Buckingham [2]

[420] Buckingham (spr. Bökkinghäm), Grafen u. Herzöge von B. Die Grafschaft B. bewohnten zur Römerzeit die Cassier. Bei der Befestigung der englischen Küsten gegen die Dänen durch König Eduard wurde die Feste B. angelegt, nach welcher die Grafschaft genannt wurde; der erste Graf von B. war Giffort nach der Mitte des 11. Jahrh., dieser starb ohne Erben, daher kam B. wieder an die Krone; 1377 belehnte König Richard II. seinen Oheim Thomas von Woodstock, Herzog von Gloucester, mit B., mit dessen an Edmund von Stafford vermählter Tochter 1445 die Grafschaft B. an das Haus Stafford überging. 1446 erhielt Edmund von dem König Heinrich IV. den Titel als Herzog von B.; er blieb mit seinem Sohne Humphred 1480 bei Northampton, u. 1521 verloren die Staffords durch die Enthauptung Eduards, des Urenkels von Edmund, Güter u. Titel. 1623 ernannte Jakob I. seinen Günstling Georg Villiers zum Herzog von B., u. nachdem 1688 dessen Sohn ohne Erben gestorben war, erhielt das Herzogthum 1703 John Sheffield, Herzog von Normanby, Oberhofmeister der Königin Anna, mit dessen Sohne Edmund (geb. 170911785 auch das Haus Sheffield ausstarb. 1784 erhielt Georg Graf Temple den Titel als Marquis von B., dessen Sohn Richard 1822 wieder zum Herzog von B. erhoben wurde. Merkwürdig sind: 1) Henry Earlof Stafford, Dukeof B., Enkel Edmunds, Grafen von Stafford, erbte 1480 seines Großvaters Titel u. Güter; als Anhänger Richards III. trug er das Meiste zu dessen Erhebung auf den Thron bei u. wurde mit Belohnungen aller Art überhäuft; durch unersättliche Habsucht gerieth er bald mit dem König, welcher seine Forderungen auf Ländereien nicht beachtete, in Streit, trat nun auf die Seite Heinrichs, Grafen von Richmond (später Heinrich VII.), fiel aber durch die Treulosigkeit eines ehemaligen Dieners seines Hauses, der ihn verrieth, in Richards Hände u. wurde 1483 in Salisbury enthauptet. 2) Eduard B., Earl of Stafford, Duke of B., Sohn des Vorigen, erhielt von Heinrich VII. seine väterlichen Güter u. Titel, welche Richard III. eingezogen hatte, zurück; auch Heinrich VIII. schenkte ihm sein Zutrauen u. ernannte ihn zum Großconnetable. Zu freimüthig geäußerte Mißbilligung des Cardinal Wolsey machten ihm denselben zum Feind; des Hochverraths angeklagt, wurde er 1521 enthauptet. 3) Georg Villiers, Dukeof B., aus normannischer Familie, geb. 1592 zu Schloß Brookesby in Leicestershire; ging 3 Jahre nach Franlreich u. besuchte nach seiner Rückkehr die Universität Cambridge. 1615 wurde er, nachdem er den Minister Grafen von Somerset gestürzt hatte, bei König Jakob I. Mundschenk u. kurz darauf Kammerherr, Oberstallmeister, Marquis von B., Großsiegelbewahrer, ja 1623 sogar Herzog von B. Er beherrschte als Günstling den schwachen König ganz u. riß alle Gewalt an sich, alle Ämter, Titel u. Pfründen vergab er an seine Creaturen od. verkaufte sie u. häufte so unermeßliche Schätze an. Als Jakob 1625 st., erhob sich die allgemeine Stimme gegen B. als Verräther des Vaterlandes u. Verführer des jungen Karls I., der auf B-s Rath persönlich um die Hand einer spanischen Prinzessin angehalten hatte, die ihm aber wegen B-s anmaßenden Betragen in Madrid abgeschlagen worden u. worüber eine Kriegserklärung Englands an Spanien erfolgt war; doch stand B. noch in dem Vertrauen Karls so fest, daß dieser ihn sogleich zum Kanzler der Universität Cambridge ernannte, das Parlament auflöste u. die heftigsten Ankläger verhaften ließ. Der Krieg gegen Spanien fiel unglücklich aus; aus persönlicher Rache (Ludwig XIII. hatte wegen seines ungeziemenden Betragens gegen seine Gemahlin die Abberufung B-s, welcher zur Abholung der Braut Karls I. nach Paris gekommen war, verlangt) verwickelte er darauf England in Krieg mit Frankreich, in welchem er den Befehl der Flotte übernehmen sollte, wurde aber vor deren Abgang von einem verabschiedeten Offizier, John Felton, 1628 erstochen, s. England (Gesch.). Um die Universität Cambridge machte sich B. durch eine in Holland angekaufte Sammlung orientalischer Manuscripte u. um die Wissenschaften durch die Begünstigung der Gelehrten verdient. 4) Francis Villiers, Duke of B., Sohn u. Erbe des Vorigen, studirte mit seinem Bruder Georg in Cambridge; beide reisten dann nach Frankreich, kehrten 1648 zurück u. schlossen sich an die Partei des Grafen[420] von Holland an. Francis blieb in der Schlacht bei Nonsuch. 5) George Villiers, Duke of B., Bruder u. Erbe des Vorigen, geb. 1627, rettete sich nach der Schlacht bei Nonsuch auf die Flotte, begleitete dann den Prinzen von Wales bis zur Schlacht bei Worcester, floh 1651 nach Frankreich, wo er mit Auszeichnung an der Belagerung von Arras u. Valenciennes Theil nahm, ging dann nach England zurück, wo ihm Lord Fairfax, welcher die ihm verliehenen Güter der Familie B. großmüthiger Weise mit der Mutter B-s theilte, eine Zufluchtsstätte gewährte. Mit der Tochter des Lords vermählt, lebte der Herzog hier, ohne sich um die Politik zu kümmern, wurde aber trotzdem von Cromwell in den Tower gesperrt u. erst nach dessen Tode wieder freigelassen. Nach Karls II. Restituirung erhielt er den größten Theil der Güter seines Vaters zurück u. wurde Lordlieutenant von York u. Oberstallmeister. Eifersucht u. Neid gegen des Königs Günstling, Grafen von Clarendon. verwickelten ihn in eine Verschwörung, die 1666 entdeckt wurde; doch erhielt er die Verzeihung des Königs, wurde 1671 Kanzler der Universität Cambridge u. ging als Gesandter nach Frankreich, um die Tripelallianz aufzulösen. Nach Clarendons Fall stellte er sich an die Spitze der Ministerverbindung unter Karl II. (s. Cabal) u. hatte an allen verkehrten Maßregeln derselben Antheil. Nach Auflösung des Cabalmisteriums trat er zur Opposition, widersetzte sich 1675 der Bill über die Glaubensprobe, fügte sich aber, nachdem er eine Zeitlang im Tower gefangen gesessen hatte, in den Willen des Königs. Nach Karls II. Tode zog er sich von allen öffentlichen Geschäften zurück u. lebte auf seinen Gütern den Wissenschaften. Er st. 1688 u. mit ihm starb das Geschlecht der Villiers aus, Er schr.: Satyren, u. das Lustspiel The Rehearsal, Lond. 1671; Werke (unvollständig u. manches Untergeschobene enthaltend), Lond. 1704 u.ö., zuletzt 1764, 2 Bde. 6) John Sheffield, Herzog von Normanbyn. B., Sohn Edmunds Sheffield, Grafen von Mulgrave, geb. 1649; er wurde in Frankreich erzogen, diente im Kriege gegen Holland, 17 Jahr alt, als Freiwilliger auf dem Admiralschiff, dann unter dem Lord Osory, wurde Schiffscapitän u. befehligte 2 von ihm errichtete Reiterregimenter; diente kurze Zeit in Frankreich unter Turenne u. wurde nach seiner Rückkehr nach England Gouverneur von Hull; 1680 befehligte er die Hülfstruppen, welche die Belagerung von Tanger in Afrika durch die Mauren aufhoben. Unter Jakob II., welchem er Anfangs treu blieb, stieg er noch mehr, stimmte aber endlich doch der Entthronung desselben bei. Auch unter Wilhelm von Oranien, der ihn 1694 zum Marquis von Normanby machte, bekleidete er mehrere hohe Staatsämter; eben so unter Anna, die ihn noch vor ihrer Krönung zum Großsiegelbewahrer, 1703 zum Herzog von Normanbyn. bald darauf zum Herzog von B. ernannte. Als Gegner Marlboroughs trat er jedoch bald zur Partei der Tories u. kehrte erst 1710 an den Hof zurück; er wurde Präsident des Ministeriums. Nach dem Tode Annas war er Mitglied des Collegiums, welches bis zur Ankunft Georgs I. an der Spitze der Regierung stand, zog sich dann vom Hofe zurück u. st. 1720 in Buckingham-House. Seine Muße füllte er meist mit poetischen Arbeiten aus, darunter das Lehrgedicht Essay on poetry; Werke, Lond. 1723–1729, 2 Bde. Außer mehreren natürlichen Kindern hinterließ er von seiner 3. Gemahlin, einer natürlichen Tochter Jakobs II., einen Sohn: 7) Edmund, der seine Titel u. Güter erbte, aber 1735 in Rom unverheirathet st. 8) Georg Graf Temple, Marquis von B., geb. 1753, erhielt 1784 den Titel als Marquis von B. u. st. 1813; 9) Richard, Herzog von B., geb. 1776, ältester Sohn des Vorigen, beerbte seinen Vater, vermählte sich 1796 mit Anna Eliza, der einzigen Tochter des von dem Hause Plantagenet abstammenden James Brydge, Herzog von Chandos, wurde 1822 zum Herzog von Chandos u. B. erhoben u. st. 1839. 10) Richard Plantagenet, Herzog von Chandos u. B., einziger Sohn des Vorigen, geb. 1797, Anfangs Graf Temple, seit 1822, nach der Erhebung seines Vaters zum Herzog von Chandos, Marquis von Chandos; seit 1826 Parlamentsmitglied für Buckingham, gehörte er als Tory zu den Hauptvertheidigern der Korngesetze (weshalb er den Namen Farmers Friend erhielt), u. brachte eine Clausel in die Reformbill, daß alle wenigstens 50 Pfund St. zahlenden Pächter das Wahlrecht in den Grafschaften erhielten. Er erbte 1839 den Titel als Herzog von Chandos u. B. u. wurde 1841 in Peels Ministerium Großsiegelbewahrer; 1845 trat er wegen Abschaffung der Korngesetze aus dem Cabinet u. machte 1848 in Folge zerrütteter Vermögensverhältnisse bankerott, so daß ihm nur eine geringe Rente blieb.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 3. Altenburg 1857, S. 420-421.
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