Petersen

[656] Petersen, 1) Johann Wilhelm, luth. Theolog, Mystiker und Chiliast, geb. 1. Juni 1649 in Osnabrück, gest. 31. Jan. 1727 auf seinem Gute Thymer bei Zerbst, wurde 1678 Superintendent in Eutin, 1688 in Lüneburg; hier 1692 seiner schwärmerischen Ansichten wegen des Amtes entsetzt, lebte er seinen literarischen Arbeiten, in denen er die Lehre vom tausendjährigen Reich und von der Wiederbringung aller Dinge verfocht. Auch als kirchlicher Liederdichter (»Stimmen aus Zion«, 1696–98, 2 Tle.) hat er sich einen Namen gemacht. Vgl. außer seiner Selbstbiographie (1717) und den Geschichten des Pietismus (s. d.) Kürschner, Joh. Wilh. P., ein theologisches Lebensbild aus der Zeit des Pietismus (Eutin 1862).

2) Niels Mathias, Philolog und Historiker, geb. 24. Okt. 1791 in Sanderum auf Fünen, gest. 11. Mai 1862 in Kopenhagen, ward 1845 Professor der nordischen Sprachen an der Universität in Kopenhagen und 1855 Etatsrat. Von seinen zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: »Dansk Orddannelseslære« (Kopenh. 1826); »Det danske, norske og svenske Sprogs Historie« (1829–30, 2 Bde.; gekrönte Preisschrift); »Danmarks Historie i Hedenold« (2. Aufl. 1854–55, 3 Bde.); »Haandbog i den gammel-nordiske Geographi« (1834, Bd. 1); »Historiske Fortællinger om Islændernes Færd bjemme og ude« (1839–44, 4 Bde.; 3. Aufl. 1900–01); »Nordisk Mythologi« (2. Aufl. 1862) und vor allen seine »Bidrag til den oldnordiske Literaturs Historie« (1866), »Bidrag til den danske Literaturs Historie« (2. Aufl. 1867–71, 5 Bde.), die erste vollständige Bearbeitung der dänischen Literaturgeschichte, die jedoch leider mit dem Anfang des 19. Jahrh. abbricht. Petersens kleinere Abhandlungen erschienen in 4 Bänden (1870–1874). Vgl. Bondesen, Smaa Mindeblade om N. M. P. (Kopenh. 1891).

3) Karl, hamburg. Staatsmann, geb. 6. Juli 1809 in Hamburg, gest. 14. Nov. 1892, studierte (auch in Paris) die Rechte, ließ sich 1834 in Hamburg als [656] Advokat nieder und wurde Mitglied der Bürgerschaft. Nach dem großen Brand 1842 Vorsitzender des Expropriationsgerichts, 1848 Vorsitzender des konservativen Patriotischen Vereins, wurde P. 1850 Mitglied der Neunerkommission, welche die neue Verfassung ausarbeitete, 1855 Senator und Mitglied des Obergerichts. Seit 1860 Chef der Polizeibehörde, 1876 zuerst zum Bürgermeister gewählt, bekleidete er dies Amt seitdem noch elfmal und leitete seit 1880 besonders die Verhandlungen über den Zollanschluß. Vgl. Wohlwill, Die hamburgischen Bürgermeister Kirchenpauer, P. und Versmann (Hamb. 1903).

4) Marie, Dichterin, war in Frankfurt a. O. geboren, wo sie auch, noch jung an Jahren, 30. Juni 1859 starb. Sie ist die bei ihren Lebzeiten anonym gebliebene Verfasserin der beiden vielgelesenen Märchendichtungen: »Prinzessin Ilse. Ein Märchen aus dem Harzgebirge« (Berl. 1851, 24. Aufl. 1889) und »Die Irrlichter« (das. 1856, 47. Aufl. 1895), die, jetzt auch in zahlreichen andern Ausgaben erschienen, als anmutige Schöpfungen einer aufs Zarte und Duftige gerichteten Phantasie bleibenden Wert haben.

5) Julius, Jurist, geb. 25. April 1835 in Landau, war seit 1868 als Rechtsanwalt tätig, wurde 1871 Kammerpräsident am Land gericht in Straßburg, 1880 Senatspräsident am Oberlandesgericht in Kolmar, 1883 Reichsgerichtsrat in Leipzig. Seit 1900 lebt er im Ruhestand in München. Er schrieb Kommentare zur Zivilprozeßordnung für das Deutsche Reich (Lahr 1877–79, 2 Bde.; 5. Aufl. von Remelé und Anger, 1904 ff.), zur Konkursordnung (mit Kleinfeller, das. 1879; 4. Aufl. 1900–01) und zum Gesetz, betreffend die Kommanditgesellschaften auf Aktien und die Aktiengesellschaften (mit W. v. Pechmann, Leipz. 1890); außerdem: »Das Deutschtum in Elsaß-Lothringen« (Münch. 1902) und »Willensfreiheit, Moral und Strafrecht« (Leipz. 1905).

6) Eugen, Archäolog, geb. 16. Aug. 1836 zu Heiligenhafen in Holstein, studierte klassische Philologie in Kiel und Bonn und machte dann eine Studienreise nach Italien, habilitierte sich 1862 an der Universität Erlangen, war seit 1864 als Gymnasiallehrer in Husum und Plön tätig und wurde 1873 als ordentlicher Professor der Archäologie an die Universität Dorpat berufen. 1879 ging er in gleicher Eigenschaft nach Prag und nahm in dieser Stellung an den österreichischen Expeditionen nach Griechenland (1880) und Kleinasien (1882, 1884 und 1885) teil. 1886 siedelte er nach Berlin über, wo er nach kurzer Lehrtätigkeit zum ersten Sekretär des kaiserlich deutschen Archäologischen Instituts in Athen ernannt wurde. Im folgenden Jahr wurde ihm die gleiche Stellung an dem Archäologischen Institut in Rom übertragen. Ende 1904 trat er in den Ruhestand und lebt jetzt wieder in Berlin. Er veranstaltete eine neue kritische Ausgabe der »Charaktere« des Theophrast (Leipz. 1859) und schrieb: »Die Kunst des Pheidias am Parthenon und zu Olympia« (Berl. 1873), »Vom alten Rom« (Bd. 1 der »Berühmten Kunststätten«, Leipz. 1898), »Trajans dakische Kriege nach dem Säulenrelief erzählt« (das. 1899–1903, 2 Bde.). Mit F. v. Luschan u.a. gab er heraus: »Reisen in Lykien, Milyas und Kibyratis« (Wien 1889), mit Niemann und Graf Lanckoronski: »Die Städte Pamphyliens und Pisidiens« (das. 1890–92, 2 Bde.), mit A. v. Domaszewski und Calderini: »Die Marcussäule auf Piazza Colonna in Rom« (Münch. 1896); allein in den Sonderschriften des österreichischen Archäologischen Instituts: »Ara pacis Augustae« (Wien 1902, 2 Bde.).

7) Julius, Mathematiker, geb. 16. Juni 1839 in Sorö (Seeland), studierte in Kopenhagen, wo er 1871 promovierte und Dozent an der Polytechnischen Schule wurde; seit 1886 ist er zugleich Professor an der Universität. Man hat von ihm zahlreiche, durch Klarheit der Darstellung ausgezeichnete Lehrbücher, die meist von Fischer-Benzon aus dem Dänischen übersetzt sind: »Theorie der algebraischen Gleichungen« (Kopenh. 1878); »Methoden und Theorien zur Auflösung geometrischer Konstruktionsaufgaben« (das. 1879); »Lehrbuch der Stereometrie« (das. 1885); »Vorlesungen über Funktionentheorie« (das. 1898).

8) Hans von, Maler, geb. 24. Febr. 1850 in Husum, bildete sich in Düsseldorf, London und Paris zum Landschafts- und Marinemaler aus und unternahm dann große Reisen nach Nord- und Südamerika, nach Indien und nach der Westküste von Afrika, wo er unter anderm 1884 als Zeichner für die »Illustrierte Zeitung« tätig war. Später in München ansässig, malte er Panoramen (Kolonialpanorama mit L. Braun, 1885; Einfahrt der Lahn in den Hafen von New York; Helgoland) und Marinen (Das Meer, Neue Pinakothek in München). P. erhielt 1896 die goldene Medaille der Berliner, 1901 die der Münchener Ausstellung und wurde geadelt. Er gab heraus: »Deutschlands Ruhmestage zur See« (20 Blätter in Kupferlichtdruck, mit Text von R. Werner, Münch. 1898).

9) Walter, Maler, geb. 6. April 1862 in Burg a. d. Wupper, studierte seit 1880 an der Düsseldorfer Kunstakademie unter H. Crola, dessen Assistent er später fünf Jahre lang war, und Peter Janssen und bereiste fast ganz Europa und Nordamerika. Er hat hauptsächlich Bildnisse gemalt, darunter vier des Fürsten Bismarck, für die er 1891–93 Studien in Varzin und Friedrichsruh machen durfte (zwei in den Rathäusern zu Dortmund und Oberhausen, eins in der Handelskammer zu Düsseldorf), ferner den sächsischen Kriegsminister General von der Planitz (1896, Kriegsministerium Dresden), Geheimrat Dr. Zimmermann und Oswald Achenbach (Kunsthalle in Düsseldorf), den Geiger Emile Sauret und zahlreiche elegante Damenbildnisse. P. wurde in Dresden, Paris, München, Berlin (kleine goldene Medaille 1902) und St. Louis mit Medaillen ausgezeichnet. Er lebt in Düsseldorf.

10) Dietrich, s. Deutschgesinnte Genossenschaft.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 656-657.
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