Löß

[718] Löß (auch Briz), ein gegen Ende der Diluvialzeit abgelagerter, lichtgrau bis bräunlich und ockergelb gefärbter, kalkhaltiger Lehm (oder Mergel), der durch eine große Porosität und das Auftreten seiner, an verzweigte Wurzeln von Gräsern erinnernder, meist mit einer dünnen Haut von kohlensaurem Kalk überzogener Röhrchen gegenüber dem gewöhnlichen Lehm ausgezeichnet ist. Er saugt infolge dieser kapillaren Struktur selbst starke Regengüsse auf, und Quellen treten nie im L., sondern nur an seiner untern Grenze gegen undurchlässige Gesteine hin aus. Der L. ist ungeschichtet und hat eine große Neigung zu vertikaler Zerklüftung und Bildung senkrechter Wände. Dabei ist er mürbe, zerreiblich, mehlig. Als Gemengteile erkennt man äußerst winzige (durchschnittlich 1/40-1/20 mm dicke) Quarzkörnchen, die etwa 50 Proz. betragen, seine Glimmerblättchen, Feldspat, Kaolin, Eisenoxyd, Kalk- u. Magnesiakarbonat, Granat, Staurolith, Rutil, Apatit, Magneteisen etc. Häufig schließt der L. Mergelkonkretionen von unregelmäßiger Gestalt (Lößkindel, Lößmännchen, Lößpuppen, Steiningwer der Chinesen), außerdem Knochen von Säugetieren und Gehäuse von Landschnecken (Helix hispida, Pupa muscorum, Succinea oblonga u.a., vgl. Tafel »Diluvium I«, Fig. 5–7; daher auch der Name Schneckenhäuslesboden) ein; seltener sind im L. Deutschlands und Rußlands Feuersteingerätschaften und andre Artefakte, die auf die Existenz des Menschen während der Ablagerung des Lösses hindeuten, gefunden worden. Oberflächlich und lokal geht der L. durch Auslaugung des Calciumkarbonats in lehmartige Gesteine über. Der L. liegt in weiten Flußtälern, auf den Abdachungen von Gebirgen und Hügeln sowie auf flachen Plateaus und in seichten Becken. Eine große Verbreitung hat er im Rhein- und Donautal, deren Fruchtbarkeit er bedingt; hier ist er in einer Mächtigkeit von 10–15 m in zahlreichen Hohlwegen entblößt. Auch an den Talgehängen der Elbe von Meißen bis Pirna sowie im nördlichen Böhmen, ferner an der Neiße, Mulde, Saale, [718] Unstrut, Werra, Lahn, am Main und Neckar ist L. zur Ablagerung gelangt. In den Tälern der Oder und Weichsel steigt er an den Gehängen bis zu 400 m Meereshöhe empor, von Oberschlesien zieht eine Zone nach Polen hinein, die bei Sandomir eine Mächtigkeit von 30 m erreicht. Eine großartige Verbreitung besitzt der L. in den innerasiatischen Gebieten, in der Mongolei, in Tibet und besonders in China, wo der L., die gelbe Erde der Chinesen, die dem Gelben Fluß und dem Gelben Meer den Namen gegeben hat, eine Mächtigkeit bis zu 600 m erreicht. Vgl. Fig. 1 u. 2.

Bezüglich der Entstehung des Lösses stehen zwei Ansichten einander gegenüber. Nach der einen, deren Hauptvertreter F. v. Richthofen ist, ist der L. eine äolische oder subaërische Bildung. Kontinentalen, abflußlosen Steppengegenden führten heftige Winde die Verwitterungsprodukte der in der Nachbarschaft anstehenden Gesteine zu und erzeugten so Ablagerungen, ähnlich denjenigen, die sich noch heute in den Steppen Zentralasiens unter dem Einfluß der dort häufigen Staubwinde bilden. Der Staub, der auf eine von Vegetation bedeckte Fläche niederfällt, wird von letzterer festgehalten und trägt so im Laufe der Zeit zur Erhöhung des Bodens bei. Der höchst langsam emporwachsende Boden enthält die röhrenförmigen Abdrücke der Wurzeln der durch ihn erstickten Steppengräser, er umschließt die Gehäuse von Landschnecken und die Knochen der die Steppe bewohnenden Säugetiere.

Dieser Theorie der äolischen Bildung des Lösses steht diejenige der fluviatilen, glazialen oder fluvioglazialen Bildung gegenüber, bei welcher zur Erklärung die Mitwirkung von Flüssen oder von Schmelzwassern der Gletscher oder von beiden in Anspruch genommen wird. So ist nach Sandberger der L. ein Absatz aus Wasser, teils (älterer, Berglöß) von großen, über heutige Plateaus sich ergießenden Strömen, teils (jüngerer, Tallöß) in stillen Buchten der Wasserläufe abgelagert. Agassiz, Lyell und J. Geikie halten den L. für einen Schlamm, der aus der erratischen Schuttbedeckung des Landes und den Moränen herstamme und unmittelbar nach dem Rückzug der letzten Vereisung in Tälern und Buchten sich absetzte. Eine derartige Entstehung hat nach Wahnschaffe jedenfalls der durch oberflächliche Humifizierung dunkelgefärbte L. der Magdeburger Gegend (Bördelöß).

Als Hauptmomente gegen die äolische und für die sedimentäre Bildung des Lösses werden geltend gemacht das Anschmiegen des Lösses an die Wasserläufe, sein Fehlen auf den Kämmen der mitteldeutschen Gebirge sowie die nesterweise Einlagerung von Sanden in dem L. Auch soll die enge Beziehung, die wenigstens in Europa zwischen der Verbreitung des Lösses und der Ausdehnung der alten eiszeitlichen Gletscher besteht, für einen fluvioglazialen Ursprung des Lösses sprechen. Anderseits erhält die Richthofensche Theorie eine große Stütze durch die Untersuchungen Sauers an dem L. zwischen Elbe und Mulde. Während nämlich nach dem Erzgebirge hin der normale L., dessen Mineralbestandteile mit denen des echten glazialen Geschiebemergels völlig übereinstimmen, ganz allmählich in den staubartig feinen Lößlehm übergeht, der vom Verwitterungslehm der anstehenden Gesteine vollkommen verschieden ist, erhält der L. nach dem Tiefland hin allmählich ein gröberes Korn und wird so Lößsand und schließlich zu reinem Sand. Diese Aufeinanderfolge der Glieder einer offenbar einheitlichen Organisation entspricht der äolischen Theorie; die durch den Wind ausgearbeiteten Bestandteile der Geschiebelehmoberflächen wurden nach Maßgabe ihrer Korngröße abgelagert, die gröbern und gröbsten am Rande des Berglandes, während der feinste Staub weit hinauf (bis 400 m Meereshöhe) in das Gebirge getragen wurde. Auch das Auftreten der Dreikantner oder Kantengeschiebe in Lößgebieten (s. Abrasion) spricht für diese Auffassung der Lößbildung.

Fig. 1. Lößufer des Huangho in China.
Fig. 1. Lößufer des Huangho in China.

Diese Geschiebe sind immer auf den sogen. Decksand des ältern Diluviums beschränkt (s. Eiszeit), und in der Regel zeigen sie die meist dreiseitige, flachpyramidale Gestalt nur auf der einen Seite, auf der sie anscheinend aus dieser Deckschicht hervorragten. Zugleich hat Nehring an vielen Punkten Deutschlands und des übrigen Europa eine echte Steppenfauna (als besonders charakteristisch die Steppenspringmaus und die Steppenzieselmaus) als Einschluß in diluvialen Gesteinen nachgewiesen und dadurch das Vorhandensein von Existenzbedingungen, die sich von den heute in Europa herrschenden wesentlich unterscheiden, dargetan.

Fig. 2. Chinesische Lößlandschaft mit Terrassen.
Fig. 2. Chinesische Lößlandschaft mit Terrassen.

Wenn bisher die Ansichten über den L. einander so schroff gegenüberstanden, so rührte das vielfach daher, daß man den typischen L. von andern lößähnlichen Bildungen nicht scharf genug trennte und insbes. nicht von dem unter Einwirkung von Regenfluten, Schneeschmelze, Wind etc. oft wiederholt umgelagerten, auf sekundärer oder gar tertiärer Lagerstätte befindlichen L.[719] Lößähnliche Bodenarten sind der deutlich geschichtete, heller gefärbte Seelöß, der oft Reste von Süßwasserorganismen einschließt und dadurch seine Bildung aus Wasser bezeugt; ferner der Pampaston Südamerikas und die Gesteine der Bluffs Nordamerikas sowie der ungeschichtete, durch humose Substanzen (5–16 Proz.) schwarz gefärbte, Phosphorsäure, Kali und Ammoniak enthaltende TschernosjemSchwarzerde«), der in den Flußgebieten des Dnjepr, des Don und der Wolga (auch der Weichsel) sowie in Südsibirien bis 6 m und mehr mächtig auftritt und ohne Düngung die reichsten Ernten liefert (s. Humus, S. 641). Für den Pampaston wird jetzt, ebenso wie für den nordchinesischen L., für den L. in Ungarn und Österreich, für den persischen L. ganz allgemein eine äolische Entstehung angenommen, dagegen gilt der Tschernosjem jetzt vielfach wieder als eine Süßwasserbildung; in ihm finden sich Reste des Mammuts und andrer jetzt ausgestorbener Säugetiere, die dem zurückweichenden Eis aus den Steppen Asiens bis nach Finnland folgten. Vgl. v. Richthofen, China, Bd. 1 (Berl. 1877); Jentzsch, Über den L. (in der »Zeitschrift für die gesamten Naturwissenschaften«, 1872); Penck, Mensch und Eiszeit (im »Archiv für Anthropologie«, 1884); Wahnschaffe, Quartärbildungen in der Umgegend von Magdeburg (in den »Abhandlungen der preußischen Geologischen Landesanstalt«, Berl. 1885); Schumacher, Bildung und Aufbau des oberrheinischen Tieflandes (in den »Mitteilungen der geologischen Landesuntersuchung von Elsaß-Lothringen«, Straßb. 1890); Steinmann, Über die Entwickelung des Diluviums in Südwestdeutschland (in der »Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft«, 1898).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 718-720.
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