Afrikanische Altertümer

[156] Afrikanische Altertümer (hierzu Tafel »Afrikanische Altertümer«). Der Nordrand Afrikas, von Marokko bis zum Plateau von Barka, ist charakterisiert durch megalithische Grabbauten von der Art der in Fig. 1–9 wiedergegebenen. Die Trilithen (Fig. 9) sind auf Tripolis und die Cyrenaica beschränkt, während Algerien und Tunis überreich an Dolmen, Menhirs und Steinkreisen (Fig. 1,2 u. 4) sind; sie zählen dort nach Zehntausenden Die Dolmen besitzen teils den sogen. keltischen Typus. teils haben sie die Form der Bazina und der Schuscha (Fig. 5 u. 6). In den Steinkreisen finden sich häufig Blöcke von der Form, die Fig. 3 zeigt. Eine weitere Art von nordafrikanischen Altertümern sind die Höhlengräber, die Hanuat, mit ihren verschiedenen Unterarten: den eigentlichen Hanuat, den Bitel Hadjar (Steinkammern, Fig. 7) und den Habr el Kelab (Hundeställe). Sie alle sind aus dem anstehenden Fels herausgearbeitete Hohlräume mit horizontalem oder senkrecht von oben verlaufendem Eingang. Die letzte Art von altertümlichen Bauwerken in Nordafrika sind Kastelle von länglich viereckigem Grundriß mit abgerundeten Ecken, 30–45 m lang, 24–30 m breit, aus mächtigen Blocken verschiedener Größe ohne Mörtel aufgemauert. Das Innere ist mit Erde bis zu einer gewissen Höhe ausgefüllt, so daß die überstehende Mauer den auf den Erdaufwurf stehenden Verteidigern als Brustwehr diente. Rings um das Ganze läuft in der Regel ein tiefer Graben. Diese Kastelle sind bisher nur in Tripolis und Barka konstatiert worden, ebenso wie die Senam genannten Trilithen (Fig. 8 u. 9), in denen man mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Grabdenkmäler zu sehen hat.

Über die Erbauer und das Alter dieser nordafrikanischen Altertümer weiß man nichts Bestimmtes. Die in Küstennähe häufigen, mit Inschriften versehenen Grabplatten sind sicher altberberischen oder libyschen Ursprungs; mit großer Wahrscheinlichkeit auch die andern Bauten, selbst die Dolmen und Menhirs vom keltischen Typus. Die jüngsten sind nachweislich in römischer Zeit errichtet worden. Auch die Senam haben eine Nachbearbeitung unter römischem Einfluß erfahren.

(Über die Altertümer Ägyptens s. Ägypten.) Der Nordosten Afrikas ist ebenfalls sehr reich an allen Bauwerken; man kennt deren in Nubien, dem Senaar, in Abessinien und Kordofan. In Nubien gehören dahin die Ruinen von Kerman und Defufah in der Nähe des-Nils im Dar Dongola, die sehr an den Pylonenstil Ägyptens erinnern. Ähnliche Bauten. Dolqa, finden sich vielerorts zwischen Assuan und Berber; sie gehören verschiedenen Zeitaltern an. Reste von christlichen Kirchen und Klöstern finden sich im ganzen nubischen Niltal und in Abessinien. Die bekanntesten sind die von Sobah am Blauen Nil oberhalb Chartum, die monolithischen Kirchen von Lalibala in Abessinien und die berühmten Trümmerstätten von Adulis und Axum an der Annesleybai. Eine wirkliche große Stadt bilden dann die Grabbauten am Dschebel Maman zwischen Kassala und Massaua; sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den sardinischen Nurhag. Von den angeblichen Ruinen von Mandera zwischen Atbara und Blauem Nil unter 14°40´ südl. Br. steht es noch nicht fest, ob sie nicht etwa nur pyramidal geformte Felsen sind.

In Südafrika ist besonders Maschonaland reich an alten Bauwerken. Das bekannteste sind die Ruinen von Simbabye (Fig. 10–13), zu denen in neuer Zeit die Ruinen von Matindela, Metemo, Chilonga, Khami, Chiburwe und Dhlo-Dhlo oder Nambo getreten sind. Die weitere Erforschung des Landes wird sicher noch andre Bauwerke erbringen. In dem neuerdings[156] gefundenen Fura sieht Peters das alte Ophir. – Neben diesen Bauwerken finden sich in Matabele- und Maschonaland noch viele Steinterrassen und Wallbauten, die den alten Bewohnern des Landes Schutz gegen eindringende Feinde gewähren sollten. Sie gelten für nur wenige Jahrhunderte alt.

Das tropische und subtropische Afrika beherbergt nach unsrer heutigen Kenntnis an Altertümern nur Artefakte aus Stein, Knochen oder Elfenbein. Steingeräte sind so häufig, daß man seit einiger Zeit auch von einer afrikanischen Steinzeit spricht. Am zahlreichsten sind sie im Kapland und am Ostrand bis Inhambane hin gefunden worden, wo sie besonders in Höhlen und Küchenabfällen angetroffen werden. Für den Südosten des Erdteils deutet das auf eine Rasse hin, die von den jetzt dort lebenden Sulu und Kaffern verschieden gewesen sein kann, da diese Völkerschaften weder Fische noch Mollusken verzehren. Aus verschiedenen Gründen liegt es nahe, an die Vorfahren der heutigen Buschmänner als der Verfertiger dieser Steingeräte zu denken.

Reich ist auch die Sahara an Steinartefakten (Fig. 16). Die zahlreichen Fundstellen liegen in einer breiten Zone zwischen der Oase Kufra im O. und Marokko und dem Atlantischen Ozean im W. und beherbergen Geräte, die im Typus ebenfalls wenig von denen der europäischen Steinzeit (s. d.) abweichen. Als Verfertiger dieser Altertümer sieht man die Vorfahren der heutigen berberisch-libyschen Bevölkerung an. Die Massenhaftigkeit des Vorkommens deutet auf eine einst ungleich dichtere Bevölkerung der Sahara hin.

Verhältnismäßig gering ist heute noch die Zahl der Funde im tropischen Afrika. Sie beschränken sich auf Steinbeile, Steinringe und Feuersteinspitzen, die in weiten Abständen bei den Monbuttu (Fig. 17), den Somal, am Ostufer des Tanganjika (Fig. 14 u. 15) und am Kongo gefunden worden sind. Reich ist dagegen die Küstenregion von Oberguinea, vom Kap Verde bis zur Nigermündung, an afrikanischen Altertümern. Hier hat man Tausende von Steinbeilen, hier als Gottesäxte oder Donnerkeile bezeichnet, gefunden, auch viele sogen. So- oder Schwursteine, runde Steinscheiben mit seiner Durchbohrung, die im Kultus der Neger eine große Rolle spielen. Weit über die Randländer des Meerbusens von Guinea verbreitet sind dann die allerorts sehr hoch geschätzten sogen. Aggri- (Agyiri-, Agiri-, Akori-) perlen (Fig. 18), die außerdem auch aus Südafrika, Süd- und Südostasien und dem Judischen Archipel bekannt sind. Auch für die gleichartigen Funde in alten Gräbern Amerikas, Irlands, Englands, Deutschlands und der Schweiz findet der Name neuerdings Verwendung. Alter und Herkunft der Aggriperlen sind nicht immer zu bestimmen, doch gilt Venedig für die meisten Vorkommnisse als Herkunftsort.

Die jüngst entdeckten afrikanischen Altertümer sind die Altertümer von Benin (Fig. 19–21). Sie sind seit der Eroberung des alten Königreichs durch die Engländer im Frühjahr 1897 in großen Massen nach Europa gekommen und umfassen vor allem Bronzegußstücke, außerdem Elfenbein- und Holzschnitzereien. Die Bronzen sind nach dem Verfahren der sogen. verlornen Form gegossen und stellen in Gestalt von Reliefplatten, Köpfen, Waffen und Geräten das gesamte Leben der Beninneger des 16. und 17. Jahrh. dar; außerdem bringen sie wie auch die Elefantenzähne vielfach Darstellungen von Europäern und fremden Negerstämmen. Für manche Gußwerke ist der ursprüngliche Zweck noch nicht festgestellt.

Vgl. Meltzer, Geschichte der Karthager, Bd. 1 (Berl. 1879); Fergusson, Rude stone monuments in all countries (Lond. 1872); Faidherbe, Les dolmens d'Afrique (Par. 1873); Derselbe, Sur les tombeaux mégalithiques et für les blonds de la Libye (im »Bulletin de la Société d'Anthropologie«, das. 1870); Delamare, Archéologie de l'Algérie (Par. 1850, 3 Bde. der »Exploration scientif. de l'Algérie«); Bellucci, L'età della pietra in Tunisia (Rom 1876); v. Luschan, Die Karl Knorrsche Sammlung von Beninaltertümern (Stuttg. 1901); Read und Dalton, Antiquities from the city of Benin (Lond. 1899); Pitt Rivers, Antique works of art from Benin (als Manuskript gedruckt 1900).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 156-157.
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