Posen [1]

[407] Posen, 1) Großherzogthum u. Provinz des preußischen Staates, gebildet aus einem Theile des Großherzogthums Warschau, nämlich aus Theilen des Departements P. u. den Departements Bromberg u. Kalisch; Grenzen: das Königreich Polen u. die preußischen Regierungsbezirke Marienwerder, Oppeln, Breslau, Liegnitz u. Frankfurt; hat 5361/2 QM.; ist völlige Ebene mit einigen geringen Höhen, nur Thalränder u. Scheidung zwischen Netze u. Wartha, Oder u. Weichsel, einem meist sandigen u. lehmigen, stellenweise sumpfigen, im Ganzen tragbaren Boden, welcher in den Niederungen der größeren Flüsse fette Marschen hat; Flüsse: Weichsel mit Braa (Brahe) u. Nebenflüsse der Oder, so Wartha (mit Prosna, Obra, Welna), Netze (mit Lobsonka, Küddow, Drage) u. Bartsch; Kanal: Bromberger od. Netzekanal, zur Verbindung der Braa mit der Netze u. dadurch zur Verbindung der Weichsel mit der Oder; Landseen: Goplosee, kleinere der Trlong-, Pturker-, Bialasee, der Powidzer-, Skorzenciner-, Ziolasee u. m. a.; Producte: Getreide, Hülsenfrüchte, Flachs, Ölgewächse, Holz u. Vieh, Hanf, Tabak, Hopfen, Gemüse u. Obst, etwas Wein; Fischerei nicht mehr so bedeutend wie früher, wenig Mineralien, von Metallen gibt es blos Sumpfeisen; Einwohner: 1,403,630, darunter 619,950 Deutsche u. Juden 72,075; die übrigen sind Polen. An den deutschen Grenzen, in den größeren Städten (Posen) u. im Netzdistricte herrscht die deutsche, in den Ostkreisen auf dem platten Lande die polnische Sprache vor. Die Industrie blüht am stärksten in den von Deutschen bewohnten Gegenden u. in den Städten, wo früher viel Tuch u. etwas Leinwand fabricirt wurde; auch Gerbereien, Cichorienfabriken, Branntweinbrennereien u. Kürschnerwerkstätten sind vorhanden. Zum Handel hat das Land durch die Weichsel u. einige Nebenflüsse der Oder eine vortheilhafte Lage, denselben treiben bes. Bromberg, Fraustadt, Krotoschin, Lissa, Posen, Rawitsch; Chausseen führen von P. nach Berlin u. von P. nach Breslau u. von Lissa abgehend nach Glogau, von P. über Inowraclaw nach Thorn, von P. über Slupce nach Warschau u. von P. über Krotoschin nach Ostrowo, von P. über Neustadt nach Pleschen etc.; eine Eisenbahn verbindet P. mit Stettin; in Kreuz schließt sie sich an die Ostbahn, wodurch Verbindung mit Berlin entsteht; eine andere Bahn verbindet P. mit Breslau, mit Zweigbahn von Lissa nach Glogau zum Anschluß an die Niederschlesisch-Märkische Bahn. Unterrichtsanstalten: 7 Gymnasien (zwei in P., Lissa, Ostrowo, Krotoschin, Trzemeschno u. Bromberg), 2 Priesterseminarien in Posen u. Gnesen, 3 Schullehrerseminarien in P., Paradies u. Bromberg, ein Seminar für Erzieherinnen u. eine Hebammenanstalt in P. P. bildet zwei Regierungsbezirke, P. u. Bromberg, deren Provinzialregierungen unter dem Oberpräsidium in P. stehen. An der Spitze der katholischen Geistlichkeit steht der Erzbischof von Gnesen u. P. Die Provinzialstände theilen sich in die drei Stände der Ritterschaft, der Städte u. der übrigen Gutsbesitzer, Bauern u. Erbzinsmänner, zusammen 48 Mitglieder, wovon auf den ersten 24, auf den zweiten 16 u. auf den dritten Stand 8 kommen. Der Versammlungsort ist P. 2) Regierungsbezirk dieser Provinz, grenzt an die Regierungsbezirke Bromberg, Frankfurt, Liegnitz, Breslau, Oppeln u. Polen, 321,7 QM. mit 918,230 Ew., darunter 265,781 Evangelische, 12 Griechen, 53,310 Juden, die übrigen Katholiken; eben, productiv, bes. an der Wartha; auch gib: es viele kleine Landseen u. Brüche (Obrabruch). Producte: die gewöhnlichen des Ackerbaues u. der Viehzucht, Waldungen, wenig Mineralien; die Industrie blüht nur in der Hauptstadt u. in den der deutschen Grenze näheren Städten. Eintheilung in 17 Kreis.: Adelnau, Birnbaum, Bomst, Buk, Fraustadt, Kosten, Kröben, Krotoschin, Meseritz, Obornick, Pleschen, Posen, Samter, Schildberg, Schrimm. Schroda u. Wreschen. 3) Kreis darin, 20 QM. u. ohne die Stadt 44,600 Ew. 4) Festung u. Hauptstadt der ganzen Provinz u. des Regierungsbezirks u. Kreisstadt, an beiden Ufern der Wartha, mit hölzerner u. unterhalb derselben steinerner Schleußenbrücke über dieselbe, hat Oberpräsidenten, katholischen Erzbischof nebst Domcapitel, Generalcommando des 5. Armeecorps, Divisionscommando der 10. Division, Regierung, Oberappellations-, Kreisgericht u. Provinziallandschaftsdirection. Die eigentliche Stadt P. liegt am linken Ufer der Wartha, an welche, nördlich der Stadt, der linke Thalrand der Wartha ziemlich dicht herantritt u. einen für das dortige flache Land ziemlich ansehnlichen Hügel bildet, auf dem sonst das Dorf Winiary lag, dicht unter diesem Hügel (Boniner Höhe) fällt der Winiarybach (welcher zu Überschwemmungen benutzt werden kann), u. mitten in der Stadt der dort mehre Mühlen treibende Polinkabach in die Wartha. Auf dem linken Warthauser liegen die Vorstädte: Graben, Fischerei, Halbdorf, St. Martin, Kuhndorf, St. Adalbert. Auf das rechte Warthaufer führt von der Mitte der Stadt eine hölzerne Brücke, sie trifft zunächst auf die Wallischei (polnisch Chawliszewo), welche mittelst einer Straße nach dem Dom führt, welcher die kleinen Vorstädte Ostrowek, Schrodka u. Zawada zur Seite hat, worauf die Straße nach Warschau den Cybinabach überschreitet, welcher von Osten kommend, innerhalb P. bis zu einem kleinen Flusse anwächst u. Winiary gegenüber in die Wartha fällt. Oberhalb am rechten Ufer der Wartha liegt auch die Vorstadt St. Roch, welche mit der Stadt mittelst einer Fähre in Verbindung steht. Von dieser Vorstadt St. Roch führt bei hohem Wasserstande ein Kanal einen Theil des Warthawassers am Dome vorbei u. soll so Überschwemmungen verhüten. P. wird seit 1828 mit Benutzung dieses Terrains zur Festung ersten Ranges umgeschaffen. Die Trace um die eigentliche Stadt ist fast vollendet u. besteht aus sechs regelmäßigen Bastions u. sechs Cavalieren. Das Fort Winiary, an der Stelle des abgebrochenen Dorfes gleiches Namens, bildet gleichsam die Citadelle. Es besteht aus einem Kronwerk, mit Montalembertschen Thürmen in den Ecken, u. der Enceinte von drei Bastions, zwei ganzen u. zwei halben Ravelins u. vier Redouten in den gebrochenen Anschlußlinien von der Enceinte nach dem Kronwerk. Das Fort Adalbert, weiter nach der Stadt zu, in Form einer abgerückten Bastion, in der Kehle durch eine crenellirte [407] Mauer geschlossen, deckt die Kehle von Winiary u. dieses wieder die große Schleuße, welche die Wartha nöthigenfalls zu Überschwemmungen anspannen soll, wie auch der Winiarybach zwischen Fort Winiary u. Adalbert, durch zwei Schleußen zu solchen benutzt werden kann. Ein fleschenartiges Werk deckt zugleich als Brückenkopf die große Schleuße. Diese große Schleuße bildet auch eine steinerne Warthabrücke unterhalb der hölzernen. Die Dombefestigung auf dem rechten Warthaufer bildet eine noch unregelmäßigere Befestigung als auf dem linken Warthaufer u. benutzt das sumpfige Terrain (s. oben); die Enceinte ist nach dem neuen Polygonaltracé geführt, geht von der mit dem Fort St. Roch umschlossenen Vorstadt St. Roch nach der Gegend des Domes u., hier den Cybinabach überschreitend, über das Reformatenfort (ein bastionähnliches Werk mit Cavalier), u. den Domcavalier weg, die Vorstadt Schrodka umschließend nach der Schleuße u. ist bestimmt den Cybinabach behufs der Überschwemmung anzuspannen u. hinter der Cybina weg nach der großen Schleuße zu laufen; die Domflesche deckt letztere, die Cybinaslesche erstere Front zwischen Dom u. Rochusfort. Die Reduits aller dieser Werke sind casemattirt. Die strategische Wichtigkeit P-s besteht darin, daß es die von Osten kommenden Straßen nach Berlin u. Breslau deckt, die Herrschaft über die Provinz sichert u. ein doppelter Brückenkopf ist. Plätze: Marktplatz (Ring), in dessen Mitte das Rathhaus liegt, Wilhelmsplatz mit dem Theater, Kanonenplatz, Sapiehaplatz, Neustädter Markt; der Stadttheil, welcher als Neustadt westlich der eigentlichen Stadt (Altstadt) angebaut ist, ist der schönste Theil P-s. P. enthält 16 zum öffentlichen Gottesdienst bestimmte Kirchen (darunter der Dom, mit dem Denkmale der polnischen Könige Boleslaw u. Mieczislaw I.; die Stanislaus- [Pfarr-, ehemals Jesuiter-] kirche, 3 Evangelische Kirchen, die eine als Garnisonkirche am Kanonenplatz), 3 Klöster, Synagoge. Andere Gebäude sind der erzbischöfliche Palast, das Schloß (sonst Sitz der Starosten, jetzt Oberappellationsgericht), Regierungsgebäude (sonst Jesuitencollegium), Provinziallandschaftshaus, Kreisgericht, Raczynskisches Palais auf dem Wilhelmsplatz (mit Bibliothek), jetzt der Stadt gehörig, Schauspielhaus, Bazar; Lehr- u. Wohlthätigkeitsanstalten: Collegiatstift, Priesterseminar, 2 Gymnasien, Katholisches Schullehrerseminar, Realschule, Hebammenanstalt, Krankenhaus der Grauen Schwestern, Verpflegungsanstalt für verwahrloste Knaben u. für Waisenmädchen, 2 Waisenhäuser, Jüdisches Waisenhaus, Taubstummenanstalt. P. unterhält Tuch-, Lein-, Drillich-, Kattunweberei, Gerbereien, Tabak-, Kutschen-, Siegellack- u. Wachsfabriken, mehre Öl- u. Windmühlen u. beträchtlichen Handel in u. außer den jährlichen drei Messen u. Märkten, auch starken Getreidehandel, welchen zwei Eisenbahnen fördern, Kornbörse, bedeutenden Wollmarkt, 9 Buchhandlungen, mehre Buch- u. Steindruckereien; Freimaurerloge: Tempel der Eintracht. P. hat mit Militär 47,000 Ew., darunter etwa 24,000 Katholiken, 15,000 Evangelische, 8000 Juden. – P. (Poznan) ist nebst Gnesen die älteste Stadt Polens; es war ein Hauptplatz des polnischen Heidenthums u. soll von Pozny, einem der Söhne Lechs, gegründet worden sein; nach der Annahme des Christenthums in Polen wurde im 10. Jahrh. von Mieczislaw I. ein Bisthum gegründet, dessen erster Bischof der Italiener Jordan war. P. war Sitz einer Wojwodschaft. Die Stadt lag Anfangs nur auf dem rechten Warthauser; 1250 wurde der Stadttheil auf dem linken Ufer des Flusses angelegt. 1038 wurde P. vom Herzog Brzetislaw I. von Böhmen genommen u. verbrannt. 1606 wurde den Reformirten ihre Kirche verbrannt, was Mitursache des Aufstandes des polnischen Adels gegen König Sigismund III. war. 1655 wurde P. von den Schweden genommen, die Vorstädte abgebrannt u. die Jesuiten vertrieben; dagegen wurde in der Verfolgung der Protestanten unter August II. 1710 die Evangelische Kirche wieder zerstört u. nach P. sächsische Besatzung gelegt. 1716 stürmten die conföderirten Polen P., nahmen die Besatzung gefangen u. begannen die Festungswerke zu schleifen. 25. März 1793 kam P. in der zweiten Theilung Polens an Preußen. Am 11. Dec. 1806 hier Friede zwischen Napoleon u. dem Kurfürsten Friedrich August von Sachsen, welcher nach demselben den Königstitel annahm. 1807 kam es durch den Frieden von Tilsit zum Großherzogthum Warschau, 1815 wieder an Preußen. 1828 wurde der Festungsplan begonnen u. 1834 die Citadelle (Fort Winiary) angelegt. Am 29. Juli 1845 bei der Anwesenheit des Deutschkatholiken Czerski Tumult, welcher durch militärisches Einschreiten gedämpft wurde. In der Nacht vom 3. zum 4. März 1846 vom Militär vereitelter Versuch eines polnischen Insurrectionshausens in die Stadt einzudringen, am 7. März wurde das Standrecht bekannt gemacht u. das polnische Casino geschlossen. Ende März 1848 wurde P. der Sitz der Reorganisationscommission. Vom 3. April 1849 bis 28. Septbr. wurde die Stadt abermals in Belagerungszustand erklärt; 29. Septbr. 1853 Dombrand. Vgl. Lukaszewicz, Obraz historiczuo-statystyczny miasta Poznania, Posen 1838, 2 Bde.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 13. Altenburg 1861, S. 407-408.
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