Erzgebirge [2]

[878] Erzgebirge, 1) (Sächsisches E.), Gebirgszug in der Mitte Deutschlands, streicht, an das Fichtelgebirge u. das Voigtländische Bergland sich anschließend, von den Quellen der Elster bei Asch in nordöstlicher Richtung 22 Meilen weit bis zur Elbe, durch die es vom Lausitzer Gebirge geschieden wird, u. bildet die natürliche Grenze zwischen Sachsen u. Böhmen; in seinem ganzen Längenkamme sinkt es nie unter 2000 Fuß herab, u. der Centralpunkt des ganzen Gebirges, das zwischen Wiesenthal u. Gottesgab ausgebreitete Plateau, welches sich im S. zu dem höchsten Punkt der ganzen Kette, dem 3804 Fuß hohen Keilberg u. im N. zu dem Fichtelberg von 3721 Fuß erhebt, hat eine durchschnittliche Höhe von 3500 Fuß, so daß die mittlere Kammhöhe auf 2500 F. angenommen werden kann, im östlichen Theile etwas weniger, im westlichen, dem sogenannten Obergebirge, etwas mehr; die höchsten Berge, welche auf dem nordwestlichsten Abfalle stehen, sich aber nicht mehr als 909 Fuß über ihre nächste Umgebung erheben, erreichen eine Seehöhe von mehr als 3800 F. u. sind außer dem genannten Keil- u. Fichtelberge folgende; der Schwarzwald bei Joachimsthal 3700 Fuß, der [878] Schneekopf 3660 F., der Spitzberg bei Gottesgab 3445 F., der Plattenberg 3172 F., der Eisenberg bei Unterwiesenthal 31700 F., der Auersberg 3132 F., die Kuppe bei Neuhaus 3083 F., der Haßberg 3050 F., der Wieselstein 2942 F., der große Rammelsberg 2928 F., der Bärenstein bei Ladung 2859 E., der Hirschberg 2795 F., der Fastenberg 2700 F., der Pöhlberg 2567 F. hoch u. viele andere. Alle diese Berge zeichnen sich mehr od. minder aus durch ihre Massenhaftigkeit, u. ihr Bau ist sehr verschieden: der Haßberg ist kegelförmig, der Lichtenwaldsteiner Berg käppchenförmig, der Bärenstein tafelförmig, der Keilberg ist oben eben, u. die meisten Berge des Kammes bilden unregelmäßige Kugelabschnitte. Der Abfall des Gebirges nach der böhmischen Seite ist, da die Eger demselben nahe tritt, jäh u. steil, die Ausläufer des Gebirges zahlreich, aber nur kurz, u. zwischen ihnen stürzen zahlreiche Gebirgsbäche in die tiefen Waldgründe hinab; nach N. dagegen stufen sich die Äste u. Thäler, obwohl hier u. da wild u. eng, doch nur sehr allmälig ab mit Übergangsgebirg, bis sie in 12 bis 18 Stunden Entfernung in wellenförmiges Land übergehen; das obere Gebirgsland mit den Bergstädten Joachimsthal, Johann-Georgenstadt, Gottesgab, Altenberg u.a.: das Mittelgebirg, worin die Städte Schneeberg, Annaberg u.a., u. das Untergebirg, worin z.B. Freiberg liegt, dessen Seehöhe noch 1180 F. beträgt. Außerdem hat man noch zwei mit dem Erzgebirge gleichlaufende Vorgebirge unterschieden, das eine in der Richtung von Oschatz gegen Glauchau u. bis zu diesem Ort, das andere von Wurzen gegen Borna; doch sind die nördlichen Grenzen durchaus nicht scharf zu bestimmen; auf dieser sich allmählig abdachenden Seite sind daher auch bedeutendere Flüsse, wie die beiden Mulden, welche wie das ganze Gebirg überhaupt, in das Elbgebiet gehören. Seiner Hauptmasse nach besteht das Gebirge aus krystallinischen Schiefergesteinen, Gneis, Glimmer- u. Thonschiefer, durchsetzt von Granit, Porphyr, Grünstein, Basalt (in großen Gesteinmassen od. Gängen) u. von Erzgängen, u. überlagert von Grauwacke (am nordwestlichen Fuße), Rothliegendem, Quadersandstein u. Steinkohlenformation; letztere ist in neuester Zeit zu außerordentlicher Wichtigkeit gelangt u. findet sich in zwei großen Anlagerungen in muldenförmigen Vertiefungen, deren Längenachse der Gebirgsgrenze folgt: die Erzgebirgische Kohlenmulde zwischen Werdau u. Hainichen, gegen 10 Meil. lang u. 4 Meil. breit, u. die Potschappler Kohlenmulde zwischen Wilsdruff u. Maxen, vom Plauenschen Grunde quer durchschnitten, von 3 Meil. Längenausdehnung u. 1/2 Meile mittlerer Breite. Eigenthümlich sind auf der böhmischen Seite des Gebirges die Mineralquellen, doch fehlen sie auch auf der sächsischen Seite nicht ganz, wo die warme u. gashaltige Quelle bei Wolkenstein, sowie die Quellen bei Hohenstein u. Elster im Gebrauch sind. Das E. ist gut bewaldet, zuoberst mit Nadelholz, weiter unten mit Laubholz, welche beide reichlichen u. wohlbenutzten Stoff liefern zu Handel, Holz- u. Spielwaarenfabrikation; auch Beeren, Schwämme, Morcheln, gute Kräuter u. Isländisch Moos gewährt einigen Erwerb; zwischen den unteren Abhängen sind schöne Wiesen, die eine bedeutende Viehzucht ermöglichen, u. wenn in der höhern Region das rauhe Klima den Ackerbau nicht erlaubt so wird er zwischen Vorbergen u. in dem Hügelland desto sorgfältiger betrieben. Die mittlere Jahrestemperatur wird zu 8° R. berechnet, während die böhmische Seite darin günstiger gestellt ist; die rauheste Gegend, wo beinahe aller Ackerbau aufhört, ist bei Johann-Georgenstadt in etwas über 2400 F. Meereshöhe. Der Reichthum des Gebirges besteht in den Erzen, die es in seinem Innern birgt; der ganze sächsische Abhang ist fast eine einzige Fabrikstätte, indem hier 600 Erzgruben im Gange sind, welche Silber, Zinn, Blei, Kupfer, Eisen, Kobalt, Nickel, Arsenik, Schwefel, Wismuth zu Tage fördern; auch Torf findet sich an vielen Orten. Der Bergbau im E. begann um 1170 durch Bergleute aus dem Harz, war erst nur sogenannter Raubbau in die Tiefe, jetzt geschieht er durch regelmäßigen Grubenbau, u. durch diesen ist der Ertrag an Silber von 10,000 Mark bis über 100,000 Mark jährlich gesteigert u. die Silber-, Kupfer-, Zinn- u. Eisenhüttenwerke, die Schmalte-, Arsenik- u. Vitriolwerke, die Argentan-, Schrot- u. Bleiröhrenfabrikation hervorgerufen u. erweitert worden; in den verschiedenen Metallfabriken, worin Maschinen, Waffen aller Art, Spaten, Sensen, Sicheln, Blechwaaren, Blasinstrumente, Messer, Nadeln etc. gefertigt werden, sind zahlreiche Arbeiter beschäftigt; die früher häufige Flachsspinnerei u. Leinweberei wich durch die Barbara Uttmann der Spitzenklöppelei, die aber in neuerer Zeit wieder so abgenommen hat, daß man sich dafür der Fabrikation von Posamentirwaaren zugewendet hat; mit der Einführung der Baumwolle entstand die Baumwollenspinnerei u. Weberei nebst der Strumpfwirkerei; der Steinkohlenbergbau ist fortwährnd im Steigen begriffen. Der höchste Ort im E. ist Gottesgab, 3129 F. über dem Meere, u. dabei auch am Keilberg in 3400 F. Höhe der höchste Paß über das Gebirge zwischen Annaberg u. Joachimsthal; 2) so v.w. Erzgebirgischer Kreis; 3) Uralisches Erzgebirge, der südliche u. mittlere Theil des Ural in Rußland, wegen seines Erzreichthums. 4) (Siebenbürgisches od. Transsylvanisches E.), der Nord- u. Westrand des Hochlandes von Siebenbürgen, an der Quelle der großen Samosch, mit den Siebenbürgischen Alpen durch ein niedriges Joch verbunden, besteht aus vielen von O. nach W. streichenden Parallelketten, die im Allgemeinen nicht höher als 4000 F. sind; nur die Biharer Gruppe, zwischen den Quellen der kleinen Samosch u. der Körösch, erreicht 5000 F. Der südwestliche Theil heißt das Banater Bergland, zwischen Temesch u. Czerna. Zwischen den einzelnen Ketten u. Gruppen sind tiefe Einsenkungen, im W. vielfache Längenthäler. Den W. durchbrechen Körösch u. Marosch, welche letztere den bequemsten Paß bildet; den N. die Samosch. Das Gebirge ist reich an Erzen u. überhaupt an Mineralien; daher bedeutender Bergbau auf Gold, Silber, Kupfer, Eisen, auch Tellur, Quecksilber, Salz etc., u.a. zu Zalathna, Großschlatten, Köröspatak, Nagyag, Szekeremb, Kapnik-Banya, Felsö-Banya, Deutsch-Orawicza, Dognacza, Rhonaszek; auch warme Quellen finden sich, wie die Herculesbäder bei Mehadia. 5) Die Ungarischen E. bestehen aus einer Terassenbildung, die südlich von der Tatra, von dieser durch Waag (Liptauer Ebene) u. Poprad (Kesmarker E.) getrennt, von dem Unterlaufe der Waag im W., von dem des Hernad im O. begrenzt.[879] in allmäliger Senkung nach S. gegen die Donau u. die ungarischen Ebenen abfällt. Sie werden gebildet durch mehrere von den breiten Thälern der Flüsse Neitra, Gran, Eipel u. Sajo getrennte Berghausen, die im Mittel 2._– 3000 Fuß hoch, sämmtlich in der Hauptrichtung von O. nach W. streichen. Die Stufen sind: a) Das Liptauer Gebirge, dessen Mittelpunkt das Kralowa-Holagebirge mit dem Djumbier, 6300 F. hoch, u. Kiraly-Hagy, 5950 Fuß hoch, zwischen Waag u. Gran; dessen westliche Fortsetzung, das Fatragebirge, bildet den Übergang zu zwei südwärts gegen die Donau gerichteten Zügen, von denen der westliche, das Neitragebirge, zwischen Waag u. Neitra, das östliche zwischen Neitra u. Gran streicht. Ähnlich verflacht sich dieser Theil nach Osten als Wasserscheide zwischen Poprad u. Hernad u. begleitet letzteren auf dem östlichen Ufer als Hegyallyagebirge bis zur Mündung in die Theiß; b) Das eigentliche Ungarische E., im S. des Hernad u. Gran, die zweite Stufe, 1000–2000 F. hoch, mit verschiedenartigen Theilen; c) Das Neograder Gebirge, die unterste Terrasse, im S. von Sajo u. Eipel, zieht 400–600 F. hoch bis an die Donau bei Waitzen u. erreicht seinen Gipfelpunkt in der Matra, 3100 F. hoch. Berühmt sind die Gebirge, namentlich das eigentliche E., durch den Reichthum an Mineralien, insbesondere edlen Metallen, daher der Bergbau auf Gold, Silber, Kupfer, Eisen etc. (Schemnitz, Kremnitz, Altgebirg, Herrngrund, Neusohl etc.), sowie durch die vielen warmen Bäder (Pösteny, Trentschin, Rajecz, Alsos-Tubnyo, Szliacs, Skleno, Eisenbach, Gran etc.).

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 5. Altenburg 1858, S. 878-880.
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