Schlegel

[86] Schlegel ist der Name einer Familie, deren Mitglieder sich um Wissenschaft und Kunst große Verdienste erworben haben. Zuerst machte sich Johann Elias S. als deutscher Dichter bekannt. Derselbe wurde 1718 zu Meißen geboren, wo sein Vater Appellationsrath und Stiftssyndicus war. Nachdem er sich zu Schulpforte vorbereitet, studirte er in Leipzig die Rechte und wurde 1743 Privatsecretair bei dem Kriegsrath von Spener, welcher als sächs. Gesandter nach Kopenhagen ging. Schon in Schulpforte hatte er zwei Trauerspiele gedichtet und später mancherlei veröffentlicht. Er schrieb für das dän. Theater einige Lustspiele, welche er ins Dänische übersetzen ließ. Nachdem er 1748 als außerordentlicher Professor an der Ritterakademie zu Soroe angestellt worden war, starb er in Folge allzu großer geistiger Anstrengungen schon 1749. Seine Trauerspiele »Hermann« und »Knut«, sowie seine Lustspiele: »Triumph der guten Frauen« und »Stumme Schönheit«, gehören zu seinen besten Werken, welche gesammelt in fünf Bänden (Kopenh. und Leipz. 1761–70) erschienen sind. Mit ihm hat die neuere dramatische Poesie in Deutschland einen würdigen Anfang genommen, obschon er nicht ganz frei war von den beschränkten Ansichten, welche zu seiner Zeit noch auf dem Gebiete der Poesie herrschten. – Sein Bruder Johann Adolf S. hat sich auch als Dichter, aber mehr noch als Kanzelredner hervorgethan. Geboren zu Meißen 1721, begleitete er seinen ältern Bruder nach Schulpforte und Leipzig und trat bald auch mit poetischen und reflectirenden Schriften auf. Er war mehre Jahre Hauslehrer und wurde dann 1751 Diakonus und Schulcollege zu Pforte, 1754 Prediger und Professor am Gymnasium zu Zerbst, 1759 Pastor zu Hanover, später Consistorialrath, Generalsuperintendent des Fürstenthums Lüneburg und starb zu Hanover 1793. Er gab verschiedene Sammlungen von Gedichten heraus und Sammlungen von Predigten (namentlich 3 Bde., Lpz. 1754–66) und wirkte mit zur Förderung der deutschen Literatur. – Der jüngste Bruder der beiden Genannten war Johann Heinrich S., geb. zu Meißen 1724, der seit 1741 zu Leipzig die Rechtswissenschaften studirte. Sein ältester Bruder veranlaßte ihn, in dän. Dienste zu treten, und er starb 1780 als Professor der Geschichte, königl. Historiograph und Justizrath zu Kopenhagen. Er übersetzte einige dramatische Werke der Engländer und schrieb mehre Geschichtswerke. – Sein Sohn Johann Friedrich Wilhelm S., geb. zu Kopenhagen 1765, Conferenzrath, Professor der Rechte und Senior der Universität Kopenhagen, hat mehre ausgezeichnete Werke über Gegenstände der Geschichte und Rechtswissenschaften, meist in dän. Sprache, geschrieben. – Am berühmtesten sind die Söhne des schon erwähnten Johann Adolf S. August Wilhelm von S, geb. zu Hanover am 8. Sept. 1767, lebt noch als Professor zu Bonn. Nach einer trefflichen Erziehung studirte er zu Göttingen besonders Sprachwissenschaften. In näherer Verbindung mit Bürger und mit dem berühmten Philologen Heyne gab er seine ersten schriftstellerischen Arbeiten heraus. Er war hierauf drei Jahre Hauslehrer in Amsterdam, und ging dann nach Jena, wo er mit Schiller in Verbindung trat. Hier begann er auch die später von L. Tieck beendigte Übersetzung des Shakspeare (9 Bde., Berl. 1797–1810), ein Werk, durch welches er sich um Poesie und Ausbildung der Sprache die größten Verdienste erwarb, und es möglich machte, daß die Werke des größten dramatischen Dichters aller Zeiten in einer würdigen Gestalt auf die deutsche Bühne gebracht werden konnten, wodurch diese einen ihrer größten Fortschritte machte. S. wurde Professor in Jena mit dem Titel eines Raths, und gab 1796–1800 mit seinem Bruder Friedrich eine ästhetisch-kritische Zeitschrift unter dem Titel »Athenäum« heraus. Durch dieselbe wirkte er auf das kräftigste zur Fortbildung der deutschen Literatur, obgleich der in ihr herrschende Übermuth und die Schärfe des Urtheils viele Gegner hervorrief. Von seinen »Gedichten« (Tüb. 1800) machten besonders die Sonette Glück. In gleichem Sinne wie das »Athenäum« wirkten auch die mit seinem Bruder Friedrich herausgegebenen »Charakteristiken und Kritiken« (2 Bde., Königsb. 1801). In engere Verbindung traten die beiden Brüder mit Tieck, mit welchem Aug. Wilh. 1802 einen Musenalmanach herausgab, und mit Novalis. der dem Kreise der gleichgesinnten Freunde nur zu bald durch den Tod entrissen wurde. S. verheirathete sich mit einer [86] Tochter des Professor Michaelis in Göttingen, trennte sich aber sehr bald wieder von ihr und begab sich darauf nach Berlin, wo er noch 1802 über Literatur, Kunst und Geist des Zeitalters Vorlesungen hielt. Er nahm thätigen Antheil an der »Zeitung für die elegante Welt«, welcher der »Freimüthige« unter Kotzebue und Merkel entgegentrat, woraus ein heftiger Streit entstand. Im »Spanischen Theater« (2 Bde., Berl. 1803–9) trat S. wieder als ausgezeichneter Übersetzer auf, und ebenso in den »Blumensträußen der ital., span. und portug. Poesie« (Berl. 1804). Nachdem sich S. 1805 mit der berühmten Frau von Staël auf Reisen begeben hatte, schrieb er in franz. Sprache 1807 eine »Vergleichung der Phädra des Euripides mit der des Racine«, welche in Frankreich großes Aufsehen machte. Großen Beifall fanden auch seine »Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur« (3 Bde., Heidelb. 1809–11; 2 Aufl. 1817), welche er zuerst in Wien 1808 mündlich vortrug, und die in die Sprachen fast aller gebildeten Nationen übertragen wurden. Dieselben zeichnen sich durch Schärfe des Urtheils, gebildeten Geschmack, geistreiche Ideen und schönen Vortrag aus. Auch als Dichter that sich S. auf das vortheilhafteste in seinen »Poetischen Werken« (2 Bde., Heidelb. 1811–15; 2. Aufl. 1820) hervor. Es war natürlich, daß er an den Bewegungen, welche das Jahr 1813 in das politische Leben brachte, Antheil nahm. Er wurde Secretair des Kronprinzen von Schweden, den er 1812 zu Stockholm kennen gelernt hatte, und ward in den Adelstand erhoben. Nachdem Napoleon gestürzt war, lebte er noch einige Zeit mit Frau von Staël und ging dann nach deren Tode 1818 nach Bonn, wohin er als Professor berufen worden war. Zum zweiten Male war er hier 1819 kurze Zeit mit der Tochter des Kirchenraths Paulus in Heidelberg verheirathet. Er wendete sich nun mit großem Eifer auf das Studium der oriental. Literatur, namentlich des Sanskrit, gab die »Indische Bibliothek« (2 Bde., Bonn 1820), und mehre Schriften des Sanskrit heraus, reiste in Angelegenheiten seiner Studien nach Frankreich und England und hielt in Berlin 1827 Vorlesungen, welche unter dem Titel »Vorlesungen über Theorie und Geschichte der bildenden Künste« (Berl. 1827) gedruckt wurden. Er hat seitdem fortgefahren, als Schriftsteller und akademischer Lehrer zu wirken, und gewiß segensreich, wenn es auch nicht abzuleugnen ist, daß er den Höhepunkt seiner geistigen Entwickelung und besonders seiner dichterischen Wirksamkeit überstiegen hat, und wenn auch der Vorwurf einer gewissen persönlichen Eitelkeit nicht ganz ungegründet sein sollte. – Der Bruder und eine Zeit lang Gefährte des eben Erwähnten, Karl Wilhelm Friedrich von S., geb. zu Hanover am 10. März 1772, sollte sich nach dem Willen seines Vaters dem Kaufmannsstande widmen, und hielt sich dieses Zweckes wegen in Leipzig auf, als er plötzlich mit dem größten Eifer an seine wissenschaftliche Ausbildung ging und seinen Vater bewog, seinen Lebensplan zu ändern. In Göttingen und Leipzig studirte er Philologie und beschäftigte sich vorzugsweise mit den Schriftstellern des classischen Alterthums, wovon die Frucht mehre Schriften waren, welche seinen Ruf begründeten. In Berlin gab er 1799 einen Roman »Lucinde« heraus, welcher großes Aufsehen machte, unstreitig von dem Geiste des Verfassers zeugte, aber auch den Vorwurf verdiente, daß in ihm die Wollust auf eine sittengefährliche Weise verklärt dargestellt werde. Nachdem S. 1800 als Privatdocent nach Jena gegangen war, verband er sich mit seinem Bruder zu gemeinsamen Arbeiten. Er ging hieraus 1802 auf kurze Zeit nach Dresden und dann in Gesellschaft seiner Frau, welche eine Tochter des berühmten Philosophen Mendelssohn war, nach Paris. Hier hielt er Vorlesungen über Philosophie, gab die Monatsschrift »Europa« heraus (2 Bde., Frankf. 1803–5) und beschäftigte sich mit Studien über Kunst und Sprachen, namentlich über indische Sprache. Sein Werk »Über die Sprache und Weisheit der Indier« (Berl. 1808) wirkte sehr bedeutend zur Verbreitung des Interesses an dem ind. Alterthum. Noch allgemeineres Interesse hatte seine »Geschichte der Jungfrau von Orleans« (Berl. 1802). Nachdem er nach Deutschland zurückgekehrt war, trat er mit seiner Gattin in Köln zur katholischen Kirche über und nachdem er sich 1808 nach Wien begeben hatte, wurde er 1809 als kais. Hofsecretair im Hauptquartier des Erzherzogs Karl angestellt. Durch begeisterte Aufrufe suchte er das deutsche Volk zum Kampfe gegen die franz. Gewaltherrschaft zu entflammen. Nach dem unglücklichen Ausgange der östreich. Waffenergreifung hielt S. zu Wien Vorlesungen »Über die neuere Geschichte« (Wien 1811) und »Geschichte der alten und neuen Literatur« (2 Bde., Wien 1815) und gab das »Deutsche Museum« (2 Bde., Wien 1812–13) heraus. Eine Zeit lang war er als Legationsrath der östreich. Gesandtschaft bei dem deutschen Bundestage in Frankfurt, kehrte aber 1818 nach Wien zurück und gab die Zeitschrift »Concordia« (Wien 1820–21) heraus, durch welche er die abweichenden Ansichten über Staat und Kirche vermitteln wollte. Auch besorgte er eine Ausgabe seiner »Sämmtlichen Schriften« (12 Bde., Wien 1822 fg.). In der Folge bildete er, immer weiter gebend, eine eigne höchst einseitige Welt- und Lebensansicht bei sich aus, welche er für Philosophie hielt, die aber nur ein trübes Gemisch religiös-mystischer Ansichten mit Vorstellungen war, welche einem bereits abgethanen philosophischen Standpunkte angehörten. Dieser Richtung gehören seine »Philosophie des Lebens« (Wien 1828), seine »Philosophie der Geschichte« (2 Bde., Wien 1829) und seine »Philosophischen Vorlesungen, insbesondere über die Philosophie der Sprache und des Wortes« (Wien 1830) an. Diese Schriften waren sämmtlich gedruckte Vorlesungen und als er die den letzten zu Grunde liegenden Vorträge in Dresden hielt, entriß ihn am 12. Jan. 1829 der Tod fernerm Wirken. Wie sein Bruder hat S. auch »Gedichte« (Berl. 1809) herausgegeben, in denen er eine seltene Herrschaft über die Sprache beurkundet. Er wie sein Bruder haben besonders durch ihre kritische Thätigkeit hohe Verdienste um die deutsche Literatur sich erworben, indem sie mit dem gebildetsten Geschmack, neben den mancherlei Irrthümern, in welche sie versanken, doch stets das Treffliche vom Schlechten zu sondern und dieses bis zur Vernichtung zu verfolgen verstanden. Brüder der erwähnten waren noch die als theologische Schriftsteller bekannten Karl August Moritz S, geb. 1756, der 1826 als Generalsuperintendent und erster Prediger zu Harburg starb, und Johann Karl Fürchtegott S., geb. 1758, der 1831 als Consistorialrath zu Hanover starb.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 86-87.
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