Lombardisch-venetianische Königreich

[759] Lombardisch-venetianische Königreich (das) ist ein im obern Italien liegendes und einen Bestandtheil der östr. Monarchie ausmachendes Königreich, welches seit dem 7. Apr. 1815 besteht und aus dem Gebiet des ehemaligen Venedig in Italien (mit Ausnahme Istriens und des Cantons Cividale, welche zum Königreiche Illyrien gekommen sind), einigen kleinern Gebietstheilen älterer ital. Staaten und den beiden Herzogthümern Mailand und Mantua zusammengesetzt ist. Diese beiden letztern, schon vor Napoleon's Eroberungen in Italien östr. Provinzen, führten sonst den Namen der östr. Lombardei. Der Name Lombardei schreibt sich von den Longobarden (s.d.) her, welche einen großen Theil Italiens erobert hatten und bezeichnete ganz Oberitalien. Das lombardisch-venetianische Königreich umfaßt 852 ! M. mit 4,411,000 Einw., welche größtentheils ital. Abstammung sind. Nur ungefähr 65,000 sind Deutsche und 6000 Juden. Die Schweiz, Tirol, Illyrien, das adriat. Meer, der Kirchenstaat, Modena, Parma und Sardinien bilden die Grenzen. Das Land bildet [759] eine außerordentlich schöne und fruchtbare Ebene zwischen den Alpen und den Apenninen. Die Alpen bilden die nördl. und östl. Grenze und fallen nach der Lombardei zu steil ab. Mehre Straßen führen aus dem nördl. Europa über dieses Hochgebirge nach Oberitalien, wie die Straße über den St.-Gotthardt, über den Splügen, die Straße von Pontafel oder Ponteba und andere. Zwischen den Flüssen Etsch und Brenta liegen noch die euganeischen Berge, fruchtbare Hügel, die sich im Venda bis zu 1761 F. erheben. Alles übrige Land ist üppige Ebene, durch zahlreiche Flüsse, Seen und Kanäle bewässert und nur in der Nähe des Meeres in Sumpfland und Lagunen übergehend. Besonders an dem Fuße der Alpen liegen zahlreiche und große Seen, wie der Lago (d.h. See) Maggiore, der Lago Lugano, der Lago di Como, der Lago d'Iseo, der Lago di Garda. Der wichtigste Fluß ist der Po, welcher auf seinem Laufe von Pavia bis zum Meerbusen von Venedig die Flüsse Tessino, Olona, Adda, Oglio und Mincio aufnimmt. Andere Flüsse sind noch die Etsch und die Küstenflüsse Brenta, Piave, Livenza und Tagliamento. Mailand steht durch den Naviglio grande (d.h. der große Kanal) mit dem Ticino und durch den Naviglio Martisano mit dem Lago di Como in Verbindung. Mit Ausnahme der sumpfigen Gegenden ist das Klima gesund und mit Ausnahme der Alpengegenden mild. Der Landbau wird in der Lombardei mehr gepflegt als in andern Gegenden Italiens. Die wichtigsten Producte sind Getreide, Mais, Hülsenfrüchte, Flachs, Reis (besonders in den Sumpfgegenden), Wein, Öl, Obst, Kastanien, Mandeln, Feigen, Pomeranzen, Citronen, Lorbeeren, Eisen, Kupfer, Marmor, Salz, gutes Rindvieh, grobwollige Schafe, mittelmäßige Pferde, Federvieh und Fische. Ausgezeichnete Häfen und Straßen begünstigen den Handel, der jedoch in der alten Lombardei viel bedeutender war. Die Fabrikation bezieht sich auf Porzellan, Fayence, Stahl- und Eisenwaaren, Glaswaaren, Seidenwaaren, Tapeten, Papier, vielerlei Luxusgegenstände, wie Masken, Pomaden, Essenzen, künstliche Blumen u.s.w. Herrschend ist die katholische Kirche, welche unter zwei Erzbischöfen und 17 Bischöfen steht, doch haben die Protestanten gleiche staatsbürgerliche Rechte wie die Katholiken. Für die Volksbildung wird durch zwei Universitäten, 48 Gymnasien, zwölf Lyceen und viele Volksschulen gesorgt. Das lombard.-venet. Königreich hat eine eigenthümliche Verfassung. Dermaliger Vicekönig ist der Erzherzog Rainer, geb. 1783, welcher in Mailand residirt. Das Königreich ist eingetheilt in die beiden Gubernien Mailand und Venedig, von denen jenes in neun, dieses in acht Delegationen zerfällt. In der Delegation Mailand liegt die Hauptstadt Mailand (s.d.) und Monza, der alte longobardische Königssitz mit 6000 Einw. Hier wird die eiserne Krone (s.d.) aufbewahrt. Como, am südl. Ende des nach ihr benannten Sees, in der gleichnamigen Delegation, hat 15,000 Einw. und Fabriken in Seiden- und Baumwollenwaaren und Seifen, sowie optischen Instrumenten. Im Valtellin oder der Delegation Sondrio liegen nur kleinere Städte, unter denen Sondrio mit 3700 Einw.; Bergamo, Mantua, Pavia (s.d.) sind bedeutende Städte in den gleichnamigen Delegationen. In der Delegation Brescia liegt die gleichnamige Stadt, zwischen dem Garda- und Iseosee. Sie hat 32,000 Einw., eine auf einem hohen Felsen liegende Citadelle, eine prachtvolle Kathedrale, ein schönes, ganz aus Marmor erbautes Theater, einen neuen Dom und ein Münzcabinet. Sie ist Sitz eines Bischofs und mit wissenschaftlichen Anstalten reich versehen, indem sie eine Akademie der Wissenschaften, einen botanischen Garten, eine ökonomische Gesellschaft, ein Lyceum, drei Gymnasien und eine Bibliothek besitzt. Seit alten Zeiten werden hier Waffen gefertigt. Außerdem gibt es hier noch eine Menge Fabriken verschiedener Art. Man hat in der Nähe merkwürdige Alterthümer entdeckt. Cremona in der Delegation gleichen Namens mit 28,400 Einw. ist auch aus alten Zeiten berühmt. Sie ist Sitz eines Bischofs und besitzt 44 Kirchen und Kapellen, unter denen ein großer Dom mit einem 372 F. hohen Thurme, welcher aus achteckigen Obelisken besteht, über denen sich ein Kreuz erhebt. Die Stadt hat bedeutende Seidenmanufactur, und sonst galten die hier verfertigten Geigen für die besten in der Welt. In der Delegation Lodi und Crema liegen die gleichnamigen Städte. Lodi, mit einem festen Schlosse, hat 17,000 Einw., ist Sitz eines Bischofs und liegt an der Adda, über welche eine Brücke führt, durch deren Erstürmung am 10. Mai 1796 Napoleon seinen Ruhm gründete. Hier und in Codogno wird der bekannte Parmesankäse verfertigt. Crema mit 9000 Einw. hat ansehnlichen Flachsbau. – Hauptstadt des Guberniums und der Delegation von Venedig ist die gleichnamige berühmte Stadt (s.d.). In der Nähe liegen Murano mit 6000 Einw., Glas- und Spiegelfabriken, und Burano mit 7000 Einw., Spitzen- und Strohhutfabriken. Bei Palestrina ist der 11,000 F. lange Damm, welcher zum Schutze Venedigs gegen die Meereswellen dient, und Mestre, ein großes Fischerdorf, ist der gewöhnliche Überfahrtsort nach Venedig. In der Delegation Polesine oder Rovigo liegt außer Rovigo, einer Stadt mit 7000 Einw., das alte Adria mit 10,000 Einw., von welchem das adriatische Meer den Namen hat. Einst lag es unmittelbar am Meere; jetzt aber ist es eine Stunde von demselben entfernt am Bianco-Kanale des Po. In der Delegation von Padua (s.d.) liegt Este, der Stammort der in der Geschichte berühmten Familie dieses Namens. Es hat 8000 Einw., Seidenspinnereien und Hutfabriken. In der Delegation Verona (s.d.) zwischen Brenta und Etsch, in einer rauhen und unfruchtbaren Gegend, sind die sogenannten Dreizehn Gemeinden mit ungefähr 50,000 Einw. deutscher Abkunft, welche besondere Freiheiten haben und von Holzhandel und Viehzucht leben. Auch in der Delegation Vicenza (s.d.) leben 30,000 Deutsche in den Sieben Gemeinden im Gebirge neben dem zu Tirol gehörenden Suganathale. Bassano an der Brenta mit 12,000 Einw. hat einen lebhaften Handel mit Seide, Tuch und Leder. Hier schlugen sich 1796 Franzosen und Östreicher. Belluno, in der gleichnamigen Delegation, auf einem Hügel in einem wilden Thale an der Piave mit 9800 Einw., welche sich von Holzhandel, Seidenspinnerei, Gerberei u.s.w. nähren, ist Sitz eines Bischofs und hat einen schönen Dom und eine vortreffliche Wasserleitung. Feltre, im Gebirge, mit 5000 Einw., hat Eisenbergwerke. Treviso, Hauptstadt der Delegation gleichen Namens mit 15,000 Einw., am schiffbaren Sil, hat ein Schloß, ein Lyceum, eine Akademie und Fabriken in Kupfer-, Eisen-, Stahl-, Seiden- und Lederwaaren. Die sogenannte trevisanische Mark ist außerordentlich fruchtbar. In dem Friaul (s.d.) oder der Delegation Udine liegt die Stadt Udine am la Roja-Kanale mit 18,000 [760] Einw. und Fabriken in Seide, Leder, Leinwand und Bleiweiß. Auch das historisch berühmte Campo Formio (s.d.) und Cividale mit einem Museum für Alterthümer und 3600 Einw. liegen in Friaul.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 759-761.
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