Braunschweig [5]

[246] Braunschweig (Stadt), 1) Hauptstadt des Herzogthums an der Ocker; öffentliche Plätze: der Burgplatz, auf welchem der eherne Löwe Heinrichs des Löwen seit 1172 (n. And. 1166) steht, der Schloßplatz mit dem Schlosse, der Altstadtmarkt mit gothischem Springbrunnen, der Hagenmarkt mit Schauspielhaus u. der Bankplatz; die meist krummen u. engen Straßen sind mit Trottoirs versehen u. werden Nachts durch Gaslaternen erleuchtet. Die alten Festungswerke sind seit 1797 abgetragen u. in Promenaden verwandelt; auf ihnen steht zwischen dem August- u. Steinthore das 1822 errichtete Monument der letzten beiden 1806 u. 1815 im Kampf gegen die Franzosen gefallenen Herzöge, ein 60 Fuß hoher eiserner Obelisk; daneben liegt der Windmühlenberg mit herrlicher Umsicht. Sieben Thore führen ins Freie. Unter den 10 Kirchen ist bemerkenswerth die Dom- (Stifts-, St. Blasius-) kirche, von Herzog Heinrich dem Löwen 1173 gegründet, mitden Denkmälern desselben u. seiner Gemahlin, u. mit der Fürstengruft der spätern braunschweigischen Herzöge, u.a. des Prinzen Leopold, der bei Frankfurt a. d. Oder ertrank, des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand, der 1806 bei Auerstädt, u. Friedrich Wilhelms, der 1815 bei Quatrebras blieb, der Königin Karoline von England etc; dic St. Andreaskirche mit 320 Fuß hohem Thurm, die Brüder- u. Martinikirche, beide in gothischem Styl, die Katharinenkirche, die im Innern prachtvolle, zu großen Concerten und Ausstellungen benutzte Ägidienkirche im reinsten gothischen Styl, die katholische St. Nikolauskirche u. die reformirte Kirche; auch ist eine Synagoge vorhanden. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus das Schloß (sonst der Graue Hof), mitten in der Stadt, unter Herzog Wilhelm 1833–1836 von Ottmer erbaut u. prachtvoll ausgeschmückt, aber im Innern theilweise noch unausgebaut, dabei ein kleiner Park mit schöner Allee; das Mosthans in der Burg Dankwarde- (Tanquarde-)rode, sonst Residenz der Herzöge, jetzt Kaserne, das Landschaftsgebäude, die herzogliche Kammer, das Zeughaus, Aufbewahrungsort für Kunstschätze u. Waffenvorräthe, die neue Kaserne vor dem Fallersleberthore u. der Bahnhof, beide von Ottmer erbaut, das Cavalierhaus, das im gothischen Style gebaute, mit den Statuen der sächsischen Kaiser u. hiesigen Herzöge gezierte Altstadtrathhaus, mit dem jetzt hergestellten Autorshof, beide zu Kunstzwecken bestimmt, das Neustädter Rathhaus, Schauspielhaus (1820 erbaut), Gerichtshaus, Theaterintendantur, Posthaus, Leihhaus, Gewandhaus u. das Bankgebäude; außerdem liegen mehrere schöne Gärten auf der Promenade u. vor der Stadt, so der Hollandsche an dem Tummelplatze, neben welchem Rietschels Lessingstatue (seit 1853) steht, der von Bülowsche u. Pagenhardtsche in der Nähe des Petrithores u. vor dem Augustthore der Viewegsche. Wissenschaftliche u. Kunstanstalten: das Museum im 2. Stock des Zeughauses, enthält viele Antiken, Majoliken, Kunstsachen, Kupferstiche u. Handzeichnungen in 1500 Bdn., bes. aber alte werthvolle Gemälde aus dem, zur westfälischen Zeit abgebrochnen Schlosse zu Salzdatum; ferner die Hollandschen u. Haberlandschen Privatgemäldesammlungen, 3 öffentliche Bibliotheken auf dem Carolinum u. dem geistlichen Ministerium, die Rathsbibliothek mit dem Stadtarchiv. B. ist Residenz des Herzogs, Sitz des Geheimenraths, der Kammer, des Kriegscollegiums, des Hofpostamts, des Lotteriedirectoriums u. des Obersanitätscollegiums. Bildungsanstalten: das Collegium Carolinum (Lyceum), 1745 gestiftet, höhere vorzugsweise technische Bildungsanstalt, Anatomisch-chirurgisches Collegium, Gymnasium, Realgymnasium, Schullehrerseminar, Bürgerschulen, mehrere Elementarschulen, Taubstummen- u. Blindenanstalt. Milde Stiftungen u. Wohlthätigkeitsanstalten: Ägidienkloster u. Kreuzkloster, beide protestantisch, jedes mit 1 Domina, 1 Propst u. 11–14 Conventualinnen, die Stifte St. Blasii (1173 von Heinrich dem Löwen gestiftet) u. St. Cyriaci, 14 Beguinenhäuser, 3 Hospitäler, großes Waisenhaus (Beatae Mar. Virg. [für 250 Kinder]), mit Schule u. kleines Waisenhaus für 20 Mädchen, Alexipflegehaus mit Irrenanstalt, großes Krankenhaus mit Accouchiranstalt, Militärkrankenhaus, Krankenhans St. Leonhard, gute Armenanstalten unter eignem Directorium, Leihhaus etc. Die Industrie B-s arbeitet bes. in Cichorien, Tabak, Zucker, Wollen- u. Baumwollenzeugen, Watte, Stärke, Gold- u. Silberwaaren, Papiertapeten, Papiermaché, Papierformen, Leder, lackirten Waaren, Porzellan, Spielkarten, Essig, Branntwein, Bier (Mumme), Wurst (s. Braunschweiger Wurst), Honigkuchen etc. Der Handel besteht im Verkauf dieser Erzeugnisse u. im Transito; er wird auch durch die 2 Messen (1492 gestiftet), nach den Leipziger u. Frankfurter den bedeutendsten in Deutschland, gehoben. Die Wintermesse fällt am Montag in der Woche, in welcher Maria Lichtmeß, die Sommermesse (die bedeutendste) in die Woche, worin der Lorenztag ist (daher auch Laurentiusmesse). Jede dauert 3 Wochen; der Umsatz, bes. in Leder, Tuch, Baumwollen- u. kurzen Waaren, wie der Besuch fremder Kaufleute u. Fabrikanten, ist sehr bedeutend. Buchhandlungen 11, Buchdruckereien 10, bei beiden Schriftgießereien. Vergnügungsorte: Herzogliches Hoftheater, Concerte, der große Club im eignen Hause u. die besuchten Kaffeegärten von Meyer, Holst, so wie das Weiße Roß, der Kuchengarten in Gliesmarode u. der Grüne Jäger, endlich die Autorshöhe od. der Felsenkeller. Freimaurerloge: Karl zur gekrönten Säule. 40,000 Ew. B. ist Geburtsort von Meibom, Henke, Lafontaine, Gauß, des russischen Generals Bennigsen etc. Bei B. liegt noch Richmond, Park mit Schloß, u. die neue herzogliche Villa, von der Ocker bewässert, u. Watenbüttel, wo Jürgen 1534 das Spinnrad erfand. – B. wurde angeblich um 860 von Bruno, Sohn Ludolfs von Sachsen, gegründet u. nach demselben Brunswik genannt. Sein Bruder Dankward (Tanquard) soll das Schloß erbaut haben u. dies nach ihm Tanquarderode genannt worden sein. Brunos Sohn, Heinrich der Vogler, vergrößerte den Ort u. umgab ihn mit Mauern. Ludolf III. gründete 1030 die St. Magnuskirche, später die Ulrichskirche u. 1031 kommt die Villa Brunswik in Urkunden zuerst vor. Eckbert I. u. II. erbauten seit 1090 die Stiftskirche St. Cyriaci; 1112 wurde das Ägidienkloster gestiftet. 1090 ließ Kaiser Heinrich IV. Eckbert ermorden, u. da derselbe keine männlichen Erben hatte, dessen Schwester Gertrud aus der Stadt treiben u. kaiserliche Besatzung hineinlegen; doch vertrieben die Städter die Besatzung bald u. riefen [246] Gertrud zurück, welche sich mit Graf Heinrich von Nordheim vermählte. Ihre Tochter Rixa wurde Gemahlin des Kaisers Lothar, u. deren Tochter Gertrud brachte ihrem Gemahl, Herzog Heinrich d. Stolzen von Baiern, B. als Heirathsgut zu. Ihr Sohn Heinrich d. Löwe vergrößerte u. befestigte V. u. gründete die Kathedrale St. Blasii; Heinrich hatte B. seinem gleichnamigen Sohne 1195 vermacht, allein dessen Bruder Otto nahm es ein u. baute die Stadt mehr u. mehr aus. 1229 verkauften die beiden Töchter des Herzogs Heinrich, der zugleich Kurfürst von der Pfalz war u. ohne Söhne starb, B. an Heinrich, den Sohn des Kaisers Friedrich II., doch erkannte Otto, Herzog von Lüneburg, dies nicht an, rückte mit 2000 Reitern vor die Stadt u. nahm sie ein. Nachdem er mit dem Kaiser Frieden gemacht, erhielt er von demselben den Titel als Herzog von B. Da ihm durch Hülfe der Bürger die Eroberung der Stadt gelungen war, beschenkte er dieselben mit großen Freiheiten. B. schloß sich dem Hansabunde an u. wuchs an Macht u. Reichthum durch ihre Handelsverbindungen. 1267 wurde, nach Trennung der Linie B.-Lüneburg, die Residenz nach Wolfenbüttel verlegt, u. bei Erbfällen kamen nun mancherlei Streitigkeiten vor; die Stadt B. unterstützte die Herzöge zu ihren Kriegszügen mit Geld, wofür diese ihr als Gegenleistung Privilegien ertheilten od. Güter verpfändeten. 1492 wurden die Messen durch Heinrich den Altern gestiftet. Da Heinrich der Ältere die verpfändeten Güter einlösen, B. sie aber nicht herausgeben wollte, so belagerte der Herzog 1493 B., wurde aber von den Hildesheimern u. Hanseaten bei Blankenstadt besiegt; doch ergab sich ihm V. 1494 unter günstigen Bedingungen. Als Freundin der Reformation, die hier 1528 eingeführt wurde, kam B. 1540 in den Bann u. sollte von Herzog Heinrich von Wolfenbüttel belagert werden, was jedoch durch die Gefangennehmung desselben verhindert wurde. Befreit belagerte Heinrich B. 1550 zwar, mußte aber auf kaiserlichen Befehl die Belagerung aufheben. 1603 gaben Streifereien der Braunschweiger ins platte Land Anlaß zu einem neuen Krieg, B. ward 1605 eingeschlossen, aber ein kaiserlicher Befehl hob die Belagerung wieder aus; trotzdem unterließen die Braunschweiger ihre Streifereien nicht. 1615 unterwarf sich B. dem Herzog Friedrich Ulrich, nachdem es sich mit ihm verglichen hatte, u. huldigte ihm 1616, nachdem er alle Privilegien bestätigt hatte. Trotz ihrer Vorrechte u. obgleich sie durch mehrere Brandschatzungen im 30jährigen Krige in schwere Schulden gerieth, strebte dir Stadt fast das ganze 17. Jahrhundert hindurch nach Reichsfreiheit, wurde aber 1671 mit Waffengewalt vom Herzog Rudolf August bezwungen, worauf die 5 Weichbilder der Stadt vereinigt wurden. Unter Herzog Karl 1753 ward die Residenz nach B. verlegt. 1807 kam B. an das Königreich Westfalen u. wurde zur 2. Residenz erklärt, 1807 litt das Schloß durch einen Brand bedeutenden Schaden. Am 25. Sept. 1813 wurde B. von den Preußen überrumpelt u. darauf kam es wieder an seinen alten Fürstenstamm. 7. Sept. 1830 allgemeiner Aufstand, bei dem das Schloß in Flammen aufging u. der Herzog entfloh. 1833–1836 wurde das Schloß wieder aufgebaut. Vergl. Ribbentrop, Beschreibung von B., 1789–91, 2 Bde; Olfens Geschichtsbücher der Stadt B., herausgeg. von Vechelde, 1832; Schröter u. Aßmann, Die Stadt B., 1841.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 3. Altenburg 1857, S. 246-247.
Lizenz:
Faksimiles:
246 | 247
Kategorien:

Buchempfehlung

Hume, David

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Hume hielt diesen Text für die einzig adäquate Darstellung seiner theoretischen Philosophie.

122 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon