Warschau [3]

[387] Warschau (poln. Warszawa, russ. Warschawa, franz. Varsovie), Hauptstadt des gleichnamigen russisch-poln. Gouvernements (s. oben), ehedem Hauptstadt der Republik Polen sowie später des Herzogtums W. und zuletzt des Königreichs Polen, liegt 109 m ü. M. halbmondförmig am linken Weichselufer, 36–40 m über dem Strom und ist gegenwärtig in eine große Lagerfestung umgewandelt, da seit 1888 auf dem linken Weichselufer die Alexander-Zitadelle (1832–35 erbaut) mit den 6 umliegenden Forts durch 2 Linien von Forts (zusammen 11) verstärkt ist, während auf dem rechten Ufer Praga, das nur ein Fort gegenüber der Zitadelle besaß, 4 vorgeschobene Werke erhalten hat.

Wappen von Warschau.
Wappen von Warschau.

Gegenüber auf dem rechten Weichselufer liegt die Vorstadt Praga. Die Verbindung von Praga mit W. wird durch zwei große eiserne Brücken vermittelt, von denen die eine (die Alexanderbrücke), auf sechs Pfeilern ruhend und 508 m lang, für den Verkehr des Publikums bestimmt ist, während die andre (1873 erbaut) jetzt nur zur Verbindung der Bahnhöfe dient. In weitem Bogen breitet sich das eigentliche W. auf dem linken Ufer der Weichsel aus. Vom Schloßplatz aus, dem wichtigsten Punkte der Stadt, dehnen sich nach N. und NW. die Altstadt, die Neustadt und die Judenstadt aus, während sich im S. und SW. die elegantern Stadtteile anlehnen; im Westen liegt die Vorstadt Wola. Unter den größeren Plätzen verdienen Erwähnung der Schloßplatz (Zamkowyplatz) mit dem Denkmal Siegmunds III. (Säule mit Bronzestandbild, 1643), der Sächsische Platz (Plac Saski), der Grüne Platz (Plac Zielony) mit dem Denkmal für die 1830 gefallenen treugebliebenen polnischen Generale (früher auf dem Sächsischen Platz), der Theaterplatz mit Springbrunnen, der Krasinskiplatz, der Altstadt-, der Alexanderplatz u. a. Von den ca. 200 Straßen ist am wichtigsten die vom Schloßplatz nach S. ziehende Krakauer Vorstadt mit ihren Fortsetzungen, dem Nowy Swiat (Neue Welt) und der mit schönen Villen gezierten Ujazdower Allee, die zu den kaiserlichen Schlössern Lazienki und Belvedere führt. Eine zweite große Verkehrsader geht vom Schloßplatz südwestwärts durch die Senatorenstraße über den Theater- und den Bankplatz durch die Elektoratstraße und die Chlodnaja bis zum Tor von Wola. Südlich davon sind noch zu nennen die König- und die am W.-Wiener Bahnhof vorüberführende Marschallsstraße (letztere die Hauptgeschäftsstraße) und die Jerusalemer Allee, im N. die Dluga und die Freta. W. ist reich an öffentlichen Parken, so dem Sächsischen Garten (von August II. dem Starken angelegt), dem Krasinskigarten, dem Frascatipark, den Parken der Schlösser Lazienki (auf einer Insel in einem kleinen, künstlichen See, einst Asyl Ludwigs XVIII. zur Zeit seines Exils) und Belvedere (auf einer Anhöhe malerisch gelegen, mit schöner Orangerie) und dem Alexanderpark (in Praga). Von Denkmälern sind noch zu erwähnen: das Reiterstandbild des Königs Johann Sobieski (1783), die für Kopernikus (1830), für den Fürsten Paskewitsch (1870) und für den Dichter Mickiewicz (1898). W. hat 85 Kirchen, wovon die meisten römisch-katholisch, 6 griechisch-orthodox, 2 evangelisch sind, viele Klöster, 9 Synagogen und eine Moschee. In der Altstadt befindet sich fast die Hälfte aller Kirchen, doch sind nur wenige durch innern Schmuck und historische Denkmäler bemerkenswert. Die älteste ist die 1350 im gotischen Stil erbaute, 1840 renovierte katholische St. Johannes-Kathedrale. Westlich davon am Krasinskiplatz erhebt sich die griechisch-orthodoxe Dreifaltigkeitskathedrale (aus einer Klosterkirche der Piaristen 1837 umgebaut); eine neue, die Alexander Néwskij-Kathedrale, ist seit 1894 am Sächsischen Platz erbaut. Sonst sind zu erwähnen: in der Neustadt die Heilige-Geistkirche (1819 erneuert), die Sakramentenkirche St. Kasimir mit Kloster (1683–88), die Kirche der heil. Jungfrau Maria (1419), im südlichen Stadtteil die Annenkirche (1454 erbaut, im 18. Jahrh. renoviert), die St. Josephskirche (ursprünglich Karmeliterkirche, 1643 erbaut, mit Fassade von 1782), die Heilige-Kreuzkirche (1682–96), die Kirche des heil. Alexander (1890), die Allerheiligenkirche (1893), endlich im NW. die Antonius- oder Reformatenkirche (1679), die Borromeuskirche (im italienischen Renaissancestil, 1841–49), die Kirche der Verklärung Christi[387] oder Kapuzinerkirche (1693, mit einem das Herz Joh. Sobieskis enthaltenden Sarkophag) u. a. Unter den Profanbauten verdient zuerst das ehemals königliche Schloß Erwähnung. Der stattliche Bau erhebt sich nahe der Alexanderbrücke aus terrassenförmig angelegten Gärten; er wurde von Siegmund III. erbaut, von August II. vergrößert, von Stanislaus Poniatowski beendigt, enthält große Säle, mancherlei Gemälde und Skulpturen, eine Bibliothek und das polnische Archiv und dient gegenwärtig als Wohnung des Generalgouverneurs. Am Krasinskiplatz liegt das gleichnamige, 1692 im italienischen Stil erbaute Palais (im 18. Jahrh. Sitz der Reichstage, jetzt des Obergerichts für das Weichselgebiet); südlich davon das Sächsische Schloß am Sächsischen Platz, ehemals königliche Residenz, seit 1842 durch zwei vermittelst einer Kolonnade verbundene Gebäude ersetzt.

Lageplan von Warschau.
Lageplan von Warschau.

Am Theaterplatz liegt das Rathaus (1870 nach einem Brande neu erbaut) und das Große Theater (1833), nördlich davon der Palast des Erzbischofs und der ehemalige des Fürsten-Primas von Polen (jetzt Militärgebäude), an der Krakauer Vorstadt das Haus der Wohltätigen Gesellschaft (s. unten), das Palais des Gouverneurs (früherer Palast der Radziwills), die Universität (in einem von Johann Kasimir erbauten Palast) und der Neubau der Universitätsbibliothek, am Bankplatz der Palast der Familie Zamojski oder das Blaue Palais (von August 11. für seine natürliche Tochter, die Gräfin Orzelska, gebaut) und das Kontor der Staatsbank, an der Königstraße das Gebäude der permanenten Kunstausstellung polnischer Künstler (1898–1900), südlich davon das der Philharmonischen Gesellschaft (1899–1901). In den erwähnten Parken liegen die Lustschlösser Lazienki und Belvedere; jenes, 1767–1788 von Stanislaus Poniatowski erbaut, ist kaiserliches Residenzschloß, dieses, 1822 errichtet, diente dem Großfürsten Konstantin Pawlowitsch (gest. 1831) zur Wohnung. W. hat vier Bahnhöfe: auf dem linken Weichselufer für die W.-Wiener und für die Weichselbahn, auf dem rechten Ufer in Praga für die Bahnen W.-St. Petersburg und W.-Terespol. Die Zahl der Einwohner betrug 1901: 711,988, darunter ca. 32,000 Mann Militär. Der Religion nach waren 56,2 Proz. römisch-katholisch, 35,7 Proz. jüdisch, 5 Proz. griechisch-orthodox, 2,8 Proz. protestantisch. Die industrielle Tätigkeit ist bedeutend. Man zählte 1900: 495 Fabriken mit 33,224 Arbeitern und einem Produktionswert von 67,3 Mill. Rubel. Vertreten sind fast alle Industriezweige, am bedeutendsten die Metallbearbeitung und der Maschinenbau (26,7 Mill. Rubel), die Nahrungsmittelindustrie (10,3 Mill. Rubel), die chemische und Seifenindustrie etc. Von Wichtigkeit ist auch das Handwerk, das für 15,9 Mill. Rubel produzierte und besonders in Schuhwerk (5,4 Mill. Rubel) und Backwaren (1,7 Mill. Rubel) hervorragt. W. treibt einen sehr bedeutenden Handel und hat zwei wichtige Messen: im Juni (für Wolle) und im September (für Hopfen). Es ist Knotenpunkt der Bahnen St. Petersburg-W., W.-Brest, Mlawa-Kowel (Weichselbahnen), W.-Wien und W.-Kalisch und hat[388] Dampfschiffsverbindung auf der Weichsel einerseits bis Thorn, anderseits bis Sandomir. Das Kreditwesen ist durch die polnische Bodenkreditgesellschaft, eine städtische und zwei gegenseitige Kreditgesellschaften, zwei Aktienbanken und zahlreiche Bankkontore vertreten. Die Geschäfte der 1885 liquidierten polnischen Bank übernahm das Warschauer Kontor der russischen Staatsbank. An Wohltätigkeitsanstalten sind die 1814 gegründete Große Wohltätigkeitsgesellschaft, 2 Irrenanstalten, das Findelhaus, ferner 14 städtische Spitäler mit 2900 Betten, 31 private Heilanstalten und 6 Gebärasyle zu nennen. An Unterrichtsanstalten verdienen Erwähnung die Universität (1816 gestiftet, 1832 aufgehoben und 1869 wieder errichtet, mit russischer Unterrichtssprache), mit (1904) 1571 Studenten, Bibliothek von 500,000 Bänden und 1380 Handschriften, Botanischem Garten, Sternwarte, das Veterinärinstitut, ein Institut für Blinde und Taubstumme, 6 Gymnasien, 2 Progymnasien, eine Realschule, ein Lehrerseminar, ein römisch-katholisches geistliches Seminar, das kaiserliche Marieninstitut (Mädchenschule) und 4 Mädchengymnasien. Im ganzen gab es 853 Lehranstalten mit 53,068 Lernenden, außerdem 440 hebräische Anfangsschulen mit 15,111 Lernenden. Es besteht eine medizinisch-pharmazeutische gelehrte Gesellschaft, eine Gesellschaft der russischen Ärzte, eine Naturforschergesellschaft, eine öffentliche Bibliothek mit numismatischer Abteilung und ein ethnographisches Museum. W. ist jetzt der Sitz eines Generalgouverneurs (zugleich Kommandeur des Warschauer Militärbezirks), eines Zivilgouverneurs, des 5., 6. und 15. Armeekorpskommandos, eines griechisch-orthodoxen und eines römisch-katholischen Erzbischofs, des Kurators des Warschauer Lehrbezirks, einer Gerichtskammer sowie eines deutschen Generalkonsuls.

Geschichte. Die Stadt W., 1224 zuerst urkundlich erwähnt, war bis 1526 die Residenz der Herzoge von Masovien. Um 1550 erhob es König Siegmund II. August zur Residenz. Seit 1573 fanden in Wola bei W. fast alle Wahlreichstage statt. Um 1655 besetzten die Schweden W., 1656 kam es jedoch wieder in polnische Hände. Vom 28.–30. Juli 1656 wurde bei W. die dreitägige Schlacht zwischen der schwedisch-brandenburgischen Macht und dem König Johann Kasimir von Polen geschlagen, infolge deren die Stadt kapitulierte. Karl XII. besetzte W. 15. Mai 1702 ohne Kampf. 1703 ward zu W. auf Anlaß Schwedens ein Konföderationskongreß gehalten, der mit dem Frieden zu W. vom 24. Nov. 1705 zwischen Karl XII. und Stanislaus Leszczynski endete. 1711 wurde dort der Friede zwischen August II. und den Konföderierten unter russischer Vermittelung geschlossen und 30. Jan. 1717 durch den großen Pazifikationsvertrag vollzogen. Auch ward zu W. 1734 ein Vertrag zwischen Österreich, England, Holland und Polen und 8. Jan. 1745 eine Quadrupelallianz zwischen denselben Mächten geschlossen, nach der August III. am Kriege gegen Preußen teilnahm. Nach dem Tode Augusts 111. besetzten es die Russen unter Repnin 1764 und erzwangen die Wahl Stanislaus Poniatowskis zum König. Die Russen behaupteten es bis 1774. In dem Aufstand vom 17. und 18. April 1794 wurde die russische Besatzung niedergemetzelt und vom 9. Juli bis 6 Sept. die Stadt von den Preußen vergeblich belagert; sie kapitulierte aber 5. Nov. nach der blutigen Erstürmung von Praga durch die Russen unter Suworow. In der dritten Teilung Polens (1795) fiel W. an Preußen als Hauptstadt der Provinz Südpreußen. Am 28. Nov. 1806 besetzten es die Franzosen, und im Frieden zu Tilsit 1807 wurde W. die Hauptstadt des neuen Herzogtums Warschau (s. d., S. 386). Vom 23. April bis 2. Juni 1809 hielten es die Österreicher, vom 8. Juni 1813 bis 1815 die Russen besetzt. Der Wiener Kongreß machte 1815 W. zur Hauptstadt des neuerrichteten Königreichs Polen. Die polnische Revolution begann mit dem Aufstand in W. 29. Nov. 1830 und endete mit der am 8. Sept. 1831 erfolgten Übergabe an den Feldmarschall Paskewitsch. In der Neuzeit wurden zu W. wiederholt diplomatische Konferenzen gehalten. Der Aufstand von 1863–64 hatte in W. seinen Mittelpunkt.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 387-389.
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