Bauer [2]

[459] Bauer, 1) Anton, deutscher Kriminalist, geb. 16. Aug. 1772 in Marburg, gest. 1. Juni 1843 als Professor in Göttingen, ist bekannt als Urheber einer eignen Strafrechtstheorie, welche die Rechtfertigung der Strafe in der im Strafgesetz ausgesprochenen Warnung erblickt. Vgl. seine Schrift: »Die Warnungstheorie, nebst einer Darstellung und Beurteilung aller Strafrechtstheorien« (Götting. 1830).

2) Andreas Friedrich, Mechaniker, geb. 18. Aug. 1783 in Stuttgart. gest. 27. Febr. 1860, studierte nach Erlernung seines Berufs in Tübingen Mathematik, begab sich dann nach England und trat 1807 oder 1808 zu Friedrich König (s. d.). dem Erfinder der Schnellpresse, in ein näheres Verhältnis. 1818 errichteten beide in Oberzell bei Würzburg eine Fabrik für Buchdruckschnellpressen, die sich zu hoher Blüte entwickelte. 1847 konstruierte B. eine vierfache Schnellpresse mit einer Leistungsfähigkeit von bis zu 6000 Drucken in der Stunde und benutzte zuerst die Kreisbewegung für den Betrieb des die Typenform tragenden Fundaments der Schnellpresse.

3) Karoline, Schauspielerin, geb. 29. März 1807 in Heidelberg, gest. 18. Okt. 1878 auf Villa Broelberg bei Zürich, kam nach dem Tod ihres Vaters, der als Rittmeister bei Aspern fiel, 1814 nach Karlsruhe, wo sie 1822 die Bühne des dortigen Hoftheaters als Margarete in den »Hagestolzen« von Iffland mit großem Erfolg betrat. Anmut, Natürlichkeit und eigentümliche Begabung machten sie rasch zum Liebling des Publikums. 1824 wurde sie an das Königsstädtische Theater nach Berlin berufen und ein halbes Jahr danach an der dortigen Hofbühne angestellt. 1829 verließ sie die Bühne und ging unter dem Namen einer Gräfin Montgomery mit dem Prinzen Leopold von Koburg ein Verhältnis ein, das sich nach dessen Annahme der belgischen Königskrone löste. Zur Bühne zurückgekehrt, folgte sie 1831 einem Ruf nach St. Petersburg und gastierte 1834 mit großem Erfolg in Wien, Pest, Leipzig, Hamburg, Berlin, Lübeck etc., später in Dresden, an dessen Hoftheater sie bis 1841 wirkte. Preziosa, Donna Diana, Julia in »Romeo und Julia«, Maria Stuart, Prinzessin in »Tasso« waren ihre besten Leistungen. Sie war jedoch in muntern Rollen hervorragender als in tragischen. 1844 vermählte sie sich mit dem polnischen Emigranten Grafen Ladislaus von Broel-Plater. Durch eine Reihe interessanter Erinnerungen: »Aus meinem Bühnenleben« (2. Aufl., Berl. 1876, 2 Bde.) und »Komödiantenfahrten« (das. 1875), deren Herausgabe A. Wellmer besorgte, rief sie sich vorteilhaft ins Gedächtnis unsrer Zeit zurück. Dagegen erregten ihre von Wellmer nach ihrem Tod unter dem Titel: »Aus dem Leben einer Verstorbenen« (Berl. 1878–80) veröffentlichten Briefe (Bd. 1) und nachgelassenen Memoiren (»Verschollene Herzensgeschichten«, Bd. 2–4) viel Ärgernis und hatten einen langwierigen Prozeß des Herausgebers mit dem Grafen Plater-zur Folge.[459] 4) Bruno, biblischer Kritiker, geb. 6. Sept. 1809 in Eisenberg im Herzogtum Sachsen-Altenburg, gest. 15. April 1882 in Rixdorf bei Berlin, habilitierte sich 1834 zu Berlin für Theologie; 1839 veröffentlichte er, nachdem er als Privatdozent an die Universität Bonn versetzt war, seine »Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes« (Brem. 1840) und die »Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker« (Leipz. 1841–42, 3 Bde.; 2. Aufl. 1846). Nachdem ihm 1842 die Erlaubnis, theologische Vorlesungen zu halten, entzogen war, schrieb er in Berlin zu seiner Verteidigung: »Die gute Sache der Freiheit und meine eigne Angelegenheit« (Zürich 1843), begründete darauf eine »Allgemeine Literaturzeitung« (Charlottenb. 1843–1814) und lieferte mehrere kritische und historische Werke über das 18. und 19. Jahrh. In weitern theologischen Schriften: »Kritik der Evangelien« (Berl. 1850–52, 4 Bde.), »Kritik der paulinischen Briefe« (das. 1850–52, 3 Bde.) und »Die Apostelgeschichte« (das. 1850), setzte er seine negative Kritik fort. Zugleich entwickelte er bis zu seinem Tod eine eifrige journalistische und lexikographische Tätigkeit und veröffentlichte noch: »Philo, Strauß, Renan und das Urchristentum« (Berl. 1874); »Christus und die Cäsaren. Der Ursprung des Christentums aus dem römischen Griechentum« (das. 1877); »Einfluß des englischen Quäkertums auf die deutsche Kultur und auf das englisch-russische Projekt einer Weltkirche«- (das. 1878); »Zur Orientierung über die Bismarcksche Ära« (Chemn. 1880); »Disraelis romantischer und Bismarcks sozialistischer Imperialismus« (das. 1882). Der Tübinger Schule, deren Resultate B. namentlich durch die Preisgebung sämtlicher Paulusbriefe überbot, hat er von jeher fremd gegenübergestanden. Im Gegensatze zu Strauß, dem Verfasser des »Lebens Jesu«, verlegt B. die Genesis des Christentums rein und allein in das mit stoischer und alexandrinischer Philosophie gesättigte Bewußtsein der römischen Kaiserzeit. Erst nach seinem Tode sind seine Ansichten aufgenommen und weitergeführt worden, besonders in Holland.

5) Edgar, philosoph. Schriftsteller, geb. 1820 in Charlottenburg, gest. 18. Aug. 1886 in Hannover. Bruder des vorigen, dessen hyperkritischen Standpunkt er teilte, studierte seit 1838 Theologie, dann Rechtswissenschaft in Berlin und führte ein unstetes, häufig durch Preßprozesse und Festungshaft unterbrochenes Wander- und Schriftstellerleben. Von seinen z. T. längst vergessenen Schriften seien hier genannt: »Bruno B. und seine Gegner« (Berl. 1842); »Der Streit der Kritik mit der Kirche und dem Staat« (Bern 1843); »Geschichte des Luthertums« (unter dem Namen Martin von Geismar, Leipz. 1846–47) u. a. Nach den Bewegungen von 1848 und 1849, an denen er sich wenig beteiligte, lebte er abwechselnd in Altona, Flensburg, London und Hamburg, wo er in Verbindung mit dem orthodoxen Bischof Koopmann die »Kirchlichen Blätter« (1870) sowie die »Christlich-politische Vierteljahrsschrift« begründete. Er schrieb noch: »Die Deutschen und ihre Nachbarn« (Hamb. 1870); »Das teutsche Reich in seiner geschichtlichen Gestalt« (Altona 1872); »Artikel V, der deutsche Gedanke und die dänische Monarchie« (das. 1873) u. a.

6) Wilhelm, Techniker, geb. 23. Dez. 1822 zu Dillingen in Schwaben, gest. 18. Juni 1875, trat als Drechsler in München in den Militärdienst, wurde wegen der Erfindung eines Hebezeugs für Kanonen zur Artillerie versetzt und marschierte 1848 nach Schleswig-Holstein. Hier baute er ein unterseeisches Minenboot, das aber bei der Probefahrt 1851 sank. Besser war ein Brandtaucher, mit dem B. 1855 viele Probefahrten zwischen Kronstadt und Petersburg anstellte. Als russischer Submarine-Ingenieur erfand B. zur Hebung eines untergegangenen Linienschiffes seine Taucherkammer, Hebeballons und Hebekamele. 1863 barg B. den 1861 im Bodensee gesunkenen Dampfer Ludwig. Im Starnberger See stellte er später Schießversuche gegen versenkte eiserne Platten an.

7) Ferdinand, Freiherr von, österreich. Reichskriegsminister, geb. 7. März 1825 in Lemberg, gest. 22. Juli 1893 in Wien. 1866 befehligte er bei Custozza eine Brigade mit Auszeichnung, wurde 1868 Generalmajor, 1874 Feldmarschallleutnant, 1881 Feldzeugmeister, 1882 kommandierender General in Wien und 16. März 1888 Reichskriegsminister.

8) Klara, unter dem Pseudonym Karl Detlef bekannte Romanschriftstellerin, geb. 23. Juni 1836 in Swinemünde, gest. 29. Juni 1876 in Breslau, bildete sich zur Klavierlehrerin aus, ging nach Petersburg, wo sie im Hause Bismarcks verkehrte, von dort in das innere Rußland. 1866 kehrte sie nach Deutschland zurück und veröffentlichte ihre ersten Novellen: »Unlösliche Bande« (Stuttg. 1869) und »Bis in die Steppe« (1869), die russisches Leben trefflich schilderten. 1872 machte sie eine Reise nach Italien, kehrte aber brustkrank zurück. Von ihren fernern Erzählungen sind anzuführen: »Ein Dokument«, ihr bestes Werk (Stuttg. 1876, 4 Bde.); »Schuld und Sühne« (1872, 2 Bde.); »Zwischen Vater und Sohn« (1874, 2 Bde.); »Die geheimnisvolle Sängerin« (1876), »Benedikta« (Berl. 1876, 3 Bde.) u. »Russische Idyllen« (Novellen aus ihrem Nachlaß, 2. Aufl., Bresl. 1880). Sichere Charakterzeichnung u. reine Diktion sind ihre Vorzüge.

9) Franz Salesius, Bischof von Brünn, geb. 26. Jan. 1841 zu Hrachowetz in Mähren, wurde 1863 zum Priester geweiht, 1873 Professor an der theologischen Fakultät der Prager Universität und 30. Mai 1882 als Nachfolger Karl Nöttigs zum Bischof von Brünn ernannt. Er ist auch als theologischer Schriftsteller bekannt.

10) Julius, Schriftsteller, geb. 15. Okt. 1853 zu Raab-Sziget in Ungarn, kam 1873 nach Wien und lebt dort als Redakteur des »Extrablattes«. Mit H. Wittmann schrieb er die Libretti zu den Operetten Millöckers: »Der Hofnarr«, »Die sieben Schwaben«, »Der arme Jonathan«, »Das Sonntagskind«, verfaßte außerdem viele humoristische Wiener Zeitgedichte und übt mit seinen witzigen Theaterkritiken keine geringe Wirkung aus.

11) Adolf, Historiker, geb. 5. Mai 1855 in Prag, studierte in Wien und wurde 1891 ordentlicher Professor an der Universität in Graz. Neben Studien über Herodot (Wien 1878), Themistokles (Merseb. 1881) und Aristoteles (Münch. 1891) erschienen von ihm: »Die griechischen Kriegsaltertümer« (in I. Müllers »Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft«, 2. Aufl., Münch. 1893) und »Die Forschungen zur griechischen Geschichte 1888–98 verzeichnet und besprochen« (das. 1899).

12) Georg, s. Agricola 4).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 459-460.
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