt des Z. in allen Hauptpunkten überein. Nach dem Dinkard, einem mittelpersischen Werk aus dem 9. Jahrh. n. Chr., soll die von Zoroaster (s. d.) seinem ersten Schüler übermittelte heilige Offenbarung auf Befehl des Königs Vishtasp niedergeschrieben, diese Parsenbibel aber später durch den fremden Eroberer Alexander (von Mazedonien) verbrannt worden sein. Die erhaltenen Teile der heiligen Schriften habe zuerst Valkhash (Vologeses, König der Parther), dann König Ardashir von Persien (226–240 n. Chr.) und sein Sohn und Nachfolger Schahpur I. (240271) sowie Schahpur II. (310–379) sammeln und neu redigieren lassen. Diese Sammlung bestand aus 21 Büchern (nask), entsprechend den 21 Worten des Gebets Ahunavairya, und enthielt eine vollständige Enzyklopädie der zoroastrischen Glaubenslehre, in der außer der Religion auch die Schöpfungsgeschichte, die Geschichte des Zoroaster und der iranischen Königsgeschlechter, das Familien-, bürgerliche und Strafrecht, die Staatskunst und das Ständewesen, die Astronomie und Astrologie, die Volkswirtschaft und Agrikultur, kurz alle Gebiete der Wissenschaft und des bürgerlichen Lebens abgehandelt waren. Leider ging im Laufe des Mittelalters, da die alte Nationalreligion Irans durch den von den Arabern mit Feuer und Schwert verbreiteten Islam immer mehr zurückgedrängt wurde, der größte Teil dieses Werkes verloren, nur etwa ein Viertel desselben blieb in dem Z. erhalten, aber nur in einer höchst fragmentarischen und vielfach entstellten Form.

In seiner gegenwärtigen Gestalt zerfällt das Z. dessen älteste, schon sehr viele Schreibfehler enthaltende Abschriften aus dem 13. Jahrh. n. Chr. stammen, in folgende Teile: 1) Yasna (Izeshneh, das »Buch der Opfer«), in 72 Kapitel zerfallend. Kapitel 28–53 enthalten die Gâthâ, den ältesten und wichtigsten Teil des Z. Die Gâthâ sind in Versen und in einer vesonders altertümlichen, vielfach schwer verständlichen Sprachform abgefaßt und enthalten die für den engern Kreis der Schüler und Getreuen des Zoroaster bestimmten belehrenden Reden oder Predigten des Propheten. 2) Vendidad (von »vĭdaēvō-datem«, das Gesetz gegen die Dämonen-), ein kirchliches Gesetz in 22 Kapiteln, das die Bußen und Sühnen für verschiedene Vergehungen angibt. 3) Die Sammlung der 22 Yasht (Jasht), d. h. Anrufungen, die an die hervorragendsten Gottheiten des iranischen Pantheons gerichtet sind. Neben trockenen und langatmigen Gebetsformeln enthalten die Yasht wertvolle Überreste der ältesten Sagenpoesie Irans. 4) Vispered (von vīspe ratavō, »alle Herren oder Genien«) ist der Name einer kürzern Schrift in 24 Abschnitten, die Zusatzstücke zu dem Buche Yasna enthält. 5) Khorda Avesta, das kleine Avesta, heißt eine Sammlung[885] von Gebeten, die als ein für Laien bestimmter kurzer Auszug aus dem Z. bezeichnet werden kann. Der Name Z., unter dem diese wichtigen Überreste der alten Sprache und Nationalliteratur Irans begriffen werden, ist ein irrtümlicher; Zend bedeutet »Auslegung«, d. h. den mittelpersischen Kommentar, der in den Handschriften die alten Texte begleitet, Avesta heißt »Grundtext«. Es wäre also richtiger, statt Z. einfach »Avesta« zu sagen, wie dies auch schon fast allgemein geschieht. Eine wichtige Ergänzung zu den Texten des Z. bildet die weitschichtige mittelpersische Literatur; s. Pehlewi. Ausgaben des Z. lieferten Westergaard (Kopenh. 1852–54), Spiegel (Leipz. 1853–58, 2 Bde.) und Geldner (Stuttg. 1886–95, 3 Tle.), Übersetzungen namentlich Spiegel (Wien 1852–63, 3 Bde.), de Harlez (2. Aufl., Par. 1881), Darmesteter und Mills (engl., in den »Sacred Books of the East«, Oxf. 1880–87, 3 Bde.), Darmesteter allein (franz., in den »Annales du Musée Guimet«, Par. 1892–93, 3 Bde.) und Bartholomae (»Die Gathas des Avesta«, Straßb. 1905). Über »Avestaliteratur« vgl. Geldner in Geiger u. Kuhns »Grundriß der iranischen Philologie« (Bd. 2, Straßb. 1896).

Der Hauptwert des Z. besteht darin, daß es über die Religion der alten Iranier, über die ehedem nur die Berichte griechischer und römischer Autoren vorlagen, zuverlässige Auskunft gewährt. Die Grundbestandteile dieser Religion, namentlich der Naturdienst, die Verehrung des Sonnengottes Mithra, der Wolkenschlange Azhi, der Elemente und der Opferkultus, besonders das Haomaopfer (s. Haoma), gehen in die Zeit zurück, als die Iranier mit den alten Indern noch ein Volk bildeten. Als Reformator dieser primitiven Religionsform trat Zoroaster (s. d.) auf, dessen Lehre als ein spekulatives System bezeichnet werden kann, dessen göttliche Potenzen ein spiritualistisches und ethisches Gepräge zeigen. Der Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt ist Ahuramazda (später Ormazd, Ormuzd), der weise, heilige Geist. Ihm zur Seite stehen die sechs guten Geister (Ameshaspenta) der Wahrhaftigkeit, guten Gesinnung (Vohumano), Demut oder Weisheit, Herrschaft, Gesundheit und Langlebigkeit. Als Gegner des Ahuramazda in Gedanken, Worten und Werken erscheint Anramainyu (später Ahriman, s. d.), der böse Geist, von dem alles Schlimme in der Welt ausgegangen ist; andre schlimme Geister sind der Trug und Zorn (Druj und Aeshma). Ebenso schroff stehen sich in der Menschenwelt die Frommen oder Gläubigen und die Götzendiener gegenüber; letztere soll man auf jede Weise angreifen und ums Leben bringen. Am Ende der Tage wird ein großes Gericht und eine allgemeine Vergeltung stattfinden und ein neues, unvergängliches Reich des Ahuramazda entstehen. Eine eigentümliche Personifikation ist die »Seele des Rindes«, die sich bei der Gottheit über die ihr von den Menschen zugefügte Unbill beklagt. Die Gâthâs, in denen diese Glaubenslehren enthalten sind, gelten als die unmittelbaren Äußerungen des Propheten, während die jüngern Teile des Z. die Überlieferungen des Priesterstandes enthalten. In diesen jüngern Schriften tritt besonders die in ihren Wurzeln uralte Anbetung der Naturmächte hervor, unter denen der schon erwähnte Sonnengott Mithra, der Mondgott Māonha, der Sterngott Tishtrya, der Luftgott Vayu, die Wasser göttin Ardvīsūra Anahita und verschiedene Personifikationen des Feuers und Lichtes hervorzuheben sind. Nicht minder ursprünglich ist die Verehrung der Frawashi, die als Schutzgeister der Menschen ge dacht werden, eigentlich aber die Seelen der Verstorbenen sind und mit dem Manenkult der Inder und anderer indogermanischer Völker zusammenhängen. Daneben fehlt es auch nicht an abstrakten Potenzen, wie das »Gesetz«, der »Gehorsam« (Sraosha, Srosha, später der Erzengel Serosh), die »geradeste Gerechtigkeit«, der »gute Segen«, das »heilige Wort«, die »unbegrenzte Zeit« u. a. Der Dualismus, der Kampf zwischen dem guten und bösen Prinzip, wird in mannigfacher Weise variiert. Ein allgemeiner Name für die bösen Geister ist Daeva, als Zauberer heißen sie Yātu, als Glaubensfeinde Druvant. Weibliche Unholde sind die Pairika (später Peri), welche die tapfersten Helden verführen, die Druj (Drudsch), die gelbe, langhändige Bushyansta, welche die Menschen einschläfert, die Buhlerin Jahi u. a. Auch die Trunkenheit, Bettelei, Begierde, der Mißwachs und andre Laster und Übel werden als Dämonen personifiziert. Auch die Tiere werden unter die gute und böse Schöpfung verteilt. Der Kampf zwischen dem guten und bösen Prinzip ist jedoch nicht von unbegrenzter Dauer, sondern verläuft in 12,000 Jahren, die in Perioden von je drei Jahrtausenden eingeteilt werden. Nachdem in der ersten Periode die guten Geschöpfe des Himmels, die Erde und die Pflanzen, in der zweiten der Urmensch und der Urstier geschaffen worden sind, ist der Einbruch des Anramainyu erfolgt und hat eine Periode des Kampfes eröffnet, die erst im 31. Jahr der Regierung des Königs Vistaspa mit der Geburt des Zoroaster ihr Ende erreicht hat. Von da an werden wieder 3000 Jahre vergehen, bis als Sohn Zoroasters der Heiland Saoshyant (Soshians) geboren werden wird, der die Toten auferwecken und richten und eine neue, unvergängliche Welt schaffen wird. Sehr kompliziert sind die Reinhaltungsvorschriften, besonders bei Geburten und Todesfällen. Um die reinen Elemente des Feuers und der Erde nicht zu beflecken, werden die Toten nicht verbrannt oder begraben, sondern auf den Dakhmas oder Leichentürmen den Vögeln zum Fraß ausgesetzt, eine Bestattungsart, die sich noch jetzt bei den Parsen erhalten hat. Die Priester, die von den Griechen als »Magier« bezeichnet werden, heißen im Z. Athravan (»Feuerpriester«) und scheinen einen erblichen Stand gebildet zu haben, die Mobeds bei den Parsen. Sie müssen die Gebete und heiligen Texte auswendig können und hersagen, besonders bei dem Haomaopfer. Die Anhänger dieser Religion nennen sich selbst Mazdayasna, »Verehrer des Mazda«. Der Mazdaismus herrschte schon bei den alten Persern, und der damit zusammenhängende Mithrakultus verbreitete sich zur Zeit des römischen Reiches über Vorderasien bis in das Abendland; auch die Religion des Manes, der Manichäismus (s. d.), der im 3. Jahrh. n. Chr. aus einer Vermischung der zoroastrischen mit christlichen und buddhistischen Lehren entstand, erlangte eine bedeutende Verbreitung selbst in Westeuropa. Der Mazdaismus erreichte seine größte Blüte in dem neupersischen Reich der Sasaniden, erlag aber nach dessen Sturz im 7. Jahrh. dem Islam und zählt heutzutage höchstens noch 100,000 Bekenner, die größtenteils in Indien leben (s. Parsen). Vgl. Spiegel, Eranische Altertumskunde (Leipz. 1871–78, 3 Bde.) und Die arische Periode (das. 1887); Haug, Essays on the sacred language, writings, and religion of the Parsees (3. Aufl. von West, Lond. 1884); Geiger, Ostiranische Kultur im Altertum (Erlang. 1882); Geiger und Kuhn, Grundriß der iranischen Philologie (Straßb. 1895 ff., 2 Bde.); Jackson, Zoroaster (New York 1899).[886]

Die Sprache des Z. wurde früher Zend genannt, doch beruht diese Bezeichnung ebenso wie der Name Z. auf einem Irrtum, da Zend (wie schon oben bemerkt) eigentlich »Kommentar« bedeutet. Auch die Bezeichnung »Altbaktrisch« und »Ostiranisch« sind nicht zutreffend, da nicht feststeht, ob das Z. gerade in Baktrien oder sonst im Osten von Iran entstanden ist. Neuere Gelehrte bezeichnen daher diese Sprache einfach als »Awestasprache« oder »Avestisch« oder »Avesta«. Sie ist am nächsten mit dem Altpersischen der Keilinschriften verwandt. Grammatiken und Handbücher lieferten namentlich Justi (Leipz. 1864), Spiegel (das. 1867), Hovelacque (2. Aufl., Par. 1878), de Harlez (2. Aufl., das. 1881), Geiger (Erlang. 1879), Bartholomae (»Handbuch der altiranischen Dialekte«, Leipz. 1883, und »Awestasprache« in Geiger u. Kuhns »Grundriß«, Straßb. 1895) und JacksonAvesta Grammar«, Stuttg. 1892; »Avesta Reader«. das. 1893). Das wichtigste lexikalische Hilfsmittel ist Bartholomaes »Altiranisches Wörterbuch« (Straßb. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 885-887.
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