Steinschnitt

[748] Steinschnitt, 1) (gr. Lithotomia), Operation, mittelst welcher Harnsteine od. fremde in die Harnblase gelangte u. auf andere Weise nicht entfernbare Körper, auch Blasenpolypen, durch Einschnitte in die Harnblase od. deren Hals, od. auch nur in die Harnröhre u. dann für diesen Fall mit Erweiterung des Blasenhalses von hier aus der Harnblase entfernt werden. Der S. ist anzuwenden, wo ein, durch die Untersuchung sicher erkannter Harnblasenstein so sehr angewachsen ist, daß er den Urinabgang sehr erschwert u. der Stein durch andere Mittel, namentlich Steinzertrümmerung, nicht mehr entfernt werden kann. Bei bedeutender Entartung der Harnorgane, Zehrfieber, sehr gesunkenem Kräftezustand u. bei außerordentlicher Größe des Steines darf der S. nicht unternommen werden. Verschoben muß die Operation werden bei geringeren; vorübergehenden Affectionen. Ist der Steinkranke gesund u. seine Lebensweise geregelt, so bedarf es keiner eigentlichen Vorbereitung; man läßt ihn weniger Nahrungsmittel genießen, mehre lauwarme Bäder nehmen u. in den letzten Tagen Klystiere geben; bei vollblütigen Subjecten braucht man zuvor Abführungsmittel, Aderlässe, Blutegel. A) S. beim Manne; hier sind sechs verschiedene Methoden empfohlen worden. a) Der S. mit der kleinen Geräthschaft (Apparatus parvus, Hypocysteotomia, die Methode des Celsus, weit dieser sie zuerst beschrieben); ein starker Mann auf einem Stuhle sitzend nimmt den Kranken auf den Schooß u. hält die im Kniegelenk gebogenen Schenkel gehörig von einander. Man bringt dann zwei Finger der linken Hand in den After u. sucht,[748] indem man mit der rechten Hand den Bauch über der Schamfuge nach abwärts drückt, den Stein in den Blasenhals zu pressen, schneidet dann auf der Erhöhung, welche durch den Stein am Mittelfleisch gebildet wird, zur linken Seite der Naht des Hodensackes das Mittelfleisch bis auf die Blase ein, spaltet den Blasenhals u. entfernt den Stein mit dem Finger od. einem Steinlöffel. Bei dieser Methode ist es sehr beschwerlich, oft unmöglich den Stein in den Blasenhals zu drücken, u. es können manche edle Theile dabei verletzt werden. Deshalb wurde sie im 16. Jahrh. von der folgenden verdrängt u. wird jetzt höchstens bei Kindern angewendet. b) Der S. mit der großen Geräthschaft (Apparatus magnus), so genannt wegen der großen Menge der dabei erforderlichen Instrumente, wurde von Battista von Rapallo, nach And. von Johannes von Romanis im 16. Jahrh. erfunden u. von Marianus Sanctus von Barletta später bekannt gemacht, weshalb er auch Sectio mariana genannt wurde. Eine gefurchte Leitungssonde wird in die Blase gebracht, indem Mittelfleisch die Harnröhre an ihrem schwammigen Körper durch einen Einschnitt geöffnet u. der Blasenhals durch besondere Instrumente in dem Grade erweitert, daß der Stein ausgezogen werden kann. Diese Methode hat das Unangenehme, daß bes. der Blasenhals bedeutende Quetschungen erleidet. c) Der hohe Apparat (Bauchblasenschnitt, Apparatus altus, Epicysteotomia), wurde zuerst von Franco 1561 angewendet, fand aber Anfangs wenig Aufnahme. Entweder wird die Blase durch eingespritzte Flüssigkeit so angefüllt, daß man dieselbe ausgedehnt über den Schambogen u. durch den Mastdarm fühlt, worauf dann die Haut gerade über der Vereinigung der Schambeine durchgeschnitten wird; sobald nun die Blase sichtbar wird, sticht man das Messer, ohne das Bauchfell zu verletzen, rasch ein, macht eine hinreichend große Öffnung, so daß man mittelst des eingeführten Zeigefingers die Blasenwand fixiren kann, bevor das Wasser ausfließt u. die Blase niedersinkt; od. der Operateur bringt eine Pfeilsonde mit zurückgezogener Spitze in die Harnblase ein u. macht nun oberhalb der Schambeinfuge einen Einschnitt von 2–3(Zoll, welcher auf der Mitte der Schamfuge endet, u. durchschneidet dann die weiße Linie nicht über 1 Zoll lang, ohne das Bauchfell zu verletzen; ist die vordere Fläche der Blase blos gelegt, so faßt man mit der einen Hand den Griff der Pfeilsonde, senkt ihn so, daß das vordere Ende die Blase bügelförmig hart über die Schamfuge hervortreibt, läßt dann den Pfeil der Sonde durchdringen, erweitert die Öffnung u. entfernt den Stein mittelst einer Steinzange. Gefährlich bei dieser Methode sind Verletzung des Bauchfelles, Vortretung der Eingeweide, Erguß des Urins in die Bauchhöhle etc. Jetzt wird sie bes. auf diejenigen Fälle beschränkt, wo wegen krankhaften Zustandes des Blasenhalses u. der Prostata der Seitensteinschnitt nicht wohl zulässig ist, od. auf große, durch ihn nicht od. schwierig entfernbare Steine. d) Der Seitensteinschnitt (Sectio lateralis, Cysteotrachelotomia), auch von Franco erfunden, obgleich sie erst zu Ende des 17. Jahrh. durch den Bruder Jacques Beaulieu in Aufnahme gekommen ist, Cheselden, Le Dran, Le Cat, Frère Côme, Guerin, Pajola u.a. veränderten die Instrumente u. später trug Langenbeck, Klein, Kern u.a. zur Vereinfachung der Operation bei. Sie ist jetzt die gewöhnlichste Methode. Zunächst wird der Damm von Haaren u. der Mastdarm durch ein Klystier entleert. Der Kranke wird auf einen Tisch in eine horizontale od. reclinirte Lage so gebracht, daß die Sitzknorren über den Rand des Tisches hervorstehen; die Hände werden an die angezogenen Füße mittelst Bänder befestigt u. die Schenkel durch Gehülfen gleichmäßig von einander entfernt gehalten. Acte der Operation: aa) Einführung der Leitungssonde (s. Katheter). Die Sonde läßt man von einem Gehülfen, welcher zugleich den Hodensack in die Höhe hebt, ganz gerade od. etwas gegen die rechte Seite geneigt halten. bb) Der Einschnitt durch die Haut u. die Muskeln beginnt auf der linken Seite der Naht des Hodensackes einige Linien von derselben u. bei Erwachsenen 12–14, bei jüngeren Personen 9–12, bei Kindern 5–7 Linien vom After entfernt u. verläuft in etwas schräger Richtung von oben nach unten parallel mit dem aufsteigenden Aste des Sitzbeines bis auf die Mitte einer Linie, welche man sich vom Sitzknorren zu dem After gezogen denkt; er muß Haut u. Muskeln bis auf den häutigen Theil der Harnröhre trennen, so daß man die Rinne des Katheters deutlich fühlen kann., cc) Die Eröffnung des häutigen Theiles der Harnröhre u. die Einschneidung des Blasenhalses. Entweder man macht den Schnitt in den Blasenhals mit demselben Messer, dessen man sich zur äußeren Incision bedient hat; man kann hierzu entweder ein gewöhnliches, etwas convexes Bistouri nehmen od. ein bestimmtes Messer, welches im Griffe feststeht u. an der Spitze einen verschiebbaren Decker hat; die Spitze des Messers wird durch den häutigen Theil der Harnröhre auf der Rinne der Sonde eingesetzt, die Sonde mit der linken Hand gefaßt, in parallele Richtung mit der weißen Linie gebracht, das Messer mit voller Hand gefaßt, in der Rinne der Sonde nach der Richtung der äußeren Wunde vorgeschoben u. beim Herausziehen des Messers der innere Schnitt erweitert. Hierauf führt man den Finger durch die Wunde in die Blase, entfernt die Sonde u. leitet auf den Finger die Zange ein; eine zu enge Wunde muß vorher auf schonende Weise erweitert werden Oder man macht den Schnitt in den Blasenhals u. die Prostata mit einem eigenen Instrumente von Außen nach Innen; dies geschieht mit dem schneidenden Gorgeret u. mit dem Le Catschen Cystotome; nach Öffnung des häutigen Theiles der Harnröhre auf der Rinne der Sonde, wird in diese der Schnabel des Gorgerets eingeführt, der Griff der Sonde mit der linken Hand gefaßt u. das Gorgeret bis zum blinden Ende der Sonde fortgeschoben, die Sonde ausgezogen u. die Zange eingeführt. Oder endlich der Schnitt in den Blasenhals u. die Prostata wird mit einem eigenen Instrumente von Innen nach Außen gemacht; dies ist das Verfahren von Frère Côme mittelst des Lithotome caché. Ist der äußere Einschnitt gemacht u. der häutige Theil der Harnröhre geöffnet, so wird das verborgene Steinmesser auf der Rinne der Sonde eingeführt u. bis in das blinde Ende der gerad gehaltenen Sonde fortgeschoben; die Sonde wird dann entfernt, man untersucht mit dem Steinmesser die Größe des Steines, stellt es auf eine höhere od. niedrigere Nummer nach der Größe des zu machenden Schnittes u. zieht es dann mit nach dem unteren Winkel der Wunde gerichteten Schneide aus, wodurch der Schnitt durch den Blasenhals die Prostata u. den häutigen Theil der Harnröhre von[749] Innen nach Außen gemacht wird. Dupuytren schnitt die Prostata u. den Blasenhals nach beiden Seiten hin ein (Sectio bilateralis), wobei auf die Hodensacksnaht transversal eingeschnitten u. in die blos gelegte Rinne der Leitungssonde ein doppeltes Lithotome caché eingebracht wurde, welches beim Zurückziehen durch die auf beiden Seiten hervortretenden Schneiden den Blasenhals in der Richtung der äußeren Wunde einschnitt; worauf sodann ein stumpfes Gorgeret u. auf diesen die Zange eingeführt wurde. dd) Die Ausziehung des Steines ist häufig mit großen Schwierigkeiten verbunden. Entweder bringt man den Zeigefinger od. ein stumpfes Gorgeret in die Öffnung des Blasenhalses u. auf diesen die Zange in gehöriger Richtung. Die Hindernisse, welche sich darbieten können, haben ihren Grund in der Lage u. Größe des Steines, in der Zusammenziehung der Blasenwände, in Einsackung od. Adhärenz u. in der Zerbrechlichkeit des Steines. Bei zu großen Steinen hat man die Ausziehung in einem späteren Zeitraume (S. in zwei Zeiträumen), wenn Eiterung der Wunde eingetreten ist, angerathen. Bei eingesackten Steinen muß der Sackaufgeschnitten werden. Zerbricht der Stein, so müssen die kleinen Fragmente mit dem Steinlöffel u. durch Einspritzungen entfernt werden. Während der Operation können sich auch Blutungen aus zerschnittenen Arterien (Damm-, Scham- u. Hämorrhoidalarterien), Verletzungen u. Vorfall des Mastdarmes, Zuckungen u. Ohnmacht ereignen, welche gehörig behandelt werden müssen. Nach geendigter Operation wird die Wunde gereinigt, der Operirte von seinen Banden befreit, die Knie durch einige Touren eng aneinander gehalten, er in gehöriger Lage ins Bett gebracht u. vor die Wunde ein Schwamm gelegt, um den ausfließenden Harn aufzunehmen. Zur Nachbehandlung gehört ein kühlendes u. besänftigendes Verfahren, eben so leichte, wenig nährende Speisen, Sorge für tägliche Leibesöffnung durch Klystiere u. zweckmäßigen Verband. Die Heilung der Wunde erfolgt gewöhnlich in 3–4 Wochen, manchmal erst nach Monaten. Dabei können heftige Entzündungen, Blutungen u. Abscesse in den verwundeten Theilen eintreten. Harnfisteln, Unvermögen den Harn zu halten, Impotenz in Folge von Verletzung der Samenbläschen, sowie Neigung zur Wiedererzeugung von steinigen Concrementen müssen zweckmäßig behandelt u. beseitigt werden. e) Der S. in den Körper der Blase vom Damme aus ist wenig in Anwendung gekommen, man bringt in die mit Flüssigkeit angefüllte Blase neben dem After einen gefurchten Troicar ein u. erweitert die Wunde durch ein auf der Furche eingeleitetes Messer u. Gorgeret. f) Der S. durch den Mastdarm (Lithotomia rectovesicalis), von L. Hoffmann vorgeschlagen, von Sanson genau beschrieben u. von Vacca-Berlinghieri bes. mit Glück geübt. Es wird ein Bistouri durch den Mastdarm eingeführt u. dort die vordere Wand des Mastdarmes u. der äußere Sphincter des Afters u. dann auf der Steinsonde der Blasenhals u. die Prostata eingeschnitten u. der Stein durch die Zange entfernt. Geringere Lebensgefahr, nicht gefährliche Blutung, Möglichkeit der Entfernung großer Steine gelten als Vorzüge dieser Methode, wogegen sie auch das Zurückbleiben einer Koth- od. Urinfistel u. Impotenz zu Folge hat. B) Der beim Weihe. a) Entweder wird hier der Schnitt unterhalb des Schooßbogens mit Einschneidung der Harnröhre u. des Blasenhalses geführt u. zwar entweder nach Art des Seitensteinschnittes, wobei die Kranke auf die Weise, wie oben angegeben, befestigt, eine gerinnte Sonde in die Harnröhre gebracht u. auf dieser ein nach unten u. außen gerichteter, zwischen Scheide u. Schambein laufender Schnitt gemacht wird; ist dies geschehen, so wird auf einem Gorgeret die Zange eingeführt u. der Stein entfernt; od. es wird ein Horizontalschnitt nach einer od. beiden Seiten auf einer gerinnten Sonde gemacht, dieser durch ein Gorgeret od. den Finger erweitert u. die Zange eingeführt; od. es wird ein Verticalschnitt nach oben od. nach unten gemacht u. nach diesem die Zange auf ein Gorgeret eingeführt. b) Oder es soll nach Celsus, Lisfranc u. Kern der Schnitt unterhalb der Schooßfuge, ohne die Harnröhre zu verletzen, gemacht werden, ein schwieriges u. nachtheiliges Verfahren; od. c) die Harnblase wird durch den Scheidenblasenschnitt von der Scheide aus geöffnet, die vortheilhafteste Methode, bei welcher die vordere Wand der Scheide u. die hintere der Blase eingeschnitten, u. selbst ein großer Stein mit Leichtigkeit entfernt werden kann; d) die Öffnung der Blase oberhalb des Schooßbogens ist ganz wie beim Manne Überhaupt sind große Harnblasensteine beim Weibe selten, weil wegen der großen Weite der Harnröhre selbst beträchtliche von selbst ausgeleert werden, u. man oft mit einer bloßen Ausdehnung der Harnröhre auskommt. Der S. wurde schon früh von Empirikern auf gut Glück betrieben, rationell aber zuerst im 14. Jahrh. von Norcini aufgefaßt u. von ihm dem Wundarzt Germain Colot mitgetheilt, welcher sich von Ludwig IX. erbat dieselbe an einem zum Tode Verurtheilten, welcher an Steinschmerzen litt, vollziehen zu dürfen. Nun wurde der S. von mehren Chirurgen, bes. aber den Nachkommen Colots, so von Laurent Colot unter Heinrich II.; Philipp Colot (geb. 1593, st. 1656), praktisch, aber ohne das Verfahren bekannt zu machen, geübt; erst Letzter entsagte, reich geworden, dem Monopol u. theilte das Verfahren R. Girault u. Pineau mit; Franz Colot, Enkel von Philipp u. der Letzte der Familie, zu Anfang des 18. Jahrh., schr.: Traité de l'opération de la taille, Par. 1712. 2) Im Bauwesen die Lehre von der regelrechten Anordnung u. regelmäßigen Eintheilung der Fugen eines aus Werkstücken zusammenzusetzenden Mauerkörpers, z.B. eines Gewölbes, Brückenbogens, einer Böschungsmauer etc., sowie das Austragen der Schablonen u. Bearbeiten der einzelnen Steinflächen nach denselben.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 748-750.
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