Mirabeau

[888] Mirabeau (spr. -bō), 1) Victor Riquetti, Marquis von, franz. Physiokrat, geb. 3. Okt. 1715 zu Pertuis in der Provence, gest. 13. Juli 1789 in Argenteuil, stammte aus einer italienischen Familie namens Arrighetto, die 1267 als ghibellinisch aus Florenz vertrieben worden war und sich in Frankreich niedergelassen hatte, wo ihre Güter von Ludwig XIV. zu dem Marquisat M. erhoben wurden. Nach dem Tode seines Vaters verließ er 1737 den Militärdienst, wurde Besitzer der Herrschaft Bignon bei Nemours und lebte abwechselnd dort und in Paris. Infolge eines unglücklichen, durch einen skandalösen Ehescheidungsprozeß getrübten Familienlebens konnte er seinen zahlreichen Kindern, darunter sein berühmter Sohn, der spätere Revolutionsmann (s. Mirabeau 2), keine entsprechende Erziehung geben. M. war ein eifriger Verteidiger des physiokratischen Systems und schrieb als solcher viele Schriften, darunter: »Ami des hommes« (Par. 1755, 5 Bde.), »Tableau économique« (1760), »Théorie de l'impôt« (1760) und »La philosophie rurale« (1763, 4 Bde.). Vgl. Loménie, Les M. (Par. 1878–91, 5 Bde.); A. Oncken, Der ältere M. (Bern 1886); Ripert, Le marquis de M., l'ami des hommes (Par. 1901).

2) Honoré Gabriel Victor Riquetti, Graf von, einer der bedeutendsten Männer der französischen Revolution, Sohn des vorigen, geb. 9. März 1749 zu Bignon in der Provence, gest. 2. April 1791, trat als Leutnant in das Kavallerieregiment Berry, führte jedoch ein so zügelloses Leben, daß ihn der Vater 1768 auf der Insel Ré bei La Rochelle gefangen setzen ließ und ihn sodann mit der französischen Légion Lorraine nach Korsika sandte. Da der Vater ihm aber den Ankauf einer Kompanie verweigerte, verließ M. 1770 mit dem Grad eines Hauptmanns den Dienst. 1772 verheiratete ihn der Vater mit der einzigen Tochter des Marquis von Marignan, einer schönen, aber eiteln und oberflächlichen Weltdame, mit der er ein großes Haus machte, aber unglücklich lebte. Seiner Schulden wegen ließ ihn der Vater im Mai 1773 erst in die Stadt Manosque, sodann auf das Schloß If bei Marseille, endlich 1775 auf das Fort Joux bei Pontarlier bringen. Hier trat M. mit Sophie v. Ruffey, der 18jährigen Gattin des greifen Präsidenten Marquis de Monnier, in ein Liebesverhältnis und flüchtete 1776 mit ihr nach Amsterdam, wo er unter dem Namen Mathieu lebte. Sein schon in Manosque begonnener, damals vollendeter »Essai sur le despotisme« machte[888] durch kühne Freiheitsgedanken und kräftige Sprache großes Glück. Inzwischen sprach das Gericht zu Pontarlier das Todesurteil über den Entführer aus. Auf Betrieb seines Vaters ward M. im Mai 1777 von den Generalstaaten ausgeliefert und ins Schloß Vincennes in Hast gebracht. Die Briefe, die M. von seinem Gefängnis aus an seine Geliebte schrieb, wurden später von Manuel im Polizeiarchiv zu Paris aufgefunden und u. d. T.: »Lettres originales de M., écrites du donjon de Vincennes« (Par. 1792, 2 Bde.) veröffentlicht, aber vielfach gefälscht. Daneben verfaßte M. während seiner Hast in Vincennes seinen »Essai sur les Lettres de cachet et les prisons d'Etat« (Hamb. 1782, 2 Bde.). Erst im Dezember 1780 wurde er aus seinem Gefängnis b.'freit. Die für seinen Feuergeist unerträgliche Kerkerhaft flößte ihm Haß und Rachegefühl gegen das grausame System ein, unter dem er so furchtbar gelitten. Im September 1782 erwirkte er durch seine Selbstverteidigung vor dem Gericht zu Pontarlier die Aufhebung des gegen ihn und Sophie ergangenen Urteils. Den Prozeß gegen seine Gemahlin aber verlor er (1783), auch entzweite er sich mit seiner Geliebten, die ihm untreu wurde und 1789 durch Selbstmord endete. Auf sich selbst angewiesen, in tiefer, bitterer Geldnot, mußte er von seiner Feder leben. Er schrieb zahlreiche Schriften gegen die politischen und sozialen Schäden seiner Zeit. 1785 reiste er nach Berlin, wo er Friedrich II. vorgestellt wurde. Im Mai 1786 nach Paris zurückgekehrt, ward er von dem französischen Ministerium zur Erkundung der Lage der Dinge bei dem bald zu erwartenden Hinscheiden des Großen Friedrich abermals nach Berlin gesandt. Bei seinem frühern Aufenthalt daselbst mit dem Major Mauvillon bekannt geworden, arbeitete er mit diesem in Gemeinschaft, aber unter seiner eignen letzten Redaktion das Werk aus: »Sur la monarchie prussienne sous Frédéric le Grand« (Par. 1787, 4 Bde.; Lond. 1788, 8 Bde.; deutsch von Mauvillon u. Blankenburg, Braunschw. u. Leipz. 1794–96, 4 Bde.), das die Mängel des preußischen Staates und die notwendigen Reformen mit Scharfblick, aber Einseitigkeit darlegte. Der dritte Stand in Aix sandte ihn 1789 als Abgeordneten in die Generalstände nach Versailles. Hier gründete er 7. Mai das »Journal des Etats-Généraux«, das zwar unterdrückt, aber von ihm u. d. T.: »Lettres du comte de M. à ses commettants« fortgesetzt wurde. In der königlichen Sitzung vom 23. Juni sprach er das entscheidende Wort, mit dem die Revolution ihren Anfang nahm, indem er im Namen der Deputierten des dritten Standes erklärte, daß sie dem Befehl des Königs, auseinanderzugehen, nicht gehorchen, sondern nur der Übermacht der Bajonette weichen würden. Übrigens war das Auftreten Mirabeaus zwar kühn, ja herausfordernd, sein eigentliches Ziel aber gemäßigt. Er wollte den Umsturz des alten despotischen, verrotteten Systems und eine freie, aber monarchische Verfassung. Darum suchte er auch durch den ihm befreundeten Grafen La Marck sich dem König zu nähern und vor allem einen Staatsstreich zu verhindern. Jedoch erregte er nur das Mißtrauen der Versammlung, die durch ihren Beschluß vom 7. Nov., daß kein Mitglied Minister werden dürfe, eine parlamentarische Monarchie und ein Ministerium M. unmöglich machte. An den großen Verfassungsdebatten nahm M. lebhaften Anteil im Sinne der Mäßigung; aber der König schenkte ihm trotz seines wiederholten Entgegenkommens kein Vertrauen. Überdies ließ er sich, da er in steter Geldnot war, vom Hof bezahlen. Diese neue Schuld lastete auf seinem Gewissen und lähmte seine Tätigkeit, wie sie auch das Mißtrauen der Nationalversammlung steigerte. Dazu kam der Fluch seiner Vergangenheit. Er sah sich, vom Hof und von der Versammlung zurückgestoßen, zur Untätigkeit verurteilt, und das rieb ihn auf. Seine Gebeine wurden bei einem glänzenden Leichenbegängnis im Pantheon beigesetzt, zwei Jahre später aber vom Pöbel herausgerissen und zerstreut. Mit M. starb der einzige Mann, der die Revolution hätte beherrschen und in das Gleis einer friedlichen Entwickelung zurückführen können. Etienne Méjean veröffentlichte eine »Collection complète des travaux de M. l'aîné à l'Assemblée nationale« (Par. 1792, 5 Bde.), Barthe die »Œvres oratoires de M.« (das. 1819, 3 Bde.). Die erste vollständige Ausgabe sämtlicher Schriften Mirabeaus veranstaltete Mérilhou (Par. 1825–27, 9 Bde.). Die zuverlässigsten Nachrichten über sein Leben und Wirken teilte sein Adoptivsohn Lucas Montigny mit in den »Mémoires biographiques, littéraires et politiques de M.« (Par. 1835; 2. Aufl. 1841, 8 Bde.). Sehr wichtig ist sein Briefwechsel mit dem Grafen von La Marck (hrsg. von Bacourt, Par. 1851, 3 Bde.). Vgl. L. u. C. de Loménie, Les M. (Par. 1878–91, 5 Bde.); Reynald, M. et la Constituante (das. 1872); Guibal, M. et la Provence en 1789 (das. 1887); Alfr. Stern, Das Leben Mirabeaus (Berl. 1889, 2 Bde.); Mezières, Vie de M. (Par. 1892); Erdmannsdörffer, Mirabeau (Bielef. 1900); Welschinger, La mission secrète de M. à Berlin (Par. 1899; deutsch, Leipz. 1900); Wild, Mirabeaus geheime diplomatische Sendung nach Berlin (Heidelb. 1901); Cottin, Sophie de Monnier et M. (Par. 1903); Meunier, Lettres de M. à Julie (das. 1903); Warwick, M. and the French revolution (Lond. 1905); Jobez. La France sous Louis XVI, Bd. 3: M. et les états généraux (Par. 1893); Aulard, L'éloquence parlementaire pendant la Révolution française (das. 1882). M. ist auch der Held eines historischen Dramas von Raupach und eines Romans von Th. Mundt.

3) André Boniface Riquetti, Vicomte de, Bruder des vorigen, geb. 30. Nov. 1754 in Bignon, gest. 15. Aug. 1792, ergab sich früh einem ausschweifenden Leben und erhielt wegen seiner ungewöhnlichen Dicke den Beinamen Tonneau. Nachdem er im amerikanischen Befreiungskampf mit Auszeichnung mitgefochten, bekam er vom Hof ein Dragonerregiment. Nach dem Ausbruch der Revolution ward er vom Adel von Limoges in die Generalstaaten gesandt und trat hier als heftiger Aristokrat auf. Am 24. Aug. 1790 verließ er Frankreich und errichtete eine Emigrantenlegion, mit der er 1792 einen blutigen Parteigängerkampf gegen sein Vaterland begann; doch starb er bald am Schlagfluß zu Freiburg i. Br. Vgl. Sarrazin, M. – Tonneau (Leipz. 1893); E. Berger, Le vicomte de M. (Par. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 888-889.
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