Weiß [2]

[494] Weiß, 1) Christian Samuel, Mineralog, geb. 26. Febr. 1780 in Leipzig, gest. 1. Okt. 1856 in Eger, studierte in Leipzig, Berlin und Freiberg, habilitierte sich 1803 in Leipzig und wurde 1808 Professor der Physik daselbst, 1810 Professor der Mineralogie in Berlin. W. hat den mathematischen Teil der Mineralogie nach einer sehr naturgemäßen Methode zu einem hohen Grade der Vollkommenheit erhoben. Auch stellte er zuerst in seiner Abhandlung »Über die natürlichen Abteilungen der Kristallisationssysteme« (1813) eine solche Abteilung als die Grundlage alles kristallographischen Wissens auf. Seine Bezeichnungsweise der Kristallgestalten, die noch heute öfters angewendet wird, ist leicht und einfach auf die Naumannschen und Millerschen Symbole zurückzuführen. Vgl. Martius, Denkrede auf Chr. Samuel W. (Münch. 1857).

2) Hermann, Maler und Kunstschriftsteller, geb. 22. April 1822 in Hamburg, gest. 21. April 1897 in Berlin, bereitete sich nach dem Besuch der Gewerbeschule zum Maschinenbaufach vor, widmete sich dann aber der Malerei, arbeitete vier Jahre im Atelier des Kupferstechers und Porträtmalers Joh. Samuel Otto (gest. 1878) und begab sich dann nach Düsseldorf, wo er sich der Schule Schadows anschloß. Aber schon bald nach 1850 kehrte er nach Berlin zurück, verwertete die Resultate einer längern Kunstreise durch Süddeutschland, Österreich und Frankreich im »Deutschen Kunstblatt« und begann auf Kuglers Rat 1855 ein Handbuch der »Kostümkunde. Geschichte der Tracht und des Geräts«, das, 1872 in drei Bänden beendet, seinen Namen in weitern Kreisen bekannt machte (Bd. 1: Das Altertum, und Bd. 2: Das Mittelalter vom 4.–14. Jahrhundert, in 2. Aufl., Stuttg. 1881–83). 1854–84 war er Professor an der Akademie in Berlin; 1879 wurde er zum Direktor der Sammlungen des Zeughauses, 1883 zum Geheimen Regierungsrat ernannt. 1895 trat er in den Ruhestand.

3) Bernhard, prot. Theolog, geb. 20. Juni 1827 in Königsberg, habilitierte sich 1852 in Königsberg, wurde 1857 daselbst außerordentlicher Professor der Theologie, 1863 ordentlicher Professor in Kiel, 1877 in Berlin, trat 1907 als Wirklicher Geheimer Rat vom Amt zurück. W. war Mitglied der Konsistorien in Kiel 1874–77, in Berlin 1879, Oberkonsistorialrat und vortragender Rat im Ministerium der geistlichen Angelegenheiten von 1880–99, Präsident des Zentralausschusses für die innere Mission von 1886–96. Er schrieb: »Der petrinische Lehrbegriff« (Berl. 1855); »Der Philipperbrief« (das. 1859); »Der johannische Lehrbegriff« (das. 1862); »Das Markus-Evangelium« (das. 1872); »Das Matthäus-Evangelium« (Halle 1876); »Lehrbuch der biblischen Theologie des Neuen Testaments« (Berl. 1868, 7. Aufl. 1903); »Das Leben Jesu« (das. 1882, 2 Bde.; 4. Aufl. 1902); »Lehrbuch der Einleitung in das Neue Testament« (das. 1886, 3. Aufl. 1897). In Meyers »Kritischexegetischem Kommentar über das Neue Testament« bearbeitete er das Matthäus-Evangelium (7.–9. Aufl. 1883–98), das Markus- und das Lukas-Evangelium (6.–9. Aufl. 1878–1901), das Johannes-Evangelium (6.–9. Aufl. 1880–1902), den Römerbrief (6.–9. Aufl. 1887–99), die Pastoralbriefe (5.–7. Aufl. 1885–1902), den Hebräerbrief (5. u. 6. Aufl. 1888–97), die Johannesbriefe (5. u. 6. Aufl. 1888–99). Ferner schrieb er: »Die Johannes-Apokalypse, textkritische Untersuchungen und Textherstellung« (Leipz. 1891); »Die katholischen Briefe, textkritische Untersuchungen und Textherstellung« (das. 1892); »Die Apostelgeschichte, textkritische Untersuchungen und Textherstellung« (das. 1893); »Textkritik der paulinischen Briefe« (das. 1896); »Der Kodex D in der Apostelgeschichte« (das. 1897); »Textkritik der vier Evangelien« (das. 1899); »Die paulinischen Briefe im berichtigten Text mit kurzer Erläuterung« (das. 1896); »Die vier Evangelien im berichtigten Text mit kurzer Erläuterung« (das. 1900); »Das Neue Testament im berichtigten Text mit kurzer Erläuterung« (2. Aufl., das. 1902–04, 3 Bde.); »Die Religion des Neuen Testaments« (Stuttg. 1903, 2. Aufl. 1908); »Das Neue Testament, deutsch nach verbesserter lutherischer Übersetzung mit fortlaufender Erklärung« (1904, 2. Aufl. 1906); »Die Quellen des Lukas-Evangeliums« (Stuttg. 1907). Vorträge: »Die Bedeutung der innern Mission in der gegenwärtigen Zeitlage der evangelischen Kirche« (1888); »Die Einheit der innern Missionsarbeit« (1888); »Das Geheimnis des Kreuzes« (1903); »Das Evangelium und die Evangelien« (1904).[494]

4) Edmund, Astronom, geb. 26. Aug. 1837 in Freiwaldau (Österreichisch-Schlesien), studierte seit 1855 in Wien, wurde 1858 Assistent, 1862 Adjunkt der Sternwarte in Wien, 1869 Professor der Astronomie an der Universität und 1875 Direktor der Sternwarte in Wien; 1908 trat er in den Ruhestand. Er schrieb: »Über den Zustand der Astronomie beim Beginn der historischen Zeit« (Wien 1864); »Beiträge zur Kenntnis der Sternschnuppen« (das. 1868–70, 2 Tle.); »Sternkarten vom nördlichen und südlichen Himmel« (Berl. 1874); »Bilderatlas der Sternenwelt« (2. Aufl., Eßlingen 1892); »Über die Oberflächenbeschaffenheit der Planeten unseres Sonnensystems« (Wien 1891) und gab »Neue Annalen der k. k. Sternwarte zu Wien-Währing« (17 Bde.) sowie »Littrows Wunder des Himmels« (8. Aufl., Berl. 1897) heraus.

5) Karl, Schriftsteller (Pseudonym C. Karlweis), geb. 23. Nov. 1850 in Wien, gest. daselbst 26. Okt. 1901, widmete sich dem Eisenbahndienst, worin er es bis zum Oberinspektor und Chef des publizistischen Bureaus der Österreichischen Südbahn brachte. Neben seiner amtlichen Tätigkeit pflegte W. seine literarischen Neigungen, er trat mit mehreren Lustspielen, wie »Der Rächer« (1880), »Bruder Hans«, »Eine Geldheirat«, »Aus der Vorstadt« u. a., hervor, doch hatte er erst einen Erfolg mit dem in den Nestroyschen Traditionen sich bewegenden satirischen Wiener Schwank. »Der kleine Mann« (1894), der ihm 1896 den Raimund-Preis eintrug. Nicht geringer war der Erfolg seiner Volksstücke: »Goldene Herzen« (1895) und »Das grobe Hemd« (Wien 1901), »Onkel Toni« (Köln 1900), »Der neue Simson« (das. 1902); mit H. Bahr verfaßte er die Wiener Revue »Wenn es euch gefällt« (Wien 1899). W. schrieb auch die Wiener Romane. »Wiener Kinder« (Stuttg. 1887), »Ein Sohn seiner Zeit« (das. 1892) und »Reich werden« (das. 1894); »Geschichten aus Stadt und Dorf« (das. 1889); »Martins Ehe« (das. 1901); »Wien, das bist du«, kleine Erzählungen (aus dem Nachlaß, das. 1903) u. a.

6) Max, Schachspieler, geb. 21. Juli 1857 zu Szered a. d. Waag in Ungarn, lebte seit früher Kindheit in Wien, studierte Mathematik und Physik, widmete sich aber später ganz dem Schachspiel, mit dem er seit seinem 12. Jahr sich beschäftigt hatte. In den Turnieren zu Hamburg (1885) und Frankfurt a. M. (1887) fiel beide Male der zweite Preis auf W., und 1889 teilte er sich in New York mit Tschigorin (s. d.) in die Ehren des Hauptsieges. Das Spiel von W. entbehrt zwar der Initiative und des Glanzes, ist dagegen sehr fest und sicher, beinahe völlig frei von stärkern Fehlern.

7) Johannes, prot. Theolog, Sohn von W. 3), geb. 13. Dez. 1863 in Kiel, wurde 1888 Privatdozent in Göttingen, 1890 daselbst außerordentlicher Professor, 1895 ordentlicher Professor in Marburg und 1908 in Heidelberg. Er schrieb: »Der Barnabasbrief, kritisch untersucht« (Berl. 1888); »Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes« (2. Aufl., Götting. 1900); »Der Frauenberns« (Leipz. 1892); »Die Nachfolge Christi und die Predigt der Gegenwart« (Götting. 1895); »über die Absicht und den literarischen Charakter der Apostelgeschichte« (Marb. 1897); »Die Idee des Reiches Gottes in der Theologie« (Gießen 1900); »Die christliche Freiheit nach der Verkündigung des Apostels Paulus« (das. 1902); »Über die Kraft. Björnsons Drama und das religiöse Problem« (das. 1902); »Das älteste Evangelium« (das. 1903); »Die Offenbarung des Johannes« (das. 1904). Mit seinem Vater gab er die 8. Auflage des Kommentars zum Lukasevangelium im Meyerschen Kommentar (Götting. 1892), mit Baumgarten und andern: »Die Schriften des Neuen Testaments, neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt« (2. Aufl., das. 1907, 2 Bde.) heraus.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 494-495.
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