Innere Mission

[919] Innere Mission, eine Vereinigung evangelischer Christen zur Rettung des ihrer Confession angehörigen Volkes aus der geistigen u. leiblichen Noth durch die Verkündigung des Evangeliums u. durch brüderliche Handreichung der christlichen Liebe. A) Entstehung u. Organisation der Inneren Mission. Das Christenthum hatte einen durch die Liebe thätigen Glauben empfohlen, u. so wurden schon in der apostolischen Zeit Diakonen u. Diakonissen gewählt, um die Armen- u. Krankenpflege durch Vertheilung der Gaben u. durch den persönlichen Verkehr zu besorgen, was nach ihrer Zeit St. Antonius, Origenes u. A. fortsetzten. Als das Christenthum im 4. Jahrh. zur Staatsreligion erhoben wurde, übernahm die Geistlichkeit diese Pflege, welche sich bei reichlichen Geldmitteln sehr steigerte. Später machten sich um die Nothleidenden bes. verdient Franz (s.d. 63) von Assisi u. die Landgräfin Elisabeth (s.d. 49) von Thüringen, Vincenz von Paula, welcher Frauenvereine zur Linderung der leiblichen u. geistigen Noth stiftete, u. Franz (s.d. 68) von Sales, unter dem die Grauen Schwestern (Töchter der barmherzigen Liebe, Filles de la charité) als Sendboten ausgeschickt wurden. Damals entstanden Findelhäuser, Spitäler für Galeerensträflinge, Rettungshäuser für die verwahrloste Jugend, Krankenhäuser für Waisen od. für alte Handwerker, Gesellschaften zur Milderung der Noth, welche der Dreißigjährige Krieg in der Champagne, der Picardie u. in Lothringen herbeigeführt hatte. In der Protestantischen Kirche trat, bes. wegen der Abhängigkeit derselben von der Staatsgewalt, die christliche Diakonie zurück, u. die neuere Staatsgesetzgebung entzog ihr die Armenpflege. Doch wirkten Einzelne, namentlich Aug. Herm. Francke (s.d. 3), für die freie Liebesthätigkeit, das Hallesche Waisenhaus wurde ein Vorbild für ähnliche Anstalten, Bibel- u. Missionsgesellschaften, wie die Tractatengesellschaften fanden in Deutschland Eingang, u. einzelne Anstalten, z.B. die Rettungsanstalten von Joh. Falk in Weimar 1813 im Lutherhose, von dem Grafen von der Recke in Overdyk u. Düsselthal 1816, von Zeller in Bruggen auf dem Gebiete der Schweiz 1816, von der Königin Katharina in Württemberg 1820, od. die zahlreichen Kleinkinderschulen (s.d.) entstanden damals. In neuerer Zeit ging eine noch größere Anregung dazu von England aus; was früher Howard, Wilberforce u. Buxton versucht hatten, das wurde in noch ausgedehnterer Weise von Lord Ashley, dem Herzoge von Argyle, Elis. Fry u. A. fortgesetzt; man gründete für die Armen u. geistig Verwahrlosten eine Stadtmission, Magdalenenanstalten für reuige Sünderinnen, Nachtasyle (Night asylums) als ein Obdach in rauhen Nächten für Verlassene, Fremdlinge u. Wanderer, Sonntags- u. niedere Schulen (Ragged schools) für umherschweifende Kinder, u. zwar bes. von London aus durch Betheiligung der höhern Stände, während in Schottland Chalmers, Anfangs in der Presbyterianischen u. später in der Freien schottischen Kirche, die alte christliche Diakonie u. die Armenpflege auf kirchlicher Basis erneuerte. In Frankreich waren unter den Katholiken die Congregationen der Josephinerinnen (Soeurs de Ste. Marie et de St. Joseph) u. das Institut des guten Hirten u. unter den Protestanten die Evangelische Gesellschaft (s.d.) u. in Holland u. der Schweiz, in. Schweden u. Dänemark, in Italien u. Rußland theils einzelne Personen, theils größere Vereine dafür thätig. In Deutschland wurden Vereine u. Anstalten gegründet, wie der weibliche Krankenverein durch den Prediger Goßner in Berlin 1833, die Diakonissenanstalten (s.d.) von Fliedner 1836 u. das Rauhe Haus (s.d.) in Hamburg 1833 durch I. H. Wichern; die Zeichen von religiöser Verwahrlosung u. sittlicher Entartung, bes. seit den Bewegungen des Jahres 1848, regten den Wunsch an, theils die zeitherigen Arbeiten der I-n M. zu erweitern, theils die bestehenden Anstalten u. Vereine in eine organische Verbindung zu bringen, u. es bildete sich auf Anregung Wichern's auf dem ersten Kirchentage in Wittenberg 1848 der Verein für I. M., mit dem Zwecke, das Volk aus der leiblichen u. geistigen Noth zu retten.

B) Das Gebiet u. die Aufgabe der Inneren Mission. Die I. M. an das Bestehende anknüpfend, hat die Familie, den Staat u. die Kirche als drei Mittelpunkte, um die sich ihre Thätigkeit sammelt. Bei dem a) Familienleben faßt sie die Zerrüttung desselben in allen Ständen ins Auge, namentlich die Geringschätzung der Religion in den höheren Kreisen, die Frivolität der Sitten, die Richtung auf das Materielle, die Habsucht u. den Luxus, die sogenannten wilden od. leichtsinnig geschlossenen u. geführten Ehen, das Geschlecht der verwahrlosten Kinder, als die eigentliche Pflanzstätte des Proletariats. Nach dem Vorbild der Gesellschaft des St. Regis in Frankreich sucht die I. M. das Familienleben durch Warteschulen, Schulvereine, religiöse Sonntagsschulen, Rettungsanstalten u. Rettungsvereine, Verkehr mit den Eltern etc. zu heben. Zugleich hat sie es mit den socialen Fragen zu thun u. arbeitet auf die Umgestaltung der Armenpflege, auf den persönlichen Verkehr der Geber u. der Empfänger, auf materielle Unterstützung u. sittliche Veredlung hin u. wirkt dafür durch die Frauenvereine, durch die Diakonen- u. Diakonissenanstalten, durch Krankenvereine, Kinderhospitäler, Mäßigkeitsvereine (s.d. a.), Anstalten zur Nachweisung von Arbeit, Sparladen, Associationen zur Beschaffung von Grundbesitz für Ärmere etc. Die Einflüsse des Communismus auf die Handwerkergesellen, Fabrikarbeiter, Tagelöhner, Arbeiter an Eisenbahnen u. Kanälen, Dienstboten u. Matrosen sucht sie durch Fortbildungsschulen für Lehrburschen, Gesellenvereine (s.d.), Zufluchts- u. Bildungsstätten für Dienstboten, Mägdevereine, Verbreitung guter Volksschriften etc. unschädlich zu machen. Auf dem b) kirchlichen Gebiete arbeitet die I. M. der unchristlichen u. unkirchlichen Richtung durch Einführung in das Verständniß der Schrift, Herstellung des Hausgottesdienstes, Weckung eines religiösen Sinnes in den Familien, Bibelstunden, Büchersammlungen u. Tractaten, Aussendung von Colporteuren mit Schriften, Anstellung von Straßen- u. Reisepredigern, Bau von Bethäusern entgegen u. bekämpft die Prostitution, Trunksucht, gesellige Rohheit u. das Lesen schlechter Schriften. Auf dem c) staatlichen Gebiete tritt die I. M. der Revolution als der Zerstörerin der politischen Verfassungen u. als der Feindin aller [919] Religion u. Sittlichkeit durch die politische Rede u. Presse, durch Hebung der Volksliteratur u. durch den Einfluß auf die Jugend entgegen. Zugleich beachtet sie das Strafverfahren u. Gefängnißwesen, indem sie die Gefängnißbeamten für die Christenliebe empfänglich zu machen sucht u. in ihren Anstalten Männer zum Gefängnißdienst erzieht. Außer den Schutzvereinen für entlassene Sträflinge verlangt sie Asyle für männliche u. weibliche Entlassene.

Was nun die geographischen Grenzlinien der I-n M. betrifft, so umfaßt sie die 11 bis 12 Millionen außerhalb Deutschland zerstreuten, in keinen kirchlichen Verband eingereihten deutschen Protestanten, die sogenannte bewegliche Bevölkerung (Population flottante) wegen der Einflüsse des Atheismus u. Communismus, die Handwerkervereine, die geheimen Clubs der Propaganda mit ihren atheistischen Lehren, die Aus- u. Einwanderer etc. Bei dieser Thätigkeit steht sie zu dem Staat in einem durchaus freundlichen Verhältniß u. erwartet von demselben nur Gewährung der freien Association u. des freien Dienstes. Der Kirche gegenüber wirkt sie in der christlichen Sphäre u. auf dem confessionellen Gebiete, jedoch ohne Einmischung in den Streit der Confessionen u. ohne Proselytenmacherei; sie erkennt die geordneten Kirchen- u. kirchlichen Gemeindeämter als Gottes Ordnungen an, erwartet aber auch die Anerkennung ihres Rechts von Seiten des Amtes gegenüber den massenhaften, die örtlichen Grenzen der Gemeinden überschreitenden Verwirrungen, für welche die Kirche in ihrer jetzigen Stellung u. Organisation keine Abhülfe gewähren kann. Dem bürgerlichen Leben dient sie in allen Ständen. Ihre Arbeiter findet sie aber nicht blos unter Männern, sondern auch unter Frauen, z.B. Elisabeth Fry, Sara Martin, Amalie Sieveking u. A. Die dringende Nothwendigkeit einer derartigen Thätigkeit begründet sie durch statistische Angaben über die Nothstände, die bes. von Wichern aufgestellt sind. Von diesem Standpunkte aus u. nach dieser Richtung hin hat die I. M. ihre weitere Thätigkeit entfaltet. Außer der Gründung von Vereinen, welche sich in fast allen Ländern, namentlich in Norddeutschland gebildet haben, hat sie bes. den Rettungshäusern (s.d.) ihre Aufmerksamkeit zugewendet, nachdem das von Wichern gegründete Rauhe Haus (s.d.) zu Horn bei Hamburg gewissermaßen als Muster für ähnliche Anstalten bezeichnet werden konnte, u. hat hiernach bis 1858 gegen 140 Anstalten dieser Art ins Leben gerufen. Für die Armenpflege konnte nur wenig geschehen, da es nicht leicht war, mit dem bürgerlichen Armenwesen eine organische Verbindung zu vermitteln, obschon an einzelnen Orten Versuche mit der freiwilligen Armenpflege mit günstigem Erfolge gemacht wurden, z.B. in Erlangen u. Ansbach. In der Mäßigkeitssache (s.u. Mäßigkeitsvereine) ist bes. durch die I. M. bei allen deutschen Regierungen die Verminderung der Branntweinschenken beantragt worden. Die Jünglingsvereine u. christlichen Herbergen haben bes. in den Rheingegenden Anklang u. von da an weitere Verbreitung gefunden. Auch für eine geordnete Sonntagsfeier (s.d.), für Verbreitung. der Bibel etc. hat die I. M. gewirkt. Von der Thätigkeit des Centralausschusses, seit seinem Bestehen (von 1849 an), ist als wichtig zu erwähnen: die Errichtung eines Bibeldepots auf der Wartburg zum Verkauf von Bibeln; die Darstellung der socialen Nothstände für die Gebildeten, die Gründung eines Candidatenconvicts im Rauhen Hause, um dort junge Männer mit dem ganzen Gebiet der I-n M. bekannt zu machen u. darauf vorzubereiten; die Ausbildung von männlichen Arbeitern für die I. M., hauptsächlich aus dem Handwerkerstande, in den Brüderanstalten; die Verbesserung der Gefängnisse, welche bei vielen Regierungen Anklang fand etc. Die Thätigkeit auf den jährlichen Congressen, deren erster 1849 in Wittenberg gehalten wurde, bestand zunächst darin, eine möglichst genaue Übersicht über die verschiedenen Arbeiten zu geben. Unter den anderen Ländern Europas wird vorzugsweise in England die I. M. mit der umfassendsten Thätigkeit u. als nationale Aufgabe geübt. So besteht jetzt in London eine Stadtmissionsgesellschaft, welche Missionare durch die, in 186 Districte getheilte Stadt sendet, Besuche, bes. bei Kranken u. Sterbenden macht, Arzte besoldet u. Arznei bezahlt, ohne Unterricht aufwachsende Kinder in Schulen unterbringt, die durch ihren Beruf dem Gottesdienst entzogenen Personen erbaulich unterhält. Ihren u. den ihr verwandten Bestrebungen, z.B. den Mäßigkeitsvereinen, den Pastoralhülfsgesellschaften etc. ist es wohl zuzuschreiben, daß seit 1844 die Zahl der bestraften Verbrecher im Verhältniß zu der Bevölkerung abnimmt. Auch in Frankreich u. bes. in Paris ist der Sinn für diese Thätigkeit wieder erwacht, die Evangelische Gesellschaft (s.d.) verbreitete Schriften u. errichtete Volksbibliotheken. Außerdem gibt es in Frankreich über 1500 Kinderbewahranstalten, mehrere Krippen für Säuglinge von Arbeiterfrauen, Anstalten für verwahrloste Kinder, u. die über 75 Städte Frankreichs verbreitete Gesellschaft St. Regis, welche armen Klassen des Volks die Ehe erleichtert, für Wiederherstellung des zerrütteten Familienlebens sorgt, Armenkinder taufen läßt u. alte schwache Personen in Hospitäler unterbringt. Sehr bedeutend wirkte die I. M. in Nordamerika bes. durch Rettungshäuser. Mit Sachen der I. M. hat es auch der große Internationale Wohlthätigkeitsverein (s.d.) zu thun. Obgleich diese Thätigkeit sich recht eigentlich an das Wesen des Christenthums anknüpft, so hat doch auch das jüdische Volk den Zug der Volks- u. Familienliebe bewahrt u. dasselbe bringt den Kranken, Armen, Reisenden, Wittwen, Waisen u. allen Nothleidenden Hülfe. Vgl. Merz, Armuth u. Christenthum, 1849; Wichern, Denkschrift, 1849; Derselbe, Fliegende Blätter für die I. M., 1851; Braune, Fünf Vorlesungen, 1850; Für Katholiken: Buß, Die Volksmissionen, 1851.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 8. Altenburg 1859, S. 919-920.
Lizenz:
Faksimiles:
919 | 920
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Fantasiestücke in Callots Manier

Fantasiestücke in Callots Manier

Als E.T.A. Hoffmann 1813 in Bamberg Arbeiten des französischen Kupferstechers Jacques Callot sieht, fühlt er sich unmittelbar hingezogen zu diesen »sonderbaren, fantastischen Blättern« und widmet ihrem Schöpfer die einleitende Hommage seiner ersten Buchveröffentlichung, mit der ihm 1814 der Durchbruch als Dichter gelingt. Enthalten sind u.a. diese Erzählungen: Ritter Gluck, Don Juan, Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, Der Magnetiseur, Der goldne Topf, Die Abenteuer der Silvester-Nacht

282 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon