Xenŏphon

[455] Xenŏphon, 1) griechischer Philosoph u. Historiker, Sohn des Gryllos, geb. um 444 v. Chr. in Athen (im Demos Ercheia), Schüler u. Freund des Sokrates, welcher ihn im Peloponnesischen Kriege in der Schlacht bei Delion (424), wo er vom Pferd gestürzt war, auf seinen Schultern aus dem Gefecht trug. Nach dem Peloponnesischen Kriege wurde er mit dem jüngeren Kyros in Sardes bekannt u. begleitete denselben unter den 10,000 Griechen gegen seinen Bruder Artaxerxes u. führte nach der Schlacht bei Kunaxa den Rest der 10,000 mit Klugheit u. Ausdauer bis Byzanz zurück, wo er mit dem Heere in die Dienste des Thrakerfürsten Seuthes trat, welchem er sein väterliches Reich wieder erobern half. Darauf führte er das Heer nach Pergamos zur Theilnahme an dem Kampfe der Spartaner unter Thimbron gegen die persischen Satrapen Tissaphernes u. Pharnabazos. Deshalb aus Athen verbannt, blieb er in Kleinasien, namentlich lebte er in vertrautem Umgange mit dem spartanischen König Agesilaos, welcher dort Krieg führte; dann kämpfte er auch an dessen Seite bei Koronea gegen die Thebaner u. Athener, begleitete ihn nachher nach Sparta u. erhielt von den Spartanern aus ihren in Elis eroberten Ländereien ein Landgut zu Skillus bei Olympia, wo er sich mit Landbau, Jagd, Pferdezucht u. Schriftstellerei beschäftigte. Im Jahr 369 wurde das Verbannungsdecret gegen ihn in Athen zurückgenommen, doch weiß man nicht, ob er davon Gebrauch machte; er st. 354 (353) in Korinth. Wegen der Anmuth seiner Sprache wurde X. im Alterthume die Attische Biene genannt. Seine Werke, welche er meist in Skillus schrieb, sind: A) Philosophische u. Lehrschriften: a) Λπομνημονεύματα Σωκράτους (Memorabilia Socratis, Denkwürdigkeiten des Sokrates), 4 Bücher, in welchen des Sokrates Denk- u. Handlungsweise in Gesprächen mit Sophisten u. mit seinen Schülern dargestellt wird; herausgeg. von P. Victorinus, Flor. 1558, Ernesti 1737, 5. A. 1772; Hindenburg, Lpz. 1769, Zeune 1781, Schneider 1790, 1801, 1816; von Büchling, Lpz. 1802; Lange, Halle 1806, 2. A. 1825; von Teucher, Lpz. 1806; Herbst, Halle 1827, Bornemann, Lpz. 1829, Sauppe, ebd. 1834. R. Kühner, Gotha 1841, Seyffert, Brandenb. 1842, 2. A. 1857; Kühner, Gotha 1858; deutsch von Heinze, Weim. 1776, u. A. Lpz. 1818; von Neide, ebd. 1789; von Künzel, Bresl. 1792; B. Weiske, Lpz. 1794; von Kunhardt, Lüb. 1802; von Hottinger, Zür. 1819; von Froböse, Gött. 1824; von Zeising, Stuttg. 1855; b)Ἀπολογία Σωκράτους (die Vertheidigung des Sokrates), worin er nachweist, warum Sokrates lieber sterben als seine Richter um sein Leben bitten wollte (von Manchen für unecht od. für einen Theil der Memorabilien gehalten), gewöhnlich mit den Memorabilien od. dem Symposion herausgeg., einzeln von Bornemann, Lpz. 1824, deutsch von Pohlmann, ebd. 1790; c) Συμπόσιον φιλοσόφων (Gastmahl), Gastmahlgespräch über mancherlei Gegenstände, bes. über die Schönheit u. Liebe, herausgeg. von Lange, Halle 1825, Herbst, ebd. 1830, mit der Apologie von Bornemann, Lpz. 1824, mit Hiero u. Agesilaos von Hanow, Halle 1835, u. Sauppe, Helmst. 1841, von Mehler, Leyd. 1850; deutsch von Seybold, Lemgo 1774; d) Οἰκονομικὸς λόγος (über die Haushaltungskunst), eine Philosophie des Hauswesens, herausgeg. von Zeune, Lpz. 1778; von Küster (Reisig), ebd. 1812; E. Herbst, ebd. 1840; Breitenbach, Gotha 1842; deutsch von Brockes, Hamb. 1734; von Dillenius, Tüb. 1778; nebst dem Symposion von A. G. Becker, Halle 1795; von Mosche, Frankf. 1799; e) Ἱέρων od. Τυραν[455] νικός, ein Gespräch des Simonides mit dem syrakusanischen Tyrannen Hiero über den Fluch der Tyrannei u. über die Mittel, wie ein Herrscher sich die Liebe seines Volkes erwerben könne, herausgeg. von Frotscher, Lpz. 1822, mit Agesilaos von Graff, ebd. 1842; deutsch von Helvetius, Nürnb. 1736; f) die Kyropädie (Κύρου παιδεία, De institutione Cyri), 8 Bücher, ein Staatsroman, worin die Trefflichkeit der unbeschränkten Fürstengewalt, wenn sie in den Händen eines tüchtigen Mannes ist, gezeigt wird; herausgeg. von Hutchinson, Oxf. 1727, Morus, Lpz. 1774 u. 1784, Zeune, ebd. 1780, von Weckherlin, Stuttg. 1798, n.A. 1827; Schneider 1800, 1815; von Lange, Halle 1814, 3. A. 1822; Poppo, 1819 u. 1823; Bothe, Lpz 1821; Holtzmann, Karlsr. 1833; Borneman, Lpz. 1810; Jacobitz, ebd. 1843; Hertlein, ebd. 1853; L. Dindorf, Oxf. 1857; Commentar von Fischer. herausgeg. von Kuinöl, Lpz. 1803; deutsch von Lasius, Wism. 1761; von Gratzel, Prag 1783; von Grille, Lpz. 1785, 2. A. 1822; von I. F. von Meyer, Frankf. 1823, 2. A. 1825; von Neide, Lpz. 1826; auch ebd. 1856 f., 2 Bde.; g) Αακεδαιμόνων πολιτεία, die Staatsverfassung der Spartaner, herausgeg. von Fr. Haase, Berl. 1833, u. h) Ἀϑηναίων πολιτεία, von der Staatsverfassung der Athener, in welchen Schriften, gemeinschaftlich auch Πσλιτικά genannt, herausgeg. von Lécluse, Par. 1820, von Sauppe, Lpz 1838, er sich tadelnd über die athenische Demokratie ausspricht u. mit großem Wohlgefallen bei der Verfassung der Spartaner verweilt; i) Πόροι od. Περὶ προςόδων, über die Staatseinkünfte, bes. wie solche durch die Silberbergwerke, Zölle u. den Handel in Attika vermehrt werden können, deutsch von Zincken, Woksenb. 1753; dazu kommen noch: k) Περὶ ἱππι κῆς, über die Reitkunst, deutsch von Haynisch, Frankf. 1703; von Heubel, Lpz. 1796; von Fr. Jacobs, Gotha 1825; l) Ἱππαρχικός; vom Verhalten u. der Wirksamkeit eines Reiteranführers; m) Κυνηγετκός, eine Lobschrift der Jagd, deutsch von Lenz, Lpz. 1828 B) Historische: a) Die Anabasis (Ἀνάβασις Κύρου, Expeditio Cyri), 7 Bücher, beschreibt den Zug der 10,000 Griechen unter dem jüngeren Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes u. hauptsächlich den von X. selbst geleiteten Rückzug der Griechen nach der Schlacht bei Kunaxa (s. oben); Andere schreiben dies Buch dem Syrakusaner Timasigenes od. Themistogenes zu, herausgeg. von Hutchinson, Oxf. 1735, 1745, u. mit Porsons Anmerkungen, Cambr. 1785, Morus, Lpz. 1775, Zeune, ebd. 1785, Schneider, ebd. 1791, Lange, 1811, 4. A. 1844; von Bothe, 1821, 5. A. 1844; Lion, Gött. 1822 f., 2 Bde.; Bornemann, Lpz. 1825; Krüger, Halle 1826, Berl. 1830, 4. A. 1854; Poppo, Lpz. 1827 Holtzmann, Karlsr. 1833; Graff, Lpz. 1842; Konst. Matthiä, Quedlinb. 1852; von L. Dindorf, Oxf. 1857; deutsch übersetzt von F. Grillo, Frankf. 1781, n.A. von Braun, 1816; von A. G. Becker, Halle 1802; von A. von Kotzebue, Darmst. 1821; von Halbkart, Bresl. 1804, 2 A. 1822, auch ebd. 1858; polnisch von Mrongovius, Danz. 1832; b) Ἐλληνικά (Historia graeca), 7 Bücher, griechische Geschichte, Fortsetzung des Thukydides von der Schlacht bei den Arginusischen Inseln bis zur Schlacht bei Mantinea (von Ein. für unecht gehalten), herausgeg. von Morus, Lpz. 1778; Bothe, ebd. 1823; L. Dindorf, Oxf. 1853; deutsch von Goldhagen, Berl. 1762; von. Borheck, Frankf. 1783, von Rieckher, Stuttg. 1857; c) Agesilaos, eine Lobschrift auf den König Agesilaos, herausgeg. von Heiland, Lpz. 1841, mit Hiero, s. oben A) e). Ausgaben der sämmtlichen Werke, Flor. 1516, Fol; die Aldina, 1525, Fol.; von Stephanus, Par. 1561, Fol.; von Lennclavius, Bas. 1569, Fol, u.ö.; von Ed. Wells, Oxf. 1705, 5 Bde.; von Thieme, Lpz. 1703 f., 4 Bde., u. wieder 1801–1804; B. Weiske, ebd. 1798–1804, 6 Bde.; Gail, Par. 1797, 1816, 2 Bde.; Schneider, Lpz 1790–1815 u.ö., 6 Bde., bei Didot, Par. 1839; von Bornemann, Kühne u. Breitenbach, Gotha 1828–54, 4 Bde; Übersetzungen von den Brüdern Borheck, Lemgo 1778–1808, 6 Bde; von Walz, Finckh, Tafel: Christian u. Osiander, Stuttg. 1827–30, 16 Bde.; von Mayer, Prenzlau 1829–1831; Thieme u. Sturz, Lexicon Xenophonteum, Lpz. 1801–1804, 4 Bde. Vgl. Dodwell, Chronologia Xenophontea, Oxf. 1700; Cobet, Prosopographia Xenophontea, Leyd. 1836; Grammius, Historia deorum ex Xenophnote, Kopenh. 1715; Gail, La vie de Xenophon, Par. 1795, 2 Bde.; Creuzer, De Xenophonte historico, Lpz. 1799; van Hoevell, De Xenophontis philosophia, Grön. 1840, 2 Bde.; Werner, Xenophontis de rebus publicis sententia, Bresl. 1851; Haken, X. u. die 10,000 Griechen, Magdeb. 1805, 2 Bde.; Krüger, De Xenophontis vita quaestiones criticae, Halle 1822; F. Delbrück, X., eine Rettung seiner durch Niebuhr gefährdeten Ehre, Bonn 1829. 2) Arzt aus Kos, Leibarzt des Kaisers Claudius, bei welchem er in solcher Gunst stand, daß derselbe dessen Vaterland von allem Einfuhrzoll befreite, X. aber vergiftete seinen Gönner auf Agrippina's Anstiften. 3) Griechischer Arzt, Schüler des Erasistratos; er schr. ein Buch über die Theile des Körpers (verloren). 4) X. Ephesios, aus Ephesos, lebte vielleicht im 5. Jahr. n. Chr.; er schr. einen Roman Ἐφεσιακά, von Anthia u. Abrokomes, herausgeg. von A. Cocchius, Lond. 1726, von Mitscherlich, Zweibr. 1794, von Frh. v. Locella, Wien 1796, von Peerlkamp, Harlem 1818 in den Sammlungen der Griechischen Erotiker von Passow, Lpz. 1833. von Hirschig. 1856; deutsch von Bürger, Lpz. 1775; von Häuslin, Ansb. 1777; von Krabinger, Münch. 1831. Vgl. Peerlkamp, (Oratio de Xenophonte Ephes., Harlem 1806. 5) Athenischer Bildhauer, Zeitgenoß des Kephissodotos, mit welchem er mehre Arbeiten gemeinschaftlich ausführte, z.B. die Bildsäule der Artemis zu Megalopolis.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 455-456.
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