Englische Landwirthschaft

[750] Englische Landwirthschaft, nächst der belgischen die am musterhaftesten betriebene. Obgleich man in neuerer Zeit mehr dem Vergrößerungs- als dem Verkleinerungsprincip der landwirthschaftlichen Besitzungen huldigt, so sind doch die Pachtgüter nicht umfangreich u. das Pachtsystem ist, gegenüber der eigenen Bewirthschaftung, bei Weitem das gebräuchlichste. Sehr häufig ist eine 21 jährige Pachtzeit, u. wo diese stattfindet, da verdankt ihr die Landwirthschaft die großen Fortschritte. Durchschnittlich gibt der Acre (etwa 11/2 preußische Morgen) 40 Schillinge (131/3 Thlr.) Pacht. Die Bauart der Güter anlangend, so ist der gewöhnlichste Gebrauch, die Gebäude an der östlichen, westlichen u. nördlichen Seite eines länglichen Vierecks zu errichten u. letzteres in zwei umzäunte Höfe für das Vieh zu theilen; die Südseite bleibt unbebaut u. hat in ihrer Fronte das Wohnhaus sammt den kleinen Wirthschaftsgebäuden vor sich. Man baut wohlfeil u. doch fest u. bequem; Viehställe im Allgemeinen etwas lustig. Scheunen u. Keller werden fast allgemein durch Feimen u. Mieten ersetzt. Die landwirthschaftlichen Arbeiter sind gegen früher in ihrer Qualität zurückgegangen wegen des erniedrigten Lohnes, eine Folge der großen Concurrenz irischer Arbeiter. Das Zugvieh besteht in Pferden u. Ochsen; es gibt drei verschiedene Racen landwirthschaftlicher Arbeitspferde: die Lincoln-, Cleveland- u. Suffolkrace. Vielfach werden die Gespanne in offenen Höfen, die ringsum mit Schuppen umgeben sind, auch des Nachts über auf der Weide gehalten. Das Stallfutter besteht aus Heu, Hafer, Bohnen, Kartoffeln, Turnips, Möhren, Pastinaken u. Ginster. Mehr als der Wagen ist die einspännige Karre in Gebrauch. Ochsen findet man nur noch in einzelnen Gegenden als Zugvieh in Anwendung; die besten Zugochsen liefern die Devon- u. Sussexrace. Musterhaft ist das Düngerwesen; den Stallmist durchschichtet man fast allgemein mit Erde u. läßt ihn längere Zeit unter dem Viehe liegen; wo Düngerstätten vorkommen, sind dieselben überdacht. In neuester Zeit fand die Anwendung des Stallmistes in flüssiger Form große Verbreitung; sämmtlicher Dünger wird in große Behälter gebracht u. darin mit Wasser u. concentrirten Düngemitteln gemischt, Von diesen Behältern aus gehen gußeiserne Röhren nach allen Richtungen u. führen den flüssigen Dünger auf die entferntesten Felder. Nächstdem ist sehr gebräuchlich die Düngung mit Guano, mit durch Schwefelsäure aufgeschlossenem Knochenmehl, Salz, gebranntem Kalk, Ölkuchen u. der künstliche Dünger. Letzter wird in besonderen chemischen Düngerfabriken zubereitet, von denen die von Lawes die renommirteste ist. Sehr verbreitetist die Drainirung, u. durch dieselbe hat der englische Ackerbau einen überaus großen Aufschwung genommen. Sehr häufig kommt Grasland als Weide u. Wiese vor; die Weiden sind sehr ausgedehnt, weil man nicht nur Schafe, sondern auch Pferde u. Rindvieh zu weiden pflegt, u. zwar in der Art, daß man auf derselben Weide Rind- u. Schafvieh zusammen od. abwechselnd weidet. Die Weiden sind theils natürliche, theils künstliche, u. letztere haben in neuester Zeit immer mehr Verbreitung gefunden. Auf den Wiesen wird vielfach nur Heu gemäht u. der Nachwuchs abgeweidet; das Heu wird fast allgemein in Feimen aufbewahrt. Die künstlichen Weiden bestehen meist aus den besten Gräsern, als Raygras, Wiesenfuchsschwanz, Timotheegras, Wiesenschwingel, Knaulgras, Rispengras, weißem Klee, rothem Klee u. Hopfenklee. Wodurch sich die E. L. ganz bes. auszeichnet, das sind die Ackergerräthe u. die Maschinen; dieselben kommen in den vielfältigsten Arten u. Constructionen vor. Unter den neuesten Verbesserungen des englischen Geräthe- u. Maschinenwesens sind die belangreichsten die Ersetzung des Holzes durch Eisen u. die Einführung des Hebelprincips. Alle Maschinen werden gegenwärtig aus Gußeisen verfertigt, u. man hat jetzt alle möglichen Geräthe von Eisen: Pflüge mit hohlen Pflugbäumen, Zugwagen, Häckselmaschinen etc. Das Hebelprincip wird auf zweifache Art angewendet, um einenanhaltenden u. gleichmäßigen Druck auszuüben, der nach Belieben vermehrt od. vermindert werden soll, u. um die Tiefe, zu welcher die Instrumente in die Erde dringen, ohne die Zugthiere anzuhalten, zu ändern od. sie ganz außer Thätigkeit zu setzen. Um einen gleichmäßigen Druck auszuüben, wird jetzt der Hebel bei Drillmaschinen, Haken, Eggen u. Walzen angewendet; um die Tiefe der Instrumente zu reguliren, dient der Hebel bei den Scarisicatoren u. Pflügen. Die neuesten Maschinen werden jetzt so eingerichtet, daß sie verschiedene Operationen zu gleicher Zeit ausführen u. zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Zwecken dienen, indem dadurch an Menschen- u. Thierkraft erspart wird. So hat man Maschinen, welche gleichzeitig dreschen u. das Anzgedroschene reinigen, welche Häcksel schneiden u. schroten, Drillpflüge, welche gleichzeitig pflügen u. säen, Eggenflüge, welche pflügen u. eggen, Pflüge, welche zugleich den Untergrund auflockern, Säemaschinen, welche gleichzeitig den Samen aussäen u. eineggen, andere, welche gleichzeitig den Dünger aussäen u. bedecken, Dibbelmaschinen, welche die Löcher stoßen u. den Samen hineinwerfen. Unter den Pslügenistder Schwingpflug der gebräuchlichste; sehr mannigfaltig sind die Cultivatoren, von denen man Schnitt- u. Schaufelpflüge, Exstirpatoren, Scarificatoren, Tormentatoren, Grubber etc. mit Scharen, Zinken, Messern, Schälmessern u. Sensen unterscheidet. Sehr verbreitet ist gegenwärtig auch die Anwendung des Dampfes zum Betriebe der landwirthschaftlichen Maschinen, indem man zu diesem Behuf Locomotiven anwendet u. diese nicht selten vermiethet. Fast alles Ackerland ist in Koppeln eingetheilt, u. diese sind mit Weißdornhecken eingefriedigt. Gepflügt wird in gewölbte Beete; sehr verbreitet ist das Untergrundpflügen, statt dessen man häufig auch das Gabeln anwendet, d.h. der Untergrund wird mit starken, dreizinkigen, eisernen Gabeln od. Forken auf eine angemessene Tiefe aufgelockert. Die breitwürfige Saat hat der Drillcultur fast ganz weichen[750] müssen, indem man selbst das Getreide drillt. Auch das Dibbeln findet immer mehr Verbreitung. Das gebräuchlichste Wirthschaftssystem ist die Fruchtwechselwirthschaft mit den mannigfaltigsten Fruchtfolgen. Die Norfolker Wirthschaft hat vier Felder: Turnips, Gerste, Klee, Weizen. Andere gebräuchliche Fruchtfolgen sind: Weizen, Grünwiesen u. Turnips; Gerste, Gras u. Klee; Weizen, Bohnen, Futterroggen; Gerste, Klee, Weizen, Rübsen. Die hauptsächlichsten Früchte, welche man erbaut, sind: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Bohnen, Erbsen, Turnips, Kohl, Kartoffeln, Möhren, Pastinaken, weißer Klee, rother Klee. Der Handelsgewächsbau beschränkt sich auf Raps, Rübsen, Senf, Lein, Hanf, Koriander, Weberkarden, Kümmel, Canariensamen, Kamille, Süßholz, Pfefferminze, Lavendel, Rhabarber, Krapp, Waid, bes. Hopfen. Obstbau wird nur in den südlichsten u. westlichsten Grafschaften, hier aber so stark betrieben, daß die Bereitung des Ciders zu einem wichtigen Geschäft wird. Eben so bedeutungsvoll als der Ackerbau ist die Viehzucht. Das Rindvieh wird im Sommer entweder auf der Weide od. mit gemähtem Grünfutter auf dem Hofe u. im Winter in Ställen od. unter Schuppen mit Heu, Stroh, Ölkuchen u. Wurzelgewächsen gefüttert, wobei die sogenannte Mußfütterung immer mehr in Aufnahme kommt. Von großer Bedeutung ist die Ochsenmast, bei welcher Ölkuchen, Turnips, Möhren, Pastinaken u. Hülsenfruchtstroh eine große Rolle spielen. Nicht unbedeutend ist aber auch die Molkereiwirthschaft, indem sie von Seiten der Grundbesitzer allgemein als die sicherste Bürgschaft für die pünktliche Abtragung der Pachtrente angesehen wird. Die besten Racen für die Milchwirthschaft sind die Shorthorn-, Yorkshire-, Kreuzung der Teeswater- u. Holderneßrace, die Suffolks-, Devonshire-, Glamorgans-, die Ayrshirer- u. die Kerrykuh. Man bereitet aus der Milch viel Butter u. Käse, namentlich Chester-, Gloucester-, Cheddaer-, Wiltshire- u. Stiltonkäse. Was die Mastochsen anlangt, so zeichnen sich ganz bes. die Devons, Herefords, Galloways, Dishleys durch ihre Mastfähigkeit u. das vortreffliche Fleisch, welches sie liefern, aus. Außer den Ochsen werden auch viel Kälber, namentlich in der Nähe großer Städte, gemästet. Von großer Wichtigkeit ist auch die Schafzucht, sowohl hinsichtlich der Woll-, als der Fleischproduction. Man unterscheidet kurzwollige u. langwollige Schafe, von denen jene 11/2 – 5 Pfd. Wolle scheeren u. von 8–10 Pfund Schlachtgewicht eines Viertels haben, während diese von 61–10 Pfund Wolle scheeren u. von 18–36 Pfd. Schlachtgewicht eines Viertels haben. Gegenwärtig kommen die meisten Masthammel schon im zweiten Jahre auf den Markt, u. die Leicester- u. Dishleyrace verwandeln das Futter fast ganz in Fett. Auch fette Lämmer in einem Alter von 3–4 Monaten kommen häufig auf den Markt. Das Mastfutter der Schafe besteht in Turnips, Heu u. Ölkuchenmehl. Die Turnips werden entweder von dem Schafvieh auf dem Felde ausgefressen od. zu Hause geschnitten vorgelegt. Zu bemerken sind Bakewells (s.d.) Bemühungen zur Fleisch- u. Fetterzeugung. Mit der Schweine zucht befaßt sich nicht nur der größere Landwirth, sondern auch der Häusler. Die wichtigsten Racen sind die Hampshirer, Berkshirer, Essex, Suffolk, Norfolk, Dishley, Windsor. Durch Kreuzungen hat man diese verschiedenen Racen noch wesentlich zu verbessern gesucht. Die Mast der Schweine geschieht entweder auf dem Hofe od. auf der Weide. In dem Stalle erhalten sie Milch, Kartoffeln, Erbsen, Gerste, Haferschrot u. Schwarzmehl aus Weizen. Sehr ausgedehnt ist auch die Federviehzucht, bes. die Hühnerzucht; auch Kaninchen werden häufig gehalten. Zu der großen Bedeutung der E. L. haben wesentlich die Landwirthschaftlichen Vereine, die von denselben veranstalteten Ausstellungen, Preisaussetzungen, ins Leben gerufenen Musterwirthschaften u. landwirthschaftlichen Museen, ferner die Literatur u. in neuster Zeit die chemischen Laboratorien u. agriculturchemischen Versuchsstationen beigetragen. Vgl. Schweitzer, Darstellung der Landwirthschaft Großbritanniens, Lpz. 1838, 2 Bde.; Weckherlin, Über englische Landwirthschaft (Preisschrift), 2. Aufl., Stuttg. 1848; Hamm, Die landwirthschaftlichen Geräthe u. Maschinen Englands, 2. Aufl., Braunschweig 1858; Settegast, Landwirthschaftliche Reise in England, Bresl. 1857; Hartstein, Das englische u. schottische Düngerwesen, 2. Aufl., Bonn 1858.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 5. Altenburg 1858, S. 750-751.
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