Busch

[648] Busch, 1) Emil, Industrieller, geb. 6. Aug. 1820 in Berlin, gest. 1. April 1888, Enkel und Erbe des Predigers Duncker (gest. 1843), der in Rathenow 1800 die erste Fabrik für Brillengläser, Brilleneinfassungen[648] und Linsen errichtete. B. gestaltete die ganze Fabrikationsweise um und vermehrte die Zahl der Branchen erheblich. Zu Hauptzweigen der Fabrikation entwickelte sich allmählich eine ganze Reihe von Artikeln, wie Brillen, Lupen, Mikroskope, Fernrohre, Operngläser und photographische Objekte. B. beseitigte die Differenz zwischen dem optischen und chemischen Brennpunkte der photographischen Objektive und konstruierte das Pantoskop für Landschaften und Interieurs mit einem Gesichtsfeld von 90°, das Universaltriplet und ein neues, für alle Zwecke, namentlich aber für Porträtaufnahmen geeignetes Objektiv. Die Fabrik (seit 1872 im Besitz einer Aktiengesellschaft) lieferte wiederholt Doppelfeldstecher für die deutsche Armee, auch für fremdländische Heeres- und Marineverwaltungen und neuerdings Prismabinokles nach System Porro.

2) Moritz, Publizist, geb. 13. Febr. 1821 in Dresden, gest. 16. Nov. 1899 in Leipzig, studierte Theologie und Philosophie, widmete sich aber seit 1847 der Schriftstellerei. 1851 wanderte er nach den Vereinigten Staaten aus, kehrte aber schon 1852 enttäuscht zurück. Im Auftrage des Österreichischen Lloyd reiste er später im Orient (vgl. seine »Wanderungen zwischen Hudson und Mississippi«, Stuttg. 1853, 2 Bde., und »Bilder aus dem Orient«, Triest 1862). Im Auftrage einer Gesellschaft von Patrioten bereiste er 1853 die Elbherzogtümer, um deren Sache in den »Schleswig-holsteinischen Briefen« (Leipz. 1854, 2 Bde.) und in zahlreichen Aufsätzen zu vertreten. Seit 1856 beteiligte er sich an der Redaktion der »Grenzboten« und redigierte sie selbständig 1859–1864. Im Dienste Herzog Friedrichs von Augustenburg verteidigte er 1864 dessen Sache von Kiel aus in der Presse, bis er sich überzeugte, daß der Herzog dem nationalen Gedanken kein Opfer bringen wolle, und übernahm 1865 in Leipzig die Redaktion der »Grenzboten« von neuem. 1866 und 1867 betätigte er sich als Preßgehilfe in der Umgebung des Freiherrn v. Hardenberg in Hannover und veröffentlichte: »Das Übergangsjahr in Hannover« (Leipz. 1868). Im Januar 1870 in das Preßbureau des Auswärtigen Amtes zu Berlin berufen, begleitete er Bismarck in den Krieg, übernahm 1873 die Redaktion des »Hannoverschen Kuriers«, siedelte 1878 nach Berlin und endlich 1891 nach Leipzig über. Erst dieser letzten Zeit, wo B. freier Schriftsteller war, gehören seine vielgelesenen Bücher an, in denen er, durch seine enge Berührung mit Bismarck in den Augen der Masse ausgezeichnet, viel zu erzählen weiß, wenn auch seine Fähigkeiten entschieden nicht ausreichten, um dem Volk als wirklicher Dolmetsch des Kanzlers zu dienen. Das erste hierher gehörige Buch war »Graf Bismarck und seine Leute während des Krieges mit Frankreich. Nach Tagebuchblättern« (Leipz. 1878, 2 Bde.; 7. Aufl. 1889 u. 1890), dem »Neue Tagebuchsblätter« (das. 1879) und »Unser Reichskanzler, Studien zu einem Charakterbilde« (das. 1884, 2 Bde.; billige Ausg. 1888) folgten. Sofort nach Bismarcks Tod veröffentlichte er im »Berliner Lokalanzeiger« des Kanzlers Entlassungsgesuch vom 18. März 1890. Schnell folgte dann eine kleine Schrift: »Bismarck und sein Werk, Beiträge zur innern Geschichte der letzten Jahre bis 1896« (Leipz. 1898); als abschließende Zusammenfassung alles dessen, was er über seine Beziehungen zu Bismarck und über seine innere und äußere Politik zu sagen hatte, gab er kurz vor seinem Tode »Tagebuchblätter« heraus. Einer mangelhaften englischen Ausgabe (»Bismarck. Some secret pages of his history, being a diary kept by Dr. Moritz B.«, Lond. 1898) folgte die bessere deutsche (Leipz. 1899, 3 Bde.), gegliedert in drei Unterabteilungen: 1) »Graf Bismarck und seine Leute während des Krieges mit Frankreich 1870/71 bis zur Beschießung von Paris«: 2) »Graf Bismarck und seine Leute während des Krieges mit Frankreich 1870/71 bis zur Rückkehr nach Berlin, Wilhelmstraße 76 [Denkwürdigkeiten 1871 bis 1880, Varzin], Schönhausen, Friedrichsruh«; 3) »Denkwürdigkeiten aus den Jahren 1880–1893«.

3) Wilhelm, Mediziner, geb. 5. Jan. 1826 in Marburg, gest. 24. Nov. 1881 in Bonn, studierte seit 1844 in Berlin, war 1848 im Feldzug in Schleswig Kompagniechirurgus, widmete sich dann der Chirurgie, machte 1849 und 1850 wissenschaftliche Reisen nach England, Frankreich, Spanien, Algier und Wien, unternahm auch vergleichend-anatomische Studien an der Seeküste, habilitierte sich 1851 als Privatdozent in Berlin und ging 1855 als Professor der Chirurgie und Direktor der chirurgischen Klinik nach Bonn. In den Kriegen von 1866 und 1870/71 war er konsultierender Generalarzt. Seine Arbeiten betreffen besonders die Mechanik der chirurgischen Krankheiten; sie behandeln unter anderm den Einfluß des Gelenkmechanismus bei Entzündungen und Verrenkungen, die Mechanik der Brucheinklemmungen, Schußverletzungen etc. Er schrieb: »Über das Gehirn der Selachier« (Berl. 1848); »Beobachtungen über Anatomie und Entwickelung einiger wirbellosen Seetiere« (das. 1851); »Chirurgische Beobachtungen, gesammelt in der Klinik zu Berlin« (das. 1854) und »Lehrbuch der Chirurgie« (das. 1857–70, 3 Bde.).

4) Wilhelm, Zeichner und Dichter, geb. 15. April 1832 in Wiedensahl (Hannover), besuchte, ursprünglich zum Ingenieur bestimmt, vier Jahre lang die polytechnische Schule in Hannover, dann aber die Akademien von Düsseldorf, Antwerpen und München. 1859 zeichnete er für die »Fliegenden Blätter« seine ersten Bilderbogen, die er auch selbst mit Versen versah. Später folgten: »Das Rabennest«, »Die beiden Enten«, »Das naturgeschichtliche Alphabet«, »Die bösen Buben von Korinth« etc. Den Glanzpunkt bildeten zu Anfang der 60er Jahre: »Max und Moritz« und »Hans Huckebein, der Unglücksrabe«. In weitesten Kreisen bekannt wurde B. aber erst durch seine polemisch-satirischen, gegen die katholische Kirche gerichteten Bilderbücher: »Der heil. Antonius von Padua« (1870), »Die fromme Helene« (1871) und »Pater Filucius« (1873), die in mehr als hunderttausend Exemplaren verbreitet sind. Sprühender Witz und beißende Satire verbinden sich darin mit der Fähigkeit, durch bloße Umrisse Charaktere und Situationen meisterhaft zu karikieren. Diese Vorzüge zeichnen auch seine spätern humoristischen Bilderbücher (»Der Geburtstag«, »Der Haarbeutel«, »Dideldum«, »Herr und Frau Knopp«, »Bilder zu Jobsiade« u. a.) aus. Nur geriet er als Zeichner zuletzt in Formlosigkeit. Die »Bilderbogen« erschienen gesammelt München 1875, ein Teil seiner spätern Bücher als »W. Busch-Album« (9. Aufl., das. 1902). Er hat auch ernste Gedichte ohne Illustrationen verfaßt, die u. d. T.: »Kritik des Herzens« erschienen. B. lebte lange Zeit in seinem Geburtsort, seit 1898 in Mechtshausen. Vgl. Daelen, Über Wilhelm B. (Düsseld. 1886); G. Hermann, Wilh. B. (Berl. 1902).

5) Klemens August, deutscher Diplomat, geb. 20. Mai 1834 in Köln, gest. 25. Nov. 1895 in Bern, studierte neben Staats- und Rechtswissenschaft orientalische Sprachen, war seit 1861 Attaché, dann erster [649] Dragoman der preußischen Gesandtschaft in Konstantinopel, wurde 1872 als Legationsrat und Konsul der deutschen Botschaft in Petersburg beigegeben und 1874 vortragender Rat im Auswärtigen Amte. 1877 Geschäftsträger in Konstantinopel, nahm er 1878 als Sekretär am Berliner Kongreß teil und verwaltete 1879 einige Monate das deutsche Generalkonsulat in Pest. 1881 zum Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes berufen, leistete er als Vertreter des Staatssekretärs bei verschiedenen Anlässen (Kongokonferenz u. a.) große Dienste, ward 1885 Gesandter in Bukarest, 1888 in Stockholm und 1892 in Bern.

6) Friedrich, Mediziner, geb. 9. Sept. 1844 in Elbing, studierte seit 1862 in Jena, Königsberg und Berlin, wurde 1867 Assistent an der chirurgischen Klinik in Berlin, habilitierte sich 1869 als Privatdozent für Chirurgie, wurde 1875 außerordentlicher Professor und 1884 Direktor des an der Berliner Universität errichteten zahnärztlichen Instituts. B. arbeitete über Fettembolie und Tuberkulose der Aderhaut, über das Wachstum der Knochen unter normalen und krankhaften Verhältnissen. Für Ziemssens »Handbuch der allgemeinen Therapie« bearbeitete er die »Allgemeine Extraktion der Zähne« (2. Aufl., Berl. 1899); auch schrieb er »Die Orthopädie, Gymnastik und Massage« (Leipz. 1883).

7) Wilhelm, Geschichtsforscher, geb. 18. Febr. 1861 in Bonn, Sohn von B. 3), studierte Geschichte, habilitierte sich 1886 in Leipzig, ward 1890 außerordentlicher Professor und 1893 als ordentlicher Professor an die technische Hochschule in Dresden, 1894 an die Universität Freiburg i. Br. und 1896 nach Tübingen berufen. Er schrieb: »Drei Jahre englischer Vermittelungspolitik, 1518–1521« (Bonn 1884); »Kardinal Wolsey und die englisch-kaiserliche Allianz« (das. 1886); »Der Ursprung der Ehescheidung König Heinrichs VIII.« (im »Historischen Taschenbuch«, 1889) und »Der Sturz des Kardinals Wolsey im Scheidungshandel König Heinrichs VIII.« (ebenda 1890); »England unter den Tudors« (Bd. 1: König Heinrich VII., Stuttg. 1892); »Die Berliner Märztage von 1848« (Leipz. 1899).

8) Hermann von dem, s. Busche.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 648-650.
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