Posen [3]

[202] Posen (hierzu Karte der Provinz Posen), preuß. Provinz (Großherzogtum), nach Auflösung des Großherzogtums Warschau aus dem größten Teil des vormaligen Departements P. und Teilen der vormaligen Departements Bromberg und Kalisch gebildet, grenzt gegen N. an die Provinz Westpreußen, gegen O. an Polen, gegen S. an Schlesien und gegen W. an Brandenburg und hat einen Flächenraum von 28,970 qkm (526,15 QM.). Die Provinz liegt im Norddeutschen Tiefland, zwischen den beiden Landrücken desselben; der Norddeutsche Landrücken tritt mit ziemlich hohem Abfall von N. her an das Netzetal heran (Eichberge bei Wirsitz 124 m hoch), während der Märkisch-Schlesische Landrücken aus Schlesien einige Höhenzüge nach P. hineinsendet, unter denen der in der südöstlichen Spitze in der Ostra gora bis 247 m ansteigt. Der innere Teil der Provinz ist eine Platte von durchschnittlich 80–120 m Höhe, durch welche die Warthe in einem breiten Tal zieht, und in der das Obrabruch, 40 km lang, 8 km breit, nach frühern vergeblichen Versuchen 1850–60 entwässert, eine tiefe Einsenkung bildet. Ferner durchziehen diese Platte in Tälern die Obra und die Netze, und nennenswerte Brücher sind noch das Konczabruch im Kreis Obornik und das Parchaniebruch im Kreis Hohensalza. Von höchster Bedeutung ist die 6–8 km breite Einsenkung, die den nördlichen Teil der Provinz von O. nach W. durchzieht, und in der gegenwärtig durch den Bromberger oder Netzekanal eine Verbindung zwischen Netze und Brahe (Oder und Weichsel) besteht. Die Hauptflüsse sind: die Warthe, Netze und als Grenzfluß gegen Westpreußen die Weichsel mit der Brahe. Die Netze, die außerhalb der Provinz in die Warthe mündet, empfängt hier die Küddow und auf der brandenburgischen Grenze die Drage. Die Warthe erhält rechts die Welna und links die Prosna (auf der polnischen Grenze) und die Obra. Die Landseen sind zahlreich; die größten derselben (der Goplo-, Skorzenciner und Powidzer See) liegen an der obern Netze. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Posen 8,3 und in Bromberg 8,1°; der Winter ist rauh, die Regenmenge nicht sehr beträchtlich (jährlich 50–52 cm). Die Zahl der Einwohner belief sich 1905 auf 1,986,637 Seelen (68 auf 1 qkm), darunter 605,312 Evangelische, 1,347,958 Katholiken und 30,433 Juden, (1900) 1,156,866 Personen (61 Proz.) mit polnischer Muttersprache. Im Regbez. P. entfielen 1900 auf die polnische Bevölkerung 67, im Regbez. Bromberg 51 Proz. der Bewohner. Dort betrug sie mehr als 80 Proz. in den Kreisen Adelnau, Schildberg, Kosten, Schroda, Gostyn, Posen-West, Pleschen, Kempen, Wreschen, Jarotschin, Koschmin, Schmiegel u. Schrimm; im Regbez. Bromberg nur in den Kreisen Witkowo und Strelno; dagegen 20 Proz. und darunter im Regbez. P. nur in den Kreisen Meseritz (20) und Schwerin a. W. (5), im Regbez. Bromberg im Kreise Kolmar (18) und dem Stadtkreis Bromberg (16). Die größern Städte haben eine überwiegend deutsche Bevölkerung (vgl. die Karte). Die Evangelischen sind überwiegend in den nördlichen und westlichen Grenzkreisen, am wenigsten zahlreich in den Kreisen an der obern Warthe. Um das deutsche Element auf dem Lande zu mehren, ist durch Gesetz vom 28. April 1886 eine Ansiedelungskommission in der Stadt P. errichtet, welche die Aufgabe hat, Güter von polnischen Besitzern anzukaufen, zu parzellieren und an deutsche Kolonisten zu veräußern (s. Ansiedelung). Die Zahl aller Städte der Provinz beträgt 131, davon entfallen auf den Regbez. P. 85, auf den Regbez. Bromberg 46. Da die Industrie gegen die Landwirtschaft sehr zurücktritt, sind die Städte meist nur klein, nach der Volkszählung von 1905 haben neun sogar unter 1000 Einw. Von der Gesamtfläche entfielen nach der Aufnahme von 1900 auf Ackerland und Gärten 63, auf Wiesen 7,9, auf Weiden 3,3 und auf Waldungen 19,8 Proz. Der Großgrundbesitz ist hier fast so stark wie in Pommern vertreten. Haupterwerbszweig der Bevölkerung ist die Landwirtschaft. Außer dem Anbau von Getreide, Hülsenfrüchten und Kartoffeln ist der des Hopfens von hervorragender Wichtigkeit (1905 auf 1076, 9 Hektar in der Gegend von Neutomischel); Weinbau wird in der südwestlichen Ecke bei Bomst betrieben (1905 auf 142 Hektar). Die Ernte lieferte 1905: 143,686 Ton. Weizen, 944,686 T. Roggen, 209,731 T. Gerste, 242,190 T. Hafer, 4,976,216 T. Kartoffeln und 1,055,494 T. Wiesenheu. Sonst wurden noch gewonnen 343 hl Weinmost, 5926 dz Hopfen und (1904) 1,001,146 T. Zuckerrüben. Die ansehnlichsten Waldungen, fast nur aus Nadelhölzern bestehend, finden sich zwischen [202] Warthe und Netze an der Westgrenze und im Landkreis Bromberg im Anschluß an die Tuchelsche Heide in Westpreußen. Nach der Viehzählung von 1904 gab es in P. 268,580 Pferde, 901,060 Stück Rindvieh, 470,871 Schafe, 937,078 Schweine und 142,966 Ziegen. Zur Pflege der Pferdezucht besteht ein Landgestüt in Zirke. Aus dem Mineralreich gibt es Salz bei Hohensalza (Inowrazlaw) und Wapno, Gips, Kalk, Braunkohlen, Raseneisenerz, Torf etc. Die Industrie ist nur in einigen Orten beträchtlich; es gibt Maschinenfabriken, Tuchmanufakturen, große Ziegeleien und Mahlmühlen, Zuckerfabriken (20, darin 1904/05: 1,519,423 T. Rohzucker aller Produkte produziert), Schnupftabakfabriken, Bierbrauereien (1904: 620,530 hl Bier), Branntweinbrennereien (1904/05 Produktion 521,133 hl Alkohol) etc. Der Handel, unterstützt durch 2 Handelskammern (Posen und Bromberg), wird befördert durch die schiffbaren Gewässer, Kunststraßen und Eisenbahnen. Letztere (im Betriebsjahr 1904: 2100 km) sind meist Staatsbahnen und stehen unter den Direktionen in Bromberg und Posen. An Unterrichtsanstalten sind in P. vorhanden: eine Akademie, 17 Gymnasien, ein Realgymnasium, eine Oberrealschule, 2 Progymnasien, eine Landwirtschaftsschule, 9 Schullehrerseminare (darunter eins für Lehrerinnen), 3 Taubstummenanstalten, eine Blindenanstalt etc. Die Provinz zerfällt in zwei Regierungsbezirke: Bromberg und P., der erstere mit 14, der letztere mit 28 Kreisen (s. unten). Für die Rechtspflege bestehen ein Oberlandesgericht zu Posen und 7 Landgerichte zu Bromberg, Gnesen, Lissa, Meseritz, Ostrowo, Posen und Schneidemühl (zu dessen Bezirk auch der westpreußische Kreis Deutsch-Krone gehört); vgl. die Textbeilage »Gerichtsorganisation im Deutschen Reich« beim Artikel »Gerichtsverfassung«. Militärisch gehört der nördliche Teil (Regbez. Bromberg) zum Bezirk des 2., der südliche (Regbez. P.) zum Bezirk des 5. Armeekorps. In den deutschen Reichstag entsendet die Provinz 15 (s. Karte »Reichstagswahlen«), in das preußische Abgeordnetenhaus 29 Mitglieder. An der Spitze der evangelischen Kirchenangelegenheiten steht das Konsistorium zu Posen, an der Spitze der katholischen Geistlichkeit der Erzbischof von Gnesen und Posen; in Bromberg besteht eine Generalkommission für Gemeinheitsteilungssachen. Das Wappen der Provinz P. (s. Tafel »Preußische Provinzwappen«, Fig. 13) ist im silbernen Feld ein königlich gekrönter, goldbewehrter schwarzer Adler mit goldenen Kleestengeln auf den Flügeln und Zepter und Reichsapfel in den Fängen; der mit einer fünfblätterigen Laubkrone gekrönte Brustschild zeigt einen gekrönten silbernen Adler in Rot (Polen); die Farben sind (seit 1896) Weiß-Schwarz-Weiß (früher Karmesinrot und Weiß). – P. war früher ein Teil des Königreichs Polen. Bei der ersten Teilung 1772 kam der Netzedistrikt und 1793 der südliche Teil an Preußen (unter der Benennung Südpreußen); 1807 wurde es mit dem Großherzogtum Warschau vereinigt, bis es 1815 in etwas geringerm Umfang als früher an Preußen zurückfiel. Vgl. »Codex diplomaticus Majoris Poloniae« (Pos. 1877–81, 4 Bde.); Wuttke, Städtebuch des Landes P. (Leipz. 1864); Chr. Meyer, Geschichte des Landes P. (Pos. 1881) und Geschichte der Provinz P. (Gotha 1891); J. Kohte, Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz P. (Berl. 1895–98, 4 Bde.; der erste Band, 1898, enthält einen Abriß der politischen und kulturgeschichtlichen Entwickelung des Landes von A. Warschauer); Knoop, Sagen und Erzählungen aus der Provinz P. (Pos. 1894); v. Bergmann, Zur Geschichte der Entwickelung deutscher, polnischer und jüdischer Bevölkerung in der Provinz P. seit 1824 (Tübing. 1883); E. Schmidt, Geschichte des Deutschtums im Lande P. unter polnischer Herrschaft (Bromb. 1904); Werner, Geschichte der evangelischen Parochien in der Provinz P. (2. Ausg., Lissa 1904); »Gemeinde-Lexikon der Provinz P.« (hrsg. vom königl. Statistischen Bureau, Berl. 1888); »Handbuch für die Provinz P, Nachweisung der Behörden, Anstalten, Institute und Vereine« (2. Ausg., Pos. 1905); Kirstein, Handbuch des Grundbesitzes. Provinz P. (5. Aufl., Berl. 1899); Stumpfe, Polenfrage und Ansiedelungskommission. Darstellung der staatlichen Kolonisation in P. etc. (das. 1902); Wegener, Der wirtschaftliche Kampf der Deutschen mit den Polen um die Provinz P. (Pos. 1903); »Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz P.« (das. 1882 ff.); Langhans, Karte der Provinzen P. und Westpreußen unter besonderer Berücksichtigung der Ansiedelungsgüter etc. nach dem Stande vom 1. Juli 1905 (Gotha 1905).

Der Regierungsbezirk Posen (s. Karte »Provinz Posen«) umfaßt 17,514 qkm (318,09 QM.), zählt (1905) 1,262,672 Einw., davon 310,351 Evangelische, 932,071 Katholiken u. 19,392 Juden (1900: 805,893 Personen mit polnischer Muttersprache), 72 auf 1 qkm, und besteht aus den 28 Kreisen:

Tabelle

Über die zehn Reichstagswahlkreise des Regierungsbezirks Karte »Reichstagswahlen«.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 202-203.
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