Collorēdo

[229] Collorēdo, weitverzweigtes österreich. Adelsgeschlecht, leitet seinen Ursprung von einem alemannischen, nach Friaul eingewanderten Adelsgeschlecht ab, dessen Burg C. bei dem Ort Mels (Melzo, Melso) stand und 1302 von den Brüdern Ottobon und Wilhelm von Mels erbaut wurde. Wilhelms von Mels drei Söhne begründeten ebenso viele Linien: Asquinus die Asquinische Linie, die in ihren beiden Zweigen 1693 und 1694 erlosch; Bernhard die Bernhardinische Linie, die wieder in den Mantuaner Ast, von dem sich mit Camill (geb. 1712, gest. 1797) der böhmische, 1859 wieder erloschene Zweig der C.-Wallsee abspaltete, und den jetzt noch bestehenden italienischen Ast zerfiel; Weichardt die jüngere fürstliche Linie. Einer von des letztern Nachkommen, Ferdinand, geb. 1635, gest. 1689, gründete durch seine beiden Söhne Hieronymus und Rudolf zwei Linien, die fürstliche oder die Linie Wallsee und die Rudolfinische. Durch des erstern Sohn Rudolf Joseph wurde die Linie 1763 in den Reichsfürsten und 1764 in den erbländischen (böhmischen) Fürstenstand erhoben, wozu noch 1765 das ungarische Indigenat trat, und nahm den Namen Wallsee an, während dessen Sohn, Fürst Franz Gundaccar, sich mit Maria Isabella, Gräfin von Mansfeld, vermählte und sich seit 1789 Fürst von C.-Mansfeld nannte. Nur das jeweilige Haupt der Familie führt den Titel Fürst. Die jüngere Rudolfinische Linie nannte sich nach dem 1701 erworbenen Marquisat Santa Sofia, zu dem später durch Heirat noch das Marquisat Recanati (Provinz Macerata) kam, Marchesen von C.-Santa Sofia und Recanati. Vgl. v. Crollalanza, Das Adelsgeschlecht der Wallsee-Mels und insbesondere der Grafen von C. (Wien 1889). Bemerkenswerte Mitglieder des Geschlechts sind:

1) Hieronymus, aus der Asquinischen Linie, geb. 1582, gest. 1638, k. k. Kämmerer, befehligte in der Schlacht bei Lützen 1632 ein Regiment, wurde als Generalfeldwachtmeister 13. Mai 1634 bei Liegnitz von Arnim geschlagen, was ihm eine lange Hast in Ödenburg zuzog. Später begleitete er Gallas auf seinem Zug nach Burgund, wurde aber 17. März 1636 bei Raon besiegt und gefangen. Er starb als k. k. Feldmarschalleutnant an einer Wunde, die er bei dem Entsatz von St.-Omer erhalten.

2) Rudolf, geb. 2. Nov. 1585 in Prag, gest. daselbst 24. Febr. 1657, Bruder des vorigen, zeichnete sich im Dreißigjährigen Kriege (Mantua und Lützen) aus und zog mit Gallas nach Lothringen und Burgund. Ferdinand III. ernannte ihn zum k. k. Geheimrat und Feldmarschall, 1637 zum Großprior des Malteserordens zu Strakonitz, 1647 zum Botschafter des Ordens am kaiserlichen Hof und zum kommandierenden General in Böhmen. Durch seine Verteidigung der Alt- und Neustadt Prag machte C. den Überfall der Schweden 26. Juli 1648 wirkungslos. Er starb als Feldmarschall und Gouverneur von Prag.

3) Joseph Maria, Graf von C.-Mels und Wallsee (Sohn des ersten Fürsten von C., Rudolf Joseph, geb. 1706, gest. 1788, Reichsvizekanzler), geb. 11. Sept. 1735 in Regensburg, gest. 26. Nov. 1818, zeichnete sich im Siebenjährigen Kriege mehrfach aus, wurde 1763 Generalmajor, später Feldmarschalleutnant und Hofkriegsrat, begleitete 1777 Kaiser Joseph II. nach Frankreich, erhielt sodann die Generaldirektion der Artillerie und wurde zum Feldzeugmeister ernannt. Im Türkenkrieg wohnte C. dem Angriff auf das feste Schabacz bei und leitete im nächsten Feldzug den Sturm auf Belgrad mit. Als Feldmarschall kommandierte er sodann bis zu den Friedensverhandlungen des Reichenbacher Kongresses die Beobachtungsarmee an der preußischen Grenze. Nach dem Krieg erhielt C. als Staats- und Konferenzminister die Führung der ihm zunächst liegenden Geschäfte des Hofkriegsrats. 1891 erhielt das 4. österreichische Festungsartillerieregiment seinen Namen.

4) Franz de Paula, Reichsgraf von C.-Wallsee, geb. 23. Mai 1736 in Wien, gest. daselbst 10. März 1806, war anfänglich österreich. Regierungsrat, später Ajo des Erzherzogs Franz in Florenz, der ihn, nach seiner Thronbesteigung 1792, zum geheimen Kabinettsminister ernannte. 1801–1805 teilte sich C. mit Ludwig Cobenzl in die Führung der auswärtigen Geschäfte, stets der Vertrauensmann des Kaisers Franz. Die Kriegsereignisse von 1805 raubten ihm seine hohe Stellung.

5) Hieronymus, zweiter Graf von C.-Mansfeld, geb. 30. März 1775 in Wetzlar, gest. 23. Juli 1822 in Wien (Sohn des Fürsten Franz de Paula Gundaccar I., geb. 1731, gest. 1807, der 1767–1770 als Botschafter in Spanien, 1788–1806 als Reichsvizekanzler diente), trat 1792 in die österreichische Armee, machte 1796 unter Wurmser den italienischen Feldzug mit, focht als Oberst bei Hohenlinden, zeichnete sich als Generalmajor unter dem Erzherzog Karl mit seiner Brigade bei Caldiero aus. 1809 deckte er als Feldmarschalleutnant nach der Schlacht bei Raab den Rückzug nach Komorn. 1813 befehligte er zwei Divisionen vom rechten Flügel Gyulays, ward Feldzeugmeister und kommandierte bei Leipzig das 1. österreichische Armeekorps.[229] 6) Franz de Paula, Reichsgraf von C.-Wallsee, Sohn von C. 4), geb. 29. Okt. 1799, gest. 26. Okt. 1859, war 1843–47 Gesandter Österreichs in Petersburg, 1848 eine Zeitlang Bundespräsident zu Frankfurt, 1852–56 Gesandter in London, dann Botschafter in Rom. Mit ihm erlosch die Linie C.-Wallsee im Mannesstamm.

7) Franz de Paula Gundaccar II., Fürst C.-Mansfeld, Sohn von C. 5), geb. 8. Nov. 1802 in Wien, gest. 29. Mai 1852 in Gräfenberg, war als Generalmajor bei Unterdrückung des Aufstandes zu Prag im Juni 1848 tätig, nahm im Oktober d. I. an der Einschließung Wiens teil und machte mit seiner Brigade den ungarischen Feldzug mit, wurde zum Feldmarschalleutnant ernannt und erhielt im Oktober 1850 den Oberbefehl über das 2. Armeekorps.

8) Joseph Franz Hieronymus, Fürst von C.-Mansfeld, österreich. Staatsmann, geb. 26. Febr. 1813, gest. 22. April 1895 in Wien, Sohn des durch seine menschenfreundlichen Bemühungen um den Wohlstand Niederösterreichs bekannten Grafen Ferdinand C. (gest. 1848), trat in die Armee, erbte 1852 von seinem Vetter Franz de Paula Gundaccar II. (s. vorigen) den Fürstentitel und bedeutende Fideikommißherrschaften, ward 1857 Kämmerer, 1859 Präsident der Staatsschuldentilgungs-Kommission, 1860 Mitglied des verstärkten Reichsrats, 1861 des Herrenhauses, war 1861–67 Landmarschall des niederösterreichischen Landtags, von 1867 ab Mitglied des böhmischen Landtags und 1868–69 Präsident des Herrenhauses. C. gehörte zu den bedeutendsten Anhängern der Verfassungspartei. – Sein ältester Sohn, Graf Hieronymus Ferdinand Rudolf, geb. 20. Juli 1842, gest. 29. Juli 1881, diente erst in einem Husarenregiment, widmete sich dann der Bewirtschaftung einiger Güter in Böhmen und war 1875–78 Ackerbauminister im verfassungstreuen Ministerium Auersperg. Nach seinem Tode folgte ihm als Haupt des Hauses sein Sohn Fürst Joseph, geb. 17. Febr. 1866 in Prag.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 229-230.
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