Aachen [1]

[4] Aachen, 1) Regierungsbezirk in der preuß. Rheinprovinz (Abth. Niederrhein), besteht aus Theilen der sonstigen Dep. Roer, Niedermaas, Ourthe u. Saar, od. aus den frühern deutschen Landen Jülich, Schleiden, Stadt A., Köln, Trier, Luxemburg, Aremberg, Stablo, Malmedy, Blankenheim u. a. od. aus Theilen derselben; 751/2 QM., 412,000 Ew.; grenzt an die Rgsbzke. Düsseldorf, Köln, Koblenz, Trier, an Belgien u. die Niederlande; gebirgig durch die Eifel u. die Hohe Veen; nördlich eben; bewässert von der Roer (mit Urft, Inde, Worm, Merz etc.), Our, Kill (zur Mosel), Erst n. Ahr (zum Rhein); hat viele Industrie (Metallwaaren u. Tücher), Acker- u. Bergbau, u. ist getheilt in die 11 Kreise: Stadtkreis A., Landkreis A., Erkelenz, Jülich, Düren, Schleiden, Malmedy, Montjoie, Eupen, Geilenkirchen, Heinsberg. 2) 2 Kreise hier, Stadt- (nur die Stadt A.) u. Landkreis A., letztrer gegen 6 QM. groß u. mit Burtscheid 63,500 Ew. 3) (Aix la Chapelle), Hauptstadt hier, Sitz der Regierungsbehörden, Landgericht, Handelskammer, Handelsgericht; Rathhaus (an der Stelle der alten königl. Pfalz) mit dem Krönungssaal (worin 37 deutsche Kaiser u. Kaiserinnen gekrönt wurden) u. mit 2 Thürmen (Granus- u. Markt- od. Glockenthurm), davor auf dem Markte Springbrunnen mit Bildsäule Karls d. Gr. u. bronzenem Bassin; Domkirche (Münster) in Form eines Achtecks, in byzant. Styl 796–804 durch Karl d. Gr. erbaut, mit bronzenen Thüren u. 1353 in goth. Styl erbautem Chor, marmornen, porphyrnen u. granitnen Säulen (von den Franzosen nach Paris geschafft, aber meist zurückgegeben), in der Mitte Karlsd. Gr. Grab (Inschrift: Carolo Magno, s. unten), mehrere Reliquien (ein Gewand der Mutter Gottes, die Windeln des Heilandes, ein Tuch Johannis d. T., das blutige Lendentuch des Heilandes), von denen die großen alle 7 Jahre unter Zuströmen von Tausenden von Menschen ausgestellt werden, der weiße Marmorstuhl, auf welchem sitzend die Leiche Karls d. Gr. beigesetzt war, diente später den neugekrönten Kaisern zum Sitz während der Gratulationscour der fremden Fürsten; sonst bis 1795 wurden die Reichskleinodien hier verwahrt; Franciscanerkirche mit Kreuzesabnahme von A. van Dyk, 16 andere kathol. Kirchen, 3 Klöster, 1 evangel. Kirche, 1 Synagoge; Freimaurerloge: Beständigkeit zur Eintracht; 1825 erbautes Schauspielhaus. Die ehemaligen Festungswerke um A. sind in Spaziergänge verwandelt. Fabriken in Dampf- u. a. Maschinen, Tuch, Buckskin, Wolle, Nähnadeln, Farben, chem. Waaren. Wohlthätigkeitsanstalten: Irrenhäuser, 2 Nonnenklöster für Kranke, Hospitäler u. Krankenhäuser, Waisenhaus, Feuerversicherungsanstalt (s. u. Assecuranz), Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit. Wissenschaftliche Einrichtungen: Gesellschaft für nützliche Wissenschaften u. Gewerbe, Gymnasium, höhere Bürger- u. Gewerb-, Bau-, Handels- u. a. Schulen; Bettendorfer Gemäldesammlung. A. ist als Eisenbahnknoten ein wichtiger Handelsplatz geworden; es reicht mit 2 Armen (Aachen-Kölnn. A.-Düsseldorf-Ruhrort) rückwärts nach Deutschland u. mit 2 (Aachen-Mastricht u. A.-Lüttich) nach Belgien, u. verbindet NDeutschland mit Belgien u. Frankreich, s. Eisenbahn. Ew. 52,000 Münzen, Maße u. Gewichte sind jetzt die preuß. (s. Preußen, Geogr.), von 1801–15 waren die franz. gewöhnlich. Wappen: Ein ausgebreiteter schwarzer Adler im silbernen Felde mit vergoldetem Kopf, Krone, Füßen u. Klauen. In A. u. in dem nahen Burtscheid die schon zu Karls d. Gr. Zeiten bekannten u. im 12. Jahrh. bereits viel besuchten Aachener Mineralquellen: a) 6 warme alkalisch-muriatische Schwefelquellen, u. zwar die oberen mit höherer Temperatur (55° R.), darunter die Kaiser-, Kleine u. Quirinsquelle; u. die untern Quellen: die alte Trinkquelle, seit 1827, der neue Trink- u. der Elisenbrunnen, die Rosenbad- u. Corneliusquelle; das Wasser schmeckt bitter u. dient gegen Gicht, Lähmung, Contraction, Krankheiten der Harnwerkzeuge, Syphilis u. ihre Folgen, so wie gegen die der Quecksilbercuren etc. Man benutzt sie zum Baden, zu Douchen, Tropf- u. Dampfbädern, auch zum Trinken, wozu das Wasser zu Burtscheid fast besser ist; b) 2 kalte Quellen, eisenhaltige Sauerquellen: der Spaabrunnen (nicht mehr gebraucht) u. die Eisenquelle (1829 aufgefunden). Die A-er Bäder werden jährlich von mehrern Tausenden von Curgästen besucht, deren Hauptsammelplätze die Colonnaden des Elisenbrunnens u. der Cursaal in der Redoute sind. In A-s Umgebung: die Frankenburg, neu erbaut, angeblich Lieblingsaufenthalt Karls d. Gr. u. seiner Gemahlin Fastrade; der 781 F. hohe Louis- od. Lousberg, mit einer von Napoleon erbauten, 1814 gestürzten, 1815 wieder errichteten Steinpyramide. – A. ward von den Römern im 3. Jahrh. n. Chr. um der Bäder willen angelegt u. hieß Aquisgranum (Aquae Graniae), angeblich nach dem Apollo Granus (s.d.). Chlodwig soll einen Reichstag hier gehalten haben; Theoderich wählte A. 514 zur Residenz; Karl d. Gr. wurde angeblich hier 742 geboren, er gab dem Orte Stadtrechte, baute mehrere Bäder, die Kaiserpfalz u. die Kapelle, woraus nachher das Münster entstand u. weshalb A. den franz. Namen Aix la Chapelle erhielt; von hier aus erließ er seit 788 die meisten seiner Capitularien, u. ward hier sitzend im kais. Ornate begraben. Kaiser Otto III. ließ i. J. 1000 sein Grab öffnen u. nahm die Kleinodien heraus, die zum Theil später die [4] Reichskleinodien bildeten; die Gebeine Karls ließ Kaiser Friedrich I. 1165 in einen antiken Sarkophag legen, woraus sie 1215 in einen goldnen u. silbernen Kasten kamen, welcher noch in der Sacristei des Münsters aufbewahrt wird. Hier wurden 17 Reichstage u. die 11 Aachener Kirchenversammlungen 789, 799, 802, 809, 817, 819, 836, 841, 860, 862, 917 gehalten. 881 ward A. von den Normannen geplündert u. niedergebrannt, bald jedoch wieder aufgebaut. A. war von früher Zeit an Reichs-, u. von 813–1531 Krönungsstadt der deutschen Kaiser (zuerst Ludwig der Fromme, zuletzt Ferdinand I.). Im Mittelalter zählte A. gegen 100,000 Ew., u. A-s Bürger waren durch das ganze Reich zoll- u. dienstfrei, A. selbst ein Asylort. 1450 fand ein Aufstand gegen den Magistrat statt, wodurch die Erblichkeit desselben aufgehoben u. eine Zunftverfassung eingeführt wurde. Im 16. u. 17. Jahrh. kam A. sehr herab, bes. durch die Verlegung der Kaiserkrönung nach Frankfurt, durch die Acht, in welche die luther. Rathsmitglieder, die seit 1574 im Rathe waren u. um welche 1581 ein Aufstand war, 1598 durch Rudolf II. geriethen u. die von dem Kurfürsten von Köln vollzogen wurde, dann durch die Vertreibung der Protestanten 1614–16 u. eine große Feuersbrunst 1656, wo 4000 Häuser u. das Münster abbrannten. Hier wurden 2 Frieden geschlossen: am 2. Mai 1668 zwischen Frankreich einer- u. Spanien u. den Niederlanden andrerseits, er endete den Devolutionskrieg, s. u. Ludwigs XIV. Kriege; am 30. April 1744 u. 25. Mai 1748 zwischen Östreich u. Frankreich, endete den Östreichischen Erbfolgekrieg, s.d. 1786 brachen Unruhen gegen die Protestanten u. Freimaurer aus, welche bes. durch Preußen unterdrückt wurden. 1793 besetzten die Franzosen A., die zwar bald wieder abzogen, aber 1794 wieder erschienen; 1798 u. 1802 ward A. durch die Frieden von Campo Formio u. Luneville zur franz. Republik geschlagen u. Hauptstadt des Dep. Roer; 1814 besetzten es die Alliirten u. es ward 1815 an Preußen abgetreten. 1818 Abhaltung des Aachner Congresses, einer Zusammenkunft der Monarchen von Rußland, Östreich u. Preußen u. der Bevollmächtigten Frankreichs u. Englands (Bevollmächtigte: Nesselrode, Capodistrias, Metternich, Castlereagh, Wellington, Hardenberg, Bernstorff, Richelieu) vom 30. Sept. bis 21. Nov. Frankreich erlangte die Zurückziehung der noch in Frankreich stehenden Occupationsarmee von 150,000 M. u. eine Minderung der beim 2. Pariser Frieden ihm auferlegten Contribution, u. trat nun der Heiligen Allianz bei, die durch Protokoll vom 15. Nov. sich für fortbestehend erklärte. An dem Platze, wo die Monarchen Gott für das dadurch nun beendete Friedenswerk gedankt hatten, wurde 1844 ein Monument errichtet. 1830 im Herbst fand in Folge der Pariser Aufstände auch eine Pöbelémeute in A. statt, welche aber durch die Bürger schnell unterdrückt wurde. Aehnliche Aufstände wiederholten sich im März 1848. Vgl. Meyer, A. u. seine Umgebung, Aach. 1818; Quix, A. u. dessen Umgebung, ebd. 1818; Ders., Gesch. der Stadt A., 1841, 2 Bde.; Schreiber, Gesch. u. Beschr. von A. u. Burtscheid, Heidelb. 1824; G. Reumont, A. u. seine Heilquellen, Aach. 1828; Zitterland, Anleit. für Brunnengäste in A. u. Burtscheid, ebd. 1828; Ders., A-s heiße Quellen, ebd. 1836; Monheim, Die Heilquellen von A., Burtscheid etc., ebd. 1829; A. u. Burtscheid, ebd. 1847.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 4-5.
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