Volkslied

[235] Volkslied, ein jedes Lied, das vom Volke ohne Noten gesungen wird. Der Ausdruck deutet ausschließlich auf die Aufnahme, die ein Lied in sangesfrohen Volkskreisen gefunden, auf das Schicksal hin, das es erfahren hat; es besagt nichts über den Ursprung, den Verfasser des Liedes. Auch Gedichte von Kunstdichtern können echte Volkslieder werden (wie z. B. Goethes »Heidenröslein«, Heines »Loreley«, Eichendorffs »In einem kühlen Grunde«); solche Lieder bleiben im Volksmund oft unverändert; häufiger aber werden sie mehr oder minder stark umgeprägt oder auch ganz und gar »zurechtgesungen« (wie z. B. in Tirol Goethes »Kleine Blumen, kleine Blätter«). Weitaus die meisten Volkslieder rühren aber von unbekannten Verfassern her, von Naturdichtern ohne literarische Bildung. Ihre Gesänge sind dann ebenfalls oft durch die mündliche Verbreitung und unzählige Wiederholungen verändert, verkürzt, erweitert und dem Geschmack des Volkes immer mehr angepaßt worden. Lieder, die das Schicksal erfahren, Volkslieder zu werden, weisen durchweg ausgeprägte Eigentümlichkeiten des Inhalts wie der Form auf. Sie dürfen inhaltlich keine bloß individuellen oder gar subjektivistischen Vorstellungen, Gefühle und Anschauungen wiedergeben, sondern vielmehr solche des typischen Gesamtbewußtseins weiterer Kreise; es herrscht im V. also eine ganz bestimmte Auffassungsweise, sein Inhalt ist im übrigen unbeschränkt. In primitiven Zuständen herrscht diese gleichmäßige Durchschnittsanschauung, dieses typische Gesamtbewußtsein im ganzen Volk; die Standesunterschiede sind noch nicht durch irgendwie eingreifende Unterschiede der intellektuellen und sittlichen Bildung vertieft und verschärft: Hohe und Niedere denken und fühlen bei den gleichen Anlässen im wesentlichen übereinstimmend. Die höhere Kultur bringt aber stets auch eine schärfere Scheidung der Bildungssphären mit sich, und während sich in den obern Ständen teils konventionelle, teils individuelle Anschauungen verbreiten und entwickeln, zieht sich die typische Anschauungsweise auf das »niedere Volk« zurück, das nach Goethes Ausdruck vor Gott gewiß oft als das höhere erscheint. In der Form verschmäht das V. jede Künstelei im Versbau und Wortausdruck, liebt dagegen die Wiederholung stereotyper Wendungen. Viele Volkslieder, namentlich solche, die gründlich durch- und zurechtgesungen worden sind, haben eine knappe, ja aphoristische Fassung; Mittelglieder sind ausgefallen, und mancher Gedanke muß erraten werden. Hierdurch wird die ästhetische Wirkung jedoch nicht vermindert, sondern im Gegenteil verstärkt, da die Phantasie des Hörers genötigt wird, das nur Angedeutete nachschaffend zu ergänzen. Weiterhin ist für das V. charakteristisch die in Zuständen primitiven Denkens stets anzutreffende Vorliebe, unbeseelte Dinge und untermenschliche Lebewesen mit menschlichem Seelenleben ausgestattet oder Naturvorgänge als Wirkungen menschlich handelnder Wesen zu denken, ferner die Vorliebe für metaphorische Analogievorstellungen (namentlich zwischen Natur- und Menschenleben) sowie endlich für die tiefsinnig-symbolische Ausdeutung aller von außen gewonnenen Eindrücke. Das abstrakt Begriffliche, insbes. die Reflexion über die eignen geistigen Vorgänge, tritt im V. ganz zurück; die Vorstellungen und Gefühle werden vielmehr in naiver Unmittelbarkeit und in knapper Form geäußert. Sehr beliebt ist die Einfügung epischer Züge, namentlich zu Anfang der Lieder; der Fortgang der Handlung in erzählenden Volksliedern wird mit Vorliebe durch die Wechselrede ausgedrückt, weniger durch rein epischen Bericht; dabei ist es oft üblich, in den Antworten auf die Fragen einen großen Teil der in der Frage gebrauchten Ausdrücke genau zu wiederholen. So hat das V. eine sehr ausgeprägte, aber formelhafte Technik. Da das V. durch den oft tausendfach wiederholten Gesang in gefühlvollen Stunden gleichsam von allen Schlacken gereinigt worden ist, da es alle trocken verstandesmäßigen Elemente ausscheidet und sich immer inniger dem Herzensbedürfnis einfacher und geistig gesunder Menschen anpaßt, so besitzt es in seinen schönsten Kundgebungen einen unnachahmlichen poetischen Zauber. Daneben gibt es aber auch viele Volkslieder von geringem Wert. – Lieder, die sich dem Charakter des Volksliedes annähern, ohne aber im Volke gesungen zu werden, heißen volkstümliche Lieder. Von andern wird freilich der Ausdruck »volkstümliche Lieder« für solche Volkslieder angewendet, deren Verfasser bekannt ist; doch nach verbreitetem und eingebürgertem Sprachgebrauch sind Lieder wie die »Lorelei« und »In einem kühlen Grunde« echte Volkslieder; wo und wie und durch welchen Verfasser das Lied entsteht, ist dem Volk ganz gleichgültig. Eine Abart des Volksliedes bildet das Gesellschaftslied: es wurzelt nicht in dem typischen Gesamtbewußtsein der ganzen Volksgemeinschaft, sondern in dem meist konventionellen Bewußtsein bestimmter Gesellschaftskreise; es ist in der Regel zu gemeinschaftlichem, geselligem Vortrag verfaßt; an Wert steht es dem V. nicht gleich. Endlich bezeichnet man als Gassenhauer die entarteten Volksgesänge der großen Städte; vielfach der Operette und dem Tingeltangel entwachsen, offenbaren sie die Gemütsverrohung des großstädtischen »Volkes«.

Bei allen Völkern hat naturgemäß die Poesie in ihren Anfängen meist einen volksliedmäßigen Charakter. Als Volkslieder müssen wir die Lieder bezeichnen, die nach Tacitus' Bericht die alten Deutschen zu Beginn eines Kampfes anstimmten, ebenso die Lieder, in denen sie (gleichfalls nach Tacitus' Bericht) die Stammväter ihres Volkes, den Helden Arminius und ohne Zweifel auch andre Helden besangen. Nach Einführung des Christentums suchte die Geistlichkeit die offenbar zum größten Teil in den Anschauungen der heidnischen Zeit wurzelnden Volkslieder zu unterdrücken; so ist es zu erklären, daß ein Denkmal wie das Hildebrandslied (s. d.) in Deutschland völlig vereinzelt dasteht. Namentlich wendete sich die Geistlichkeit schon zu Ende des 8. Jahrh. gegen eine Art des fröhlichen, leichtfertigen, weltlichen Volksgesangs, die mit dem Namen Winiliod (Freundeslied) bezeichnet wird, und Otfried (s. d.) hat seine geistliche Dichtung mit der ausdrücklichen Absicht verfaßt, dem unzüchtigen Gesang der Laien entgegenzutreten. Doch muß auch in den folgenden Jahrhunderten das V. in Deutschland geblüht haben. Seine Einwirkung ist in den schriftlich ausgezeichneten Literaturwerken vielfach zu erkennen, vor allem in den Liedern der ältern österreichischen Minnesinger und der Vaganten. Mit dem Verfall des künstlichen Minnegesanges beginnt dann auch in den gebildeten Kreisen das Interesse an dem einfachern Volksgesang wieder aufzuleben; in dem 14. Jahrh. verzeichnet die Limburger Chronik, welche Lieder in den einzelnen Jahren neu aufkamen. Aus dem 15. Jahrh. sind mehrere Sammlungen von Volksliedern erhalten, so namentlich eine von Fichard im »Frankfurter Archiv für ältere deutsche Literatur und Geschichte«, Teil 3 (1815) herausgegebene, auch das Liederbuch der Augsburger Nonne Klara Hätzlerin[235] (hrsg. von Haltaus, Quedlinb. 1840) sowie das »Locheimer Liederbuch« (bearbeitet von Arnold und Bellermann im »Jahrbuch für musikalische Wissenschaft«, Bd. 2, 1867) enthalten Volkslieder. Eine für das ausgehende Mittelalter und die Reformationszeit charakteristische Gattung ist das historische V.; besondere Erwähnung verdienen die Lieder dieser Art, die den Freiheitskämpfen der Schweizer und der Dithmarschen ihre Entstehung verdanken. Der Aufschwung der deutschen lyrischen Dichtung, der, vom V. wesentlich beeinflußt, im letzten Drittel des 18. Jahrh. eintrat, hat auch wieder auf das V. zurückgewirkt, indem das Volk sich Lieder deutscher Dichter aneignete und umbildete. Daneben hat die Abfassung neuer Volkslieder von unbekannten Dichtern, denen alle künstlerischen Absichten fernlagen, bis in die Gegenwart nicht aufgehört, namentlich in den Alpenländern.

Das Wiedererwachen des Interesses an dem V. steht mit der großen europäischen Literaturströmung des 18. Jahrh. in Zusammenhang, die in Deutschland in der Sturm- und Drangperiode ihren Ausdruck fand. Damals entstanden auch zuerst Sammlungen von Volksliedern, die nicht wie die frühern für den Gebrauch des singenden Volkes bestimmt waren, sondern zunächst das Interesse der Gebildeten am V. anregen und befördern sollten. Den Anfang machte Thomas Percy (s. d. 1) mit seiner Sammlung englischer und schottischer Volkslieder (1765). In Deutschland fand Herder in den Volksliedern eine Bestätigung seiner Ansicht von der Poesie als einer »Welt- und Völkergabe«; er pries das V. in den »Blättern von deutscher Art und Kunst« (1773) und regte andre, vor allen Goethe, zum Sammeln von Volksliedern an. Bürger in seinen Herzensergießungen über Volkspoesie (»Aus Daniel Wunderlichs Buch«, 1776) und andre stimmten in diesen Ton ein und erregten dadurch den Widerspruch der Gegner des Sturmes und Dranges, vor allem Nicolais (s. Nicolai 2), der in seinem »Kleynen feynen Almanach« (Berl. 1777 u. 1778; Neudruck, das. 1888) Volkslieder sammelte, die ihm geeignet schienen, die Begeisterung für das V. lächerlich zu machen, doch hat er, nach Lessings treffendem Ausdruck, »Volk und Pöbel« verwechselt. Seine Sammlung muß indes als die erste neuere Sammlung deutscher Volkslieder bezeichnet werden; die von Herder gesammelten »Volkslieder« (Leipz. 1778–79, 2 Bde.; 1807 neu hrsg. u. d. T.: »Stimmen der Völker«) umfassen auch Lieder andrer Nationen. Die erste umfassendere Sammlung deutscher Volkslieder gaben die Romantiker Brentano und Arnim heraus u. d. T.: »Des Knaben Wunderhorn« (Heidelb. 1806 bis 1808, 3 Bde.; Weiteres s. Wunderhorn), freilich mit manchen eigenmächtigen Veränderungen. Vgl. Lohre, Von Percy zum;Wunderhorn' (Berl. 1902). Verdienstlich war auch Büschings und v. d. Hagens »Sammlung deutscher Volkslieder« (Berl. 1807, mit Melodien). Die reichhaltigste Sammlung ist die von Erk (»Deutscher Liederhort«, Berl. 1855; neubearbeitet von Böhme, Leipz. 1893–94, 3 Bde., mit Melodien). Die besten Sammlungen älterer Volkslieder sind die von Uhland (»Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder«, Stuttg. 1844–45, 2 Bde.; 3. Aufl. zugleich mit Uhlands schöner Abhandlung über das V. und einer allgemeinen Einleitung hrsg. von H. Fischer in Cottas »Bibliothek der Weltliteratur«, das. 1893, 4 Bde.) und F. Böhmes »Altdeutsches Liederbuch« (Leipz. 1877, mit Melodien). Sammlungen historischer Volkslieder besitzen wir von Rochholz (»Eidgenössische Liederchronik«, Bern 1835), Soltau (Leipz. 1836 u. 1856) und Körner (Stuttg. 1840); die beste ist die von R. v. Liliencron (»Die historischen Volkslieder der Deutschen«, Leipz. 1865–69, 4 Bde.); F. W. v. Ditfurth (s. d.) sammelte die historischen Volkslieder der letzten Jahrhunderte, ferner A. Hartmann »Gesammelte Volkslieder und Zeitgedichte vom 16.–19. Jahrhundert« (mit Melodien; Bd. 1, Münch. 1907). Eine Auswahl gibt die Sammlung von Simrock: »Deutsche Volkslieder« (2. Aufl., Basel 1887) und v. Liliencrons »Deutsches Leben im V. um 1530« (in Kürschners »Deutscher Nationalliteratur«, Bd. 13, Stuttg. 1885). »Deutsche Gesellschaftslieder des 16. und 17. Jahrhunderts« sammelte Hoffmann von Fallersleben (Leipz. 1844, 2. Aufl. 1860); A. Kopp gab heraus »Volks- und Gesellschaftslieder des 15. und 16. Jahrhunderts« (Berl. 1905); vgl. außerdem die Sammlung »Venusgärtlein« (1656), herausgegeben von v. Waldberg (Halle 1889); Böhme gab noch heraus »Volkstümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert« (Leipz. 1895). Als gute Sammlungen von Volksliedern einzelner Landesteile sind zu nennen: Meinerts »Alte deutsche Volkslieder in der Mundart des Kuhländchens« (Hamb. 1817); Hoffmanns von Fallersleben und E. Richters »Schlesische Volkslieder mit Melodien« (Leipz. 1842); Reifferscheids »Westfälische Volkslieder« (mit Melodien, Heilbronn 1879); »Deutsche Volkslieder aus Oberhessen« von Böckel (Marb. 1885); »Deutsche Volkslieder aus Niederhessen« von Lewalter (mit Melodien, Hamb. 1894); »Volkslieder von der Mosel und Saar« von Köhler (mit Melodien, hrsg. von J. Meier, Halle 1896, Bd. 1); »Volkslieder aus der badischen Pfalz« (hrsg. von Marriage, das. 1903); »Volkslieder aus dem Erzgebirge« von A. Müller (Annab. 1883); »Deutsche Volkslieder aus Kärnten«, gesammelt von Pogatschnigg (Graz 1879, 2 Bde.); »Volkslieder aus Steiermark« von Rosegger (mit Melodien, Preßb. 1872) und Schlossar (Innsbr. 1881); Hartmanns »Volkslieder in Bayern, Salzburg und Tirol gesammelt« (mit Melodien, Leipz. 1883, Bd. 1); »Tiroler Volkslieder« von Greinz und Kapferer (das. 1893, 2 Tle.); »Deutsche Volkslieder aus Böhmen« (hrsg. von Hruschka, Prag 1888–91); »Elsässische Volkslieder« von Mündel (Straßb. 1884); »Schweizerische Volkslieder« von L. Tobler (Frauens. 1882–84, 2 Bde.). Vgl. außerdem Vilmar, Handbüchlein für Freunde des deutschen Volkslieds (3. Aufl., Marb. 1886); Böckel, Psychologie der Volksdichtung (Leipz. 1906); John Meier, Kunstlied und Volkslied in Deutschland (Halle 1906) und Kunstlieder im Volksmunde (das. 1906), und die ausführliche Bibliographie von J. Meier in Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, Bd. 2 (2. Aufl., Straßb. 1903); Bruinier, Das deutsche V. (3. Aufl, Leipz. 1908); Uhl, Das deutsche Lied (das. 1900); Kopp, Deutsches Volks- u. Studentenlied in vorklassischer Zeit (Berl. 1899); Sahr, Das deutsche V. (2. Aufl., Leipz. 1905, Sammlung Göschen). Eine Zeitschrift »Das deutsche V.« wird von Pommer (Wien 1899 ff.) herausgegeben. Die Lieder bekannter deutscher Dichter, die zu Volksliedern geworden sind, verzeichnet Hoffmann von Fallersleben, Unsre volkstümlichen Lieder (4. Aufl., Leipz. 1900).

Auch die Literatur andrer Nationen, namentlich die der Skandinavier, Engländer, Schotten und Slawen, weist wertvolle Volksliederschätze auf; vgl. die Angaben in den Artikeln über die Literatur der einzelnen Völker.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 235-236.
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