Kinkel

[24] Kinkel, 1) Gottfried, Dichter und Kunsthistoriker, geb. 11. Aug. 1815 in Oberkassel bei Bonn, gest. 13. Nov. 1882 in Zürich, wuchs unter orthodoxen Einflüssen heran und widmete sich seit 1834 in Berlin der Theologie. 1836 habilitierte er sich in Bonn als Dozent für Kirchengeschichte; zugleich wurde er mit Geibel bekannt, der sein Talent zur Poesie mächtig anregte. Im Herbst 1837 trat K. eine Reise durch das südliche Frankreich und Oberitalien nach Rom an. Nach seiner Rückkehr 1838 kam er mit Simrock, Freiligrath, Matzerath und Wolfgang Müller in nähere Verbindung und lernte um dieselbe Zeit seine nachherige Gattin Johanna, geborne Mockel (s. unten), kennen, die mit ihrem klaren und doch phantasiereichen Geist einen großen Einfluß auf ihn gewann. Sie gab den ersten Anstoß zur Gründung des »Maikäferbundes«, der unter anderm Anlaß zu der frischen und lieblichen Dichtung »Otto der Schütz, eine rheinische Geschichte in zwölf Abenteuern« (Stuttg. 1846, 81. Aufl. 1903), gab. K. war inzwischen Religionslehrer am Gymnasium und 1840 zugleich Hilfsprediger der evangelischen Gemeinde in Köln geworden, wohin er alle Sonntage fuhr, und erntete mit seinen rhetorisch glänzenden Predigten, von denen er eine Sammlung (Köln 1842) herausgab, ungeteilten Beifall. Der Orthodoxie immer mehr sich entfremdend, machte er sich die Geistlichkeit zum Feinde, und vollends sein [24] Verhältnis zu Johanna als einer geschiedenen Katholikin, mit der er sich 22. Mai 1843 vermählte, erregte dermaßen Anstoß, daß man ihm sogar die Hilfspredigerstelle entzog. Bald darauf mit der Theologie offen brechend, trat er 1845 in die philosophische Fakultät zu Bonn über und eröffnete Vorlesungen über Kunstgeschichte und Poesie. Schon zuvor hatte die Sammlung seiner »Gedichte« (Stuttg. 1843, 7. Aufl. 1872) die günstigste Aufnahme gefunden. Jetzt erschien sein Buch »Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben«, dem der erste Band seiner »Geschichte der bildenden Künste bei den christlichen Völkern« (Bonn 1845) folgte. Von Dichtungen aus jenen Jahren nennen wir den Anfang der erst viel später (1872) vollendeten poetischen Erzählung »Der Grobschmied von Antwerpen« und die vortreffliche Dorfgeschichte »Margret«. 1846 wurde K. zum außerordentlichen Professor der Kunst- und Kulturgeschichte ernannt und erhielt bald darauf einen Ruf nach Berlin, der jedoch infolge eines von ihm veröffentlichten Gedichts (»Männerlied«) wieder zurückgenommen wurde. Hatte K. schon seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. regen Anteil an der politischen Bewegung genommen, so erregte die Katastrophe von 1848 sein ganzes Wesen aufs heftigste, und er entwickelte eine außerordentliche Tätigkeit auf seiten der republikanischen Partei. Er nahm teil an dem Sturm der Bonner Demokraten auf das Zeughaus in Siegburg (10. Mai 1849), begab sich nach dem unglücklichen Ausgang des Unternehmens in die Pfalz und schloß sich dem pfälzisch-badischen Aufstand an. Am 29. Juni verwundet und gefangen, wurde er 4. Aug. 1849 vom Kriegsgericht zu Rastatt zum Verlust der preußischen Nationalkokarde und zu lebenslänglicher Festungsstrafe verurteilt; das Generalauditoriat in Berlin beantragte Kassation dieses Urteils, da vielmehr auf Todesstrafe hätte erkannt werden müssen, der König jedoch bestätigte es, allerdings mit dem Zusatz, daß die Festungsstrafe in einer Zivilstrafanstalt zu verbüßen sei (vgl. Joesten in der »Deutschen Revue«, 1904). K. wurde nach Naugard in Pommern abgeführt und hier zu den gewöhnlichen Sträflingsarbeiten angehalten (vgl. v. Poschinger, G. Kinkels sechsmonatliche Hast im Zuchthaus zu Naugard, Hamb. 1901). Im April 1850 mußte er wegen seiner Teilnahme an dem Zuge nach Siegburg vor den Assisen in Köln erscheinen, wurde aber nach seiner glänzenden Verteidigungsrede freigesprochen (vgl. »Der Zug der Freischärler unter K., Schurz und Annecke behufs Plünderung des Zeughauses in Siegburg. Nebst Kinkels Verteidigungsrede vor den Assisen in Köln«, 2. Aufl., Bonn 1886). Von Köln wurde er nach Spandau abgeführt, wo er im November 1850 durch einen begeisterten Verehrer, den damaligen Studenten Karl Schurz (s. d.), auf fast wunderbare Weise befreit wurde. K. wandte sich zunächst nach London, erwarb sich hier seinen Unterhalt durch Unterricht an Kinder- und Mädchenschulen (seine Frau, einst gefeierte Direktrice des Bonner Gesangvereins, gab schlecht bezahlte Musikstunden), reiste im September 1851 nach Nordamerika, wo er Vorträge hielt, deren Erträgnisse, für politische Zwecke bestimmt, von guten Freunden anderweit verwendet wurden. Nach London zurückgekehrt, zog er sich vom Parteitreiben mehr und mehr zurück, nahm 1853 eine Anstellung als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur am Westbourne College an und widmete seine ganze Tätigkeit den Vorlesungen über deutsche Literatur an der London University und in Privatkreisen. Auch seine dichterische Tätigkeit nahm er von neuem auf im Drama »Nimrod« (Hannover 1857) und gründete 1859 die deutsche Wochenschrift »Hermann«, die er jedoch nur ein halbes Jahr lang redigierte. Nach dem Tode Johannas zum zweitenmal vermählt, schien sich K. ganz in England eingelebt zu haben, als er im April 1866 einen Ruf nach Zürich als Professor der Archäologie und Kunstgeschichte am eidgenössischen Polytechnikum erhielt und annahm. Hier schrieb er: »Die Brüsseler Rathausbilder des Rogier van der Weyden« (Zürich 1867), dann eine Reihe von Abhandlungen, die teilweise u. d. T.: »Mosaik zur Kunstgeschichte« (Berl. 1876) gesammelt erschienen, »Peter Paul Rubens« (Basel 1874) u. a. Eine zweite Sammlung seiner »Gedichte« (Stuttg. 1868) brachte auch den vollendeten »Grobschmied von Antwerpen« (Sonderausg. 1872, 5. Aufl. 1900), der an frischer Kraft und poetischer Fülle des Ausdrucks »Otto dem Schütz« wohl gleichkam, ohne jedoch so populär wie dieser zu werden. Gleich ausgezeichnet war auch seine letzte kleine epische Dichtung: »Tanagra, Idyll aus Griechenland« (Braunschw. 1883, 3. Aufl. 1886). Außerdem erschienen: Festreden auf »Friedrich Rückert« (Zürich 1867) und »Ferdinand Freiligrath, 1867« (Leipz. 1867); »Die christlichen Untertanen der Türkei in Bosnien« (Basel 1876); »Für die Feuerbestattung« (Berl. 1877). Ein Denkmal Kinkels soll 1906 in Obercassel bei Bonn enthüllt werden. Sein Briefwechsel mit Jak. Burkhardt erschien in der »Deutschen Revue« 1899. Vgl. Strodtmann, Gottfried K. (Hamb. 1850, 2 Bde.); Henne am Rhyn, G. K., ein Lebensbild (Zürich 1883); Lübke, Lebenserinnerungen (Berl. 1893); J. Joesten, Literarisches Leben am Rhein (Leipz. 1899) und Gottfried K. (Köln 1904).

2) Johanna, Schriftstellerin, Gattin des vorigen, geb. 8. Juli 1810 in Bonn, gest. 15. Nov. 1858 in London, Tochter des Gymnasiallehrers Mockel, heiratete früh den Musikalienhändler Mathieux, den sie jedoch schon nach wenigen Monaten wieder verließ, und lebte seitdem der Ausbildung ihres bedeutenden musikalischen Talents. Um Gottfried K. (s. oben) ehelichen zu können, trat sie zur protestantischen Kirche über und ward nach gerichtlicher Trennung ihrer ersten Ehe 1843 mit jenem getraut. Nach der Befreiung ihres Gatten aus Spandau folgte sie ihm nach London. Johanna K. war eine aus schwärmerischer Empfindung und nüchternem Verstand seltsam gemischte Natur, die sich auch in ihren gemeinsam mit K. herausgegebenen »Erzählungen« (Stuttg. 1849, 3. Aufl. 1883) offenbarte. Ihr hinterlassener Roman »Hans Ibeles in London« (Stuttg. 1860, 2 Bde.) enthält scharf satirische Bilder der deutschen revolutionären Flüchtlinge in London (vgl. Geigerin der »Zeitschrift für Bücherfreunde«, Bd. 7, 1904). Von ihren musikalischen Kompositionen ist die »Vogelkantate« populär geworden. Praktischen Wert hatten ihre »Acht Briefe an eine Freundin über Klavierunterricht« (Stuttg. 1852). Vgl. M. v. Meysenbug, Memoiren einer Idealistin (4. Aufl., Berl. 1899); F. Lewald, Zwölf Bilder nach dem Leben (das. 1888); A. v. Asten-Kinkel in der »Deutschen Revue«, 1901–02; Joesten, Kulturbilder aus dem Rheinlande (Bonn 1902).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 24-25.
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